Skoliose – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine Skoliose (Seitverbiegung der Wirbelsäule) mitbedingt sein können:

Atmungssystem (J00-J99)

  • Restriktive Ventilationsstörung (eingeschränkte Belüftung der Lunge) – vor allem bei ausgeprägten thorakalen Krümmungen (Krümmungen der Brustwirbelsäule) durch Thoraxdeformierung (Verformung des Brustkorbs), verminderte Thoraxcompliance und eingeschränkte pulmonale Entwicklung (Lungenentwicklung) [3, LL1]:
    • Bei einer progredienten Early-onset-Skoliose (EOS; Manifestation vor dem 10. Lebensjahr) kann die Deformierung des wachsenden Thorax das Lungenwachstum beeinträchtigen und zu einer restriktiven Lungenerkrankung (Lungenerkrankung mit eingeschränkter Lungenausdehnung) bis hin zum thorakalen Insuffizienzsyndrom (unzureichende Entwicklung und Funktion des Brustkorbs) bzw. zur respiratorischen Insuffizienz (Atemschwäche) führen [2, 3].
    • Bei der adoleszenten idiopathischen Skoliose (AIS) können bereits früh Veränderungen der Lungenfunktion auftreten, die jedoch meist keine alltagsrelevante Belastungseinschränkung verursachen. Große thorakale Cobb-Winkel, insbesondere in Verbindung mit thorakaler Hypokyphose (verminderte natürliche Wölbung der Brustwirbelsäule nach hinten), sind mit einem höheren Risiko respiratorischer Einschränkungen bis zur Ateminsuffizienz verbunden [LL1].
    • Im Langzeitverlauf leitliniengerecht behandelter idiopathischer Skoliosen ist dagegen keine generelle pulmonale Funktionseinschränkung (Einschränkung der Lungenfunktion) gegenüber einer altersentsprechenden Vergleichspopulation belegt; bei thorakalen Krümmungen können niedrigere, im Mittel jedoch weiterhin normwertige Lungenfunktionsparameter bestehen [4].

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Kardiovaskuläre Morbidität (Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen) – epidemiologische Assoziation – in einer UK-Biobank-Analyse von 4.095 Erwachsenen mit Skoliose war das Lebenszeitrisiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse (schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse) erhöht (Hazard Ratio (HR) 1,45); die Assoziation wurde insbesondere durch Herzinsuffizienz (Herzschwäche) (HR 1,58) und Vorhofflimmern (Herzrhythmusstörung mit unregelmäßiger Vorhofaktivität) (HR 1,54) getragen. Zudem wurden Veränderungen des diastolischen myokardialen Strains beschrieben [5]. Eine Kausalität ist damit nicht belegt; Skolioseätiologie und Krümmungsschwere waren in dieser populationsbasierten Analyse nur unzureichend charakterisiert [5].

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Dorsalgie (Rückenschmerzen)/Rückenschmerzen – bei unbehandelter idiopathischer Skoliose im Langzeitverlauf häufiger als bei Personen ohne Skoliose. Eine eindeutige Korrelation zwischen Schmerzintensität und Cobb-Winkel bzw. Krümmungstyp ist nicht belegt [LL1].
  • Skoliosebedingte degenerative Veränderungen der Wirbelsäule (verschleißbedingte Veränderungen der Wirbelsäule) – insbesondere lumbale bzw. thorakolumbale idiopathische Skoliosen können im Erwachsenenalter mit sekundärer Degeneration (nachfolgendem Verschleiß) und vermehrten körperlichen Beschwerden einhergehen [LL1]. Eine pauschale Zuordnung einzelner Befunde wie Arthrose (Gelenkverschleiß), Chondrose (Verschleiß der Bandscheiben) oder Spondylose (verschleißbedingte Veränderungen der Wirbelkörper) als obligate Folge jeder Skoliose ist dagegen nicht gerechtfertigt.

