Armschmerzen – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte und dient insbesondere der Erkennung muskuloskelettaler (Muskeln und Skelett betreffender), neurologischer (das Nervensystem betreffender), vaskulärer (die Blutgefäße betreffender) und kardiopulmonaler (Herz und Lunge betreffender) Ursachen sowie abwendbar gefährlicher Verläufe:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung
    • Erfassung von Blutdruck, Puls, Körpergewicht, Körpergröße, Atemfrequenz und Körpertemperatur [Hypotonie (niedriger Blutdruck), Tachykardie (beschleunigter Herzschlag)/Bradykardie (verlangsamter Herzschlag), Fieber]
    • Beurteilung des Allgemein- und Ernährungszustands [reduzierter Allgemeinzustand, Kaltschweißigkeit, Blässe]
    • Inspektion beider oberen Extremitäten (Arme) im Seitenvergleich hinsichtlich Haltung, Symmetrie, Kontur, Muskelrelief und spontaner Schonhaltung [Schonhaltung, Deformität (Fehlform), Schwellung, Muskelatrophie (Muskelschwund)]
    • Inspektion der Haut an Schultergürtel, Oberarm, Ellenbogen, Unterarm und Hand [Rötung, Überwärmung, Hämatom (Bluterguss), Verletzungszeichen, Wunden, vesikuläre (bläschenförmige) oder dermatomal (einem Hautnervenbereich entsprechend) angeordnete Hautveränderungen]
    • Palpation der Weichteile des gesamten schmerzhaften Arms [lokalisierter Druckschmerz, Induration (Verhärtung), Schwellung, Überwärmung]
    • Bei akutem Schmerz bzw. nach Trauma (Verletzung) Beurteilung der Weichteilspannung und Prüfung auf Schmerzen bei passiver Muskeldehnung [prall gespannte und ausgeprägt druckschmerzhafte Weichteile, unverhältnismäßiger Schmerz, Schmerzverstärkung bei passiver Dehnung]
    • Bei unklarer Schwellung oder persistierenden Beschwerden Palpation der axillären (in der Achselhöhle gelegenen) und supraklavikulären (oberhalb des Schlüsselbeins gelegenen) Lymphknoten [vergrößerte bzw. verhärtete Lymphknoten]
    • Auskultation des Herzens [Tachyarrhythmie (zu schneller unregelmäßiger Herzschlag)/Bradyarrhythmie (zu langsamer unregelmäßiger Herzschlag), pathologische (krankhafte) Herzgeräusche, zusätzliche Herztöne]
    • Auskultation der Lunge [abgeschwächtes Atemgeräusch, Rasselgeräusche, pathologische Seitendifferenz des Atemgeräuschs]
  • Orthopädische Untersuchung
    • Untersuchung grundsätzlich im Seitenvergleich sowie unter Einbeziehung von Halswirbelsäule, Schultergürtel und der gesamten oberen Extremität
    • Inspektion des Schultergürtels und der Scapulaposition (Stellung des Schulterblatts) [Asymmetrie, Scapula alata (flügelartig abstehendes Schulterblatt), Scapuladyskinesie (gestörte Bewegung des Schulterblatts), Muskelatrophie der Fossa supra- oder infraspinata (Muskelgruben oberhalb bzw. unterhalb der Schulterblattgräte)]
    • Palpation von Sternoklavikulargelenk (Gelenk zwischen Brustbein und Schlüsselbein), Akromioklavikulargelenk (Schultereckgelenk), Akromion (Schulterhöhe), Tuberculum majus/minus (großer/kleiner Knochenvorsprung am Oberarmkopf), Sulcus intertubercularis (Rinne zwischen den Knochenvorsprüngen des Oberarmkopfs) und umgebender Muskulatur [Druckschmerz, Schwellung, Stufenbildung]
    • Prüfung der aktiven und passiven Schulterbeweglichkeit im Seitenvergleich: Anteversion/Flexion (Armhebung nach vorne/Beugung), Retroversion/Extension (Armführung nach hinten/Streckung), Abduktion (Abspreizen), Adduktion (Heranführen), Außen- und Innenrotation (Drehung nach außen und innen) [aktive und/oder passive Bewegungseinschränkung, schmerzhafter Bewegungsbogen, Pseudoparese (scheinbare Lähmung durch Schmerzen)]
