Blasenkrebs (Harnblasenkarzinom) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch ein Harnblasenkarzinom (Harnblasenkrebs) mitbedingt sein können:

Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (Abwehrsystem) (D50-D90)

  • Blutverlustanämie (Blutarmut durch Blutverlust) bzw. Eisenmangelanämie (Blutarmut durch Eisenmangel) bei rezidivierender (wiederkehrender) klinisch relevanter Makrohämaturie (sichtbares Blut im Urin) – insbesondere bei lokal fortgeschrittenen oder nicht operablen Tumoren können wiederholte Blutungen zu einer symptomatischen Anämie (Blutarmut mit Beschwerden) führen [LL1]

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Pathologische Frakturen (Knochenbrüche ohne angemessene äußere Gewalteinwirkung) und ossäre Instabilität (mangelnde Knochenstabilität) infolge von Knochenmetastasen (Tochtergeschwülsten im Knochen) – Knochen gehören zu den häufigen Fernmetastasierungsorten (Orten von Tochtergeschwülsten) des fortgeschrittenen Harnblasenkarzinoms; bei fortgeschrittenem bzw. metastasiertem Urothelkarzinom (Krebs der Harnwegsschleimhaut) werden Knochenmetastasen bei etwa 30-40 % der Patienten beschrieben [LL1, LL3]

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Lokale Tumorprogression (örtliches Fortschreiten des Tumors) mit direkter Infiltration (Einwachsen) benachbarter Organe und Strukturen:
    • Prostatastroma (Stützgewebe der Vorsteherdrüse) bzw. Samenblasen beim Mann, Uterus (Gebärmutter) oder Vagina (Scheide) bei der Frau – entsprechend einer T4a-Erkrankung [LL1, LL3]
    • Beckenwand oder Bauchwand – entsprechend einer T4b-Erkrankung [LL1, LL3]
  • Lokalrezidiv (örtliches Wiederauftreten des Tumors) im kleinen Becken nach radikaler Zystektomie (vollständiger operativer Entfernung der Harnblase) – in retrospektiven Zystektomieserien bei etwa 5-15 % der Patienten beschrieben; die Mehrzahl der Lokalrezidive tritt innerhalb der ersten beiden Jahre auf [LL1, LL3]
  • Urethrakarzinomrezidiv (Wiederauftreten eines Harnröhrenkarzinoms) nach radikaler Zystektomie – die Inzidenz (Häufigkeit von Neuerkrankungen) liegt nach systematischer Auswertung bei etwa 4,4 % mit einer Spannweite von 1,3-13,7 %; das Risiko ist insbesondere bei Beteiligung der prostatischen Harnröhre (durch die Vorsteherdrüse verlaufender Abschnitt der Harnröhre) bzw. des Prostatastromas und bei positivem urethralem Absetzungsrand (Tumornachweis am operativen Harnröhren-Schnittrand) erhöht [LL1, LL3]
  • Metachrones Urothelkarzinom (zeitlich später auftretender Krebs der Harnwegsschleimhaut) bzw. Tumorrezidiv (Wiederauftreten des Tumors) des oberen Harntrakts (Nierenbecken und Harnleiter) – Ausdruck der urothelialen Felderkrankung (erhöhte Tumoranfälligkeit der gesamten Harnwegsschleimhaut); nach radikaler Zystektomie werden Rezidive im oberen Harntrakt in aktuellen Leitlinien bei etwa 4-10 % der Patienten angegeben. Eine Metaanalyse von 13.185 Patienten dokumentierte in den eingeschlossenen Serien eine Häufigkeit von 0,75-6,4 % [1, LL1, LL3]
  • Lymphogene und hämatogene Metastasierung (Ausbreitung über Lymphbahnen und Blutgefäße) – die häufigsten Fernmetastasierungsorte sind:
    • Lymphknoten
    • Lunge
    • Leber
    • Knochen [LL1, LL3]

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Rückenmarkkompression (Druck auf das Rückenmark) bei Wirbelsäulenmetastasen (Tochtergeschwülsten an der Wirbelsäule) – seltene, jedoch akut behandlungsbedürftige Komplikation einer ossären Metastasierung (Ausbreitung in den Knochen) [LL1, LL3]

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Rezidivierende Makrohämaturie – insbesondere bei nicht operablen Primärtumoren (ursprünglichen Tumoren), lokaler Tumorprogression oder Lokalrezidiven [LL1]
  • Tumorbedingte Becken- und Unterbauchschmerzen – insbesondere bei lokal fortgeschrittener Infiltration, Lokalrezidiven oder ossärer Metastasierung [LL1, LL3]

