Sjögren-Syndrom – Medikamentöse Therapie
Handelt es sich um ein sekundäres Sjögren-Syndrom (sSS) (Sjögren-Erkrankung zusammen mit einer anderen Grunderkrankung), steht neben der Behandlung der Sjögren-Manifestationen die Therapie der zugrunde liegenden Erkrankung im Vordergrund. Die medikamentöse Behandlung richtet sich nach den Beschwerden, der verbleibenden Drüsenfunktion und einer gegebenenfalls bestehenden entzündlichen Organbeteiligung.
Therapieziele
- Linderung der Augen- und Mundtrockenheit sowie Verbesserung der Lebensqualität.
- Schutz der Augenoberfläche und Vermeidung oraler Folgeschäden.
- Behandlung entzündlicher Gelenkmanifestationen und aktiver systemischer Organmanifestationen.
- Begrenzung arzneimittelbedingter Risiken durch indikationsgerechte Auswahl und regelmäßige Kontrolle der Behandlung.
Therapieempfehlungen
- Interdisziplinäre Behandlung: Die Behandlung soll in Zusammenarbeit mit rheumatologischen Fachzentren, Augenheilkunde und Zahnmedizin erfolgen. Eine belastende Sicca-Symptomatik (Beschwerden durch trockene Augen und trockenen Mund) ist für sich genommen keine Indikation für eine systemische Immunsuppression (medikamentöse Unterdrückung der körpereigenen Abwehr im gesamten Körper) [LL1, LL2].
- Augentrockenheit:
- Tränenersatzmittel sowie Augengele oder Augensalben bilden die Basistherapie. Bei häufiger Anwendung sind konservierungsmittelfreie Präparate zu bevorzugen [2].
- Bei schwerer Keratitis (Hornhautentzündung) trotz Tränenersatz kann topisches Ciclosporin eingesetzt werden. Entscheidend ist die Behandlung der Entzündung der Augenoberfläche; eine zuverlässig nachgewiesene Wiederherstellung der Tränenproduktion ist daraus nicht abzuleiten [FI1].
- Bei unzureichendem Ansprechen kommen unter augenärztlicher Betreuung autologe Serum-Augentropfen infrage. Herstellung, Kühlung und hygienische Handhabung erfordern besondere Sorgfalt [2].
- Glucocorticoid-Augentropfen sind ausgewählten entzündlichen Situationen und kurzen, augenärztlich kontrollierten Behandlungsphasen vorbehalten [2].
- Mundtrockenheit:
- Bei vorhandener Speichelsekretion können zuckerfreie Kaugummis oder Lutschpräparate die Restfunktion stimulieren. Säurehaltige Produkte sind wegen möglicher Zahnschäden ungünstig [2].
- Bei ausgeprägten Beschwerden und verbleibender Drüsenfunktion ist ein Therapieversuch mit Pilocarpin sinnvoll. Randomisierte Studien belegen eine Verbesserung der subjektiven Mundtrockenheit und des Speichelflusses; cholinerge Nebenwirkungen begrenzen häufig die Anwendung [3].
- Bei fehlender oder nur minimaler Restfunktion sind Speichelersatzmittel besonders wichtig. Sie können auch ergänzend zu einer sekretionsfördernden Behandlung verwendet werden. Eine gesicherte Überlegenheit von Muzinen gegenüber Cellulosederivaten besteht nicht [2].
- Cevimelin ist eine durch Studien gestützte Alternative zur Behandlung der Mundtrockenheit, steht jedoch in Deutschland nicht als regulär zugelassenes Präparat zur Verfügung. Eine Anwendung erfordert eine individuelle Prüfung eines rechtlich zulässigen Imports [LL2, FI3].
- Bromhexin und Anetholtrithion sind keine gleichwertigen Alternativen zu Pilocarpin. EULAR nennt sie allenfalls als Ausweichoptionen bei fehlenden Alternativen; die zugrunde liegenden Studien sind methodisch begrenzt und berichten überwiegend geringe Effekte [LL1].
