Kniearthrose (Gonarthrose) – Analgetika (Schmerzmittel), Antiphlogistika (entzündungshemmende Medikamente) und Glukokortikoide
Therapieziele
- Schmerzlinderung: Verringerung belastungsabhängiger Schmerzen und entzündlicher Beschwerden.
- Verbesserung der Funktion: Erhalt von Beweglichkeit, Gehleistung, Alltagsaktivität und Lebensqualität.
- Unterstützung der Bewegungstherapie: Ermöglichung eines regelmäßigen, individuell angepassten Trainings.
- Minimierung von Arzneimittelrisiken: Auswahl nach Begleiterkrankungen und Begleitmedikation; niedrigste wirksame Dosis über den kürzest erforderlichen Zeitraum.
Die medikamentöse Behandlung ist überwiegend symptomatisch. Für die hier dargestellten Arzneimittel ist eine verlässliche Verhinderung des Fortschreitens der Gonarthrose oder eines späteren Gelenkersatzes nicht nachgewiesen. Die Bezeichnung „Chondroprotektiva“ darf deshalb nicht mit einem gesicherten klinischen Knorpelschutz gleichgesetzt werden [LL1, LL3].
Therapieempfehlungen
Die Arzneitherapie ergänzt Patientenschulung, Bewegungstherapie, Muskelkräftigung und gegebenenfalls Gewichtsreduktion. Die Behandlung richtet sich nach Beschwerden, entzündlicher Aktivierung, Funktionsbeeinträchtigung und individuellem Risiko; ein automatisches WHO-Stufenschema bis zu starken Opioiden ist für Gonarthrose ungeeignet [8, LL1, LL2].
- Diagnose und Behandlungsvoraussetzungen prüfen: Ein akut stark schmerzhaftes, überwärmtes oder geschwollenes Knie erfordert die Abgrenzung einer Gelenkinfektion und einer Kristallarthritis (Gelenkentzündung durch abgelagerte Kristalle). Bei entsprechendem Verdacht ist eine zeitnahe Gelenkpunktion (Entnahme von Gelenkflüssigkeit mit einer Nadel) erforderlich; vor Ausschluss einer Infektion keine intraartikuläre Glukokortikoidinjektion (Spritze in das Gelenk). Neue oder ungewöhnlich starke Beschwerden dürfen nicht allein der bekannten Arthrose (Gelenkverschleiß) zugeschrieben werden [FI7].
- Erste medikamentöse Wahl: Bei behandlungsbedürftigen Schmerzen zunächst ein topisches nichtsteroidales Antirheumatikum (NSAR) einsetzen, beispielsweise Diclofenac. Bei unzureichender Wirkung Anwendung, Verträglichkeit und Diagnose überprüfen [LL1, LL2].
- Orale NSAR bei unzureichender lokaler Behandlung: Ein einzelnes nichtselektives NSAR oder ein selektiver COX-2-Hemmer kommt infrage, wenn Nutzen und individuelles gastrointestinales, kardiovaskuläres und renales Risiko dies erlauben. Mehrere systemische NSAR nicht kombinieren. Die zusätzliche Anwendung eines topischen NSAR ist keine routinemäßige Eskalationsstrategie [LL2, FI2, FI3, FI4].
- Gastroprotektion und Überwachung: Bei erhöhtem gastrointestinalem Risiko einen Protonenpumpenhemmer ergänzen. NICE empfiehlt eine Gastroprotektion während einer oralen NSAR-Therapie grundsätzlich. Nierenfunktion, Blutdruck, Flüssigkeitshaushalt und relevante Wechselwirkungen beachten; bei längerer Behandlung risikoadaptierte Kontrollen vorsehen [LL2, FI2, FI11].
- Alternativen bei ungeeigneten NSAR: Paracetamol nur gelegentlich und kurzfristig bei fehlenden geeigneten Alternativen; keine routinemäßige Dauertherapie. Metamizol kommt bei starken Schmerzen infrage, wenn andere analgetische Maßnahmen ungeeignet, kontraindiziert oder unwirksam sind [LL1, LL2].
