Akutes Abdomen
– Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Frühzeitige Schmerzlinderung während der diagnostischen Abklärung (Untersuchung zur Feststellung der Ursache) und bis zur definitiven Behandlung der Ursache [1, 2].
- Stabilisierung der Kreislauf- und Organfunktionen (Funktionen von Blutkreislauf und Organen) sowie Behandlung von Übelkeit, Erbrechen und Flüssigkeitsverlusten [1, LL1].
- Vermeidung von Behandlungsverzögerungen: Die symptomatische Pharmakotherapie (Behandlung der Beschwerden mit Arzneimitteln) erfolgt parallel zur Diagnostik und gegebenenfalls erforderlichen operativen oder interventionellen Therapie (Behandlung durch einen Eingriff) [1].
Therapieempfehlungen
- Notfallversorgung: Das akute Abdomen (plötzlich auftretende, möglicherweise lebensbedrohliche Beschwerden im Bauchraum) ist ein potenziell lebensbedrohliches Syndrom (Zusammentreffen mehrerer Krankheitszeichen). Eine unverzügliche klinische Abklärung und frühzeitige Einbindung der zuständigen Fachdisziplin sind erforderlich. Eine alleinige symptomatische Behandlung ist bei Verdacht auf eine behandlungsbedürftige Ursache nicht ausreichend [1].
- Überwachung: Blutdruck, Herzfrequenz, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung, Bewusstseinslage und Schmerzintensität wiederholt beurteilen. Bei Kreislaufinstabilität oder Organversagen ist eine intensivmedizinische Behandlung erforderlich; eine Intensivüberwachung ist bei stabilen Patienten nicht grundsätzlich notwendig [1, LL1].
- Frühzeitige Analgesie (Schmerzbehandlung): Analgetika nicht bis zur endgültigen Diagnosesicherung zurückhalten. Eine Metaanalyse (statistische Zusammenfassung mehrerer Studien) randomisierter Studien (Studien mit zufälliger Zuteilung der Behandlung) zeigte unter Opioidanalgesie (Schmerzbehandlung mit Opioiden) keine signifikante Zunahme falscher Diagnosen. Klinische Verlaufsuntersuchungen bleiben erforderlich [2].
- Auswahl nach Schmerzintensität und Ursache:
- Paracetamol kann bei leichteren bis mäßigen Schmerzen oder als Bestandteil einer multimodalen Analgesie (Schmerzbehandlung mit mehreren Wirkstoffarten) eingesetzt werden. Bei starken Schmerzen ist es als Monotherapie (Behandlung mit nur einem Arzneimittel) häufig nicht ausreichend [FI1].
- Metamizol ist eine Option bei starken Schmerzen und Koliken (krampfartigen Schmerzen), sofern keine Kontraindikationen (Gründe gegen eine Behandlung) vorliegen [FI2].
- Bei starken Schmerzen kann unmittelbar ein geeignetes, intravenös (in eine Vene) titriertes Opioid (starkes Schmerzmittel) eingesetzt werden. Ein obligates Durchlaufen aller Stufen des WHO-Stufenschemas ist für diese Akutsituation nicht erforderlich [1, 2].
- Die Wahl des Opioids muss die Fachinformation des konkreten Präparats berücksichtigen: Die hier zitierte Morphin-ratiopharm-Injektionslösung ist bei akutem Abdomen ausdrücklich kontraindiziert und wird deshalb nicht als Standardmedikation empfohlen [FI10].
- Applikationsweg (Art der Verabreichung): Bei Erbrechen, gestörter gastrointestinaler Passage (Transport des Darminhalts) oder erforderlichem raschem Wirkungseintritt ist die intravenöse Anwendung vorzuziehen. Retardierte Opioide (Arzneimittel mit verzögerter Wirkstofffreisetzung) sind für die initiale Titration (schrittweise Anpassung der Dosis) ungeeignet [FI1, FI5, FI6].
- Harnleiterkolik (krampfartige Schmerzen durch einen Stein im Harnleiter): NSAR (entzündungshemmende Schmerzmittel) sind bei fehlenden Kontraindikationen Mittel der ersten Wahl. Die rektale Gabe (Verabreichung in den Enddarm) von Diclofenac ist eine mögliche Applikationsform, aber keine grundsätzlich überlegene Behandlung. Bei Kontraindikationen oder unzureichender Wirkung kommen andere Analgetika infrage. Analgetikarefraktäre Schmerzen (Schmerzen, die auf Schmerzmittel nicht ausreichend ansprechen) erfordern eine urologische Entlastung oder Steinbehandlung [LL2].
