Mikro-Ultraschall der Prostata: Stellenwert in der Prostatakarzinom-Früherkennung und gezielten Biopsie
Der Mikro-Ultraschall der Prostata (hochauflösender Ultraschall der Vorsteherdrüse) ist ein hochfrequentes Ultraschallverfahren mit einer Arbeitsfrequenz von etwa 29 MHz. Er ermöglicht eine hochauflösende Echtzeitdarstellung des Prostatagewebes und die unmittelbare Steuerung gezielter Prostatabiopsien (gezielter Gewebeprobenentnahmen aus der Prostata). Sein derzeit am besten belegter Einsatzbereich ist die Abklärung eines bereits bestehenden Prostatakarzinomverdachts (Verdacht auf Prostatakrebs) [1, 3, 5].
Für die Einordnung in die Früherkennung muss zwischen einem Screeningtest bei beschwerdefreien Männern und einem bildgebenden Verfahren zur weiteren Diagnostik bei auffälligem Befund unterschieden werden. Der Mikro-Ultraschall ist bislang kein etablierter eigenständiger Ersatz für das PSA-basierte, risikoadaptierte Screening. Randomisierte Evidenz liegt vor allem für die Biopsiesteuerung bei Männern ohne vorherige Biopsie mit klinischem Karzinomverdacht (Verdacht auf ein Karzinom) vor [5, 12, 15, LL1].
Synonyme
- Hochauflösender Ultraschall der Prostata (Vorsteherdrüse)
- Hochfrequenz-Ultraschall der Prostata (Vorsteherdrüse)
- Mikro-Ultraschall-gesteuerte Prostatabiopsie (Gewebeprobenentnahme aus der Prostata)
- Hochauflösende sonographisch geführte Prostatabiopsie (ultraschallgesteuerte Gewebeprobenentnahme aus der Prostata)
- Mikro-Ultraschall-basierte Prostatabiopsie (Gewebeprobenentnahme aus der Prostata)
- Hochfrequente Ultraschallbildgebung der Prostata (Vorsteherdrüse)
- Echtzeit-Mikro-Ultraschall-Biopsie der Prostata (Gewebeprobenentnahme aus der Vorsteherdrüse)
Die Bezeichnungen zur Biopsie (Gewebeprobenentnahme) beschreiben die interventionelle Anwendung; die Mikro-Ultraschalluntersuchung selbst ist eine bildgebende Untersuchung.
Technische Grundlagen
Gegenüber konventionellen transrektalen Ultraschallsystemen (Ultraschallsystemen über den Enddarm) mit typischen Arbeitsfrequenzen von etwa 6 bis 12 MHz bietet der Mikro-Ultraschall eine deutlich höhere räumliche Auflösung. Für etablierte 29-MHz-Systeme wird eine Auflösung von ungefähr 70 µm angegeben. Je nach Vergleichssystem und Auflösungsdimension wird eine etwa drei- bis vierfach höhere Auflösung beschrieben [1, 3, 9].
Dadurch können Veränderungen der feinen Gewebetextur und der prostatischen Gangarchitektur dargestellt werden. Die technische Auflösung darf jedoch nicht mit einer sicheren Erkennung aller entsprechend kleinen Tumorherde gleichgesetzt werden. Tumornachweis und Graduierung erfordern weiterhin eine histologische Untersuchung (feingewebliche Untersuchung) [2, 3].
Die hohe Frequenz geht mit einer geringeren Eindringtiefe einher. Insbesondere vordere Abschnitte großer Prostatae und Teile der Übergangszone können eingeschränkt beurteilbar sein. Die diagnostische Qualität hängt außerdem von Erfahrung, standardisierter Untersuchung und geeigneten Geräteeinstellungen ab [3, 7, LL2].
