Blutgruppenantikörpersuchtest (Antikörpersuchtest)

Antikörpersuchtest ist eine serologische (blutserologische) immunhämatologische (blutgruppenmedizinische) Untersuchung zum Nachweis freier irregulärer erythrozytärer (die roten Blutkörperchen betreffender) Antikörper (Abwehrstoffe) im Serum (Blutflüssigkeit) oder Plasma (Blutflüssigkeit mit Gerinnungsfaktoren). Er dient der Erkennung klinisch relevanter Alloantikörper (gegen fremde Blutmerkmale gerichteter Abwehrstoffe) gegen erythrozytäre Blutgruppenantigene (Blutgruppenmerkmale), insbesondere vor Transfusionen (Blutübertragungen), in der Schwangerschaft und bei der Abklärung immunhämolytischer (abwehrbedingter blutauflösender) Transfusionsreaktionen [1-6].

Der Antikörpersuchtest ist kein Test zur Bestimmung der AB0-Blutgruppe oder des Rhesus-D-Status, sondern ergänzt die Blutgruppenbestimmung durch den Nachweis unerwarteter Antikörper gegen nicht-AB0-erythrozytäre Antigene. Klinisch relevant sind vor allem Antikörper, die bei 37 °C reagieren und hämolytische (blutauflösende) Transfusionsreaktionen, verzögerte hämolytische Transfusionsreaktionen oder einen Morbus haemolyticus fetus et neonati (Blutarmut des ungeborenen Kindes und Neugeborenen durch Blutgruppenunverträglichkeit) verursachen können [1-6].

Synonyme

  • Antikörpersuchtest
  • Blutgruppenantikörpersuchtest
  • Irregulärer Antikörpersuchtest
  • Erythrozytärer Antikörpersuchtest
  • Red cell antibody screen
  • Antibody Screening
  • Indirect antiglobulin antibody screen

Das Verfahren

Benötigtes Material

  • Serum
  • Plasma, in der Regel Ethylendiamintetraessigsäure-Plasma
  • Bei prätransfusioneller Diagnostik (Untersuchung vor einer Blutübertragung) zusätzlich eindeutig identifizierte Patientenprobe nach den gültigen hämotherapeutischen (die Behandlung mit Blutprodukten betreffenden) Vorgaben

Vorbereitung des Patienten

  • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
  • Keine Nüchternblutabnahme erforderlich
  • Vor prätransfusioneller Diagnostik müssen Identität, Probenentnahmezeitpunkt und klinische Angaben zu früheren Transfusionen, Schwangerschaften, Transplantationen (Organ- oder Gewebeübertragungen) und bekannten Antikörpern dokumentiert sein
  • Bei Schwangeren sind Gestationsalter (Schwangerschaftsalter), Rhesus-D-Status, Anti-D-Prophylaxe (vorbeugende Anti-D-Gabe) und bekannte Vorbefunde anzugeben

Störfaktoren

  • Hämolyse (Auflösung roter Blutkörperchen) der Probe – kann die serologische Beurteilung erschweren
  • Lipämie (stark fetthaltige Blutprobe) oder Ikterus (Gelbsucht) – kann photometrische (lichtmesstechnische) oder automatisierte Auswertungen stören
  • Gerinnselbildung bei unzureichend antikoagulierter (gerinnungsgehemmter) Probe
  • Verwechslung oder fehlerhafte Identifikation der Probe – kritischster präanalytischer (vor der Laboranalyse liegender) Risikofaktor
  • Zu lange oder ungeeignete Lagerung des Probenmaterials
  • Immunglobulingabe (Gabe von Abwehrstoffen), insbesondere Anti-D-Immunglobulin – kann zu passiv nachweisbarem Anti-D führen
  • Vorangegangene Transfusion – kann neu gebildete oder anamnestisch (aus der Vorgeschichte bekannte) bekannte, intermittierend (zeitweise) nicht nachweisbare Alloantikörper relevant machen
  • Autoantikörper (gegen körpereigene Strukturen gerichtete Abwehrstoffe) oder positive direkte Antiglobulintest-Reaktion – können die Antikörperdifferenzierung erschweren
  • Antikörper gegen niedrigfrequente Antigene – können im Suchtest unerkannt bleiben, wenn das entsprechende Antigen auf den Testzellen fehlt
  • Antikörper in niedriger Konzentration – können intermittierend unterhalb der Nachweisgrenze liegen