- Spasmolytika (krampflösende Arzneimittel): Butylscopolamin nur bei geeigneter spastischer Symptomatik (Beschwerden durch Muskelkrämpfe) und nach Prüfung der Kontraindikationen einsetzen. Bei Harnleiterkolik verbessert die zusätzliche Gabe eines Spasmolytikums zu einem NSAR die Schmerzkontrolle nicht. Bei mechanischer Stenose (Verengung) sowie paralytischem oder obstruktivem Ileus (Darmlähmung oder Darmverschluss) ist Butylscopolamin kontraindiziert [LL2, FI7].
- Flüssigkeitstherapie: Bei Hypovolämie (zu geringer Flüssigkeitsmenge im Blutkreislauf) oder relevanten Flüssigkeitsverlusten intravenöse Flüssigkeit nach klinischem Bedarf geben. Bei Sepsis (lebensbedrohliche Fehlreaktion des Körpers auf eine Infektion) oder septischem Schock (Kreislaufversagen infolge einer Sepsis) sind balancierte Kristalloide (Elektrolytlösungen mit einer an das Blut angepassten Zusammensetzung) die erste Wahl; Wirkung und Zeichen einer Überwässerung wiederholt beurteilen [LL1].
- Antibiotikatherapie: Keine pauschale Antibiotikagabe bei jedem akuten Abdomen. Bei Sepsis intravenöse Antiinfektiva (Arzneimittel gegen Infektionen) schnellstmöglich beginnen, bei septischem Schock idealerweise innerhalb einer Stunde. Bei Sepsisverdacht ohne Schock zunächst zeitnah weiter abklären; bleibt der Infektionsverdacht bestehen, Therapie innerhalb von drei Stunden einleiten. Blutkulturen (Blutproben zum Nachweis von Erregern) vor Therapiebeginn abnehmen, sofern dadurch keine relevante Verzögerung entsteht [LL1].
Wirkstoffe (Hauptindikation)
Die folgenden Dosierungen beziehen sich auf Erwachsene. Körpergewicht, Alter, Organfunktion, Begleitmedikation und die Fachinformation des verwendeten Präparats sind zu berücksichtigen. Tageshöchstdosen gelten für die Summe aller Applikationsformen und Kombinationspräparate.
Nichtopioidanalgetika (Schmerzmittel ohne Opioid) – Paracetamol
| Wirkstoff |
Besonderheiten |
| Paracetamol |
Bei Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion) Dosierungsintervalle verlängern: Kreatinin-Clearance (Maß für die Filterleistung der Nieren) 10–50 ml/min mindestens 6 Stunden, bei Hämodialyse (Blutwäsche) mindestens 8 Stunden. Keine relevante antiphlogistische Wirkung (Wirkung gegen Entzündungen). Alle weiteren paracetamolhaltigen Präparate mitrechnen [FI1]. |
- Wirkweise: Analgetisch (schmerzlindernd) und antipyretisch (fiebersenkend); überwiegend zentrale Beeinflussung der Schmerzverarbeitung und Prostaglandinsynthese (Bildung körpereigener Botenstoffe) [FI1].
- Indikationen: Kurzzeitige Behandlung mäßig starker Schmerzen; intravenös, wenn eine rasche Behandlung erforderlich ist oder andere Applikationswege nicht möglich sind [FI1].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; schwere hepatozelluläre Insuffizienz (starke Einschränkung der Leberfunktion) [FI1].
- Nebenwirkungen: Insbesondere bei Überdosierung schwere Leberschädigung; selten Überempfindlichkeitsreaktionen. Bei Paracetamolintoxikation (Vergiftung mit Paracetamol) ist N-Acetylcystein das Antidot (Gegenmittel) [FI1].