Standardisierte Befundung: PRI-MUS
Zur strukturierten Risikobewertung wird das PRI-MUS-System verwendet: Prostate Risk Identification using Micro-Ultrasound (Risikoeinstufung durch Mikro-Ultraschall). Es ordnet die sonographische Gewebetextur fünf Verdachtskategorien zu. Die Grundidee einer abgestuften Risikoklassifikation ähnelt der PI-RADS-Klassifikation der Magnetresonanztomographie; die zugrunde liegenden Bildmerkmale und die Überprüfung des Systems sind jedoch unterschiedlich [3, 7, 13].
| PRI-MUS-Kategorie | Einordnung | Klinische Bedeutung |
|---|---|---|
| 1 | Sehr geringer sonographischer Tumorverdacht | Kein sicherer Ausschluss eines klinisch bedeutsamen Prostatakarzinoms (Prostatakrebs) |
| 2 | Geringer sonographischer Tumorverdacht | Bewertung im Zusammenhang mit PSA, PSA-Dichte und weiteren Risikofaktoren |
| 3 | Unklarer beziehungsweise mittlerer Befund | Weitere Entscheidung anhand des Gesamtrisikos; in zahlreichen Biopsiestudien bereits als Zielbiopsieschwelle verwendet |
| 4 | Hoher sonographischer Tumorverdacht | Geeignetes Ziel für eine gezielte Biopsie (Gewebeprobenentnahme) bei bestehender Biopsieindikation |
| 5 | Sehr hoher sonographischer Tumorverdacht | Gezielte feingewebliche Abklärung bei bestehender Biopsieindikation |
PRI-MUS ≥ 3 wurde in wichtigen Studien als Schwelle für gezielte Probenentnahmen eingesetzt. Ein unauffälliger Mikro-Ultraschallbefund allein begründet dagegen keinen allgemein überprüften Verzicht auf eine Biopsie (Gewebeprobenentnahme) [5, 11, 13].
Beurteilbare Strukturen
- Prostataparenchym (Drüsengewebe der Vorsteherdrüse): Gewebetextur, Gangarchitektur und Veränderungen in unterschiedlichen Zonen.
- Fokale Läsionen (umschriebene Gewebeveränderungen): Lokalisation und Charakterisierung sonographisch verdächtiger Areale.
- Prostatakapsel (Hülle der Vorsteherdrüse) und kapselnahe Bereiche: Beurteilung möglicher Auffälligkeiten; ein zuverlässiger Ausschluss einer Ausbreitung außerhalb der Prostata ist damit nicht gewährleistet.
- Samenblasen und periprostatisches Gewebe (Gewebe um die Prostata): Darstellung abhängig von Schallfenster, Eindringtiefe und anatomischen Verhältnissen.
- Gefäßarchitektur: Ergänzende Untersuchung mittels Doppler bei entsprechender Geräteausstattung; sie ist kein Kernbestandteil der PRI-MUS-Klassifikation und kein eigenständig überprüfter Screeningtest.
Die Sichtbarkeit einer Struktur bedeutet nicht, dass der Mikro-Ultraschall für deren onkologische Stadienbestimmung ausreichend überprüft ist. Die lokale Tumorausdehnung und weitere Ausbreitungsdiagnostik müssen nach den etablierten diagnostischen Standards beurteilt werden [2, 3, 7].
Stellenwert im Prostatakarzinom-Screening
Die Früherkennung soll klinisch bedeutsame Tumoren möglichst früh identifizieren und gleichzeitig unnötige Biopsien (Gewebeprobenentnahmen) sowie die Entdeckung langsam wachsender, wenig bedrohlicher Karzinome begrenzen. Eine hohe Tumordetektionsrate in einer bereits zur Biopsie ausgewählten Gruppe beantwortet diese Screeningfrage nur teilweise [5, 12].
Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt eine informierte, risikoadaptierte PSA-basierte Früherkennung. Für Männer, die nach Beratung eine Früherkennung wünschen, richtet sich die weitere Strategie nach dem PSA-Wert [LL1].
| Basis-PSA-Wert | Risikozuordnung | Früherkennungsstrategie nach S3-Leitlinie |
|---|---|---|
| < 1,5 ng/ml | Niedriges Risiko | PSA-Kontrolle nach fünf Jahren |
| 1,5 bis 2,99 ng/ml | Mittleres Risiko | PSA-Kontrolle nach zwei Jahren |
| ≥ 3 ng/ml, bestätigt | Hohes Risiko | Weiterführende Diagnostik |
Ein erstmals erhöhter PSA-Wert ≥ 3 ng/ml soll unter Berücksichtigung möglicher Einflussfaktoren innerhalb von drei Monaten überprüft werden. Bei weiterführender Abklärung bleibt die MRT ein zentraler Bestandteil des leitliniengerechten Vorgehens [LL1].
