Neurogene Blase – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Verbesserung der Kontinentsituation
- Verbesserung der Lebensqualität
- Wiederherstellung der Funktion des unteren Harntrakts (was in der Regel nicht oder nur teilweise möglich ist)
- Schutz des oberen Harntraktes
Therapieempfehlungen
Nachfolgende Therapieempfehlung in Abhängigkeit von der jeweiligen Störung:
- Bei einem zugrunde liegenden erhöhten Blasenauslasswiderstand: Alphablocker
- Bei überaktiver Blase oder bei detrusorbedingten Blasenentleerungsstörungen: Anticholinergika (Antimuskarinika) bzw. selektive Agonisten des humanen β-3-Adrenozeptors (β-3-AR), der im Detrusor lokalisiert ist (Mirabegron, Vibegron)
- Neurogene Detrusorüberaktivität (NDO; engl. detrusor overactivity; Folge einer Schädigung des Nervensystems durch Erkrankungen, Unfälle oder angeborene Fehlbildungen): Anticholinergika (erste Wahl) und/oder selektive β-3-AR-Agonisten (Mirabegron, Vibegron)
- Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie (DSD): Anticholinergika (Antimuskarinika); bei Versagen der antimuskarinergen Therapie (AMT) oder bei unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) selektive β-3-AR-Agonisten (Mirabegron, Vibegron)
- alternativ Instillation von Oxybutynin-Lösung in die Harnblase oder Injektion von OnabotulinumtoxinA bei UAW oder ineffektiver oraler Medikation
- Hypokontraktiler Detrusor (Detrusorhypokontraktilität): Für eine medikamentöse Therapie besteht laut Leitlinie keine ausreichende Evidenz. Insbesondere Cholinergika und intravesikale Elektrostimulation werden nicht empfohlen. Alphablocker nur bei gleichzeitig bestehendem erhöhtem Blasenauslasswiderstand.
- Hypoaktiver Sphinkter: Duloxetin (bei Frauen mit mittelschwerer bis schwerer Belastungs(harn)inkontinenz); bei Männern Off-Label-Use nach individueller Indikationsstellung
- Nykturie (nächtliches Wasserlassen): Desmopressin (ADH); ggf. auch Anticholinergika
- Bei rezidivierenden Harnwegsinfektionen (HWI) Antibiotikatherapie strikt nach Antibiogramm
- z. B. niedrig dosierte orale Antibiotikaprophylaxe (Nitrofurantoin 50 mg/d, Trimethoprim 100 mg/d oder Cefalexin 250 mg/d)
- Siehe auch unter „Weitere Therapie“.
Wirkstoffe (Hauptindikation)
Bei einem zugrunde liegenden erhöhten Blasenauslasswiderstand
Alpha-Rezeptorenblocker (Alphablocker)
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Alfuzosin | Dosisanpassung bei Nieren-/Leberinsuffizienz; KI bei schwerer Leberinsuffizienz |
| Doxazosin | Keine Empfehlung bei schwerer Leberinsuffizienz |
| Tamsulosin | KI bei schwerer Leberinsuffizienz |
| Silodosin | Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz |
| Terazosin | Langsame Dosissteigerung erforderlich |
- Wirkweise: Relaxation der glatten Muskulatur im Bereich des Blasenhalses (Blasenhals = Übergang der Harnblase in die Harnröhre) und der prostatischen Harnröhre (prostatische Harnröhre = Harnröhrenabschnitt in der Prostata)
- Nebenwirkungen: Orthostase (Orthostase = Kreislaufabfall beim Aufstehen), Schwindel, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Tachykardie (Tachykardie = schneller Herzschlag), Ejakulationsstörungen
- Hinweis: Bei isolierter Detrusorhypokontraktilität (Detrusorhypokontraktilität = zu schwache Kontraktion des Blasenmuskels) besteht keine ausreichende Evidenz für Alphablocker
Bei überaktiver Blase/neurogener Detrusorüberaktivität
Anticholinergika (Antimuskarinika)
| Wirkstoff | Indikation | Besonderheiten |
| Oxybutynin | Drang-/Reflexinkontinenz | Auch intravesikal anwendbar |
| Darifenacin | Dranginkontinenz | Selektiver M3-Antagonist |
| Fesoterodin | Drang-/Reflexinkontinenz | Dosisanpassung bei Organinsuffizienz |
| Propiverin | Drang-/Reflexinkontinenz | Zusätzliche kalziumantagonistische Wirkung |
| Solifenacin | Drang-/Reflexinkontinenz | Gute Datenlage bei neurogener Detrusorüberaktivität (NDO) |