Nichtopioidanalgetika – Pyrazolone (Gruppe von Schmerzmitteln)
| Wirkstoff |
Besonderheiten |
| Metamizol |
Niedrigste wirksame Dosis verwenden. Sehr langsam intravenös injizieren: höchstens 500 mg/min; Blutdruck, Herzfrequenz und Atmung überwachen. Vor parenteralen (unter Umgehung des Magen-Darm-Trakts verabreichten) Einzeldosen > 1 g besonders sorgfältige Indikationsprüfung (Prüfung, ob die Anwendung notwendig ist). Bei älteren Patienten, reduziertem Allgemeinzustand oder eingeschränkter Kreatinin-Clearance Dosis vermindern; bei Nieren- oder Leberfunktionsstörungen wiederholte hohe Dosen vermeiden [FI2]. |
- Wirkweise: Analgetisch, antipyretisch und spasmolytisch; der Wirkmechanismus ist nicht vollständig geklärt [FI2].
- Indikationen: Koliken und andere akute starke Schmerzen, wenn andere therapeutische Maßnahmen nicht angezeigt sind [FI2].
- Kontraindikationen: Frühere metamizol- oder pyrazolonbedingte Agranulozytose (starke Verminderung bestimmter weißer Blutkörperchen), beeinträchtigte Knochenmarkfunktion oder Erkrankungen des blutbildenden Systems, Analgetika-Asthma beziehungsweise entsprechende Analgetikaintoleranz (Unverträglichkeit gegen bestimmte Schmerzmittel), Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel (seltene erbliche Stoffwechselstörung), akute intermittierende hepatische Porphyrie (seltene erbliche Stoffwechselstörung der Leber) und drittes Schwangerschaftstrimenon (letztes Drittel der Schwangerschaft). Die parenterale Anwendung ist bei bestehender Hypotonie (niedrigem Blutdruck) oder instabiler Kreislaufsituation kontraindiziert [FI2].
- Nebenwirkungen: Agranulozytose, anaphylaktische Reaktionen (schwere allergische Reaktionen), Hypotonie, schwere Hautreaktionen und arzneimittelinduzierte Leberschädigung. Bei Fieber, Schüttelfrost, Halsschmerzen oder schmerzhaften Schleimhautveränderungen sofort absetzen und unverzüglich ein Differentialblutbild (Untersuchung der verschiedenen Arten weißer Blutkörperchen) veranlassen; nicht auf das Ergebnis warten. Agranulozytose kann auch nach zuvor problemloser Anwendung auftreten. Routinemäßige Blutbildkontrollen zur Früherkennung werden nicht empfohlen [FI2].
Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR; entzündungshemmende Schmerzmittel)
| Wirkstoff |
Besonderheiten |
| Ibuprofen |
Nur bei möglicher oraler Einnahme (Einnahme über den Mund) und fehlenden Kontraindikationen. Niedrigste wirksame Dosis für die kürzest erforderliche Dauer verwenden [FI3]. |
| Diclofenac |
Mögliche Option bei Harnleiterkolik. Die rektale Anwendung verhindert keine gastrointestinalen (Magen und Darm betreffenden), renalen (die Nieren betreffenden) oder kardiovaskulären (Herz und Blutgefäße betreffenden) Nebenwirkungen. Bei Proktitis (Entzündung des Enddarms) kontraindiziert [LL2, FI4]. |
- Wirkweise: Ibuprofen und Diclofenac hemmen Cyclooxygenasen (Enzyme zur Bildung von Entzündungsbotenstoffen) reversibel und vermindern die Prostaglandinsynthese (Bildung körpereigener Botenstoffe); analgetische, antipyretische und antiphlogistische Wirkung. Die irreversible Hemmung ist eine Besonderheit von Acetylsalicylsäure und gilt nicht für alle NSAR [FI3, FI4].
- Indikationen: Insbesondere Harnleiterkolik bei fehlenden Kontraindikationen. Keine obligate Eskalationsstufe nach Paracetamol und keine pauschale Standardmedikation bei ungeklärtem akutem Abdomen [LL2].
- Kontraindikationen: Aktive oder wiederkehrende gastroduodenale Ulzera (Geschwüre in Magen oder Zwölffingerdarm) beziehungsweise Blutungen, frühere NSAR-bedingte Magen-Darm-Blutung oder Durchbruch eines Geschwürs, schwere Nieren- oder Leberinsuffizienz, entsprechende Überempfindlichkeit und drittes Schwangerschaftstrimenon. Ibuprofen zusätzlich bei schwerer Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) und schwerer Herzinsuffizienz (Herzschwäche); Diclofenac bei Herzinsuffizienz NYHA II–IV, ischämischer Herzerkrankung (Durchblutungsstörung des Herzens), peripherer arterieller Erkrankung (Durchblutungsstörung der Gliedmaßen) oder zerebrovaskulärer Erkrankung (Erkrankung der hirnversorgenden Blutgefäße) [FI3, FI4].