- Speichelersatz und Sekretionsförderung ersetzen keine regelmäßige zahnärztliche Betreuung, Fluoridprophylaxe und Behandlung oraler Infektionen (Infektionen im Mundraum) [LL2].
- Schmerzen und Fatigue (anhaltende ausgeprägte Erschöpfung):
- Entzündliche Arthritis (Gelenkentzündung) ist von Arthralgien (Gelenkschmerzen) ohne objektive Entzündung und chronischen nicht entzündlichen Schmerzen zu unterscheiden. Eine Intensivierung der Immunsuppression allein wegen chronischer Schmerzen ist nicht begründet.
- Analgetika beziehungsweise nichtsteroidale Antirheumatika können bei akuten muskuloskelettalen Beschwerden kurzzeitig und unter Berücksichtigung gastrointestinaler, renaler und kardiovaskulärer Risiken eingesetzt werden.
- Bei Fatigue sind behandelbare Begleiterkrankungen und Arzneimittelwirkungen zu prüfen. Fatigue allein rechtfertigt keine Behandlung mit systemischen Glucocorticoiden oder Biologika [LL1, LL2].
- Hydroxychloroquin – Indikation und Evidenz:
- In der JOQUER-Studie mit 120 Patienten zeigte Hydroxychloroquin nach 24 Wochen gegenüber Placebo keinen Vorteil für den kombinierten primären Endpunkt aus Trockenheit, Schmerzen und Fatigue [4].
- Hydroxychloroquin ist daher keine Standardtherapie zur Behandlung isolierter Augen- oder Mundtrockenheit. Eine Senkung von Immunglobulinen oder anderen Laborwerten ist nicht mit einem gesicherten klinischen Nutzen gleichzusetzen [4, LL1].
- Ein individueller Therapieversuch kann bei wiederkehrenden entzündlich geprägten Gelenkbeschwerden beziehungsweise ausgewählten systemischen Symptomen erwogen werden. Die BSR-Leitlinie nennt bei ausgeprägter Fatigue und systemischen Symptomen einen Versuch über 6 bis 12 Monate; dies ist eine Empfehlung bei begrenzter Evidenz und kein Wirksamkeitsnachweis für Fatigue als isoliertes Symptom [LL2].
- Behandlungsziel und Zeitpunkt der Erfolgskontrolle sollen vor Beginn festgelegt werden. Ohne relevanten klinischen Nutzen ist die Fortführung zu überprüfen. Die Anwendung beim isolierten Sjögren-Syndrom erfolgt außerhalb der zugelassenen Indikation; bei begleitender rheumatoider Arthritis (chronisch entzündlicher rheumatischer Gelenkerkrankung) oder systemischem Lupus erythematodes (Autoimmunerkrankung mit möglicher Beteiligung verschiedener Organe) kann eine eigenständige zugelassene Indikation bestehen [FI5].
- Aktive systemische Erkrankung:
- Die Behandlung wird von Beginn an organspezifisch festgelegt. Sie ist keine starre Abfolge, bei der ein organspezifischer Ansatz erst nach Glucocorticoiden, Immunsuppressiva und Biologika beginnt.
- Systemische Glucocorticoide sind bei ausgewählten aktiven entzündlichen Manifestationen, beispielsweise Vaskulitis (Entzündung von Blutgefäßen) oder relevanter Organbeteiligung, einsetzbar. Dosis und Dauer sollen auf das erforderliche Minimum begrenzt werden.
- Bei anhaltender Behandlungsbedürftigkeit kommen je nach Organmanifestation steroidsparende Arzneimittel wie Methotrexat, Azathioprin oder Mycophenolat infrage. Die Evidenz ist organspezifisch und insgesamt begrenzt; eine allgemeine Wirksamkeit gegen Sicca-Symptome ist nicht belegt.