| Tolterodin | Drang-/Reflexinkontinenz | Retardform verfügbar |
| Trospiumchlorid | Detrusorüberaktivität | Geringe ZNS-Penetration |
- Wirkweise: Hemmung der muskarinergen Detrusorkontraktion (Detrusor = Blasenmuskel)
- Nebenwirkungen: Mundtrockenheit, Obstipation (Obstipation = Verstopfung), Restharnbildung, Tachykardie (Tachykardie = schneller Herzschlag), kognitive Störungen
Selektive β-3-Adrenozeptor-Agonisten
| Wirkstoff | Indikation | Besonderheiten |
| Mirabegron | Detrusorüberaktivität | KI bei schwerer Hypertonie (Hypertonie = Bluthochdruck) |
| Vibegron | Detrusorüberaktivität | Geringe anticholinerge UAW (UAW = unerwünschte Arzneimittelwirkungen) |
- Wirkweise: Relaxation des Detrusors (Detrusor = Blasenmuskel) durch β-3-Rezeptor-Stimulation
- Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Hypertonie (Hypertonie = Bluthochdruck) (v. a. Mirabegron)
Onabotulinumtoxin A
| Dosierung | Indikation | Besonderheiten |
| 200 I.E. intradetrusorisch | Neurogene Detrusorüberaktivität (nervenbedingte Überaktivität des Blasenmuskels) | Restharnkontrolle erforderlich |
- Wirkweise: Hemmung der präsynaptischen Acetylcholinfreisetzung an cholinergen Nervenendigungen → Reduktion der detrusorischen Kontraktilität (Abschwächung der Kontraktion des Blasenmuskels)
- Nebenwirkungen: Harnwegsinfektionen (Infektionen der Harnwege), Dysurie (schmerzhaftes Wasserlassen), erhöhter Restharn/Harnverhalt (unvollständige Blasenentleerung)
- Therapieoption bei Versagen/Unverträglichkeit oraler Therapie
Duloxetin
| Dosierung | Indikation | Besonderheiten |
| 2 x 40 mg/d | Hypoaktiver Sphinkter (verminderte Funktion des Schließmuskels) | Bei Männern Off-Label-Use (Anwendung außerhalb der Zulassung) |
- Wirkweise: Serotonin-/Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmung → erhöhte Aktivierung des urethralen Sphinkterapparats (zentral vermittelt)
- Nebenwirkungen: Übelkeit, Mundtrockenheit, Schwindel, Schlafstörungen, Blutdruckanstieg, sexuelle Funktionsstörungen; Absetzsymptome möglich
Desmopressin (ADH)
| Indikation | Besonderheiten |
| Nykturie, nächtliche Polyurie | Regelmäßige Natriumkontrolle |
- Wirkweise: Stimulation V1- und V2-Rezeptoren → Vasokonstriktion, Wasserrückresorption aus den Nierentubuli (Antidiuretikum)
- Indikationen:
- nächtliche Polyurie bei Erwachsenen (krankhaft erhöhte Urinausscheidung von mehr als 3 Litern pro Tag bei Erwachsenen)
- Diabetes insipidus centralis
- Kontraindikationen: Herzinsuffizienz (Herzschwäche), schlecht kontrollierter Diabetes mellitus (Diabetes mellitus = Zuckerkrankheit), Krankheiten der Blase und der Prostata, Polyurie (vermehrte Urinmenge) als Nebenwirkung verschiedener Medikamente (diese sind vor der Verordnung auszuschließen)
- Dosierungshinweise: Bei einer Langzeitanwendung sollte alle 3 Monate eine behandlungsfreie Zeit von mindestens einer Woche eingelegt werden, um zu beurteilen, ob eine spontane Besserung eingetreten ist.
- Nebenwirkungen: Durchblutung im Splanchnikusgebiet vermindert, Blutdruckanstieg, Angina pectoris, Faktor VIII und von-Willebrandt-Faktor ↑; Hyponatriämie (Natriummangel)
- Wg. Risikos einer Hyponatriämie (Hyponatriämie = zu niedriger Natriumwert im Blut) muss der Natriumwert vor der Behandlung und im Verlauf der Therapie regelmäßig kontrolliert werden,
- Um Wassereinlagerungen schnell zu bemerken, sollte sich der Patient zu Beginn der Therapie täglich wiegen.
Leitlinien
- S2k-Leitlinie: Diagnostik und Therapie der neurogenen Blasenfunktionsstörungen bei Kindern und Jugendlichen mit spinaler Dysraphie. (AWMF-Registernummer: 043 - 047), März 2019 Langfassung
- S1-Leitlinie: Diagnostik und Therapie der neurogenen Dysfunktion des unteren Harntrakts beim Erwachsenen. (AWMF-Registernummer: 030-121), September 2025 Langfassung