Der Mikro-Ultraschall kann in diesem diagnostischen Prozess zusätzliche Informationen liefern und eine gezielte Biopsie (Gewebeprobenentnahme) ermöglichen. Für einen flächendeckenden Einsatz als primärer Screeningtest fehlen bislang ausreichend belastbare Daten zu langfristiger Sicherheit, Tumoren, die zwischen zwei Untersuchungen auftreten, Überdiagnosen und prostatakarzinomspezifischer Sterblichkeit [5, 15].
Für MRT-basierte Screeningstrategien liegen dagegen randomisierte Studien in Bevölkerungsgruppen vor. In der Göteborg-2-Studie verringerte ein Vorgehen mit Biopsie nur bei MRT-auffälligen Befunden die Diagnose klinisch wenig bedeutsamer Tumoren über mehrere Screeningrunden deutlich. Diese Ergebnisse lassen sich nicht automatisch auf einen Mikro-Ultraschall-basierten Ablauf übertragen [12].
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Abklärung eines Prostatakarzinomverdachts (Verdacht auf Prostatakrebs): Ergänzende Bildgebung bei bestätigter PSA-Erhöhung oder anderweitig begründetem klinischem Verdacht. Ein auffälliger digital-rektaler Befund (auffälliger Tastbefund des Enddarms) kann im diagnostischen Zusammenhang wichtig sein; die digital-rektale Untersuchung ist nach aktueller S3-Leitlinie kein empfohlener alleiniger Früherkennungstest [LL1].
- Gezielte Prostatabiopsie (gezielte Gewebeprobenentnahme aus der Prostata): Probenentnahme aus Mikro-Ultraschall-suspekten Läsionen (verdächtigen Gewebeveränderungen) bei bestehender Biopsieindikation [5, 13].
- Bimodale Biopsiesteuerung: Kombination von MRT-Fusion und Mikro-Ultraschall zur Beurteilung übereinstimmender oder zusätzlicher Zielareale [5].
- Eingeschränkte MRT-Verfügbarkeit oder MRT-Kontraindikationen (Gründe gegen eine MRT-Untersuchung): Mögliche Alternative für die Biopsiesteuerung in erfahrenen Zentren nach individueller Risikobewertung [3, 5].
- Männer ohne vorherige Biopsie mit klinischem Karzinomverdacht: Mikro-Ultraschall-gezielte Biopsie in Verbindung mit systematischer Probenentnahme; für dieses Vorgehen gibt es randomisierte Studien [5].
- Anhaltender Verdacht trotz unauffälliger MRT: Ergänzende Untersuchung in ausgewählten Fällen. Positive Mikro-Ultraschallbefunde können zusätzliche Tumoren aufzeigen; daraus folgt keine generelle Empfehlung zur Biopsie jedes Mannes mit unauffälliger MRT [11, LL1].
- Aktive Überwachung: Mögliche ergänzende Bildgebung und Steuerung angezeigter Kontrollbiopsien (Kontroll-Gewebeprobenentnahmen). Ein Ersatz etablierter Überwachungspläne ist nicht belegt [3, 14].
- Untersuchung nach Therapie: Allenfalls gezielte ergänzende Anwendung. Für die routinemäßige Untersuchung auf ein Wiederauftreten des Tumors gibt es keine mit der Erstbiopsie vergleichbare Studienlage [3, 14].
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Es muss zwischen Gegenanzeigen gegen die transrektale Sondeneinführung (Einführung über den Enddarm) und Gegenanzeigen gegen eine invasive Biopsie (Gewebeprobenentnahme) unterschieden werden.
Absolute beziehungsweise praktische Gegenanzeigen gegen die transrektale Sondeneinführung
- Fehlender oder nicht zugänglicher Analkanal: Die übliche transrektale Mikro-Ultraschalluntersuchung kann nicht durchgeführt werden.
- Schwere lokale Schädigung mit erheblicher Verletzungsgefahr: Beispielsweise ausgeprägte aktive Geschwüre im Enddarm oder bestimmte Fistelverbindungen im Anal- und Enddarmbereich; die Entscheidung hängt von Ort und Ausmaß ab.
Gegenanzeigen beziehungsweise Gründe zur Verschiebung einer geplanten Biopsie
- Akute Prostatitis (akute Entzündung der Vorsteherdrüse) oder aktive Harnwegsinfektion: Zunächst Behandlung und klinische Stabilisierung.
