Schweres akutes respiratorisches Syndrom (SARS) – Medikamentöse Therapie
Geltungsbereich: Dieser Artikel betrifft SARS durch SARS-CoV-1, den Erreger des Ausbruchs 2002-2003. COVID-19 wird durch SARS-CoV-2 verursacht und ist therapeutisch gesondert zu behandeln. Wirksamkeitsnachweise und Behandlungsschemata für COVID-19 dürfen nicht ungeprüft auf SARS-CoV-1 übertragen werden [1, LL1, LL2].
Therapieziele
- Symptomlinderung und Stabilisierung der Organfunktionen.
- Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut), respiratorische Insuffizienz (unzureichende Atmung) und weitere Komplikationen behandeln.
- Bakterielle Koinfektionen (gleichzeitige Infektionen) oder Superinfektionen (zusätzliche Infektionen) gezielt behandeln.
- Nosokomiale (im Krankenhaus erworbene) und weitere Übertragungen durch unverzügliche Isolierung und geeignete Infektionsschutzmaßnahmen verhindern.
Therapieempfehlungen
Keine gesicherte spezifische Pharmakotherapie: Für SARS-CoV-1 ist keine spezifische antivirale Behandlung mit verlässlich nachgewiesenem klinischem Nutzen etabliert. Die Behandlung beruht auf supportiven Maßnahmen und der gezielten Therapie von Komplikationen. Historische Behandlungsversuche sind keine Standardtherapie [1, LL1].
- Supportive Behandlung: Bei Hypoxämie Sauerstoff bedarfsgerecht und unter Überwachung zuführen; bei zunehmender respiratorischer Insuffizienz frühzeitig intensivmedizinisch behandeln und gegebenenfalls eine Beatmung einleiten. Flüssigkeitsgabe, Kreislaufunterstützung und Symptomkontrolle erfolgen nach klinischem Zustand. Bei Verdacht auf SARS ist eine unmittelbare infektiologische und pneumologische Mitbeurteilung erforderlich [LL1].
- Antibiotika: Keine antivirale Wirkung gegen SARS-CoV-1. Eine Antibiotikatherapie ist bei klinischem Verdacht auf eine bakterielle Koinfektion oder Superinfektion angezeigt. Bei initial unklarer schwerer Pneumonie (Lungenentzündung) kann eine empirische Therapie erforderlich sein; nach mikrobiologischer Diagnostik und klinischer Neubewertung gezielt anpassen beziehungsweise beenden. Keine routinemäßige Antibiotikaprophylaxe allein wegen SARS [LL1].
- Ribavirin: Die während des Ausbruchs eingesetzte, häufig intravenöse und hoch dosierte Behandlung ist nicht als wirksame SARS-Therapie gesichert. Eine routinemäßige Anwendung wird aus der verfügbaren Evidenz nicht abgeleitet. Insbesondere die Empfehlung, einen Behandlungsversuch mit Ribavirin und Glukokortikoiden regelhaft zu unternehmen, entfällt [1, 2].
- Systemische Glukokortikoide: Keine routinemäßige Gabe allein aufgrund einer SARS-CoV-1-Infektion und keine unkritische hoch dosierte Stoßtherapie. Ein klinischer Nutzen ist nicht gesichert; es bestehen Schadenshinweise. Eine eigenständige Indikation, beispielsweise eine Nebennierenkrise (akuter lebensbedrohlicher Ausfall der Nebennierenfunktion) oder ein nach intensivmedizinischen Kriterien behandlungsbedürftiger septischer Schock (lebensbedrohliches Kreislaufversagen infolge einer Infektion), ist gesondert zu beurteilen. Ein SARS-assoziiertes ARDS (akutes Lungenversagen) erfordert eine individuelle intensivmedizinische Bewertung anhand der dafür maßgeblichen Evidenz; daraus folgt kein pauschales SARS-Steroidschema [1, 3].
- Lopinavir/Ritonavir: Historische Beobachtungsdaten begründen keine gesicherte Wirksamkeit und keine Empfehlung zur routinemäßigen Anwendung, auch nicht in Kombination mit Ribavirin [1, 4].
