Skoliose – Differentialdiagnosen

Differentialdiagnostischer Fokus

  • Abzugrenzen sind idiopathische Skoliosen (Skoliosen ohne erkennbare Ursache), kongenitale Skoliosen (angeborene Skoliosen), neuromuskuläre Skoliosen (Skoliosen durch Nerven- oder Muskelerkrankungen), syndromale Skoliosen (Skoliosen im Rahmen eines übergeordneten Krankheitsbildes), funktionelle skoliotische Fehlhaltungen (nicht fixierte Wirbelsäulenkrümmungen durch Haltung oder Statik) sowie sekundäre Skoliosen (Folgeskoliosen durch andere Ursachen) durch Tumor (Geschwulst), Infektion, Trauma (Verletzung) oder postoperative Veränderungen (Veränderungen nach einer Operation).
  • Gegen eine unkomplizierte adoleszente idiopathische Skoliose (AIS; Skoliose Jugendlicher ohne erkennbare Ursache) sprechen insbesondere Schmerzen, Nacht- oder Ruheschmerz, rasche Progredienz (Fortschreiten), neurologische Auffälligkeiten (Auffälligkeiten des Nervensystems), pathologische Reflexe (krankhaft veränderte Reflexe), Gangstörung (Störung des Gehens), asymmetrische Bauchhautreflexe (ungleich ausgeprägte Bauchhautreflexe), atypische linksthorakale Krümmung (ungewöhnliche linksseitige Brustwirbelsäulenkrümmung), sehr früher Beginn, Hautstigmata spinaler Dysraphie (Hautzeichen einer angeborenen Fehlbildung von Rückenmark oder Wirbelsäule), rigide kurze Krümmung (starre kurze Krümmung) oder Multiorganfehlbildungen (Fehlbildungen mehrerer Organe).

Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Q00-Q99)