- Nicht korrigierte relevante Gerinnungsstörung: Biopsie erst nach geeigneter Abklärung beziehungsweise Korrektur.
- Blutgerinnungshemmende Behandlung mit nicht vertretbarem Blutungsrisiko: Individuelle Planung unter Berücksichtigung des Risikos für Blutgerinnsel und Gefäßverschlüsse.
- Ausgeprägte anorektale Erkrankungen (Erkrankungen des Afters und Enddarms): Zugang und Bildgebungsverfahren individuell festlegen.
- Immunsuppression (geschwächte Immunabwehr): Keine pauschale absolute Gegenanzeige, jedoch besondere Bewertung des Infektionsrisikos.
Bei einer transperinealen Biopsie erfolgt die Nadelpassage durch die Haut zwischen After und Genitalbereich. Bei den üblichen Mikro-Ultraschallverfahren wird die Ultraschallsonde dennoch über den Enddarm eingeführt. Ein transperinealer Nadelzugang löst deshalb das Problem eines fehlenden oder nicht zugänglichen Analkanals nicht; hierfür ist ein anderes geeignetes Bildgebungs- und Biopsieverfahren erforderlich [3, 6].
Vor der Untersuchung
- Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte): Frühere Biopsien, Infektionen, Harnverhalt, Erkrankungen des Enddarms, Allergien und relevante Begleiterkrankungen erfassen.
- Medikationsprüfung: Blutgerinnungshemmende Arzneimittel, Thrombozytenaggregationshemmer (Arzneimittel zur Hemmung der Blutplättchen) und immunsuppressive Arzneimittel berücksichtigen.
- Risikobewertung: PSA-Verlauf, Prostatavolumen beziehungsweise PSA-Dichte, familiäre Belastung, genetische Risiken und vorhandene MRT-Befunde einbeziehen.
- Infektionsabklärung: Bei entsprechendem Verdacht Urindiagnostik und gegebenenfalls Urinkultur; keine geplante Biopsie bei unbehandelter akuter Infektion.
- Gerinnungsdiagnostik: Anhand von Krankengeschichte, Begleiterkrankungen und Arzneimitteln festlegen; sie ist nicht bei jeder reinen Ultraschalluntersuchung pauschal erforderlich.
- Aufklärung und Einwilligung: Grenzen der Untersuchung, mögliche zusätzliche systematische Proben, Blutungs- und Infektionsrisiken sowie Alternativen erläutern.
- Umgang mit Blutgerinnungshemmern: Individuell abstimmen; Arzneimittel nicht eigenständig absetzen.
- Wahl des Zugangs: Den transperinealen Biopsiezugang wegen des günstigeren Infektionsprofils bevorzugen [6, LL2].
- Antibiotikaprophylaxe: Zugang, individuelle Risikofaktoren und lokale Resistenzlage berücksichtigen. Bei transperinealer Biopsie kann bei Patienten ohne relevante Infektionsrisiken auf vorbeugende Antibiotika verzichtet werden [LL2].
- Transrektale Biopsie: Antiseptische Vorbereitung des Enddarms mit Povidon-Iod und geeignete Antibiotikaprophylaxe; eine gezielte Vorbeugung auf Grundlage eines Abstrichs aus dem Enddarm beziehungsweise einer Stuhlprobe ist eine empfohlene Strategie [6, LL2].
- Vorbereitung des Enddarms: Nach örtlichem Untersuchungsplan. Ein Einlauf ersetzt weder die antiseptische Vorbereitung noch eine erforderliche Antibiotikaprophylaxe.
- Lagerung: An Zugang und Betäubungsverfahren angepasst, beispielsweise Steinschnittlage für die transperineale Biopsie.
Das Verfahren
- Vorbereitung und Betäubung: Hygienische Vorbereitung des jeweiligen Nadelzugangs und geeignete örtliche Betäubung; bei besonderen Umständen Beruhigungsmittel oder ein anderes Betäubungsverfahren.
- Einführung der Sonde: Einführung der hochfrequenten Sonde über den Enddarm und systematische Untersuchung der Prostata.
- Erkennung verdächtiger Bereiche: Dokumentation von Lage, Ausdehnung, Gewebetextur und PRI-MUS-Kategorie.