- Rituximab kann bei schweren, therapierefraktären systemischen Manifestationen, insbesondere kryoglobulinämischer Vaskulitis (Gefäßentzündung durch bei Kälte ausfallende Eiweißstoffe), in einem Fachzentrum erwogen werden. Für die routinemäßige Behandlung von Trockenheit oder Fatigue ist ein Nutzen nicht ausreichend belegt. Die Anwendung bei Sjögren-Organmanifestationen erfolgt in der Regel außerhalb der zugelassenen Indikation [LL1, LL2].
- Bei einem Non-Hodgkin-Lymphom (bösartige Erkrankung des lymphatischen Systems) richtet sich die Therapie nach histologischem Subtyp und Stadium. Rituximab ist Bestandteil geeigneter Lymphomregime und keine pauschale Therapie sämtlicher schwerer Sjögren-Verläufe.
Weitere Hinweise – Studienwirkstoffe und Zulassungsstatus
Die Aussage, dass für sämtliche DMARD oder Biologika keine Wirksamkeit in randomisierten Studien gezeigt werden konnte, ist zu pauschal. Ergebnisse müssen nach Wirkstoff, untersuchter Patientengruppe und Endpunkt beurteilt werden. Positive Studienergebnisse begründen jedoch nicht automatisch eine Zulassung oder einen Therapiestandard.
- Telitacicept: Das Fusionsprotein hemmt BAFF und APRIL. Die beim ACR-Kongress 2025 vorgestellte Phase-3-Studie berichtete eine signifikante Abnahme der systemischen Krankheitsaktivität nach dem ESSDAI in Woche 24 [1]. Nach einer Hersteller-/Entwicklermitteilung wurde Telitacicept im Juni 2026 in China für Erwachsene mit Sjögren-Erkrankung zugelassen. Für Deutschland beziehungsweise die EU lässt sich daraus keine Zulassung ableiten; die globale Phase-3-Entwicklung läuft weiter. Telitacicept ist deshalb hier keine etablierte Standardtherapie [5].
- Ianalumab: Für den gegen den BAFF-Rezeptor gerichteten Antikörper wurden positive Ergebnisse der Phase-3-Studien NEPTUNUS-1 und NEPTUNUS-2 berichtet. Die im Januar 2026 erteilte FDA-Breakthrough-Therapy-Designation ist ein beschleunigender regulatorischer Status und keine Arzneimittelzulassung. Eine routinemäßige Anwendung lässt sich daraus nicht ableiten [6].
- Dazodalibep: Für die Hemmung des CD40-Liganden wurde im September 2026 nach Herstellerangaben ein positiver primärer Endpunkt der Phase-3-Studie OASIZ-301 bei systemisch aktiver Erkrankung gemeldet. Vollständige publizierte Daten und die regulatorische Bewertung sind von einer solchen Ergebnismitteilung zu unterscheiden [7].
- Einordnung: Studienwirkstoffe gehören bis zur entsprechenden Zulassung und fachlichen Einordnung in kontrollierte Studien beziehungsweise gesondert geregelte Zugangsprogramme. Sie werden nachfolgend nicht mit Dosierungsempfehlungen für die Routineversorgung aufgeführt.
Wirkstoffe – Tränenersatzmittel
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Natriumhyaluronat, Hypromellose oder Carmellose | Konservierungsmittelfreie Präparate bei häufiger Anwendung bevorzugen. Auswahl nach Verträglichkeit und Benetzungswirkung [2]. |
| Carbomerhaltige Augengele beziehungsweise geeignete Augensalben | Vorübergehend verschwommenes Sehen möglich. Präparatespezifische Hinweise zu Kontaktlinsen beachten [2]. |
- Wirkweise: Benetzung und Stabilisierung des Tränenfilms; Verminderung der Reibung an der Augenoberfläche.
- Indikationen: Symptomatische Behandlung der Augentrockenheit.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Bestandteile; weitere Einschränkungen sind präparatespezifisch.
- Nebenwirkungen: Vorübergehendes Brennen, Reizung und verschwommenes Sehen; Unverträglichkeit gegenüber Konservierungsmitteln.