- Interferone: Präklinische Ergebnisse und kleine, nicht randomisierte klinische Untersuchungen reichen für eine Standardempfehlung nicht aus. Die Aussage einer Wirksamkeit im Tierversuch darf nicht als Nachweis eines klinischen Nutzens verstanden werden [1, 5].
- Weitere experimentelle Ansätze: Auch für intravenöse Immunglobuline und Rekonvaleszentenplasma (Blutplasma von Genesenen) wurde kein verlässlicher Nutzen bei SARS-CoV-1 nachgewiesen. Experimentelle Behandlungen sollten bei einem erneuten Auftreten bevorzugt in kontrollierten Studien und nach spezialisierter Nutzen-Risiko-Bewertung erfolgen [1].
Beachte
- Ribavirinbedingte Toxizität: In einer unkontrollierten kanadischen Auswertung von 110 behandelten Patienten mit vermutetem oder wahrscheinlichem SARS wurden eine hämolytische Anämie (Blutarmut durch den Abbau roter Blutkörperchen) bei 61 %, eine Hypokalzämie (zu niedriger Kalziumgehalt im Blut) bei 58 % und eine Hypomagnesiämie (zu niedriger Magnesiumgehalt im Blut) bei 46 % berichtet. Diese historischen Häufigkeiten beziehen sich auf die damals verwendeten Behandlungsschemata und sind nicht auf sämtliche Ribavirin-Anwendungen übertragbar [2].
- Frühe Glukokortikoidgabe: In einer kleinen randomisierten Untersuchung mit 16 nicht intensivpflichtigen, zugleich mit Ribavirin behandelten Patienten war frühes Hydrocortison mit höheren späteren SARS-CoV-RNA-Konzentrationen im Plasma verbunden. Die Studie liefert einen Hinweis auf eine verzögerte Viruselimination, keinen eigenständigen Beleg für eine erhöhte Sterblichkeit [3].
- Weitere Steroidrisiken: Die historische SARS-Literatur enthält Hinweise auf Hyperglykämie (erhöhten Blutzucker), psychische Komplikationen, Sekundärinfektionen (zusätzlich auftretende Infektionen) und Osteonekrosen (Absterben von Knochengewebe), insbesondere im Zusammenhang mit hoher kumulativer Exposition. Die überwiegend unkontrollierten Daten erlauben keine sichere Quantifizierung aller kausalen Risiken [1].
- SARS ist nicht COVID-19: Weder ein bei bestimmten COVID-19-Verläufen belegter Nutzen von Glukokortikoiden noch COVID-19-spezifische antivirale Behandlungsschemata begründen eine entsprechende Standardtherapie bei SARS-CoV-1. Umgekehrt dürfen die historischen SARS-Schadenshinweise nicht pauschal gegen indikationsgerechte Glukokortikoide bei COVID-19 verwendet werden [1, LL2].
Wirkstoffe (Hauptindikationen)
Für die spezifische Behandlung der SARS-CoV-1-Infektion besteht keine gesicherte medikamentöse Standardindikation. Die folgenden Tabellen dokumentieren historische beziehungsweise experimentelle Ansätze und stellen keine Verordnungsempfehlung dar. Für diese Ansätze lässt sich kein evidenzbasiertes SARS-Dosierungsschema angeben [1].
Nukleosidanaloga: historischer Behandlungsversuch
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ribavirin | Nutzen nicht belegt; relevante Toxizität, insbesondere bei den historischen hoch dosierten intravenösen Schemata. Keine etablierte Kombination mit Glukokortikoiden oder Lopinavir/Ritonavir [1, 2]. |
- Wirkweise: Intrazellulär aktiviertes Nukleosidanalogon mit mehreren antiviralen Wirkmechanismen; daraus folgt kein gesicherter klinischer Effekt gegen SARS-CoV-1.
- Indikation: Keine etablierte SARS-CoV-1-Indikation. Andere Anwendungsgebiete sind gesondert und präparatespezifisch zu beurteilen.