- Abgleich mit vorhandener MRT: Bei kombiniertem Vorgehen Vergleich mit MRT-Zielbereichen beziehungsweise Durchführung einer Fusion.
- Gezielte Biopsie: Probenentnahme in Echtzeit aus verdächtigen Gewebeveränderungen über einen transperinealen oder transrektalen Nadelzugang.
- Ergänzende Probenentnahme: Systematische oder anderweitig leitliniengerechte ergänzende Biopsie entsprechend Erstbiopsie, Vorbefunden und dem gesamten diagnostischen Plan.
- Kennzeichnung der Proben: Zielbereiche und systematische Entnahmestellen getrennt und eindeutig dokumentieren.
- Nachbeobachtung: Kontrolle auf relevante Blutung, Kreislaufreaktionen, Schmerzen und Harnverhalt; Information über Warnzeichen.
Ein Vorgehen ohne vorheriges MRT ist bei einer Mikro-Ultraschall-gesteuerten Biopsie technisch möglich und wurde in OPTIMUM untersucht. Die nachgewiesene Nichtunterlegenheit betrifft jedoch das untersuchte Biopsiekonzept einschließlich systematischer Probenentnahme [5].
Vorteile gegenüber konventionellem TRUS und MRT-Fusion
- Hohe räumliche Auflösung: Detailliertere Darstellung der Gewebearchitektur als mit konventionellem TRUS (Ultraschall über den Enddarm) [1, 3, 9].
- Unmittelbare Steuerung in Echtzeit: Sichtbare verdächtige Bereiche können direkt während der Untersuchung biopsiert werden [3].
- Keine obligatorische Bildfusion: Bei alleiniger Mikro-Ultraschallsteuerung entfallen Registrierungsfehler zwischen MRT und Ultraschall. Bildstörungen und Fehler bei der Probenplatzierung bleiben möglich [3].
- Keine Kontrastmittelgabe für die Mikro-Ultraschalluntersuchung: Der Vorteil gegenüber einer MRT hängt vom MRT-Protokoll ab, da auch MRT-Verfahren ohne Kontrastmittel verfügbar sind [3].
- Mögliche Verkürzung des diagnostischen Ablaufs: Bildgebung und Biopsie können bei geklärter Indikation und abgeschlossener Vorbereitung in einer Sitzung erfolgen [3].
- Unabhängigkeit von einer vorherigen MRT im entsprechenden Biopsiekonzept: Besonders relevant bei Gründen gegen eine MRT oder eingeschränkter Verfügbarkeit [5].
- Randomisierte Studien mit vergleichbarer Tumordetektion: Nichtunterlegenheit gegenüber MRT-/TRUS-Fusionsbiopsie bei ergänzender systematischer Biopsie [5].
- Ergänzende Informationen: Mikro-Ultraschall und MRT können unterschiedliche verdächtige Bereiche erfassen [2, 11].
Eine generelle Kostenersparnis, flächendeckend hohe Verfügbarkeit oder Überlegenheit des gesamten diagnostischen Ablaufs ist daraus nicht abzuleiten. Diese Aspekte hängen von Geräteausstattung, Untersuchererfahrung und Versorgungsstruktur ab [3, 14].
Evidenzlage
OPTIMUM: randomisierte Evidenz zur Biopsiesteuerung
OPTIMUM war eine internationale, multizentrische Studie zur Prüfung, ob der Mikro-Ultraschall einer MRT-/TRUS-Fusionsbiopsie nicht unterlegen ist. Sie wurde an 20 Zentren in acht Ländern durchgeführt. Eingeschlossen wurden Männer ohne vorherige Biopsie mit klinischem Karzinomverdacht. Von 802 zufällig einer Gruppe zugeteilten Teilnehmern erhielten 678 eine Biopsie. Die Studie wurde nach einer vorgesehenen Zwischenanalyse wegen erreichter Nichtunterlegenheit vorzeitig beendet [5].
