Mikronährstofftherapie bei alkoholassoziierter Mangelernährung

Bei alkoholassoziierter Mangelernährung ist die Mikronährstoffversorgung Teil einer umfassenden Ernährungstherapie. Im Mittelpunkt stehen die Erfassung des Ernährungszustands, die Versorgung mit Energie und Proteinen (Eiweiße), der gezielte Ausgleich von Defiziten und ein sicherer Ernährungsaufbau. Besonders zu beachten sind ein Thiaminmangel (Vitamin-B1-Mangel) und das Refeeding-Syndrom (potentiell lebensbedrohliche Verschiebung von Mineralstoffen und Flüssigkeit im Körper bei Wiederaufnahme der Ernährung nach längerer Mangelernährung) [LL1, LL2, LL3, LL5].

Ursachen und Risikofaktoren einer Mangelernährung bei Alkoholabhängigkeit

Alkoholische Getränke können nährstoffreiche Mahlzeiten verdrängen. Appetitmangel, Erbrechen und eine eingeschränkte Selbstversorgung vermindern die Nahrungsaufnahme zusätzlich. Bei fortgeschrittener Lebererkrankung kommen Stoffwechselveränderungen und Muskelabbau hinzu [LL4, LL5].

Besonders gefährdet sind Menschen mit deutlichem Gewichtsverlust, länger stark eingeschränkter Nahrungsaufnahme oder zusätzlichen Organerkrankungen. Ein normales oder erhöhtes Körpergewicht schließt eine Mangelernährung nicht aus: Auch bei Adipositas (Fettleibigkeit) kann die Muskelmasse vermindert sein [1].

Diagnostik einer Mangelernährung

Auf ein standardisiertes Screening (kurze Untersuchung auf ein Ernährungsrisiko) folgt bei auffälligem Ergebnis eine strukturierte Ernährungsdiagnostik. Nach den Kriterien der Global Leadership Initiative on Malnutrition (GLIM) müssen mindestens ein körperliches und ein ursächliches Kriterium vorliegen [1].

Kriteriengruppe Zu erfassende Merkmale
Körperliche Kriterien Unbeabsichtigter Gewichtsverlust, niedriger Körpermassenindex (Body-Mass-Index; BMI) oder verminderte Muskelmasse.
Ursächliche Kriterien Verminderte Nahrungsaufnahme oder Nährstoffverwertung oder eine relevante entzündliche Krankheitsbelastung.

Ein isolierter Vitamin- oder Spurenelementmangel belegt für sich allein keine Mangelernährung nach GLIM. Der Schweregrad wird anhand der körperlichen Kriterien beurteilt. Ernährungsanamnese, Gewichtsverlauf und Muskelstatus sind deshalb ebenso wichtig wie Laborbefunde [1].

Laboruntersuchungen vor und während des Ernährungsaufbaus

  • Ausgangsbefunde: Insbesondere Phosphat, Kalium, Magnesium, Glucose und Nierenfunktion bestimmen und das Refeeding-Risiko beurteilen [LL3].
  • Gezielte Mikronährstoffdiagnostik: Nach Ernährungsanamnese, Beschwerden und Begleiterkrankungen beispielsweise Folsäure, Vitamin B12, 25-Hydroxy-Vitamin D (Laborparameter der Vitamin-D-Versorgung) und Zink untersuchen [LL1].
  • Befunde im Zusammenhang bewerten: Entzündungen und veränderte Transportproteine können Blutkonzentrationen beeinflussen. Niedrige Werte zeigen deshalb nicht in jedem Fall einen behandlungsbedürftigen Mangel an; die Entzündungsaktivität ist mitzuberücksichtigen [LL1].

Thiamin (Vitamin B1) vor dem Ernährungsaufbau sichern

Thiamin soll vor Beginn der Ernährung oder einer geplanten kohlenhydrathaltigen Infusion gegeben werden. Bei ausgeprägter Mangelernährung und hohem Wernicke-Risiko ist eine parenterale Gabe (Verabreichung unter Umgehung des Darms) angezeigt. Ein übliches Multivitaminpräparat ersetzt diese gezielte Thiaminversorgung nicht [LL2, LL3].

Neu auftretende Verwirrtheit, Gangunsicherheit oder Augenbewegungsstörungen können auf eine Wernicke-Enzephalopathie (akute Gehirnfunktionsstörung durch Vitamin-B1-Mangel) hinweisen. Dann sind sofortige stationäre Behandlung und intravenöses Thiamin erforderlich; diagnostische Untersuchungen dürfen den Therapiebeginn nicht verzögern.

Eine akut notwendige Glucosegabe bei Hypoglykämie (Unterzuckerung) darf nicht verzögert werden; Thiamin ist unverzüglich begleitend zu geben [LL6].