- Nebenwirkungen: Magen-Darm-Geschwüre, Blutungen und Durchbrüche, akute Nierenschädigung, Flüssigkeitsansammlung im Gewebe, Ödeme (Schwellungen durch Flüssigkeit), Blutdruckanstieg, Herz-Kreislauf-Ereignisse, Überempfindlichkeitsreaktionen und Erhöhung der Transaminasen ALT (GPT)/AST (GOT) (Leberwerte). Keine Kombination mehrerer NSAR. Bei erhöhtem Magen-Darm-Risiko gegebenenfalls Protonenpumpenhemmer (Arzneimittel zur Verringerung der Magensäure) ergänzen; dieser verhindert keine Risiken für Nieren oder Herz-Kreislauf-System [FI3, FI4].
Opioidanalgetika (starke Schmerzmittel)
| Wirkstoff |
Besonderheiten |
| Piritramid |
Bei älteren, geschwächten oder kachektischen Patienten (stark unterernährten Patienten) sowie eingeschränkter Leber- oder Nierenfunktion Anfangsdosis reduzieren. Wiederholte Gabe kann zur Akkumulation (Anreicherung des Wirkstoffs im Körper) führen. Atemüberwachung und Möglichkeit zur sofortigen Atemwegssicherung erforderlich [FI5]. |
| Tramadol |
Option bei mäßig starken bis starken Schmerzen; keine obligate Zwischenstufe vor einem starken Opioid. Bei Alter > 75 Jahren sowie Nieren- oder Leberinsuffizienz gegebenenfalls Dosierungsintervalle verlängern. Interaktionen (Wechselwirkungen) mit serotoninergen Arzneimitteln (Arzneimitteln, die auf den Botenstoff Serotonin wirken) beachten [FI6]. |
- Wirkweise: Piritramid wirkt vorwiegend als μ-Opioidrezeptoragonist (aktiviert eine bestimmte Andockstelle für Opioide). Tramadol wirkt zusätzlich durch Hemmung der Wiederaufnahme von Noradrenalin und Serotonin [FI5, FI6].
- Indikationen: Starke Schmerzen beziehungsweise unzureichende Wirkung oder fehlende Eignung von Nichtopioidanalgetika. Opioidanalgesie kann bereits während der diagnostischen Abklärung erfolgen [2, FI5, FI6].
- Kontraindikationen: Präparatespezifisch prüfen. Piritramid bei komatösen Zuständen (Bewusstlosigkeit), schweren Atemstörungen und akuter hepatischer Porphyrie; Tramadol bei akuter Intoxikation mit zentral dämpfenden Substanzen, unzureichend kontrollierter Epilepsie (Anfallsleiden) sowie gleichzeitiger oder innerhalb der letzten 14 Tage erfolgter Behandlung mit MAO-Hemmern (Arzneimitteln gegen Depressionen und Parkinson-Krankheit). Die zitierte Morphin-Fachinformation nennt zusätzlich akutes Abdomen und Ileus als Kontraindikationen [FI5, FI6, FI10].
- Nebenwirkungen: Atemdepression (verlangsamte oder verminderte Atmung), Sedierung (Dämpfung des Bewusstseins), Hypotonie, Übelkeit, Erbrechen, Obstipation (Verstopfung) und Harnverhaltung. Bei Tramadol zusätzlich Krampfanfälle und Serotoninsyndrom (gefährliche Überstimulation durch Serotonin). Kombinationen mit Benzodiazepinen (beruhigenden Arzneimitteln) und anderen zentral dämpfenden Substanzen erhöhen das Risiko schwerer Atemdepression. Naloxon und Maßnahmen zur Atemwegssicherung müssen verfügbar sein; nach Antagonisierung (Aufhebung der Wirkung) ist wegen möglicher erneuter Atemdepression eine weitere Überwachung erforderlich [FI5, FI6].