Hauptzielgröße war der Nachweis eines klinisch bedeutsamen Prostatakarzinoms, definiert als ISUP Grade Group ≥ 2. In allen Gruppen gehörte eine systematische Biopsie zum Studienplan; verdächtige Gewebeveränderungen wurden zusätzlich gezielt biopsiert [5].
| Studiengruppe | Zufällig zugeteilte Teilnehmer | Teilnehmer mit Biopsie | Nachweis ISUP Grade Group ≥ 2 |
|---|---|---|---|
| Mikro-Ultraschall ohne vorherige MRT | 137 | 121 | 57/121; 47,1 % |
| Mikro-Ultraschall und MRT-Fusion | 263 | 226 | 106/226; 46,9 % |
| MRT-/konventionelle Ultraschallfusion | 402 | 331 | 141/331; 42,6 % |
Die Hauptauswertung kombinierte die Mikro-Ultraschallgruppe mit dem gegenüber der MRT verblindeten Mikro-Ultraschallanteil der kombinierten Gruppe: 46,1 % gegenüber 42,6 %. Der Unterschied betrug 3,52 Prozentpunkte; das 95-%-Konfidenzintervall reichte von −3,95 bis 10,92 Prozentpunkten. Bei einer Grenze von zehn Prozentpunkten für die Nichtunterlegenheit war die Nichtunterlegenheit statistisch nachgewiesen [5].
Die Detektionsrate von 46,9 % und der Unterschied von 4,29 Prozentpunkten beschreiben die kombinierte Mikro-Ultraschall-/MRT-Gruppe für Tumoren der Grade Group ≥ 2. Diese Zahlen dürfen nicht als Ergebnis für Grade Group ≥ 3 bezeichnet werden [5].
Deutung und Grenzen von OPTIMUM
- Biopsieverfahren: Die Studie unterstützt Mikro-Ultraschall als wirksames Verfahren zur Steuerung gezielter Biopsien.
- Systematische Proben: Sie belegt keinen generellen Verzicht auf ergänzende systematische Biopsien.
- Nichtunterlegenheit: Sie belegt weder Überlegenheit noch vollständige Gleichwertigkeit in allen Anwendungssituationen.
- Untersuchte Gruppe: Die Ergebnisse betreffen ausgewählte Männer mit Karzinomverdacht und lassen sich nicht unmittelbar auf beschwerdefreie Gruppen beim Screening übertragen.
- Screeningziele: Vermeidung von Biopsien, Tumoren zwischen zwei Untersuchungen und langfristige Sterblichkeit wurden durch dieses Studiendesign nicht ausreichend beantwortet.
Unauffällige Befunde
In OPTIMUM betrug der negative Vorhersagewert für PRI-MUS < 3 insgesamt 83,1 % und für PI-RADS < 3 89,4 %. Diese Werte hängen von der untersuchten Gruppe ab und zeigen, dass ein unauffälliger Befund einen Tumor nicht sicher ausschließt. Ein fehlender statistisch bedeutsamer Unterschied beweist keine Gleichwertigkeit der beiden Ausschlussstrategien [5].
Systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen
Die verfügbaren zusammenfassenden Auswertungen sprechen für vergleichbare Nachweisraten klinisch bedeutsamer Prostatakarzinome bei Mikro-Ultraschall-gezielter und MRT-gezielter Biopsie. Die Studien unterscheiden sich jedoch hinsichtlich Auswahl der Patienten, Vergleichsmaßstab, Verblindung, Erfahrung der Untersucher und zusätzlicher systematischer Biopsie [4, 8].
Der Vergleich mit ausschließlich systematischen Biopsien muss davon getrennt betrachtet werden. Daraus lässt sich nicht durchgängig eine höhere Nachweisrate klinisch bedeutsamer Tumoren durch Mikro-Ultraschall allein ableiten [10].
Vergleich mit Prostatektomiepräparaten
Die Untersuchung von Pensa et al. verglich Mikro-Ultraschall und MRT anhand räumlich zugeordneter großflächiger Gewebeschnitte. Sie unterstützt die Fähigkeit des Mikro-Ultraschalls, tumorbedingte Veränderungen darzustellen, und zeigt Unterschiede zwischen den Verfahren. Wegen der ausgewählten Gruppe von Patienten nach operativer Entfernung der Prostata belegt sie keinen Nutzen als Screeningtest [2].
Anhaltender Verdacht bei unauffälligem MRT
Avolio et al. untersuchten 125 Männer ohne vorherige Biopsie mit unauffälliger MRT und anhaltendem klinischem Verdacht. Der Mikro-Ultraschall erreichte eine Empfindlichkeit von 97,1 %, eine Spezifität von 29,7 % und einen negativen Vorhersagewert von 96,4 %. Diese Ergebnisse stammen aus einer ausgewählten Studie an einem einzelnen Zentrum [11].