Refeeding-Syndrom beim Ernährungsaufbau verhindern

Besonders gefährdet sind Menschen mit länger stark eingeschränkter Nahrungsaufnahme, deutlichem Gewichtsverlust oder bereits erniedrigten Elektrolyten (Mineralstoffen im Blut). Unauffällige Ausgangswerte schließen entleerte Körperspeicher nicht aus. Auch die Ernährung über den Mund kann ein Refeeding-Syndrom auslösen [LL3].

  • Energiezufuhr risikoadaptiert steigern: Bei hohem Risiko überwacht beginnen. Bei schweren Phosphat-, Kalium- oder Magnesiumdefiziten den Beginn oder die Steigerung bis zur Korrektur zurückstellen [LL3].
  • Elektrolyte kontrollieren und ersetzen: Der Konsens der American Society for Parenteral and Enteral Nutrition (ASPEN; amerikanische Fachgesellschaft für parenterale und enterale Ernährung) empfiehlt bei hohem Risiko Kontrollen von Phosphat, Kalium und Magnesium alle 12 Stunden während der ersten 3 Tage. Häufigkeit und Substitution richten sich nach Befund, Nierenfunktion und Verlauf [LL3].
  • Klinischen Verlauf überwachen: Flüssigkeitsbilanz, Gewicht und Kreislauf kontrollieren. Bei instabilen Patienten oder schweren Defiziten ist eine weitergehende kardiorespiratorische Überwachung (Kontrolle von Herz- und Atemfunktion) erforderlich [LL3].

Bei ausgeprägtem Elektrolytabfall während des Ernährungsaufbaus müssen Defizite behandelt und die Energiezufuhr oder ihre Steigerung angepasst werden. Die genannten Überwachungsempfehlungen beruhen auf Konsens; sie sind an die individuelle Situation anzupassen [LL3].

Mikronährstoffversorgung während der Ernährungstherapie

Eine bedarfsdeckende Versorgung mit Vitaminen und Spurenelementen soll den Ernährungsaufbau begleiten. Bei hohem Refeeding-Risiko empfiehlt der ASPEN-Konsens zusätzlich zur gezielten Thiamingabe vorübergehend ein vollständiges Multivitaminpräparat; bei parenteraler Ernährung (Nährstoffgabe über eine Vene) werden Vitamine täglich ergänzt. Ein nachgewiesener Mangel kann darüber hinaus therapeutische Einzeldosen erfordern [LL1, LL3].

  • Gezielte Defizitbehandlung: Folsäure, Vitamin B12 und weitere Mikronährstoffe nach Befund ergänzen. Vor einer isolierten Folsäuretherapie einen möglichen Vitamin-B12-Mangel berücksichtigen, da sich Blutbildveränderungen bessern können, während neurologische Schäden fortbestehen [LL1].
  • Begleiterkrankungen berücksichtigen: Bei alkoholassoziierter Hepatitis (alkoholbedingter Leberentzündung) sind insbesondere Thiamin-, Vitamin-B12- und Zinkdefizite relevant. Diese Empfehlungen sind nicht pauschal auf jede alkoholassoziierte Mangelernährung übertragbar [LL4].
  • Überdosierungen vermeiden: Dosis und Dauer an Defizit, Aufnahmefähigkeit und Organfunktion anpassen. Bei Lebererkrankungen ist eine ungezielte hochdosierte Vitamin-A-Gabe wegen möglicher Toxizität besonders kritisch [LL1, LL5].

Energie- und Proteinversorgung sowie Verlaufskontrolle

Mikronährstoffe allein können eine unzureichende Energie- und Proteinzufuhr nicht ausgleichen. Die Ernährungstherapie muss deshalb neben der Korrektur einzelner Defizite auch eine ausreichende Gesamtzufuhr sicherstellen. Grundlage sind die tatsächlich verzehrte Nahrungsmenge, der individuelle Bedarf, die Verträglichkeit und bestehende Komorbiditäten (Begleiterkrankungen). Ziel ist, weiteren Gewichts- und Muskelverlust zu begrenzen und die körperliche Erholung zu unterstützen [LL4, LL5].

Für die praktische Umsetzung kommen energie- und proteinreiche Mahlzeiten sowie bei Bedarf ergänzende Trinknahrung infrage. Proteinquellen sind beispielsweise Milchprodukte, Eier, Fisch, Fleisch oder verträgliche pflanzliche Alternativen. Bei begleitender Leberzirrhose werden mehrere kleine Mahlzeiten und eine späte Zwischenmahlzeit empfohlen, um längere Nüchternphasen zu vermeiden. Eine pauschale Einschränkung der Proteinzufuhr ist auch bei hepatischer Enzephalopathie (Gehirnfunktionsstörung infolge einer Lebererkrankung) nicht angezeigt [LL5].