Spasmolytika (krampflösende Arzneimittel) – Antimuskarinika (Arzneimittel, die die Wirkung eines Botenstoffs hemmen)
| Wirkstoff |
Besonderheiten |
| Butylscopolaminiumbromid |
Nur bei geeigneter spastischer Symptomatik und nach Ausschluss der Kontraindikationen. Kein belegter zusätzlicher schmerzlindernder Nutzen zusammen mit NSAR bei Harnleiterkolik. Bei kardialen Vorerkrankungen (Herzerkrankungen) parenterale Gabe unter Überwachung [LL2, FI7]. |
- Wirkweise: Periphere antimuskarinische Wirkung mit Entspannung der glatten Muskulatur [FI7].
- Indikationen: Krämpfe im Bereich des Magen-Darm-Trakts, der Gallenwege und der Harn- und Geschlechtsorgane; keine routinemäßige Behandlung des ungeklärten akuten Abdomens [FI7].
- Kontraindikationen: Mechanische Verengungen des Magen-Darm-Trakts, Darmlähmung oder Darmverschluss, Megakolon (starke Erweiterung des Dickdarms), Harnverhaltung bei einer Abflussbehinderung, Engwinkelglaukom (bestimmte Form des Grünen Stars), Tachykardie beziehungsweise Tachyarrhythmie (zu schneller oder unregelmäßiger Herzschlag) und Myasthenia gravis (Muskelschwäche durch eine Störung der Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln) [FI7].
- Nebenwirkungen: Mundtrockenheit, Tachykardie, Akkommodationsstörungen (Probleme beim Scharfstellen der Augen), Harnverhaltung, Hypotonie und anaphylaktische Reaktionen [FI7].
Antiemetika (Arzneimittel gegen Übelkeit und Erbrechen) – 5-HT3-Rezeptorantagonisten (Arzneimittel, die bestimmte Serotonin-Andockstellen blockieren)
| Wirkstoff |
Besonderheiten |
| Ondansetron |
Bei unspezifischer Übelkeit und Erbrechen im Rahmen eines akuten Abdomens Off-Label-Anwendung (Anwendung außerhalb der zugelassenen Anwendungsgebiete); die Zulassung umfasst insbesondere chemo-/radiotherapiebedingtes und postoperatives Erbrechen. Hypokaliämie und Hypomagnesiämie (zu niedrige Kalium- beziehungsweise Magnesiumwerte im Blut) vor Gabe korrigieren. Bei QT-Risikofaktoren EKG-Überwachung (Kontrolle der elektrischen Herzaktivität) [FI8]. |
- Wirkweise: Selektive Blockade von 5-HT3-Rezeptoren im peripheren und zentralen Nervensystem [FI8].
- Indikationen: Symptomatische Behandlung ausgeprägter Übelkeit und Erbrechens unter Beachtung des Zulassungsstatus. Die Behandlung ersetzt keine Abklärung einer gastrointestinalen Obstruktion (Verengung oder Verschluss des Magen-Darm-Trakts) [FI8].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und gleichzeitige Anwendung von Apomorphin. Bei angeborenem Long-QT-Syndrom (erbliche Veränderung der elektrischen Erregung des Herzens) Anwendung vermeiden; bei weiteren QT-verlängernden Arzneimitteln besondere Vorsicht [FI8].
- Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Verstopfung, QT-Verlängerung und selten Torsade-de-pointes-Tachykardien (lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen). Bei Zeichen einer subakuten Darmobstruktion engmaschige Überwachung, da Ondansetron die Dickdarmpassage verlangsamen kann [FI8].
Infusionslösungen (Flüssigkeit, die in eine Vene gegeben wird) – balancierte Kristalloide (Elektrolytlösungen mit einer an das Blut angepassten Zusammensetzung)
| Wirkstoff |
Besonderheiten |
| Balancierte kristalloide Elektrolytlösung |
Bei Sepsis beziehungsweise septischem Schock Flüssigkeitstherapie der ersten Wahl. Zusammensetzung und Organfunktion berücksichtigen; Flüssigkeitsüberladung vermeiden [LL1]. |
- Wirkweise: Ersatz von Flüssigkeit außerhalb der Zellen und Unterstützung des Flüssigkeitsvolumens in den Blutgefäßen [LL1].