Methode

  • Indirekter Antiglobulintest bei 37 °C als Standardmethode zum Nachweis klinisch relevanter Immunglobulin-G-Antikörper gegen erythrozytäre Antigene
  • Gelzentrifugation (Trennung in Gel), Säulenagglutination (Verklumpungsnachweis in Säulen), Festphasenverfahren oder Röhrchenmethode in validierten Testsystemen
  • Verwendung von mindestens zwei bis drei Testerythrozyten (Testzellen roter Blutkörperchen) mit definiertem Antigenprofil
  • Ergänzende Enzymtechnik (Untersuchung mit Eiweißspaltstoffen), zum Beispiel Papain- oder Ficin-behandelte Testzellen, bei speziellen Fragestellungen; nicht als alleinige Suchmethode ausreichend
  • Bei positivem Suchtest anschließende Antikörperdifferenzierung mit Panelzellen definierter Antigenprofile
  • Bei transfusionsrelevanten Antikörpern Auswahl antigennegativer, serologisch kompatibler Erythrozytenkonzentrate (Konzentrate roter Blutkörperchen)

Technisches Prinzip

  • Patientenserum oder Patientenplasma wird mit Testerythrozyten bekannter Antigenstruktur inkubiert
  • Bei vorhandenen Antikörpern binden diese an korrespondierende Antigene auf den Testerythrozyten
  • Nach Wasch- oder Trennschritten wird Antihumanglobulin zugesetzt
  • Eine Agglutination (Verklumpung) oder Hämolyse zeigt eine Antikörperbindung an
  • Das Reaktionsmuster der Testzellen erlaubt noch keine endgültige Spezifitätsdiagnose (Bestimmung der genauen Antikörperart); hierfür ist eine Antikörperdifferenzierung erforderlich

Normbereiche (je nach Labor)

Untersuchung Referenzbefund Bewertung
Antikörpersuchtest Negativ Kein Nachweis irregulärer erythrozytärer Antikörper im eingesetzten Testsystem
Antikörpersuchtest Positiv Nachweis oder Verdacht auf irreguläre erythrozytäre Antikörper; Antikörperdifferenzierung erforderlich
Schwangerschaft Negativer oder positiver Befund mit definierter Spezifität Bei positivem Befund Bewertung nach Spezifität, Titer, Vorbefund, fetalem Antigenstatus und fetalem Risiko
Prätransfusionelle Diagnostik Negativer oder positiver Befund mit definierter Spezifität Bei positivem Befund Auswahl antigennegativer, kompatibler Erythrozytenkonzentrate

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen 

  • Prätransfusionelle Diagnostik vor Gabe von Erythrozytenkonzentraten
  • Bestandteil der serologischen Verträglichkeitsprüfung
  • Abklärung positiver oder unklarer Kreuzproben
  • Abklärung akuter oder verzögerter hämolytischer Transfusionsreaktionen
  • Schwangerschaftsvorsorge zum Nachweis klinisch relevanter mütterlicher erythrozytärer Antikörper
  • Kontrolle bei bekannter erythrozytärer Alloimmunisierung (Bildung von Abwehrstoffen gegen fremde Blutmerkmale)
  • Abklärung fetaler (das ungeborene Kind betreffender) oder neonataler (das Neugeborene betreffender) Anämie (Blutarmut), Hyperbilirubinämie (erhöhte Bilirubinwerte) oder Hydrops fetalis (Flüssigkeitsansammlung beim ungeborenen Kind) bei Verdacht auf Morbus haemolyticus fetus et neonati
  • Vorbereitung und Verlaufskontrolle bei Patienten mit chronischem Transfusionsbedarf
  • Transfusionsmedizinische Abklärung vor Organtransplantation oder hämatopoetischer Stammzelltransplantation (Übertragung blutbildender Stammzellen)