Bei alkoholassoziierter Hepatitis empfiehlt die Leitlinie ergänzende Trinknahrung, wenn die übliche Kost den Bedarf nicht deckt. Bleibt die Zufuhr trotz dieser Unterstützung unzureichend, ist eine enterale Ernährung (Nährstoffgabe über eine Sonde in den Magen-Darm-Trakt) angezeigt. Die angestrebte Bedarfsdeckung muss bei hohem Refeeding-Risiko schrittweise und unter Überwachung erreicht werden; eine sofortige vollständige Energiezufuhr ist in dieser Situation nicht das Ziel [LL3, LL4].

Die Verlaufskontrolle umfasst insbesondere:

  • Nahrungsaufnahme und Verträglichkeit: Regelmäßig prüfen, ob die geplante Energie- und Proteinmenge tatsächlich aufgenommen wird. Appetitmangel, Übelkeit, Erbrechen oder andere Beschwerden können Anpassungen der Ernährungstherapie erforderlich machen [LL5].
  • Elektrolyte und Flüssigkeitshaushalt: Während des Ernährungsaufbaus Phosphat, Kalium und Magnesium sowie Flüssigkeitsbilanz und klinische Stabilität überwachen. Bei auffälligen Veränderungen die Substitution und die Steigerung der Energiezufuhr anpassen [LL3].
  • Ernährungszustand und körperliche Erholung: Gewichtsverlauf, Muskelstatus und körperliche Funktionsfähigkeit beurteilen. Eine Gewichtszunahme allein belegt keine erfolgreiche Ernährungstherapie, da sie auch durch Flüssigkeitseinlagerungen entstehen kann [1, LL3, LL5].
  • Behandelte Mikronährstoffdefizite: Klinische Beschwerden und geeignete Laborparameter in einem zum jeweiligen Mangel passenden Abstand erneut beurteilen. Dosis und Dauer der Supplementierung an Befund, Organfunktion und fortbestehende Risiken anpassen [LL1].

Supplemente werden reduziert oder beendet, sobald die Versorgung zuverlässig gesichert und ein behandelter Mangel korrigiert ist. Eine weiterhin eingeschränkte Nahrungsaufnahme oder Aufnahmefähigkeit kann eine längere Gabe erforderlich machen. Bei begleitender Alkoholabhängigkeit ist die Ernährungstherapie mit der suchtmedizinischen Behandlung zu verbinden, um die Voraussetzungen für eine nachhaltige Verbesserung der Ernährungssituation zu schaffen [LL1, LL2, LL4].

Fazit

Bei alkoholassoziierter Mangelernährung stehen die strukturierte Ernährungsdiagnostik und ein sicherer Ernährungsaufbau im Mittelpunkt. Thiamin muss frühzeitig gesichert, Elektrolytverschiebungen müssen verhindert oder behandelt und weitere Mikronährstoffdefizite gezielt ausgeglichen werden. Entscheidend ist die Verbindung mit einer ausreichenden Energie- und Proteinversorgung sowie einer an den Verlauf angepassten Überwachung [1, LL1, LL2, LL3, LL5].

Literatur

  1. Jensen GL, Cederholm T, Correia MITD et al.: GLIM consensus approach to diagnosis of malnutrition: A 5-year update. JPEN J Parenter Enteral Nutr. 2025;49(4):414-427. doi: 10.1002/jpen.2756.

Leitlinien

  1. Berger MM, Shenkin A, Dizdar OS et al.: ESPEN practical short micronutrient guideline. Clin Nutr. 2024;43(3):825-857. doi: 10.1016/j.clnu.2024.01.030. Volltext.
  2. Klinische Leitlinie: Department of Health and Social Care: Clinical guidelines for alcohol treatment. Kapitel 16: Alcohol care in acute hospitals. 2025; aktualisiert 2026. Volltext.
  3. da Silva JSV, Seres DS, Sabino K et al.: ASPEN Consensus Recommendations for Refeeding Syndrome. Nutr Clin Pract. 2020;35(2):178-195. doi: 10.1002/ncp.10474.
  4. Jophlin LL, Singal AK, Bataller R et al.: ACG Clinical Guideline: Alcohol-Associated Liver Disease. Am J Gastroenterol. 2024;119(1):30-54. doi: 10.14309/ajg.0000000000002572. Volltext.
  5. Singal AK, Wong RJ, Dasarathy S et al.: ACG Clinical Guideline: Malnutrition and Nutritional Recommendations in Liver Disease. Am J Gastroenterol. 2025;120(5):950-972. doi: 10.14309/ajg.0000000000003379.
  6. Klinische Leitlinie der American Society of Addiction Medicine (ASAM): The ASAM Clinical Practice Guideline on Alcohol Withdrawal Management. J Addict Med. 2020;14(3S Suppl 1):1-72. doi: 10.1097/ADM.0000000000000668. Volltext.