  • Kongenitale Skoliose (CS; angeborene strukturelle Wirbelsäulenverkrümmung) – strukturelle Skoliose (fixe Wirbelsäulenverkrümmung) durch Wirbelkörperfehlbildungen (Fehlbildungen der Wirbelkörper) wie Hemivertebra (Halbwirbel), Keilwirbel (keilförmig veränderter Wirbel), Blockwirbel (verschmolzene Wirbel), einseitige unsegmentierte Spange (einseitig nicht getrennte Wirbelverbindung) oder gemischte Formations- und Segmentationsstörungen (Bildungs- und Trennungsstörungen der Wirbel); klinisch relevant vor allem bei früher Manifestation (erstmaligem Auftreten), kurzer rigider Krümmung, Rippenanomalien (Rippenfehlbildungen), rascher Progredienz oder Hinweisen auf thorakale Insuffizienz (unzureichende Brustkorb- und Lungenentwicklung).
  • Spina bifida aperta/Myelomeningozele (MMC; offener Rücken mit Rückenmarksvorwölbung) – Neuralrohrdefekt (Fehlbildung des embryonalen Nervensystems) mit neurogener, paralytischer und/oder dysraphischer Skoliose; abzugrenzen bei asymmetrischer Parese (einseitig betonter Lähmung), Sensibilitätsstörung (Gefühlsstörung), Fußdeformitäten (Fußfehlstellungen) sowie Blasen- oder Darmfunktionsstörung.
  • Diastematomyelie (Rückenmarksteilung; Split-Cord-Malformation, SCM) – spinale Dysraphie mit Teilung des Rückenmarks; Differenzialdiagnose bei kongenitaler Skoliose, Hautstigmata, asymmetrischen Reflexen oder neurologischen Ausfällen (Ausfällen des Nervensystems).
  • Fixiertes-Rückenmark-Syndrom (Tethered-Cord-Syndrom, TCS) – pathologische Fixierung (krankhafte Anheftung) des Rückenmarks; kann mit Skoliose, Schmerzen, progressiven Paresen (fortschreitenden Lähmungen), Fußdeformitäten, Gangstörung und Blasen-/Darmfunktionsstörung einhergehen.
  • Chiari-I-Malformation (CM-I; früher Arnold-Chiari-Malformation Typ I) – Kaudalverlagerung (Verlagerung nach unten) der Kleinhirntonsillen (untere Anteile des Kleinhirns) durch das Foramen magnum (großes Hinterhauptsloch); relevant bei atypischer Skoliose, Syringomyelie (Höhlenbildung im Rückenmark), Kopfschmerz, Nackenschmerz, sensiblen oder motorischen Ausfällen (Gefühls- oder Bewegungsausfällen).
  • Klippel-Feil-Syndrom (KFS; angeborenes Krankheitsbild mit verschmolzenen Halswirbeln) – kongenitale Fusion (angeborene Verschmelzung) von Halswirbeln; Skoliose kann mit zervikaler Bewegungseinschränkung (Bewegungseinschränkung der Halswirbelsäule), tiefem Haaransatz, kurzem Hals, Sprengel-Deformität (angeborenem Schulterblatthochstand), Nierenfehlbildungen, Hörstörung oder kardialen Fehlbildungen (Herzfehlbildungen) kombiniert sein.
  • Arthrogryposis multiplex congenita (AMC; angeborene mehrfache Gelenkversteifung) – heterogene Gruppe angeborener Gelenkkontrakturen (dauerhafter Gelenkversteifungen) mit muskulären, neurogenen oder syndromalen Ursachen; Skoliose häufig rigide und progredient, zusätzlich Luxationen (Gelenkausrenkungen), Kontrakturen (dauerhafte Verkürzungen von Muskeln oder Sehnen), respiratorische Einschränkung (Atemeinschränkung) und Sitzbalance beachten.
  • Osteogenesis imperfecta (OI; Glasknochenkrankheit) – Kollagen-I-Erkrankung (Störung eines wichtigen Bindegewebseiweißes) mit Frakturanfälligkeit (erhöhter Knochenbruchneigung), Knochendeformitäten (Knochenfehlformen) und häufig kyphoskoliotischen Achsabweichungen (Rundrücken- und seitlichen Wirbelsäulenfehlstellungen); Hinweise sind blaue Skleren (bläuliche Augenweißhaut), Dentinogenesis imperfecta (Störung der Zahnbildung), Schwerhörigkeit oder Frakturanamnese (Vorgeschichte mit Knochenbrüchen).
  • Skelettdysplasien/Osteochondrodysplasien (angeborene Knochen- und Knorpelentwicklungsstörungen) – zum Beispiel Achondroplasie (häufige Form des disproportionierten Kleinwuchses), spondyloepiphysäre Dysplasie (Wachstumsstörung von Wirbelsäule und Gelenkenden) oder andere dysplastische Kleinwuchsformen; Differenzialdiagnose bei disproportionalem Kleinwuchs (nicht gleichmäßigem Minderwuchs), Thoraxdeformität (Brustkorbfehlform) und struktureller Wirbelsäulenfehlbildung.
  • Marfan-Syndrom (MFS; erbliche Bindegewebserkrankung mit Hochwuchs und Gefäßbeteiligung) – autosomal-dominante (dominant erbliche) systemische Bindegewebserkrankung (den ganzen Körper betreffende Bindegewebserkrankung); Skoliose und Thoraxdeformität zusammen mit Hochwuchs, Arachnodaktylie (Spinnenfingrigkeit), Gelenküberbeweglichkeit, Linsenektopie (Verlagerung der Augenlinse) oder Aortenwurzelpathologie (krankhafte Veränderung am Anfang der Hauptschlagader) abgrenzen.
