Alkoholassoziierte Erkrankungen – Mikronährstoffversorgung und -therapie

Ein längerfristig hoher Alkoholkonsum kann die Ernährungssituation und die Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen sowie weiteren Mikronährstoffen (Vitalstoffen) beeinträchtigen. Alkoholische Getränke können nährstoffreiche Mahlzeiten verdrängen. Appetitmangel, Magen-Darm-Beschwerden und eine gestörte Nährstoffaufnahme können die Versorgung zusätzlich erschweren. Begleitende Organerkrankungen, insbesondere Lebererkrankungen, sind bei der Beurteilung des Ernährungszustands ebenfalls zu berücksichtigen [LL1, LL2].

Besonders bedeutsam ist ein Mangel an Thiamin (Vitamin B1), der schwere neurologische Komplikationen verursachen kann. Daneben können weitere Vitaminmängel und Störungen des Mineralstoffhaushalts vorliegen. Welche Untersuchungen und therapeutischen Maßnahmen erforderlich sind, hängt von der Nahrungsaufnahme, den Beschwerden, den Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) und der klinischen Situation ab [LL2, LL3].

Für die Mikronährstofftherapie sind zwei eng miteinander verbundene Situationen relevant: die Prävention und Behandlung von Mikronährstoffmängeln bei Alkoholabhängigkeit und die umfassende Ernährungstherapie bei alkoholassoziierter Mangelernährung. Eine Alkoholabhängigkeit bedeutet nicht automatisch, dass bereits eine Mangelernährung besteht. Umgekehrt lässt sich der Ernährungszustand nicht allein am Körpergewicht erkennen: Auch bei normalem oder erhöhtem Gewicht können eine unzureichende Mikronährstoffversorgung und eine verminderte Muskelmasse vorliegen [LL2, LL4].

Mikronährstofftherapie bei Alkoholabhängigkeit

Bei Alkoholabhängigkeit stehen die frühzeitige Erkennung und Behandlung von Mikronährstoffmängeln im Vordergrund. Eine ausreichende Energieaufnahme oder ein unauffälliges Körpergewicht schließen solche Defizite nicht aus. Die Beurteilung berücksichtigt deshalb neben der Ernährung auch Beschwerden, Komorbiditäten und besondere Belastungssituationen wie einen Alkoholentzug [LL2, LL3].

Besondere Bedeutung besitzt die Versorgung mit Thiamin (Vitamin B1). Ein ausgeprägter Mangel kann eine Wernicke-Enzephalopathie (akute Gehirnfunktionsstörung durch Vitamin-B1-Mangel) verursachen. Die vorbeugende Thiamingabe richtet sich nach dem individuellen Risiko. Bei hohem Risiko ist eine Verabreichung unter Umgehung des Magen-Darm-Trakts angezeigt. Bei Verdacht auf eine Wernicke-Enzephalopathie ist unverzüglich eine intravenöse Behandlung (Verabreichung in eine Vene) erforderlich. Weitere Mikronährstoffe werden nach klinischem Befund und gezielter Diagnostik ergänzt [LL2, LL3].

Die Mikronährstofftherapie ist in die suchtmedizinische Versorgung einzubinden. Sie dient der Vermeidung und Korrektur von Mangelzuständen, ersetzt jedoch weder die Entzugsbehandlung noch die Rückfallprävention. Eine allgemeine hoch dosierte Supplementierung (ergänzende Zufuhr von Nährstoffen) zur Behandlung der Alkoholabhängigkeit ist nicht ausreichend belegt [LL1, LL3].

Mikronährstofftherapie bei alkoholassoziierter Mangelernährung

Bei alkoholassoziierter Mangelernährung reicht der Ausgleich einzelner Vitamin- oder Mineralstoffdefizite nicht aus. Zusätzlich muss eine ausreichende Versorgung mit Energie und Proteinen (Eiweißen) sichergestellt werden [LL1]. Grundlage ist eine strukturierte Ernährungsdiagnostik, die Nahrungsaufnahme, unbeabsichtigten Gewichtsverlust, Muskelmasse und begleitende Erkrankungen berücksichtigt. Auch bei normalem oder erhöhtem Körpergewicht kann eine relevante Mangelernährung vorliegen [LL4].

Die Ernährungstherapie wird an den individuellen Bedarf, die Verträglichkeit und die Aufnahmefähigkeit angepasst. Wenn die übliche Kost nicht ausreicht, können ergänzende Trinknahrung oder eine Ernährung über eine Sonde erforderlich werden. Die Mikronährstoffversorgung begleitet diese Maßnahmen und berücksichtigt sowohl die allgemeine Bedarfsdeckung als auch gezielt zu behandelnde Defizite [LL1, LL2].

Besondere Aufmerksamkeit erfordert der Ernährungsaufbau nach länger stark verminderter Nahrungsaufnahme. Dabei kann ein Refeeding-Syndrom (potenziell lebensbedrohliche Verschiebung von Mineralstoffen und Flüssigkeit im Körper) auftreten. Eine frühzeitige Thiaminversorgung, die Kontrolle der Elektrolyte (Mineralstoffe im Blut), insbesondere Phosphat, Kalium und Magnesium, sowie eine risikoadaptierte Steigerung der Energiezufuhr sind deshalb entscheidend [LL5]. Im Verlauf werden neben den Laborbefunden auch Nahrungsaufnahme, Flüssigkeitshaushalt, Muskelstatus und körperliche Funktionsfähigkeit beurteilt [LL1, LL5].

Die folgenden Artikel behandeln die jeweiligen Besonderheiten der Mikronährstoffversorgung und Mikronährstofftherapie:

  • Mikronährstofftherapie bei Alkoholabhängigkeit
  • Mikronährstofftherapie bei alkoholassoziierter Mangelernährung

Leitlinien

  1. Bischoff SC, Bernal W, Dasarathy S et al.: ESPEN practical guideline: Clinical nutrition in liver disease. Clin Nutr. 2020;39(12):3533-3562. doi: 10.1016/j.clnu.2020.09.001. Volltext.
  2. Berger MM, Shenkin A, Dizdar OS et al.: ESPEN practical short micronutrient guideline. Clin Nutr. 2024;43(3):825-857. doi: 10.1016/j.clnu.2024.01.030. Volltext.
  3. Britische nationale Leitlinie: Department of Health and Social Care. Clinical guidelines for alcohol treatment. 2025, aktualisiert am 17.04.2026. Kapitel 10: Pharmacological interventions; Kapitel 16: Alcohol care in acute hospitals.
  4. Jensen GL, Cederholm T, Correia MITD et al.: GLIM consensus approach to diagnosis of malnutrition: A 5-year update. JPEN J Parenter Enteral Nutr. 2025;49(4):414-427. doi: 10.1002/jpen.2756.
  5. da Silva JSV, Seres DS, Sabino K et al.: ASPEN Consensus Recommendations for Refeeding Syndrome. Nutr Clin Pract. 2020;35(2):178-195. doi: 10.1002/ncp.10474.