- Entzündlich aktivierte Gonarthrose: Eine intraartikuläre Glukokortikoidinjektion kann bei geeigneter Indikation vorübergehend Beschwerden lindern und Training erleichtern. Wiederholungen ausschließlich nach erneuter Nutzen-Risiko-Abwägung; keine fest eingeplante Dauerbehandlung [3, LL1, FI7].
- Anhaltende Schmerzen: Schmerzursachen, Begleiterkrankungen und psychosoziale Faktoren erneut beurteilen. Duloxetin kann bei ausgewählten Patienten erwogen werden; die Anwendung gegen Gonarthroseschmerzen erfolgt in Deutschland außerhalb der Zulassung. Schwach wirksame Opioide bleiben einer gelegentlichen kurzfristigen Ausnahme vorbehalten; starke Opioide werden zur Behandlung der Gonarthrose nicht empfohlen [8, LL1, LL3, FI10].
- Unzureichendes Gesamtergebnis: Bei anhaltendem erheblichem Leidensdruck trotz angemessener konservativer Behandlung die orthopädische Beurteilung einschließlich einer möglichen endoprothetischen Versorgung (Versorgung mit einem künstlichen Gelenk) veranlassen. Unwirksame Medikamente, wiederholte Injektionen oder Opioide dürfen diese Prüfung nicht ersetzen [LL2].
Wirkstoffe nach Wirkstoffgruppen
Die Dosierungen beziehen sich auf Erwachsene. Begleiterkrankungen, Körpergewicht, Organfunktion, Wechselwirkungen und die Fachinformation des tatsächlich verwendeten Präparates sind zu berücksichtigen. Höchstdosen sind keine anzustrebenden Zieldosen.
Topische nichtsteroidale Antirheumatika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Diclofenac, beispielsweise als Gel mit 11,6 mg Diclofenac-Diethylaminsalz/g | Bevorzugte initiale Arzneitherapie. Konzentrationen, Anwendungsfrequenzen und zugelassene Anwendungsgebiete unterscheiden sich zwischen Präparaten. Auf intakte Haut auftragen; keine luftdicht abschließenden Verbände [LL1, FI1]. |
- Wirkweise: Lokale Hemmung der Cyclooxygenase mit verminderter Prostaglandinsynthese [FI1].
- Indikationen: Symptomatische Behandlung lokaler Arthroseschmerzen entsprechend der jeweiligen Präparatezulassung [FI1].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Diclofenac oder andere NSAR, entsprechende frühere Asthma- oder Überempfindlichkeitsreaktionen sowie drittes Schwangerschaftstrimenon; nicht auf verletzter oder erkrankter Haut anwenden [FI1].
- Nebenwirkungen: Vor allem lokale Hautreaktionen; bei großflächiger oder länger dauernder Anwendung sind systemische Nebenwirkungen möglich [FI1].
Orale nichtselektive nichtsteroidale Antirheumatika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Naproxen | Nur bei vertretbarem gastrointestinalem, renalem und kardiovaskulärem Risiko. Ein im Vergleich zu manchen anderen NSAR günstigeres kardiovaskuläres Profil bedeutet keine Risikofreiheit [FI2]. |
- Wirkweise: Hemmung von COX-1 und COX-2; analgetische und antiphlogistische Wirkung [FI2].
- Indikationen: Behandlungsbedürftige Arthroseschmerzen, insbesondere bei entzündlicher Aktivierung, wenn topische Behandlung nicht ausreicht [LL2, FI2].
- Kontraindikationen: Aktive oder wiederholt aufgetretene gastroduodenale Ulzera (Magen- beziehungsweise Zwölffingerdarmgeschwüre) beziehungsweise Blutungen, frühere NSAR-bedingte gastrointestinale Blutung oder Perforation (Durchbruch der Magen- oder Darmwand), schwere Nieren- oder Leberfunktionsstörung, schwere Herzinsuffizienz (Herzschwäche), entsprechende Überempfindlichkeit und drittes Schwangerschaftstrimenon [FI2].
- Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden, Ulzera und Blutungen, Nierenfunktionsverschlechterung, Flüssigkeitsretention, Blutdruckanstieg sowie kardiovaskuläre Ereignisse. Besonders auf die Kombination mit Antikoagulanzien sowie mit ACE-Hemmern beziehungsweise Angiotensinrezeptorblockern und Diuretika achten [FI2].
Selektive COX-2-Hemmer
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Celecoxib | Arthrosezulassung. Kardiovaskuläre Gegenanzeigen und Sulfonamidüberempfindlichkeit beachten; nicht mit anderen systemischen NSAR kombinieren [FI3]. |
| Etoricoxib | Blutdruck vor Beginn und während der Behandlung kontrollieren. Nicht bei anhaltend unzureichend eingestelltem Blutdruck über 140/90 mmHg anwenden [FI4]. |
- Wirkweise: Selektive Hemmung von COX-2 mit analgetischer und antiphlogistischer Wirkung [FI3, FI4].
- Indikationen: Symptomatische Arthrosebehandlung als Alternative zu nichtselektiven NSAR nach individueller Risikoprüfung [FI3, FI4].
- Kontraindikationen: Unter anderem klinisch gesicherte koronare Herzkrankheit (Erkrankung durch verengte Herzkranzgefäße), periphere arterielle Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung durch verengte Schlagadern in Armen oder Beinen) oder zerebrovaskuläre Erkrankung (Erkrankung der Blutgefäße des Gehirns), Herzinsuffizienz ab NYHA II, aktive gastrointestinale Ulzera beziehungsweise Blutungen und schwere Organfunktionsstörungen; weitere präparatespezifische Gegenanzeigen beachten [FI3, FI4].
- Nebenwirkungen: Kardiovaskuläre Ereignisse, Blutdruckanstieg, Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe), Nierenfunktionsstörungen und gastrointestinale Komplikationen. Eine Gastroprotektion verhindert keine kardiovaskulären oder renalen Schäden [FI3, FI4].
Nichtopioide Analgetika ohne relevante antiphlogistische Wirkung
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Paracetamol | Keine routinemäßige Gonarthrosetherapie. Nur gelegentlich und kurzfristig bei fehlenden Alternativen. Andere paracetamolhaltige Präparate in die Gesamtdosis einrechnen [LL2, FI5]. |
| Metamizol | Nur bei starken Schmerzen und fehlenden geeigneten Alternativen. Über Agranulozytosewarnzeichen (Warnzeichen eines starken Mangels bestimmter weißer Blutkörperchen) und das erforderliche Vorgehen aufklären [LL1, FI6, FI12]. |
- Wirkweise: Analgetische Wirkung; keine für die Gonarthrosebehandlung relevante antiphlogistische Wirkung [FI5, FI6].
- Indikationen: Paracetamol allenfalls als kurzfristige Ausnahme; Metamizol bei starken Schmerzen, wenn andere analgetische Maßnahmen ungeeignet, kontraindiziert oder unwirksam sind [LL1, LL2].
- Kontraindikationen: Präparatespezifisch beachten. Bei Metamizol insbesondere frühere metamizol- beziehungsweise pyrazolonbedingte Agranulozytose (starker Mangel bestimmter weißer Blutkörperchen), beeinträchtigte Knochenmarkfunktion oder Erkrankungen des blutbildenden Systems; bei Paracetamol relevante Lebererkrankungen und weitere hepatotoxische Risiken sorgfältig berücksichtigen [FI5, FI6, FI12].
- Nebenwirkungen: Paracetamol kann insbesondere bei Überdosierung schwere Leberschäden verursachen. Metamizol kann Agranulozytose, Überempfindlichkeitsreaktionen und Blutdruckabfälle auslösen [FI5, FI6].