Interpretation

Negativer Befund

  • Kein Nachweis irregulärer erythrozytärer Antikörper im verwendeten Suchzellpanel
  • Bei prätransfusioneller Diagnostik weiterhin Erfordernis der AB0-/Rhesus-D-kompatiblen Blutkomponentenauswahl und der gültigen Verträglichkeitsprüfung
  • Ein negativer Befund schließt Antikörper gegen seltene oder niedrigfrequente Antigene nicht vollständig aus
  • Ein negativer Befund schließt anamnestisch bekannte, aktuell nicht nachweisbare Alloantikörper nicht aus; bekannte Antikörper bleiben transfusionsmedizinisch relevant

Positiver Befund

  • Hinweis auf irreguläre erythrozytäre Antikörper
  • Erforderlich ist eine Antikörperdifferenzierung zur Festlegung der Spezifität
  • Bei klinisch relevanten Antikörpern sind antigennegative, serologisch kompatible Erythrozytenkonzentrate bereitzustellen
  • Bei mehreren Antikörpern oder Autoantikörpern kann die Bereitstellung kompatibler Blutprodukte zeitaufwendig sein
  • Bei Schwangeren ist die fetale Gefährdung abhängig von Antikörperspezifität, Antikörpertiter, Voranamnese und fetalem Antigenstatus

Klinisch relevante Antikörper

  • Rh-System – Anti-D, Anti-C, Anti-c, Anti-E, Anti-e
  • Kell-System – Anti-K, Anti-k
  • Duffy-System – Anti-Fya, Anti-Fyb
  • Kidd-System – Anti-Jka, Anti-Jkb
  • MNS-System – Anti-S, Anti-s, Anti-U
  • Weitere Antikörper – abhängig von Spezifität, Reaktionsoptimum, Immunglobulinklasse und klinischem Kontext

Spezifische Konstellationen

  • Anti-D
    • Kann immunologisch durch Schwangerschaft oder Transfusion entstehen
    • Kann nach Anti-D-Immunglobulingabe passiv nachweisbar sein
    • Ist bei Schwangeren wegen des Risikos eines Morbus haemolyticus fetus et neonati besonders relevant
  • Anti-K
    • Ist in der Schwangerschaft besonders relevant, da neben Hämolyse auch eine Suppression (Unterdrückung) der fetalen Erythropoese (Blutbildung) auftreten kann
    • Kann bereits bei niedrigen Titern klinisch bedeutsam sein
  • Anti-c
    • Gehört zu den wichtigsten schwangerschaftsrelevanten Antikörpern
    • Kann fetale Anämie und neonatalen Ikterus verursachen
  • Kidd-Antikörper
    • Können intermittierend niedrig oder nicht nachweisbar sein
    • Sind klassisch mit verzögerten hämolytischen Transfusionsreaktionen assoziiert
  • Autoantikörper
    • Können den Suchtest positiv machen und Alloantikörper maskieren
    • Erfordern häufig erweiterte immunhämatologische Spezialdiagnostik

Weiterführende Diagnostik

  • Antikörperdifferenzierung mit Panelzellen
  • Antikörpertiter oder Antikörperquantifizierung bei schwangerschaftsrelevanten Antikörpern
  • Direkter Antiglobulintest bei Verdacht auf immunhämolytische Reaktion oder Autoimmunhämolyse (Auflösung roter Blutkörperchen durch körpereigene Abwehrstoffe)
  • Elution (Ablösung gebundener Antikörper) bei positivem direktem Antiglobulintest und klinischem Verdacht auf gebundene erythrozytäre Antikörper
  • Erweiterte erythrozytäre Phänotypisierung (Merkmalsbestimmung) oder Genotypisierung (Erbgutbestimmung) des Patienten
  • Antigenbestimmung von Blutspendern zur Auswahl kompatibler Erythrozytenkonzentrate
  • Fetale Rhesus-D- oder Antigenbestimmung aus zellfreier fetaler Desoxyribonukleinsäure (Erbsubstanz) bei geeigneter Fragestellung
  • Fetale Überwachung bei relevanter mütterlicher Alloimmunisierung, insbesondere mittels Doppler-Sonographie (Ultraschalluntersuchung der Blutströmung) der Arteria cerebri media (mittlere Hirnarterie)
  • Abklärung hämolytischer Transfusionsreaktionen mit Hämolyseparametern, Wiederholung der Blutgruppenbestimmung, Kreuzprobe, direktem Antiglobulintest und Antikörpersuchtest aus prä- und posttransfusioneller Probe