- Kontraindikationen: Insbesondere Schwangerschaft und Stillzeit sowie relevante Hämoglobinopathien (Erkrankungen des roten Blutfarbstoffs); weitere Einschränkungen und Kontrazeptionsvorgaben nach der jeweils maßgeblichen Produktinformation. Bei Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion) besteht ein erhöhtes Akkumulations- und Toxizitätsrisiko. Eine pauschale Kontraindikation bei jeder schweren Leberschädigung ersetzt keine präparatespezifische Prüfung [FI1].
- Nebenwirkungen: Vor allem hämolytische Anämie; außerdem unter historischen SARS-Schemata Elektrolytstörungen (Störungen der Mineralsalze im Blut). Ribavirin besitzt ein erhebliches embryotoxisches (für ungeborene Kinder schädigendes) und teratogenes (fehlbildungsförderndes) Potenzial [2, FI1].
HIV-Proteasehemmer: historischer Behandlungsversuch
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Lopinavir/Ritonavir | Untersuchungen mit historischen Vergleichsgruppen sind anfällig für Verzerrungen. Zahlreiche relevante Arzneimittelinteraktionen durch Ritonavir [4, FI2]. |
- Wirkweise: Lopinavir hemmt die HIV-Protease; Ritonavir erhöht durch Hemmung von CYP3A die Lopinavir-Exposition. Eine verlässliche klinische Hemmung der SARS-CoV-1-Vermehrung ist damit nicht belegt.
- Indikation: Zugelassene Anwendung bei HIV-Infektion gemäß Produktinformation; keine etablierte SARS-CoV-1-Therapie [FI2].
- Kontraindikationen: Schwere Leberinsuffizienz (eingeschränkte Leberfunktion) sowie bestimmte Begleitmedikationen mit potenziell schweren Wechselwirkungen; vollständigen Interaktionsabgleich vor jeder Anwendung durchführen [FI2].
- Nebenwirkungen: Insbesondere Diarrhö (Durchfall), Übelkeit, Erbrechen, erhöhte Leberwerte und Fettstoffwechselstörungen; außerdem Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) und kardiale Überleitungsstörungen (Störungen der elektrischen Erregungsleitung im Herzen) möglich [FI2].
Systemische Glukokortikoide: historischer immunmodulatorischer Ansatz
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Beispielsweise Methylprednisolon oder Hydrocortison | Keine Routinegabe zur Behandlung der SARS-CoV-1-Infektion; Nutzen ungesichert, Schadenshinweise vorhanden [1, 3]. |
- Wirkweise: Antiinflammatorische und immunsuppressive Wirkung durch Bindung an den Glukokortikoidrezeptor.
- Indikation: Keine gesicherte SARS-spezifische Standardindikation. Eigenständige Indikationen und eine mögliche ARDS-Behandlung fachärztlich getrennt bewerten.
- Kontraindikationen: Präparatespezifisch prüfen. Bei unkontrollierten Infektionen, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) und erheblichem psychiatrischem Risiko ist eine besonders sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich; dies sind nicht ausnahmslos absolute Kontraindikationen.
- Nebenwirkungen: Hyperglykämie, Immunsuppression mit Sekundärinfektionen, psychische Störungen und Myopathie (Muskelerkrankung); bei hoher kumulativer Dosis zusätzlich Osteonekrosen. Frühe Anwendung kann die Viruselimination verzögern [1, 3].
Typ-I-Interferone: experimenteller Ansatz
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Interferon alfa; historisch insbesondere Interferon alfacon-1 untersucht | Präklinische Befunde und kleine klinische Untersuchungen belegen keinen verlässlichen Nutzen [1, 5]. |
- Wirkweise: Aktivierung zellulärer antiviraler Signalwege und immunmodulatorische Effekte.
- Indikation: Keine etablierte SARS-CoV-1-Indikation; ein experimenteller Einsatz bedarf spezialisierter Bewertung.