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Diagnostikassoziiertes strahlenbedingtes Langzeitrisiko für Neubildungen (Tumorerkrankungen) – kein gesichertes intrinsisches Folgeerkrankungsrisiko der Skoliose:
    • Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse historischer Skoliosekohorten mit insgesamt 35.641 Teilnehmern zeigte gegenüber Vergleichspopulationen erhöhte Raten für Krebserkrankungen insgesamt (Odds Ratio (OR) 1,46), Mammakarzinom (Brustkrebs) (OR 1,20) und Krebsmortalität (Sterblichkeit an Krebs) (OR 1,50) [6]. Die eingeschlossenen Kohorten stammten aus den Jahren 1912-1990 und waren zum Teil durch zahlreiche Ganzwirbelsäulen-Röntgenaufnahmen einer für heutige Verhältnisse hohen kumulativen Strahlenexposition ausgesetzt [6].
    • Ein systematischer Review von 2026 bestätigt, dass die Evidenz für ein erhöhtes Krebsrisiko im Wesentlichen aus historischen Kohorten mit deutlich höherer diagnostischer Strahlenexposition stammt. Diese Risikoschätzungen sind nicht unmittelbar auf die heutige Niedrigdosisdiagnostik übertragbar [7].
    • In einer 2026 publizierten dänischen populationsbasierten Kohortenstudie an 6.217 Frauen zeigte sich für Krebserkrankungen insgesamt kein statistisch signifikanter Risikoanstieg (HR 1,06; 95-%-Konfidenzintervall (KI) 0,85-1,31) und auch für ein invasives Mammakarzinom nur ein nicht signifikanter Trend (HR 1,25; 95-%-KI 0,86-1,80). Für ein Carcinoma in situ der Mamma wurde zwar ein deutlich erhöhtes Risiko gefunden (HR 13,62; 95-%-KI 3,75-49,50); aufgrund der geringen Fallzahl und des sehr breiten Konfidenzintervalls ist dieser Befund jedoch vorsichtig zu interpretieren [8].

Prognosefaktoren

  • Verbleibendes Restwachstum – das Progressionsrisiko (Risiko des Fortschreitens) ist während des Wachstums umso höher, je mehr Skelettwachstum noch aussteht; besonders relevant ist die pubertäre Wachstumsspitze [1, 2, LL1].
  • Initialer Cobb-Winkel – ein größerer Cobb-Winkel bei noch bestehendem Wachstum ist ein wesentlicher Prädiktor einer weiteren Krümmungsprogression (Zunahme der Wirbelsäulenkrümmung) [1, LL1].
  • Krümmungsmuster und Wirbelrotation (Verdrehung der Wirbel) – thorakale und doppelbogige Krümmungen sowie eine ausgeprägte apikale Wirbelrotation sind mit einem erhöhten Progressionsrisiko assoziiert [LL1].
  • Weibliches Geschlecht – bei adoleszenter idiopathischer Skoliose mit einem erhöhten Risiko für eine klinisch relevante Krümmungsprogression assoziiert [LL1].
  • Krümmungsausmaß bei Wachstumsabschluss – thorakale Krümmungen > 50° können auch nach Abschluss des Skelettwachstums weiter progredient sein; für einbogige thorakale Krümmungen von 50-75° wird eine mittlere Zunahme von etwa 0,73° pro Jahr beschrieben [LL1].
  • Früher Erkrankungsbeginn – eine progrediente Early-onset-Skoliose ist prognostisch ungünstig, da ein größerer Anteil des Wirbelsäulen-, Thorax- und Lungenwachstums beeinträchtigt werden kann [2, 3].

Literatur

  1. DiMeglio A, Canavese F, Charles YP: Growth and adolescent idiopathic scoliosis: when and how much? J Pediatr Orthop. 2011;31(1 Suppl):S28-S36. doi: 10.1097/BPO.0b013e318202c25d.
  2. Stücker R: Die wachsende Wirbelsäule: Normale Entwicklung und Entwicklungsstörung. Orthopäde. 2016;45(6):534-539. doi: 10.1007/s00132-016-3277-2.
  3. Manning AE, Redding G, Bauer J et al.: Pulmonary Function in Early-Onset Scoliosis: A Literature Review. JBJS Rev. 2025;13(9):e25.00122. doi: 10.2106/JBJS.RVW.25.00122.
  4. Ragborg LC, Dragsted C, Ohrt-Nissen S et al.: Pulmonary function in patients with idiopathic scoliosis 40 years after diagnosis. Spine J. 2024;24(11):2135-2142. doi: 10.1016/j.spinee.2024.07.006.
  5. Quintero Santofimio V, Clement A, O'Regan DP et al.: Identification of an increased lifetime risk of major adverse cardiovascular events in UK Biobank participants with scoliosis. Open Heart. 2023;10(1):e002224. doi: 10.1136/openhrt-2022-002224.
  6. Luan FJ, Wan Y, Mak KC et al.: Cancer and mortality risks of patients with scoliosis from radiation exposure: a systematic review and meta-analysis. Eur Spine J. 2020;29(12):3123-3134. doi: 10.1007/s00586-020-06573-7.
  7. Højsager FD, Laursen LW, Castelein R et al.: Long-term cancer risk in historic cohorts of patients with adolescent idiopathic scoliosis: a systematic review. Spine Deform. 2026;14(1):93-102. doi: 10.1007/s43390-025-01176-y.
  8. Højsager FD, Borch L, Castelein R et al.: Cancer risk among women with scoliosis: a nationwide danish register-based study. Spine Deform. 2026;14:1299-1306. doi: 10.1007/s43390-026-01301-5.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S2k-Leitlinie: Adoleszente Idiopathische Skoliose. (Registernummer 151-002) März 2023 Langfassung [LL1].