Harntransportstörung/Harnstau (Obstruktive Uropathie und Refluxuropathie) – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck; bei akutem Krankheitsbild bzw. Infektionsverdacht zusätzlich Puls und Körpertemperatur; bei Kindern zusätzlich Körpergewicht, Körpergröße und Beurteilung des Wachstums; des Weiteren:
    • Beurteilung des Allgemeinzustands und des Hydratationszustands (Flüssigkeitshaushalts)
    • Untersuchung des Abdomens (Bauchs) und der Flanken
      • Inspektion des Abdomens auf Vorwölbungen und Operationsnarben
      • Palpation und Perkussion des Abdomens einschließlich der suprapubischen Region (Bereich oberhalb des Schambeins) [suprapubisch tastbare, prall gespannte Harnblase bei ausgeprägtem Harnverhalt infolge einer infravesikalen Obstruktion (Abflussbehinderung unterhalb der Harnblase)]
      • Palpation und Perkussion der Nierenlager und Flanken [tastbare Vergrößerung der betroffenen Niere bzw. Flankenraumforderung bei ausgeprägter Hydronephrose (Harnstauungsniere)]
  • Urologische Untersuchung
    • Inspektion des äußeren Genitales und des Urethrameatus (Harnröhrenöffnung) auf anatomische Veränderungen, die eine Harnabflussstörung verursachen können
    • Bei Männern digital-rektale Untersuchung mit Beurteilung der Prostata (Vorsteherdrüse) hinsichtlich Größe, Form und Konsistenz
    • Bei Frauen Untersuchung des äußeren Genitales sowie vaginale Untersuchung mit Beurteilung auf Beckenorganprolaps (Senkung von Beckenorganen) und andere mechanische Ursachen einer infravesikalen Obstruktion
    • Beurteilung des Perineums (Damms) und des Beckenbodens bei Verdacht auf eine funktionelle Blasenentleerungsstörung
  • Neurologische Untersuchung – bei Verdacht auf eine neurogene Blasenentleerungsstörung (durch eine Nervenstörung verursachte Blasenentleerungsstörung):
    • Prüfung von Sensibilität (Empfindungsfähigkeit) und Motorik (Bewegungsfähigkeit) der unteren Extremitäten
    • Prüfung der perinealen Sensibilität in den sakralen Dermatomen S2-S5 (Hautversorgungsgebieten der Kreuzbeinnerven S2-S5)
    • Prüfung des Analreflexes und des Bulbokavernosusreflexes
    • Digital-rektale Beurteilung des Analsphinktertonus (Spannung des Afterschließmuskels) und der willkürlichen Sphinkterkontraktion (Schließmuskelanspannung)
    • Prüfung der Muskeleigenreflexe (körpereigenen Muskelreflexe) der unteren Extremitäten
  • Pädiatrische Untersuchung bei vesikoureteralem Reflux (Rückfluss von Urin aus der Harnblase in die Harnleiter) bzw. Refluxuropathie (Nierenschädigung durch Harnrückfluss)
    • Beurteilung von Wachstum und körperlicher Entwicklung sowie altersgerechte Blutdruckmessung
    • Untersuchung von Abdomen, Flanken und äußerem Genitale
    • Inspektion der lumbosakralen Region (Bereich zwischen Lendenwirbelsäule und Kreuzbein) bei Hinweisen auf eine neurogene Blasenfunktionsstörung
    • Bei isoliertem vesikoureteralem Reflux kann die körperliche Untersuchung unauffällig sein.

Red Flags (Warnzeichen) bei Harntransportstörung/Harnstau

  • Fieber und/oder Schüttelfrost bei gleichzeitigem Verdacht auf eine Harnwegsobstruktion (Harnwegsverschluss) – Verdacht auf infizierten Harnstau bzw. Pyonephrose (Eiteransammlung im gestauten Nierenhohlsystem); urologischer Notfall
  • Klinische Zeichen einer Sepsis (Blutvergiftung) bzw. Kreislaufinstabilität bei Harnwegsobstruktion
  • Anurie (fehlende Urinausscheidung) oder ausgeprägte Oligurie (stark verminderte Urinausscheidung), insbesondere bei bilateraler Harnwegsobstruktion (beidseitigem Harnwegsverschluss) oder Obstruktion einer funktionellen Einzelniere
  • Akuter Harnverhalt mit schmerzhafter suprapubischer Blasenüberdehnung
  • Akute Verschlechterung des Allgemeinzustands bei bekanntem oder vermutetem Harnstau

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.