Klinische Hinweise

  • Der Antikörpersuchtest ist ein zentrales Sicherheitsverfahren der Transfusionsmedizin und ersetzt nicht die eindeutige Patientenidentifikation, Blutgruppenbestimmung und serologische Verträglichkeitsprüfung.
  • Bei positivem Antikörpersuchtest darf eine Transfusion nicht allein auf Grundlage eines negativen AB0-/Rhesus-D-Befundes freigegeben werden.
  • Bekannte klinisch relevante Alloantikörper müssen auch dann berücksichtigt werden, wenn sie aktuell nicht mehr nachweisbar sind.
  • Bei elektiven (geplanten) Eingriffen mit möglichem Transfusionsbedarf sollte die prätransfusionelle Diagnostik frühzeitig erfolgen, da die Bereitstellung antigennegativer Blutprodukte bei komplexer Antikörperlage verzögert sein kann.
  • In der Schwangerschaft soll die Antikörperdiagnostik frühzeitig erfolgen und bei leitlinienrelevanten Zeitpunkten wiederholt werden, insbesondere zur Detektion klinisch bedeutsamer Antikörper gegen erythrozytäre Antigene.
  • Anti-D, Anti-K und Anti-c gehören zu den wichtigsten Antikörpern mit relevantem fetalem und neonatalem Risiko.
  • Nach Anti-D-Prophylaxe kann ein passiver Anti-D-Nachweis auftreten; die Interpretation erfordert Angaben zu Zeitpunkt und Dosis der Anti-D-Immunglobulingabe.
  • Patienten mit nachgewiesenen klinisch relevanten Antikörpern sollten einen Notfall- oder Blutgruppenpass erhalten und diesen bei medizinischen Kontakten vorlegen.

Literatur

  1. Milkins C, Berryman J, Cantwell C, Elliott C, Haggas R, Jones J et al.: Guidelines for pre-transfusion compatibility procedures in blood transfusion laboratories. Transfus Med. 2013;23(1):3-35. https://doi.org/10.1111/j.1365-3148.2012.01199.x
  2. Regan F, Robinson S, Massey E, Robinson F, Brennand J, Watts T et al.: Guideline for the investigation and management of red cell antibodies in pregnancy: A British Society for Haematology guideline. Transfus Med. 2025;35(1):3-34. https://doi.org/10.1111/tme.13098
  3. Valentini B, Zegarra RR, Ghi T, Dall’Asta A. Red blood cell alloimmunization and pregnancy: Diagnosis and management. Pregnancy. 2025;1:e70085. https://doi.org/10.1002/pmf2.70085
  4. Malik H, Verweij EJT, Mustafa HJ. Hemolytic disease of the fetus and newborn: A review of pathophysiology, diagnosis, and management. Best Pract Res Clin Obstet Gynaecol. 2025;102:102646. https://doi.org/10.1016/j.bpobgyn.2025.102646
  5. Kilby MD, Bussel JB, Moise KJ. The contemporary management of haemolytic disease of the fetus and newborn. Vox Sang. 2025;120(7):543-554. https://doi.org/10.1111/vox.70027
  6. Tormey CA, Hendrickson JE. Transfusion-related red blood cell alloantibodies: induction and consequences. Blood. 2019;133(17):1821-1830. https://doi.org/10.1182/blood-2018-08-833962