Wirkstoffe – Topische Immunmodulation am Auge
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ciclosporin, beispielsweise Ikervis 1 mg/ml | Zugelassen für schwere Keratitis bei Erwachsenen mit trockenem Auge, die sich trotz Tränenersatz nicht gebessert hat. Augenärztliche Verordnung und Verlaufskontrolle; Fortführungsbedarf mindestens alle 6 Monate prüfen. Andere Augentropfen mit mindestens 15 Minuten Abstand anwenden; Ikervis zuletzt [FI1]. |
- Wirkweise: Hemmung der T-Zell-vermittelten Entzündung an der Augenoberfläche.
- Indikationen: Schwere Keratitis im Rahmen eines trockenen Auges trotz Tränenersatz [FI1].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit, aktive oder vermutete okuläre beziehungsweise periokuläre Infektion (Infektion am Auge beziehungsweise in seiner Umgebung) [FI1].
- Nebenwirkungen: Augenschmerzen, Augenreizung, Tränenfluss und Rötung [FI1].
Wirkstoffe – Sekretionsfördernde Muscarinrezeptoragonisten
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Pilocarpin | Restfunktion der Drüsen erforderlich. Bei fehlender Besserung nach 2 bis 3 Monaten absetzen. Dehydratationsrisiko (Risiko einer Austrocknung des Körpers) bei starkem Schwitzen beachten [3, FI2]. |
| Cevimelin | US-Zulassung zur symptomatischen Behandlung der Mundtrockenheit bei Sjögren-Syndrom; keine reguläre deutsche Zulassung. Nicht mit Pilocarpin kombinieren, da additive cholinerge Wirkungen zu erwarten sind [FI3]. |
- Wirkweise: Stimulation muscarinischer Acetylcholinrezeptoren und dadurch Förderung der exokrinen Sekretion; Cevimelin besitzt eine bevorzugte Wirkung an M1- und M3-Rezeptoren [FI2, FI3].
- Indikationen: Belastende Mundtrockenheit bei erhaltener Restfunktion. Pilocarpin kann auch subjektive Augenbeschwerden lindern; eine verlässliche Verbesserung sämtlicher objektiver Augenparameter ist nicht belegt [3, FI2, FI3].
- Kontraindikationen: Für beide Wirkstoffe Überempfindlichkeit und unkontrolliertes Asthma bronchiale (Atemwegserkrankung mit anfallsweiser Verengung der Bronchien). Pilocarpin zusätzlich bei klinisch bedeutsamen unkontrollierten Herz-Kreislauf- oder Nierenerkrankungen sowie bei Erkrankungen, bei denen cholinerge Agonisten ein erhöhtes Risiko verursachen; außerdem bei unerwünschter Miosis (Verengung der Pupille), beispielsweise akuter Iritis (Entzündung der Regenbogenhaut). Cevimelin ist bei akuter Iritis und Engwinkelglaukom (Form des grünen Stars mit verengtem Abflusswinkel im Auge) kontraindiziert. Weitere Begleiterkrankungen erfordern eine individuelle Nutzen-Risiko-Prüfung [FI2, FI3].
- Nebenwirkungen: Schwitzen, Übelkeit, Diarrhö (Durchfall), vermehrter Harndrang, Rhinitis (Entzündung der Nasenschleimhaut) und Sehstörungen; mögliche Bronchokonstriktion (Verengung der Bronchien) sowie Veränderungen von Herzfrequenz und Blutdruck [FI2, FI3].
Wirkstoffe – Sekretionsfördernde Ausweichoptionen mit schwacher Evidenz
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Bromhexin | Die Dosierung aus der Atemwegsindikation ist keine validierte Sjögren-Dosierung. Anwendung zur Sekretionsförderung beim Sjögren-Syndrom außerhalb der zugelassenen Indikation; kein routinemäßiger Einsatz [LL1, FI4]. |
| Anetholtrithion | Choleretischer Wirkstoff mit historischen Daten zur Speichelstimulation; kein direktes Parasympathomimetikum und kein etablierter Therapiestandard. Zulassung, Verfügbarkeit und Produktinformation des konkreten Präparats müssen gesondert geprüft werden [LL1]. |
- Wirkweise: Bromhexin wirkt sekretolytisch in den Atemwegen; eine klinisch relevante Speichel- oder Tränenstimulation ist nur unzureichend belegt. Anetholtrithion besitzt choleretische Eigenschaften und wurde zur Speichelstimulation untersucht [LL1, FI4].