Bei Fieber, Schüttelfrost, Halsschmerzen oder schmerzhaften Schleimhautveränderungen unter beziehungsweise kurz nach Metamizol: Arzneimittel sofort absetzen und unverzüglich ärztliche Abklärung einschließlich Differenzialblutbild veranlassen. Das Ergebnis darf vor dem Absetzen nicht abgewartet werden. Eine routinemäßige Blutbildüberwachung zur Früherkennung einer metamizolbedingten Agranulozytose wird nach der europäischen Sicherheitsbewertung von 2024 nicht empfohlen; sie ersetzt keinesfalls die symptomorientierte Abklärung [FI12].
Protonenpumpenhemmer zur Gastroprotektion
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Pantoprazol | Begleitbehandlung; keine analgetische Wirkung. Indikation und Fortführung nach Ende der NSAR-Behandlung überprüfen [FI11]. |
- Wirkweise: Hemmung der Protonenpumpe und Verminderung der Magensäuresekretion [FI11].
- Indikationen: Prävention NSAR-bedingter gastroduodenaler Ulzera bei entsprechendem Risiko [FI11].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; relevante Wechselwirkungen und präparatespezifische Einschränkungen berücksichtigen [FI11].
- Nebenwirkungen: Unter anderem Kopfschmerzen und gastrointestinale Beschwerden; bei langfristiger Behandlung beispielsweise Hypomagnesiämie (Magnesiummangel im Blut) und ein erhöhtes Risiko bestimmter gastrointestinaler Infektionen [FI11].
Intraartikuläre Glukokortikoide
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Triamcinolonacetonid | Gezielte vorübergehende Behandlung, besonders bei entzündlicher Aktivierung. Infektion vorher ausschließen. Streng aseptische Durchführung durch entsprechend ausgebildete Ärzte [LL1, FI7]. |
- Wirkweise: Lokale Suppression entzündlicher Prozesse [FI7].
- Indikationen: Kurzfristige Symptomlinderung bei schmerzhafter Gonarthrose, wenn andere Arzneitherapien unwirksam oder ungeeignet sind beziehungsweise Bewegungstherapie unterstützt werden soll [LL2].
- Kontraindikationen: Gelenkinfektion oder Infektion im Punktionsgebiet; weitere lokale Gegenanzeigen und relevante Blutungsrisiken prüfen. Bei Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) vorübergehende Stoffwechselverschlechterung berücksichtigen [FI7].
- Nebenwirkungen: Infektion, vorübergehende Schmerzverstärkung, Haut- oder Fettgewebsatrophie (Schwund von Haut oder Fettgewebe), Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker) und systemische Glukokortikoideffekte; bei wiederholter Anwendung mögliche Knorpelschädigung [3, FI7].
Der Nutzen ist zeitlich begrenzt, typischerweise auf einige Wochen; NICE nennt etwa 2 bis 10 Wochen. In einer randomisierten Studie verursachte Triamcinolon alle drei Monate über zwei Jahre einen stärkeren Knorpelverlust als Kochsalz, ohne einen entsprechenden anhaltenden Schmerzvorteil. Dies spricht gegen routinemäßige Serieninjektionen und ist nicht mit dem Nachweis gleichzusetzen, dass jede einzelne gezielt eingesetzte Injektion schädlich ist [3, LL2].
Die Fachinformation von Volon A begrenzt die Zahl auf 3 bis 4 Injektionen je Gelenk und Jahr. Diese Obergrenze ist keine Empfehlung für eine regelmäßige Injektionsserie. Bei fehlendem Nutzen nicht wiederholen. Vor geplantem Gelenkersatz den Zeitpunkt einer Injektion mit dem operierenden Zentrum abstimmen [FI7].
Schwach wirksame Opioide als kurzfristige Ausnahme
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Tramadol | Bei Gonarthrose ausschließlich begründete kurzfristige Ausnahme. Behandlungsziel, Dauer und Absetzen vor Beginn vereinbaren. Keine automatische Umstellung auf starke Opioide [LL1, FI8]. |
- Wirkweise: Opioidrezeptorwirkung und Hemmung der Wiederaufnahme von Noradrenalin und Serotonin [FI8].