  • Loeys-Dietz-Syndrom (LDS; erbliche Bindegewebserkrankung mit Gefäßrisiko) – autosomal-dominante Bindegewebserkrankung mit Aneurysma- und Dissektionstendenz (Neigung zu Gefäßerweiterungen und Gefäßwandeinrissen); Differenzialdiagnose bei marfanoidem Habitus (marfanähnlichem Körperbau), Hypertelorismus (weitem Augenabstand), bifider Uvula (gespaltenem Gaumenzäpfchen) oder Gaumenspalte sowie Skelettdeformitäten einschließlich Skoliose.
  • Ehlers-Danlos-Syndrome (EDS; erbliche Bindegewebserkrankungen mit Überbeweglichkeit und Gewebebrüchigkeit) – Gruppe hereditärer Bindegewebserkrankungen (erblicher Bindegewebserkrankungen); vor allem bei generalisierter Gelenküberbeweglichkeit (am ganzen Körper bestehender Gelenküberbeweglichkeit), Hautüberdehnbarkeit, Gewebefragilität (Gewebebrüchigkeit), rezidivierenden Subluxationen (wiederkehrenden Teilverrenkungen), chronischen Schmerzen oder vaskulären Warnzeichen (Warnzeichen an Blutgefäßen) berücksichtigen.
  • Neurofibromatose Typ 1 (NF1; erbliche Erkrankung mit Hautzeichen und Nerventumoren) – Tumorprädispositionssyndrom (Krankheitsbild mit erhöhter Tumorneigung) mit Café-au-lait-Flecken (milchkaffeefarbenen Hautflecken), axillärem oder inguinalem Freckling (Sommersprossen in Achsel- oder Leistenregion), Neurofibromen (gutartigen Nervenscheidentumoren) und dystropher oder nichtdystropher Skoliose; bei kurzer, scharfwinkliger Thorakalkrümmung (Brustwirbelsäulenkrümmung), Rippenverschmälerung oder Wirbelkörperdysplasie (Fehlentwicklung der Wirbelkörper) besonders relevant.
  • Noonan-Syndrom (NS; erbliches Fehlbildungssyndrom mit Herz- und Wachstumsbeteiligung) – RASopathie (genetische Störung des RAS-Signalwegs) mit Kleinwuchs, typischer Fazies (Gesichtsform), Pectusdeformität (Brustkorbfehlform), angeborenen Herzfehlern und möglicher Skoliose; bei pulmonaler Klappenstenose (Verengung der Lungenschlagaderklappe), hypertropher Kardiomyopathie (Herzmuskelverdickung) und Entwicklungsauffälligkeiten abgrenzen.
  • VACTERL-Assoziation (VACTERL; Kombination angeborener Fehlbildungen mehrerer Organsysteme) – Kombination aus vertebralen (die Wirbelsäule betreffenden), analen (den After betreffenden), kardialen (das Herz betreffenden), tracheoösophagealen (Luft- und Speiseröhre betreffenden), renalen (die Nieren betreffenden) und Extremitätenanomalien (Fehlbildungen der Arme oder Beine); bei Wirbel-/Rippenfehlbildungen und Multiorganfehlbildungen differenzialdiagnostisch relevant.
  • Trisomie 21 (Down-Syndrom, DS; Chromosomenstörung mit dreifachem Chromosom 21) – Chromosomenanomalie (Veränderung der Erbanlagen) mit ligamentärer Laxität (Bandlockerheit), Hypotonie (verminderter Muskelspannung), kraniozervikaler Instabilität (Instabilität zwischen Schädel und Halswirbelsäule) und möglicher Wirbelsäulendeformität (Wirbelsäulenfehlform); orthopädisch besonders bei Hypotonie, Hüft-/Fußpathologien (krankhaften Veränderungen an Hüfte oder Fuß) und zervikaler Instabilität relevant.
  • Turner-Syndrom (TS; Ullrich-Turner-Syndrom, UTS; Chromosomenstörung bei Mädchen/Frauen) – Monosomie X (Fehlen eines X-Chromosoms) oder Mosaikformen (Mischformen mit unterschiedlichen Zelllinien); Skoliose kann mit Kleinwuchs, Pterygium colli (seitlicher Halsfalte), Schildthorax (breitem schildförmigem Brustkorb), Lymphödem (Lymphflüssigkeitsstauung), Aortenisthmusstenose (Verengung der Hauptschlagaderenge), bikuspider Aortenklappe (zweizipfliger Hauptschlagaderklappe) und Gonadendysgenesie (Fehlentwicklung der Keimdrüsen) kombiniert sein.
  • Prader-Willi-Syndrom (PWS; genetisches Syndrom mit Muskelhypotonie und Essstörung) – genetisches Imprinting-Syndrom (Erkrankung durch gestörte elterliche Genprägung) mit neonataler Hypotonie (verminderter Muskelspannung beim Neugeborenen), später Hyperphagie (krankhaft gesteigertem Essen), Adipositas (Übergewicht), endokrinen Störungen (Hormonstörungen) und erhöhter Skolioseneigung; Verlaufskontrolle wegen häufig progredienter Wirbelsäulendeformität relevant.
  • Angelman-Syndrom (AS; neurogenetisches Entwicklungsstörungssyndrom) – neurogenetisches Syndrom (genetisch bedingtes Nervensystem-Krankheitsbild) mit schwerer Entwicklungsstörung, Ataxie (Koordinationsstörung), Epilepsie (Anfallsleiden), charakteristischem Verhaltensphänotyp (typischem Verhalten) und möglicher Skoliose.
  • Rett-Syndrom (RTT; neurologisches Entwicklungsstörungssyndrom bei Mädchen) – X-chromosomal-dominante (dominant über das X-Chromosom vererbte) neurologische Entwicklungsstörung (Entwicklungsstörung des Nervensystems), meistens bei Mädchen; Skoliose ist häufig progredient und mit Verlust zielgerichteter Handfunktion, Gangstörung, Epilepsie und Atemregulationsstörungen (Störungen der Atemsteuerung) assoziiert.

Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode haben (P00-P96)

  • Posturale kongenitale Säuglingsskoliose (haltungsbedingte angeborene Säuglingsskoliose) – lagebedingte, meistens nichtstrukturelle Krümmung (nicht fixierte Krümmung) im Neugeborenen- oder Säuglingsalter; Abgrenzung zur infantilen idiopathischen Skoliose (IIS; frühkindliche Skoliose ohne erkennbare Ursache) und zur kongenitalen Wirbelfehlbildung erforderlich.
  • Fetale Akinesie-Deformationssequenz (FADS; Fehlbildungsfolge durch verminderte Bewegungen des Ungeborenen) – intrauterin (in der Gebärmutter) reduzierte Kindsbewegungen mit Kontrakturen, Thorax-/Wirbelsäulendeformitäten und respiratorischer Gefährdung (Atemgefährdung); Überschneidung mit Arthrogryposis multiplex congenita (AMC) beachten.

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Homozystinurie (HCU; erbliche Stoffwechselstörung mit erhöhtem Homocystein) – autosomal-rezessive (rezessiv erbliche) Stoffwechselkrankheit mit marfanoidem Habitus, Linsenluxation (Ausrenkung der Augenlinse), Thromboembolieneigung (Neigung zu Blutgerinnseln und Gefäßverschlüssen) und skelettalen Deformitäten (Fehlformen des Skeletts) einschließlich Skoliose oder Kyphose (Rundrücken).
  • Rachitis/Osteomalazie (Knochenerweichung bei Kindern/Erwachsenen) – Mineralisationsstörung des Knochens (Störung der Knocheneinlagerung von Mineralien), zum Beispiel bei Vitamin-D-Mangel oder Phosphatstoffwechselstörung (Störung des Phosphathaushalts); kann Wirbelsäulen- und Extremitätendeformitäten (Fehlstellungen von Armen oder Beinen) mitbedingen.
  • Mukopolysaccharidosen (MPS; lysosomale Speicherkrankheiten) – lysosomale Speicherkrankheiten (Stoffwechselkrankheiten mit Ablagerung nicht abgebauter Substanzen in Zellen) mit Dysostosis multiplex (mehrfachen Knochenfehlbildungen), Kleinwuchs, Gelenksteife, thorakolumbaler Kyphose (Rundrücken im Brust-Lendenwirbelsäulen-Bereich) und möglicher skoliotischer Komponente.