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Harntransportstörung (Abflussstörung des Urins) mit Hydronephrose (Harnstauung der Niere) – durch Infiltration bzw. Kompression (Druck) des intramuralen oder distalen Ureters (Harnleiters) bei lokal fortgeschrittenem Tumor; eine Hydronephrose ist zugleich ein ungünstiger prognostischer Faktor (Merkmal für den zu erwartenden Krankheitsverlauf), insbesondere bei blasenerhaltenden multimodalen Therapiekonzepten (Behandlung mit mehreren Therapieformen) [LL1, LL3]
  • Postrenales Nierenversagen (Nierenversagen durch Harnabflussstörung) – bei bilateraler tumorbedingter Ureterobstruktion (beidseitigem Verschluss der Harnleiter) oder Obstruktion einer funktionellen Einzelniere (Verschluss des Harnabflusses bei nur einer funktionsfähigen Niere) [LL1]

Prognosefaktoren

  • Nicht-muskelinvasives Harnblasenkarzinom (oberflächlicher, nicht in die Blasenmuskulatur eingewachsener Blasenkrebs) (NMIBC):
    • Die wichtigsten klinisch-pathologischen Determinanten (klinischen und feingeweblichen Einflussfaktoren) des Rezidiv- und Progressionsrisikos (Risikos für Wiederauftreten und Fortschreiten) sind Tumorstadium (Ausbreitungsstadium), Tumorgrading (Grad der Zellveränderung), Tumorzahl, Tumorgröße, vorausgegangene Rezidivfrequenz (Häufigkeit des Wiederauftretens) und ein begleitendes Carcinoma in situ (oberflächlicher, auf die Schleimhaut begrenzter Hochrisikotumor) (CIS) [3, LL1, LL2].
    • Im Progressionsmodell (Vorhersagemodell für das Fortschreiten) der European Association of Urology (EAU) sind Tumorstadium, Grading nach World Health Organization (WHO), begleitendes CIS, Tumorzahl, Tumorgröße und Alter unabhängige Prognosefaktoren [2, LL2].
    • Nach dem EAU-Risikomodell beträgt das geschätzte 5-Jahres-Progressionsrisiko (Risiko eines Fortschreitens innerhalb von fünf Jahren) bei primärem NMIBC ohne unmittelbar anschließende Bacillus-Calmette-Guérin-(BCG)-Therapie bei Verwendung des WHO-Gradings 2004/2016 etwa 0,9 % in der Low-risk-, 4,9 % in der Intermediate-risk-, 9,6 % in der High-risk- und 40 % in der Very-high-risk-Gruppe. Bei BCG-behandelten Patienten können insbesondere die Risiken der High-risk- und Very-high-risk-Gruppen niedriger liegen [2, LL2].
    • Bei Patienten unter BCG-Erhaltungstherapie (längerfristig fortgeführter BCG-Behandlung) sind vorausgegangene Rezidivrate und Tumorzahl besonders bedeutsam für das Rezidivrisiko; Tumorstadium und Grading gehören zu den wichtigsten Faktoren für Progression (Fortschreiten der Erkrankung) und krankheitsspezifisches Überleben (Überleben bezogen auf die Tumorerkrankung) [LL2].
    • Residualer T1-Tumor (verbliebener T1-Tumor) bei der zweiten transurethralen Resektion (erneuten Entfernung des Tumors über die Harnröhre) ist ein ungünstiger Prognosefaktor [LL2].
    • Lymphovaskuläre Invasion (Einbruch von Tumorzellen in Lymph- oder Blutgefäße) ist mit einem deutlich erhöhten Rezidiv- und Progressionsrisiko verbunden. In einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse betrug bei Tumoren bis einschließlich T1 die gepoolte Hazard Ratio 1,97 für ein Rezidiv und 2,95 für eine Progression; die EAU ordnet Patienten mit lymphovaskulärer Invasion der Very-high-risk-Gruppe zu [4, LL2].
    • Bestimmte histologische Subtypen (feingewebliche Unterformen), insbesondere mikropapilläre, plasmazytoide, sarkomatoide, nested und neuroendokrine Subtypen, sind mit aggressiverem biologischem Verhalten und einem erhöhten Progressionsrisiko verbunden [LL1, LL2].
  • Muskelinvasives Harnblasenkarzinom (in die Blasenmuskulatur eingewachsener Blasenkrebs) (MIBC):
    • Nach radikaler Zystektomie sind die pathologische Tumorkategorie (feingeweblich bestimmtes Tumorstadium) (pT) und der pathologische Lymphknotenstatus (feingeweblich bestimmter Befall der Lymphknoten) (pN) zentrale Prognosefaktoren für das rezidivfreie (Zeit ohne Wiederauftreten) und krankheitsspezifische Überleben; der Resektionsstatus (Tumorfreiheit der Operationsränder) ist ein zusätzlicher wesentlicher Prognosefaktor [LL1, LL3].
    • Lokal fortgeschrittenes Tumorstadium, Lymphknotenmetastasen (Tochtergeschwülste in Lymphknoten), positiver Resektionsrand (Tumornachweis am Operationsrand) und lymphovaskuläre Invasion sind mit einem erhöhten Rezidiv- und Mortalitätsrisiko (Risiko für Wiederauftreten und Versterben) verbunden [LL1, LL3].
    • Bei blasenerhaltender trimodaler Therapie (Kombination aus Tumorresektion, Strahlentherapie und Chemotherapie) sind lokal fortgeschrittenes Tumorstadium, Hydronephrose, Multifokalität (Auftreten an mehreren Stellen) und begleitendes CIS ungünstige prognostische Merkmale; günstig sind insbesondere ein begrenztes Tumorstadium und eine möglichst vollständige transurethrale Tumorresektion (Tumorentfernung über die Harnröhre) [LL1, LL3].
  • Metastasiertes Harnblasenkarzinom (Blasenkrebs mit Tochtergeschwülsten):
    • Ausmaß und Lokalisation (Ort) der Metastasierung beeinflussen die Prognose wesentlich. Eine ausschließlich lymphogene Metastasierung (Ausbreitung über die Lymphbahnen) ist prognostisch günstiger als das Vorliegen viszeraler Metastasen (Tochtergeschwülste in inneren Organen); insbesondere Lebermetastasen (Tochtergeschwülste in der Leber) kennzeichnen eine prognostisch ungünstige Erkrankungssituation [LL1, LL3].
    • Ein eingeschränkter Performance-Status nach Eastern Cooperative Oncology Group (ECOG) sowie relevante Einschränkungen der Organfunktion sind mit einer ungünstigeren Prognose verbunden und beeinflussen zugleich die Durchführbarkeit systemischer Therapien (Behandlungen, die im gesamten Körper wirken) [LL1, LL3].
    • Eine oligometastatische Erkrankung (Tumorerkrankung mit wenigen Tochtergeschwülsten) mit wenigen lokal behandelbaren Metastasen und gutem Ansprechen auf eine Systemtherapie kann bei hochselektierten Patienten mit einem vergleichsweise günstigeren Langzeitverlauf verbunden sein; die Evidenz hierfür beruht überwiegend auf retrospektiven Daten [LL3].
  • Molekulare Prognosemarker (molekulare Merkmale zur Abschätzung des Krankheitsverlaufs):
    • Keimbahnvarianten (erblich vorhandene genetische Varianten), Genexpressionssignaturen (Muster der Genaktivität) und andere molekulare Prognosemarker sind derzeit nicht ausreichend validiert (wissenschaftlich bestätigt), um die etablierte klinisch-pathologische Risikostratifikation (Einteilung nach Erkrankungsrisiko) des Harnblasenkarzinoms in der Routinediagnostik (regelmäßige medizinische Anwendung) zu ersetzen oder regelhaft zu ergänzen. Dies gilt insbesondere für ältere vorgeschlagene NAT2-Genotyp- und Genexpressionsmodelle [LL1, LL2].