- Indikationen: Zu geringe Flüssigkeitsmenge im Blutkreislauf und relevante Flüssigkeitsverluste; bei Sepsis nach Kreislauf- und Durchblutungsstatus [LL1].
- Kontraindikationen: Keine weitere Flüssigkeitsgabe bei Überwässerung ohne entsprechende Indikation; lösungsspezifische Gegenanzeigen beachten.
- Nebenwirkungen: Flüssigkeitsüberladung, Lungenstauung und Elektrolytstörungen (Veränderungen der Mineralstoffe im Blut).
Antibiotika (Arzneimittel gegen bakterielle Infektionen) – Acylaminopenicilline mit β-Lactamase-Inhibitor (Penicillin-Antibiotikum mit Schutz vor bestimmten bakteriellen Abwehrstoffen)
Die folgende Kombination ist ein Beispiel für die Behandlung einer komplizierten intraabdominellen Infektion (komplizierte Infektion im Bauchraum). Sie ist keine Standardtherapie für jedes akute Abdomen. Auswahl und Therapiedauer richten sich nach Infektionsquelle, Schweregrad, Resistenzrisiko (Risiko, dass Bakterien gegen das Antibiotikum unempfindlich sind), mikrobiologischen Befunden und lokaler Antibiotikaleitlinie [LL1, FI9].
| Wirkstoff |
Besonderheiten |
| Piperacillin/Tazobactam |
Bei Nierenersatzverfahren (Behandlung mit Blutwäsche oder einem ähnlichen Verfahren) gesondertes Dosierungsschema. Im septischen Verlauf Dosierung und Infusionsstrategie individuell optimieren. Spektrum umfasst empfindliche gramnegative, grampositive und anaerobe Erreger (Bakterien, die ohne Sauerstoff leben); keine verlässliche Abdeckung aller multiresistenten Erreger (Bakterien, die gegen viele Antibiotika unempfindlich sind). Bei bestehender Indikation eine erforderliche chirurgische oder interventionelle Fokuskontrolle (Behandlung der Infektionsquelle durch eine Operation oder einen Eingriff) nicht verzögern [LL1, FI9]. |
- Wirkweise: Piperacillin hemmt die bakterielle Zellwandsynthese; Tazobactam hemmt bestimmte β-Lactamasen (bakterielle Abwehrstoffe gegen Antibiotika) [FI9].
- Indikationen: Komplizierte Infektionen im Bauchraum bei geeignetem Erregerspektrum; gegebenenfalls zunächst als Behandlung ohne endgültigen Erregernachweis, anschließend gezielte Anpassung [LL1, FI9].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Penicilline sowie frühere schwere akute Überempfindlichkeitsreaktion gegen andere β-Lactam-Antibiotika [FI9].
- Nebenwirkungen: Allergische Reaktionen bis zur Anaphylaxie, Durchfall einschließlich Clostridioides-difficile-Infektion, Blutbildveränderungen, Hypokaliämie (zu niedriger Kaliumwert im Blut), Nierenschädigung und bei Anreicherung im Körper nervenschädigende Wirkungen beziehungsweise Krampfanfälle [FI9].
Beachte
- Symptomkontrolle ersetzt keine definitive Therapie: Eine Besserung nach Analgesie schließt eine operations- oder interventionspflichtige Ursache nicht aus [1, 2].
- Präparatespezifische Kontraindikationen: Die Evidenz für eine frühe Opioidanalgesie hebt Gegenanzeigen einzelner Arzneimittel nicht auf. Besonders relevant sind die Gegenanzeigen von Morphin bei akutem Abdomen und Ileus sowie von Butylscopolamin bei Ileus [FI7, FI10].
- Kreislaufinstabilität: Intravenöses Metamizol ist bei bestehender Hypotonie oder instabilem Kreislauf kontraindiziert. NSAR können insbesondere bei Flüssigkeitsmangel die Nierenfunktion gefährden [FI2–FI4].
- Schwangerschaft: Bei akutem Abdomen in der Schwangerschaft frühzeitig geburtshilflich-gynäkologisch mitbeurteilen. Die Arzneimittelauswahl erfordert eine gesonderte Nutzen-Risiko-Abwägung; NSAR und Metamizol sind im dritten Schwangerschaftsdrittel kontraindiziert [1, FI2–FI4].