- Indikationen: Allenfalls individueller Ausweichversuch bei Versagen oder Unverträglichkeit besser belegter Optionen; keine allgemeine Empfehlung zur Behandlung der Sicca-Symptomatik [LL1].
- Kontraindikationen: Bromhexin: Überempfindlichkeit und Stillzeit; bei Ulkusanamnese (früheren Magen- oder Darmgeschwüren), relevanter Leber- oder Nierenfunktionsstörung besondere Vorsicht. Bei Anetholtrithion sind die Gegenanzeigen des konkret verfügbaren Präparats maßgeblich [FI4].
- Nebenwirkungen: Bromhexin: gastrointestinale Beschwerden und Überempfindlichkeitsreaktionen, einschließlich schwerer Hautreaktionen. Die Sicherheitsdaten zu Anetholtrithion bei Sjögren-Syndrom sind begrenzt [FI4].
Wirkstoffe – Speichelersatzmittel
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Carboxymethylcellulose beziehungsweise Carmellose | Symptomatische Befeuchtung; neutralen pH-Wert und Verträglichkeit berücksichtigen [2]. |
| Muzine | Keine gesicherte generelle Überlegenheit gegenüber anderen Speichelersatzmitteln [2]. |
| Sorbitolhaltige Speichelersatzpräparate | Sorbitol ist ein Bestandteil bestimmter Formulierungen, kein eigenständiges Sialagogum. Die Verträglichkeit hängt unter anderem von Konzentration und verschluckter Menge ab. |
- Wirkweise: Befeuchtung und Gleitwirkung an der Mundschleimhaut ohne Wiederherstellung der Speicheldrüsenfunktion.
- Indikationen: Mundtrockenheit, insbesondere bei geringer oder fehlender Restsekretion; ergänzend auch bei unzureichendem Effekt von Sekretionsförderern [2].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Bestandteile. Bei hereditärer Fructoseintoleranz (angeborener Störung des Fruchtzuckerabbaus) sorbitolhaltige Präparate vermeiden beziehungsweise die Produktinformation beachten. Gegenanzeigen oraler Sorbitol-Laxanzien dürfen nicht pauschal auf sämtliche Speichelersatzmittel übertragen werden.
- Nebenwirkungen: Lokale Unverträglichkeit, unangenehmer Geschmack oder klebriges Mundgefühl; bei Verschlucken größerer Sorbitolmengen gegebenenfalls Flatulenz (Blähungen) und Diarrhö.
Wirkstoffe – Konventionelle Immunmodulation
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Hydroxychloroquin | Keine Routinebehandlung isolierter Sicca-Symptome. Gezielter Therapieversuch bei geeigneter entzündlicher Manifestation; augenärztliche Ausgangsuntersuchung und risikoadaptierte Verlaufskontrollen. Nierenfunktion, Begleitmedikation und Retinopathierisiko (Risiko einer Netzhautschädigung) beachten [4, LL2, LL3, FI5]. |
- Wirkweise: Immunmodulation unter anderem durch Beeinflussung lysosomaler Funktionen und angeborener Immunaktivierung.
- Indikationen: Ausgewählte entzündliche Gelenk- beziehungsweise systemische Beschwerden nach individueller Beurteilung; beim isolierten Sjögren-Syndrom außerhalb der zugelassenen Indikation. Keine gesicherte Wirksamkeit gegen die Gesamtheit von Trockenheit, Schmerzen und Fatigue [4, LL2, FI5].