- Kontraindikationen: Präparatespezifisch; insbesondere schwere psychiatrische Erkrankungen, bestimmte Autoimmunerkrankungen (Erkrankungen, bei denen das Immunsystem körpereigenes Gewebe angreift) und dekompensierte Organerkrankungen können die Anwendung ausschließen.
- Nebenwirkungen: Grippeartige Beschwerden, Zytopenien (Mangel an Blutzellen), Leberwertveränderungen, depressive beziehungsweise andere neuropsychiatrische Störungen und autoimmune Komplikationen.
Wirkstoffe (Nebenindikationen)
Die Behandlung von Fieber, Schmerzen, bakteriellen Infektionen und intensivmedizinischen Komplikationen richtet sich nach der jeweiligen eigenständigen Indikation, den Organfunktionen und der konkreten Fachinformation. Hieraus ergibt sich keine zusätzliche SARS-spezifische Arzneimittelempfehlung.
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
- Weitere Vitalstoffe (probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungen
- ARDS: akutes respiratorisches Distress-Syndrom.
- COVID-19: Coronavirus-Krankheit 2019.
- CYP3A: Cytochrom P450 3A.
- DHA: Docosahexaensäure.
- EPA: Eicosapentaensäure.
- FI: Fachinformation.
- Ggf./ggf.: gegebenenfalls.
- HIV: Humanes Immundefizienz-Virus.
- LL: Leitlinie.
- RNA: Ribonukleinsäure.
- SARS: Schweres akutes respiratorisches Syndrom.
- SARS-CoV: SARS-Coronavirus.
- SARS-CoV-1: SARS-Coronavirus Typ 1.
- SARS-CoV-2: SARS-Coronavirus Typ 2.
- z. B.: zum Beispiel.
Literatur
- Stockman LJ, Bellamy R, Garner P: SARS: systematic review of treatment effects. PLoS Med. 2006;3(9):e343. doi: 10.1371/journal.pmed.0030343.
- Knowles SR, Phillips EJ, Dresser L, Matukas L: Common adverse events associated with the use of ribavirin for severe acute respiratory syndrome in Canada. Clin Infect Dis. 2003;37(8):1139-1142. doi: 10.1086/378304.
- Lee N, Chan KCA, Hui DS et al.: Effects of early corticosteroid treatment on plasma SARS-associated Coronavirus RNA concentrations in adult patients. J Clin Virol. 2004;31(4):304-309. doi: 10.1016/j.jcv.2004.07.006.
- Chu CM, Cheng VCC, Hung IFN et al.: Role of lopinavir/ritonavir in the treatment of SARS: initial virological and clinical findings. Thorax. 2004;59(3):252-256. doi: 10.1136/thorax.2003.012658.
- Loutfy MR, Blatt LM, Siminovitch KA et al.: Interferon alfacon-1 plus corticosteroids in severe acute respiratory syndrome: a preliminary study. JAMA. 2003;290(24):3222-3228. doi: 10.1001/jama.290.24.3222.
Leitlinien und behördliche Empfehlungen
- Centers for Disease Control and Prevention: Clinical Guidance on the Identification and Evaluation of Possible SARS-CoV Disease among Persons Presenting with Community-Acquired Illness. Historische, archivierte SARS-CoV-1-Empfehlung; keine aktuelle COVID-19-Leitlinie. Volltext [LL1]
- World Health Organization: Therapeutics and COVID-19: living guideline, August 2025. Ausschließlich zur Abgrenzung der COVID-19-Therapie; keine SARS-CoV-1-Leitlinie. Leitlinie [LL2]
Fachinformationen
- European Medicines Agency: Ribavirin Teva Pharma B.V. Produktinformation; archiviertes Dokument zur Einordnung der substanzbezogenen Risiken, keine SARS-Zulassung oder SARS-Dosierungsgrundlage. Produktinformation [FI1]
- European Medicines Agency: Kaletra, Lopinavir/Ritonavir. Produktinformation; zugelassene Anwendung bei HIV-Infektion. Produktinformation [FI2]