Red Flags (Warnzeichen) bei akutem Abdomen
- Plötzlich einsetzender maximaler Schmerz oder rasche Schmerzprogression (rasche Zunahme der Schmerzen) [1].
- Abwehrspannung oder ausgeprägte Peritonismuszeichen (unwillkürliches Anspannen der Bauchmuskeln als Hinweis auf eine Reizung des Bauchfells) [1].
- Kreislaufinstabilität, Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit) oder Bewusstseinsstörung [1].
- Fieber mit Zeichen einer Organdysfunktion (Funktionsstörung eines Organs) beziehungsweise Verdacht auf Sepsis [LL1].
- Besondere Risikokonstellationen: Schwangerschaft, hohes Alter, Immunsuppression (geschwächte Abwehr) oder vorausgegangene abdominale Operationen (Bauchoperationen); auch bei atypischer oder wenig ausgeprägter Symptomatik dringliche Abklärung [1].
Abkürzungsverzeichnis
- ALT (GPT): Alanin-Aminotransferase (Leberwert)
- AST (GOT): Aspartat-Aminotransferase (Leberwert)
- EKG: Elektrokardiogramm (Aufzeichnung der elektrischen Herzaktivität)
- FI: Fachinformation
- KG: Körpergewicht
- LL: Leitlinie
- MAO: Monoaminoxidase (Enzym, das bestimmte Botenstoffe abbaut)
- ml/min: Milliliter pro Minute
- NSAR: Nichtsteroidale Antirheumatika (entzündungshemmende Schmerzmittel)
- NYHA: New York Heart Association (Einteilung der Herzschwäche nach ihrer Auswirkung auf die Belastbarkeit)
- p.o.: per os (Einnahme über den Mund)
- QT: Abschnitt im Elektrokardiogramm zur Beurteilung der elektrischen Erregung des Herzens
- WHO: World Health Organization (Weltgesundheitsorganisation)
Literatur
- Börner N, Kappenberger AS, Weber S, Scholz F, Kazmierczak P, Werner J. The Acute Abdomen: Structured Diagnosis and Treatment. Dtsch Arztebl Int. 2025;122(5):137–144. doi:10.3238/arztebl.m2025.0019.
- Gavriilidis P, de'Angelis N, Tobias A. To Use or Not to Use Opioid Analgesia for Acute Abdominal Pain Before Definitive Surgical Diagnosis? A Systematic Review and Network Meta-Analysis. J Clin Med Res. 2019;11(2):121–126. doi:10.14740/jocmr3690.
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge – Update 2025. (AWMF-Registernummer: 079-001). Version 4.0, April 2025. Langfassung [LL1]
- European Association of Urology. EAU Guidelines on Urolithiasis. Ausgabe 2026. Leitlinie [LL2]
Fachinformationen
- Paracetamol Kabi 10 mg/ml Infusionslösung. Fachinformation. Abruf: 02.10.2026 [FI1]
- Novalgin 1 g-Injektionslösung; Novalgin 2,5 g-Injektionslösung. Fachinformation. Abruf: 02.10.2026 [FI2]
- IBU-ratiopharm 400 mg akut Schmerztabletten. Fachinformation. Abruf: 02.10.2026 [FI3]
- Diclofenac-ratiopharm 50 mg, 100 mg Zäpfchen. Fachinformation. Abruf: 02.10.2026 [FI4]
- Dipidolor 7,5 mg/ml Injektionslösung. Fachinformation. Abruf: 02.10.2026 [FI5]
- Tramal 50 mg, Injektionslösung; Tramal 100 mg, Injektionslösung. Fachinformation. Abruf: 02.10.2026 [FI6]
- Buscopan Ampullen, 20 mg/1 ml Injektionslösung. Fachinformation. Abruf: 02.10.2026 [FI7]
- Ondansetron-ratiopharm 4 mg/8 mg Injektionslösung. Fachinformation. Abruf: 02.10.2026 [FI8]
- Piperacillin/Tazobactam Stragen 4 g/0,5 g Pulver zur Herstellung einer Infusionslösung. Fachinformation. Abruf: 02.10.2026 [FI9]
- Morphin-ratiopharm Injektionslösung. Fachinformation. Abruf: 02.10.2026 [FI10]