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Skoliotische Fehlhaltung/funktionelle Skoliose (nicht fixierte skolioseähnliche Fehlhaltung) – nichtstrukturelle, lage- oder statikbedingte Krümmung ohne fixe Wirbelrotation (dauerhafte Verdrehung der Wirbel); Differenzialdiagnose vor allem bei Beinlängendifferenz (unterschiedlicher Beinlänge), Beckenschiefstand, Hüftkontraktur (Bewegungseinschränkung der Hüfte durch Gewebeverkürzung) oder antalgischer Schonhaltung (schmerzbedingter Schonhaltung).
  • Infantile idiopathische Skoliose (IIS) – idiopathische Skoliose mit Beginn vor dem 4. Lebensjahr; Abgrenzung zu kongenitalen Wirbelkörperanomalien (angeborenen Wirbelkörperfehlbildungen), spinaler Dysraphie und neuroaxialen Anomalien (Fehlbildungen des Gehirn-Rückenmark-Systems) erforderlich.
  • Juvenile idiopathische Skoliose (JIS; kindliche Skoliose ohne erkennbare Ursache) – idiopathische Skoliose mit Beginn vom 4. bis 10. Lebensjahr; wegen längerer verbleibender Wachstumsphase höheres Progredienzrisiko (Risiko des Fortschreitens) als bei typischer adoleszenter idiopathischer Skoliose (AIS).
  • Adoleszente idiopathische Skoliose (AIS) – häufigste strukturelle Skolioseform im Wachstumsalter, Beginn in der Pubertät, ohne erkennbare spezifische Ursache; klinisch typischerweise ohne neurologische Ausfälle.
  • Erwachsenenskoliose/de-novo-degenerative Skoliose (neu entstandene verschleißbedingte Skoliose im Erwachsenenalter) – sekundäre Skoliose im Erwachsenenalter durch Bandscheiben- und Facettengelenkdegeneration (Verschleiß der Bandscheiben und kleinen Wirbelgelenke), Rotationssubluxation (verdrehte Teilverrenkung), Osteoporose (Knochenschwund) oder degenerative Spinalkanalstenose (verschleißbedingte Verengung des Wirbelkanals).
  • Morbus Scheuermann (Scheuermann-Krankheit) – juvenile Osteochondrose (Wachstumsstörung der Wirbelsäule) mit struktureller Hyperkyphose (fixiertem Rundrücken); relevante Differenzialdiagnose bei sagittaler Deformität (Fehlform in der Seitenansicht) und begleitender skoliotischer Komponente.
  • Fibrodysplasia ossificans progressiva (FOP; Münchmeyer-Syndrom; fortschreitende Verknöcherung von Weichteilen) – sehr seltene genetische Erkrankung mit progressiver heterotoper Ossifikation (fortschreitender Knochenbildung außerhalb des Skeletts); Skoliose oder Thoraxdeformität kann durch extraossäre Verknöcherungen (Knochenbildung außerhalb des Skeletts) und Bewegungseinschränkung entstehen.

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Neuromuskuläre Skoliose (NMS; Skoliose durch Nerven- oder Muskelerkrankungen) – Sammelbegriff für Skoliosen bei Erkrankungen des Gehirns, Rückenmarks, peripheren Nervensystems (außerhalb von Gehirn und Rückenmark liegenden Nervensystems), der neuromuskulären Übertragung (Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel) oder Muskulatur; meistens langbogig, früh beginnend, rasch progredient und mit Beckenschiefstand oder Sitzbalanceproblem assoziiert.
  • Infantile Zerebralparese (IZP; frühkindliche Hirnschädigung mit Bewegungsstörung) – zentrale Bewegungsstörung mit spastischer, dyskinetischer oder ataktischer Komponente (Muskelverkrampfung, unwillkürlicher Bewegung oder Koordinationsstörung); Skolioserisiko steigt mit dem Ausmaß der motorischen Einschränkung (Bewegungseinschränkung).
  • Spinale Muskelatrophie (SMA; erbliche Muskelschwunderkrankung durch Nervenzellverlust im Rückenmark), einschließlich Werdnig-Hoffmann-Erkrankung (SMA Typ 1) – genetische Vorderhornerkrankung (Erkrankung bestimmter Nervenzellen im Rückenmark) mit progredienter Muskelschwäche; hohe Skolioseneigung insbesondere bei nicht gehfähigen Patienten.
  • Duchenne-Muskeldystrophie (DMD; erbliche Muskelschwunderkrankung) – X-chromosomale Dystrophinopathie (Erkrankung durch Störung des Muskelproteins Dystrophin); Skoliose vor allem nach Verlust der Gehfähigkeit und bei respiratorischer Beteiligung relevant.
  • Friedreich-Ataxie (FA; Morbus Friedreich; erbliche Koordinationsstörung) – autosomal-rezessive neurodegenerative Erkrankung (erbliche Erkrankung mit fortschreitendem Nervenzellabbau) mit Ataxie, Pyramidenbahnzeichen (Zeichen einer Schädigung bestimmter Bewegungsbahnen), Kardiomyopathie und hoher Skolioseprävalenz (Häufigkeit von Skoliose).
  • Syringomyelie – Liquor-gefüllte Höhlenbildung (mit Nervenwasser gefüllte Höhlenbildung) im Rückenmark; Differenzialdiagnose bei atypischer Kurve, asymmetrischen Reflexen, dissoziierten Sensibilitätsstörungen (unterschiedlich betroffenen Gefühlsqualitäten), Paresen oder begleitender Chiari-I-Malformation (CM-I).
  • Myelodysplasie/Spina bifida (SB; Fehlentwicklung von Rückenmark und Wirbelsäule) – neurogene Skoliose bei spinaler Dysraphie; häufig mit Paresen, Sensibilitätsstörungen, Fußdeformitäten sowie Blasen-/Darmfunktionsstörung verbunden.
  • Postparalytische Skoliose (nach Lähmung entstandene Skoliose) – Skoliose nach Poliomyelitis (Kinderlähmung), Rückenmarkverletzung, Querschnittlähmung oder anderen erworbenen Paresen; Progression hängt von Wachstumsalter, Restmotorik (verbliebener Bewegungsfähigkeit), Sitzbalance und Rumpfkontrolle ab.