Die im Ausgangsmaterial genannten Nachweisraten von etwa 23 % bei PRI-MUS 4 und 71 % bei PRI-MUS 5 sind als Ergebnisse dieser untersuchten Gruppe zu verstehen. Sie sind keine allgemeingültigen individuellen Wahrscheinlichkeiten für einen Tumor [11].
Neue Screeningdaten 2026
Wendler et al. veröffentlichten 2026 eine rückblickende Machbarkeitsstudie zu einem anlassbezogenen Screeningkonzept mit Mikro-Ultraschall und PSA-Dichte. Die Ergebnisse geben Hinweise auf eine mögliche Risikoeinstufung. Aufgrund des rückblickenden Studiendesigns und der gezielten feingeweblichen Abklärung kann daraus jedoch nicht für alle Männer mit negativem Untersuchungsergebnis ein sicherer Ausschluss klinisch bedeutsamer Karzinome abgeleitet werden [15].
Die Aussage, es gebe überhaupt keine Mikro-Ultraschall-Screeningdaten, ist damit nicht mehr aktuell. Weiterhin fehlen jedoch ausreichend belastbare randomisierte Studien in Bevölkerungsgruppen, die einen routinemäßigen Ersatz etablierter Früherkennungsstrategien belegen [12, 15].
Einordnung des deutschsprachigen OPTIMUM-Kommentars
Der Journal-Club-Beitrag von Cash und Borkowetz aus dem Jahr 2026 ordnet die Ergebnisse für die klinische Praxis ein. Er stellt keine zusätzliche unabhängige Studie dar; die Zahlen sind anhand der Originalveröffentlichung zu bewerten [5, 16].
Aktuelle Leitlinienposition
Die deutsche S3-Leitlinie Prostatakarzinom, Version 8.1 vom August 2025, erlaubt qualitätsgesicherten transrektalen Ultraschall einschließlich Hochfrequenz-Ultraschall als ergänzende Bildgebung. Empfehlung 4.24 hat Empfehlungsgrad 0 und ist damit eine Kann-Empfehlung [LL1].
Eine Empfehlung zum Ersatz des PSA-basierten Screenings oder des etablierten MRT-gestützten diagnostischen Ablaufs ergibt sich daraus nicht. Bei PI-RADS 1 und 2 sieht die S3-Leitlinie grundsätzlich vor, keine Biopsie durchzuführen. Die ergänzende Mikro-Ultraschalluntersuchung ist daher keine pauschale Aufforderung, Männer mit unauffälliger MRT dennoch zu biopsieren [LL1].
Die europäischen Leitlinien berücksichtigen OPTIMUM und mögliche ergänzende Anwendungen, weisen aber auf die begrenzte Eindringtiefe, falsch-positive Befunde und die Abhängigkeit von der Erfahrung des Untersuchers hin [LL2].
Mögliche Komplikationen
Die wesentlichen Risiken entstehen durch die Biopsie (Gewebeprobenentnahme) und den gewählten Zugang. Die diagnostische Ultraschalluntersuchung selbst kann vor allem vorübergehende örtliche Beschwerden verursachen.
- Hämaturie (Blut im Urin): Meist vorübergehend; stärkere Blutung oder Blutgerinnsel sind möglich.
- Hämatospermie (Blut im Samenerguss): Häufig von selbst rückläufig und teilweise über mehrere Wochen sichtbar.
- Rektale Blutung (Blutung aus dem Enddarm): Vor allem nach Nadelpassage durch den Enddarm; stärkere Blutungen sind selten.
- Blutung oder Bluterguss im Dammbereich: Mögliche Folge der Biopsie durch den Damm.
- Schmerzen und Kreislaufreaktionen: Abhängig von Zugang, Betäubung und persönlicher Empfindlichkeit.
- Akuter Harnverhalt (plötzliche Unfähigkeit, Wasser zu lassen): Insbesondere bei großer Prostata oder umfangreicher Probenentnahme möglich.
- Infektionen: Harnwegsinfektion, Prostatitis (Entzündung der Vorsteherdrüse), Bakteriämie (Bakterien im Blut) bis zur Urosepsis (schwere Infektion, die von den Harnwegen ausgeht).