- Kontraindikationen: Präparatespezifisch unter anderem Überempfindlichkeit gegen 4-Aminochinoline, vorbestehende Retinopathie (Netzhauterkrankung) oder Makulopathie (Erkrankung der Stelle des schärfsten Sehens), Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel (angeborener Enzymmangel mit erhöhter Empfindlichkeit der roten Blutkörperchen) und Erkrankungen des blutbildenden Systems; weitere Gegenanzeigen einschließlich Stillzeit gemäß deutscher Quensyl-Fachinformation beachten [FI5].
- Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden, Hautreaktionen und Retinopathie; außerdem Hypoglykämie (Unterzuckerung), Myopathie (Muskelerkrankung) sowie selten schwerwiegende kardiale oder hämatologische Reaktionen. QT-verlängernde Begleitmedikation und kardiale Risikofaktoren berücksichtigen [FI5].
Beachte
- Erfolgskontrolle: Symptomlinderung, Funktionsverbesserung und Kontrolle entzündlicher Manifestationen sind die maßgeblichen Behandlungsziele. Eine isolierte Veränderung von Laborwerten rechtfertigt keine unbegrenzte Therapie.
- Flüssigkeitszufuhr: Eine ausreichende, an Herz- und Nierenfunktion angepasste Flüssigkeitszufuhr ist sinnvoll. Eine starre Trinkvorgabe von mehr als 1,5 l/Tag ist keine spezifisch belegte Sjögren-Therapie.
- Arzneimittelprüfung: Medikamente mit anticholinerger Wirkung können Trockenheit verstärken und die Wirkung von Sekretionsförderern vermindern. Eine Überprüfung der Begleitmedikation gehört zur Behandlung [FI2, FI3].
- Retinopathieprävention: Bei Hydroxychloroquin sind angemessene Dosierung und strukturiertes augenärztliches Screening erforderlich. Nierenfunktionsstörung, Tamoxifen und längere Therapiedauer erhöhen das Risiko. Bei erhöhtem Risiko sollen Kontrollen frühzeitig intensiviert werden [LL3].
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für die Gesundheit der Augen sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, B2, B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Spurenelemente (Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA); Omega-6-Fettsäure: Gamma-Linolensäure (GLA))
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Lutein, Zeaxanthin, Anthocyanidine aus Heidelbeer-Extrakt)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungen
- AAO: American Academy of Ophthalmology; US-amerikanische augenärztliche Fachgesellschaft.
- ACR: American College of Rheumatology; US-amerikanische rheumatologische Fachgesellschaft.
- APRIL: A proliferation-inducing ligand; Signalstoff zur Unterstützung bestimmter Immunzellen.
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
- BAFF: B-cell activating factor; Signalstoff zur Unterstützung von B-Zellen.
- BASG: Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen, Österreich.
- BSR: British Society for Rheumatology; britische rheumatologische Fachgesellschaft.
- DHA: Docosahexaensäure.
- DMARD: Disease-modifying antirheumatic drugs; krankheitsmodifizierende antirheumatische Arzneimittel.
- EMA: European Medicines Agency; Europäische Arzneimittel-Agentur.
- EPA: Eicosapentaensäure.
- ESSDAI: EULAR Sjögren’s Syndrome Disease Activity Index; Bewertung der systemischen Krankheitsaktivität.
- EU: Europäische Union.
- EULAR: European Alliance of Associations for Rheumatology; europäischer Zusammenschluss rheumatologischer Fachgesellschaften.
- FDA: Food and Drug Administration; US-amerikanische Arzneimittelbehörde.
- FI: Fachinformation.
- GLA: Gamma-Linolensäure.
- JOQUER: Studienname der randomisierten Untersuchung von Hydroxychloroquin beim primären Sjögren-Syndrom.
- LL: Leitlinie beziehungsweise Fachgesellschaftsempfehlung.
- NMPA: National Medical Products Administration; chinesische Arzneimittelbehörde.
- QT: Zeitabschnitt im Elektrokardiogramm, der die elektrische Erregung und Erholung der Herzkammern abbildet.