Literatur

  1. Picozzi S, Ricci C, Gaeta M et al.: Upper urinary tract recurrence following radical cystectomy for bladder cancer: a meta-analysis on 13,185 patients. J Urol. 2012;188(6):2046-2054. doi: 10.1016/j.juro.2012.08.017.
  2. Sylvester RJ, Rodríguez O, Hernández V et al.: European Association of Urology (EAU) Prognostic Factor Risk Groups for Non-muscle-invasive Bladder Cancer (NMIBC) Incorporating the WHO 2004/2016 and WHO 1973 Classification Systems for Grade: An Update from the EAU NMIBC Guidelines Panel. Eur Urol. 2021;79(4):480-488. doi: 10.1016/j.eururo.2020.12.033.
  3. Sylvester RJ, van der Meijden APM, Oosterlinck W et al.: Predicting recurrence and progression in individual patients with stage Ta T1 bladder cancer using EORTC risk tables: a combined analysis of 2596 patients from seven EORTC trials. Eur Urol. 2006;49(3):466-477. doi: 10.1016/j.eururo.2005.12.031.
  4. Mari A, Kimura S, Foerster B et al.: A systematic review and meta-analysis of the impact of lymphovascular invasion in bladder cancer transurethral resection specimens. BJU Int. 2019;123(1):11-21. doi: 10.1111/bju.14417.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S3-Leitlinie Früherkennung, Diagnose, Therapie und Nachsorge des Harnblasenkarzinoms, Version 3.1, gültig bis 31.03.2030. (AWMF-Registernummer 032-038OL). Juli 2026 Langfassung. [LL1]
  2. European Association of Urology (EAU): EAU Guidelines on Non-muscle-invasive Bladder Cancer (TaT1 and CIS). 2026. Volltext. [LL2]
  3. European Association of Urology (EAU): EAU Guidelines on Muscle-invasive and Metastatic Bladder Cancer. 2026. Volltext. [LL3]