    • Beurteilung des scapulohumeralen Rhythmus (Zusammenspiel von Schulterblatt und Oberarm) während der Armhebung [gestörter scapulohumeraler Rhythmus, kompensatorisches Schulterhochziehen]
    • Kraftprüfung der Rotatorenmanschette (Muskel-Sehnen-Mantel des Schultergelenks), insbesondere Jobe-/Empty-Can- bzw. Full-Can-Test, Außenrotation gegen Widerstand, Außenrotations-Lag-Zeichen sowie Lift-off-, Belly-Press- bzw. Bear-Hug-Test [Schmerzprovokation, Kraftdefizit (Kraftminderung), Lag-Zeichen, positives Drop-Arm-Zeichen]
    • Bei klinischem Verdacht ergänzende Schultertests, z. B. Cross-Body-Adduction-Test, Speed-/Palm-up-Test sowie Neer- und Hawkins-Kennedy-Test [reproduzierbarer lokaler Schmerz bzw. positives Provokationszeichen]
    • Untersuchung des Ellenbogengelenks mit Inspektion, Palpation und Prüfung von Flexion/Extension sowie Pro-/Supination (Einwärts-/Auswärtsdrehung des Unterarms) [Schwellung, Ergusszeichen (Hinweis auf Flüssigkeitsansammlung im Gelenk), Druckschmerz, Bewegungseinschränkung]
    • Palpation des Epicondylus lateralis und medialis (äußerer und innerer Knochenvorsprung am Ellenbogen) sowie funktionsbezogene Provokation durch Widerstandstests der Handgelenkextensoren bzw. -flexoren (Handgelenkstrecker bzw. -beuger) [lokaler Druck- und Belastungsschmerz]
    • Prüfung der distalen Bizeps- und Trizepssehne (körperfernen Sehnen des Armbeugers und Armstreckers) einschließlich Kraftprüfung von Ellenbogenflexion/-extension und Supination [Konturverlust, tastbare Sehnenlücke, Kraftdefizit]
    • Untersuchung von Handgelenk und Hand mit Inspektion, Palpation sowie aktiver und passiver Beweglichkeitsprüfung [Schwellung, Synovitiszeichen (Hinweise auf eine Gelenkinnenhautentzündung), Deformität, Druckschmerz, Bewegungseinschränkung]
    • Prüfung der Halswirbelsäule auf Haltung, Druck- bzw. Klopfschmerz und aktive Beweglichkeit in Flexion, Extension, Rotation und Lateralflexion (Seitneigung) [schmerzhafte bzw. deutlich eingeschränkte Beweglichkeit, reproduzierbarer ausstrahlender Armschmerz]
  • Neurologische Untersuchung
    • Orientierende Prüfung von Bewusstseinslage, Hirnnerven und Koordination bei entsprechender klinischer Konstellation [neurologische Defizite (Ausfälle des Nervensystems)]
    • Prüfung der groben und segmentalen Motorik (Bewegungsfunktion) der oberen Extremität, insbesondere der Myotome C5-T1 (von einzelnen Nervenwurzeln versorgte Muskelgruppen) [umschriebene bzw. myotomal zuordenbare Parese (Lähmung)]
    • Prüfung der Sensibilität (Empfindungsfähigkeit) im Seitenvergleich und entsprechend den Dermatomen C5-T1 (von einzelnen Nervenwurzeln versorgte Hautbereiche) sowie den Versorgungsgebieten von N. medianus (Mittelnerv), N. ulnaris (Ellennerv) und N. radialis (Speichennerv) [Hypästhesie (verminderte Empfindlichkeit), Anästhesie (fehlende Empfindlichkeit), Dysästhesie (Missempfindung) oder dermatomal/peripher-neural verteilte Sensibilitätsstörung]
    • Prüfung der Muskeleigenreflexe (unwillkürliche Muskelantworten), insbesondere Bizepssehnenreflex, Radiusperiostreflex und Trizepssehnenreflex [Reflexabschwächung/-ausfall, Reflexseitendifferenz, gesteigerte Reflexe]