- sSS: Sekundäres Sjögren-Syndrom.
- US: United States; Vereinigte Staaten von Amerika.
Literatur
- Xu D et al.: Efficacy and Safety of Telitacicept in Patients with Sjögren’s Disease: Results from a Multicenter, Randomized, Double-blind, Placebo-controlled, Phase 3 Clinical Study. ACR Convergence 2025; Abstract LB19. Kongressabstract.
- Brito-Zerón P et al.: Efficacy and safety of topical and systemic medications: a systematic literature review informing the EULAR recommendations for the management of Sjögren’s syndrome. RMD Open. 2019;5:e001064. doi: 10.1136/rmdopen-2019-001064.
- Vivino FB et al.: Pilocarpine tablets for the treatment of dry mouth and dry eye symptoms in patients with Sjögren syndrome: a randomized, placebo-controlled, fixed-dose, multicenter trial. Arch Intern Med. 1999;159(2):174 bis 181. doi: 10.1001/archinte.159.2.174.
- Gottenberg JE et al.: Effects of hydroxychloroquine on symptomatic improvement in primary Sjögren syndrome: the JOQUER randomized clinical trial. JAMA. 2014;312(3):249 bis 258. doi: 10.1001/jama.2014.7682.
- Vor Bio und RemeGen: Telitacicept Receives NMPA Approval for the Treatment of Sjögren’s Disease in China. 8. Juni 2026. Hersteller-/Entwicklermitteilung; keine begutachtete Studienpublikation. Mitteilung.
- Novartis: Novartis ianalumab receives FDA Breakthrough Therapy designation for Sjögren’s disease. 16. Januar 2026. Herstellermitteilung; keine Arzneimittelzulassung. Mitteilung.
- Amgen: Amgen announces positive topline phase 3 results for dazodalibep in moderate-to-severe systemic Sjögren’s disease. 22. September 2026. Herstellermitteilung; keine vollständige begutachtete Studienpublikation. Mitteilung.
Leitlinien
- Ramos-Casals M et al.: EULAR recommendations for the management of Sjögren’s syndrome with topical and systemic therapies. Ann Rheum Dis. 2020;79(1):3 bis 18. Internationale Empfehlungen; keine AWMF-S-Klassifikation. doi: 10.1136/annrheumdis-2019-216114. Volltext [LL1].
- Price EJ et al.: British Society for Rheumatology guideline on management of adult and juvenile onset Sjögren disease. Online veröffentlicht April 2024; Rheumatology. 2025;64(2):409 bis 439. Internationale Leitlinie; keine AWMF-S-Klassifikation. doi: 10.1093/rheumatology/keae152. Volltext [LL2].
- Marmor MF et al.: Special AAO Report: Recommendations on Screening for Hydroxychloroquine Retinopathy (2025 Revision). Ophthalmology. Online veröffentlicht 2025. Fachgesellschaftsempfehlungen; keine AWMF-S-Klassifikation. doi: 10.1016/j.ophtha.2025.11.001. Empfehlungen [LL3].
Fachinformationen
- Ikervis 1 mg/ml Augentropfen, Emulsion; Ciclosporin. Europäische Produktinformation, einschließlich Fachinformation. EMA-Produktinformation [FI1].
- Salagen 5 mg Filmtabletten; Pilocarpinhydrochlorid. Fachinformation, österreichische Zulassungsbehörde BASG. Bei Verordnung ist zusätzlich die Produktinformation des tatsächlich abgegebenen Präparats maßgeblich. Fachinformation [FI2].
- Cevimeline hydrochloride capsules, 30 mg. US Prescribing Information, DailyMed. Keine deutsche Fachinformation. US-Produktinformation [FI3].
- Bromhexin 8 Berlin-Chemie, überzogene Tabletten. Fachinformation, September 2023. Fachinformation [FI4].
- Quensyl 200 mg Filmtabletten; Hydroxychloroquinsulfat. Deutsche Fachinformation. Fachinformation [FI5].