Eine allgemeine Rate schwerer Komplikationen von „unter 1 %“ ist nicht für alle Zugänge, Patientengruppen und Definitionen ausreichend belegt. Insbesondere die Infektionsrate hängt vom Zugang, der vorbeugenden Behandlung und persönlichen Risikofaktoren ab [6, LL2].
In der 2024 veröffentlichten PREVENT-Studie traten bei Biopsien durch den Damm ohne vorbeugende Antibiotika keine Infektionen auf, gegenüber 1,4 % bei Biopsien durch den Enddarm mit gezielter Antibiotikaprophylaxe. Der Unterschied war in dieser Auswertung statistisch nicht bedeutsam. PREVENT untersuchte den Biopsiezugang und die Infektionsvorbeugung, nicht einen spezifischen Sicherheitsvorteil des Mikro-Ultraschalls [6].
Fazit für die Praxis
- Belegter Nutzen: Der 29-MHz-Mikro-Ultraschall ermöglicht hochauflösende Echtzeitbildgebung und gezielte Biopsien (Gewebeprobenentnahmen) der Prostata.
- Randomisierte Studien: OPTIMUM zeigt Nichtunterlegenheit gegenüber MRT-/TRUS-Fusionsbiopsie bei klinischem Karzinomverdacht und ergänzender systematischer Biopsie [5].
- Früherkennung: Ein eigenständiger Ersatz für die PSA-basierte, risikoadaptierte Früherkennung ist bislang nicht ausreichend belegt [12, 15, LL1].
- Leitliniengerechte Einordnung: Die S3-Leitlinie erlaubt Mikro-Ultraschall als qualitätsgesicherte ergänzende Bildgebung [LL1].
- Besondere Anwendungssituationen: Gründe gegen eine MRT, eingeschränkte Verfügbarkeit und ausgewählte widersprüchliche Befunde können für den Einsatz sprechen.
- Qualität und Sicherheit: Standardisierte PRI-MUS-Befundung, erfahrene Untersucher, dokumentierte Biopsiestrategie und geeignete Infektionsvorbeugung sind entscheidend.
Red Flags (Warnzeichen) nach Mikro-Ultraschall-gesteuerter Prostatabiopsie (Gewebeprobenentnahme)
- Fieber, Schüttelfrost oder rasch zunehmendes Krankheitsgefühl: Sofortige ärztliche Abklärung wegen möglicher schwerer Infektion.
- Harnverhalt (Unfähigkeit, Wasser zu lassen): Dringliche urologische Behandlung.
- Anhaltend sichtbares Blut im Urin, Blutgerinnsel oder stärkere rektale Blutung: Je nach Ausmaß und Kreislaufsituation zeitnahe bis notfallmäßige Abklärung.
- Starke oder zunehmende Schmerzen: Untersuchung auf Blutung, Infektion oder andere Komplikationen.
- Kreislaufinstabilität, Verwirrtheit oder Atemnot: Notfallversorgung.
Abkürzungsverzeichnis
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- ISUP: International Society of Urological Pathology (Internationale Gesellschaft für urologische Pathologie)
- MHz: Megahertz
- MRT: Magnetresonanztomographie
- PI-RADS: Prostate Imaging Reporting and Data System (System zur Befundung von Prostataaufnahmen)
- PRI-MUS: Prostate Risk Identification using Micro-Ultrasound (Risikoeinstufung durch Mikro-Ultraschall)
- PSA: prostataspezifisches Antigen
- TRUS: transrektaler Ultraschall (Ultraschall über den Enddarm)
- µm: Mikrometer
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- Cash H, Borkowetz A: Die OPTIMUM-Studie – Mikroultraschall vs. multiparametrische MRT bei Verdacht auf ein Prostatakarzinom. Urologie. 2026;65(5):534-536. Journal-Club-Kommentierung. doi: 10.1007/s00120-026-02782-y. [16]
Leitlinien
- Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): S3-Leitlinie: Prostatakarzinom. (AWMF-Registernummer: 043-022OL). Version 8.1, August 2025. Langfassung [LL1]
- European Association of Urology: EAU Guidelines on Prostate Cancer. Ausgabe 2026. Kapitel Diagnostic Evaluation, insbesondere Mikro-Ultraschall, Biopsieindikation und Infektionsprävention. Leitlinienkapitel [LL2]