    • Spurling-Test bei Verdacht auf zervikale radikuläre Genese (von einer Nervenwurzel der Halswirbelsäule ausgehende Ursache) [Reproduktion radikulär (nervenwurzelbedingt) in den Arm ausstrahlender Beschwerden]
    • Upper-Limb-Tension-Test bzw. neurodynamische Prüfung bei Verdacht auf eine Beteiligung peripherer Nerven oder Nervenwurzeln [Reproduktion typischer neurogener (nervenbedingter) Schmerzen oder Parästhesien (Kribbeln bzw. Missempfindungen)]
    • Prüfung von N. medianus, N. ulnaris und N. radialis durch gezielte motorische und sensible Funktionsprüfung [umschriebene motorische und/oder sensible Ausfälle im jeweiligen Nervenversorgungsgebiet]
    • Bei Hinweis auf eine zervikale Myelopathie (Schädigung des Rückenmarks im Halsbereich) erweiterte neurologische Untersuchung einschließlich Hoffmann-Zeichen, Muskeleigenreflexen der unteren Extremitäten, Pyramidenbahnzeichen (Hinweise auf eine Schädigung zentraler motorischer Nervenbahnen) und Gangprüfung [pathologisches Hoffmann-Zeichen, Hyperreflexie (gesteigerte Reflexe), Pyramidenbahnzeichen, Gangstörung]
  • Angiologische Untersuchung
    • Inspektion beider Arme und Hände hinsichtlich Hautfarbe, Schwellung und sichtbarer oberflächlicher Venen [Blässe, Zyanose (bläuliche Hautverfärbung), einseitiges Ödem (Flüssigkeitseinlagerung), vermehrte Venenzeichnung]
    • Palpation und Seitenvergleich der Hauttemperatur [einseitig deutlich kühlere oder überwärmte Extremität]
    • Palpation der A. axillaris (Achselarterie), A. brachialis (Oberarmarterie), A. radialis (Speichenarterie) und A. ulnaris (Ellenarterie) im Seitenvergleich [abgeschwächter oder fehlender Puls, relevante Pulsseitendifferenz]
    • Prüfung der peripheren Rekapillarisierung (Wiederauffüllung kleinster Blutgefäße) an den Fingern [verlängerte Rekapillarisierungszeit]
    • Blutdruckmessung an beiden Armen bei klinischem Verdacht auf eine arterielle Durchblutungsstörung (verminderte Blutversorgung über die Schlagadern) oder relevante Gefäßpathologie (Gefäßerkrankung) [relevante Seitendifferenz des Blutdrucks]
    • Bei belastungs- oder positionsabhängigen Beschwerden erneute Beurteilung von Puls, Hautfarbe und Symptomatik unter symptomprovozierender Armposition [positionsabhängige Pulsabschwächung, Blässe/Zyanose oder reproduzierbare neurologische Beschwerden]
    • Bei akutem Armschmerz gezielte Prüfung auf Zeichen einer bedrohten Extremität [Blässe, Kälte, fehlende Pulse, verzögerte Rekapillarisierung, Sensibilitätsstörung, motorisches Defizit]
  • Orientierende rheumatologische Untersuchung
    • Inspektion und Palpation mehrerer Gelenke bei multilokulären (an mehreren Stellen auftretenden), beidseitigen oder entzündlich imponierenden Beschwerden [Gelenkschwellung, Überwärmung, Synovitiszeichen]
    • Beurteilung der proximalen (rumpfnahen) Schultergürtelbeweglichkeit bei beidseitigen Oberarmschmerzen [schmerzbedingt eingeschränkte aktive Beweglichkeit bei weitgehend erhaltener passiver Gelenkbeweglichkeit]

Bei akut einsetzenden Armschmerzen mit Kreislaufinstabilität (instabilem Kreislauf), Kaltschweißigkeit, Dyspnoe (Atemnot) oder auffälligem kardiopulmonalem Befund sowie bei Pulslosigkeit, ausgeprägter Blässe/Kälte der Extremität oder neu aufgetretenen motorischen bzw. sensiblen Ausfällen ist eine unverzügliche weiterführende Notfalldiagnostik erforderlich.

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.