Neubildungen (C00-D48)

  • Intraspinale Tumoren (Geschwülste im Wirbelkanal) – intramedulläre oder extramedulläre Tumoren (im Rückenmark oder außerhalb des Rückenmarks gelegene Geschwülste) können schmerzhafte, rasch progrediente oder atypische Skoliose verursachen; Warnzeichen sind Nacht-/Ruheschmerz, neurologische Ausfälle und rigide Krümmungsmuster.
  • Primäre Knochentumoren oder tumorähnliche Läsionen der Wirbelsäule (ursprünglich im Knochen entstandene Geschwülste oder geschwulstähnliche Veränderungen der Wirbelsäule) – Osteoidosteom (gutartiger knochenbildender Tumor), Osteoblastom (gutartiger Knochentumor), Ewing-Sarkom (bösartiger Knochentumor), Langerhans-Zell-Histiozytose (LCH; seltene Erkrankung mit Vermehrung bestimmter Immunzellen) oder andere Läsionen (Gewebeveränderungen); differenzialdiagnostisch bei Schmerzskoliose (schmerzbedingter Skoliose), lokaler Druckschmerzhaftigkeit und systemischen Zeichen (Allgemeinzeichen).

Infektionen (A00-B99)

  • Spondylodiszitis/vertebrale Osteomyelitis (Entzündung von Bandscheibe und Wirbelkörper/Knochenentzündung der Wirbelsäule) – Schmerz, Fieber, erhöhte Entzündungsparameter (erhöhte Entzündungswerte) und Schonhaltung; kann eine antalgische skoliotische Fehlhaltung oder sekundäre Deformität verursachen.
  • Tuberkulöse Spondylitis (Morbus Pott; Wirbelsäulentuberkulose) – destruierende Infektion (zerstörende Infektion) mit Gibbus (spitzwinkligem Buckel), kyphotischer Deformität (Rundrückenfehlform), gegebenenfalls paravertebralem Abszess (Eiteransammlung neben der Wirbelsäule) und neurologischer Kompression (Druck auf Nervenstrukturen); bei entsprechender Risikokonstellation abzugrenzen.

Verletzungen, Vergiftungen und bestimmte andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Posttraumatische Skoliose (Skoliose nach Verletzung) – nach Wirbelfraktur (Wirbelbruch), Wachstumsfugenverletzung, posttraumatischer Lähmung (Lähmung nach Verletzung) oder Fehlheilung; bei lokalem Schmerz, segmentaler Kyphose/Skoliose (abschnittsbezogenem Rundrücken/abschnittsbezogener Skoliose) und neurologischen Defiziten (Ausfällen des Nervensystems) abzugrenzen.
  • Iatrogene/postoperative Skoliose (durch medizinische Maßnahmen oder nach einer Operation entstandene Skoliose) – nach Laminektomie (operativer Entfernung eines Wirbelbogenanteils), Thorakotomie (operativer Eröffnung des Brustkorbs), Tumorresektion (operativer Tumorentfernung) oder asymmetrischer Wachstumsstörung; relevant bei Operationsanamnese (Vorgeschichte mit Operation) und lokaler Narben-/Segmentproblematik (Problemen im Narben- oder Wirbelsäulenabschnittsbereich).