- Indikationen: Gelegentliche kurzfristige Schmerzlinderung, wenn andere pharmakologische Optionen kontraindiziert, unverträglich oder unwirksam sind [LL2].
- Kontraindikationen: Unter anderem akute Intoxikation (Vergiftung) mit zentral dämpfenden Substanzen, gleichzeitige beziehungsweise kürzlich erfolgte MAO-Hemmer-Behandlung und unzureichend kontrollierte Epilepsie (Erkrankung mit wiederkehrenden Krampfanfällen) [FI8].
- Nebenwirkungen: Übelkeit, Obstipation (Verstopfung), Schwindel, Sedierung, Stürze, Atemdepression (Dämpfung der Atmung), Abhängigkeit und Entzug; zusätzlich Krampfanfälle und Serotoninsyndrom (potenziell lebensbedrohliche Überaktivierung durch Serotonin). Kombination mit Duloxetin oder anderen serotonergen Arzneimitteln besonders kritisch prüfen [FI8].
Starke Opioide einschließlich Morphin, Oxycodon, Fentanyl oder entsprechender Opioidpflaster werden zur Behandlung der Gonarthrose nicht empfohlen. Die SPACE-Studie zeigte für eine Opioidstrategie bei chronischen Rücken- beziehungsweise Hüft- oder Kniearthroseschmerzen keinen besseren Funktionsgewinn als für eine Nichtopioidstrategie. Eine bereits bestehende längerfristige Opioidbehandlung erfordert individuelle Überprüfung und gegebenenfalls ein geplantes Ausschleichen [8, LL1].
Zentral wirksame Schmerzmodulation
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Duloxetin | In Deutschland keine Zulassung für Gonarthroseschmerzen: Off-Label-Anwendung mit Aufklärung und Dokumentation. Besonders bei Hinweisen auf zentrale Schmerzverstärkung erwägen [LL3, FI10]. |
- Wirkweise: Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmung mit Beeinflussung der zentralen Schmerzverarbeitung [FI10].
- Indikationen: Ausgewählte Patienten mit anhaltenden Beschwerden; die ACR-Leitlinie spricht eine bedingte Empfehlung aus [LL3].
- Kontraindikationen: Unter anderem schwere Nierenfunktionsstörung, Lebererkrankung mit Funktionseinschränkung, bestimmte starke CYP1A2-Hemmer und MAO-Hemmer; Behandlung nicht bei unkontrollierter Hypertonie (Bluthochdruck) beginnen [FI10].
- Nebenwirkungen: Übelkeit, Mundtrockenheit, Schwindel, Schlafstörungen, Blutdruckanstieg und Absetzsymptome; mögliche Hyponatriämie (Natriummangel im Blut) sowie Serotoninsyndrom bei entsprechenden Kombinationen. Nach längerer Einnahme ausschleichen [FI10].
Chondroprotektiva und langsam wirkende symptomatische Arthrosemittel
Glucosamin und Chondroitinsulfat sind differenziert zu beurteilen. Positive Studien mit definierten, qualitativ kontrollierten Präparaten begründen eine mögliche symptomatische Wirkung und eine überwiegend günstige Verträglichkeit. Ergebnisse lassen sich jedoch nicht auf jedes frei erhältliche Produkt übertragen. Auch ein symptomatischer Nutzen beweist keine Knorpelregeneration [5, 6, LL4].
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Glucosaminsulfat | Zugelassen zur Symptomlinderung leichter bis mittelschwerer Kniearthrose. Verzögerter Wirkungseintritt; ohne Besserung nach 2 bis 3 Monaten Fortführung überprüfen. Die S3-Leitlinie empfiehlt die Behandlung mit Glucosamin nicht [LL1, FI9]. |
| Chondroitinsulfat in pharmazeutischer Qualität | Positives Ergebnis einer placebokontrollierten Studie für Schmerz und Funktion. ESCEO bewertet definierte pharmazeutische Präparate positiv; ACR empfiehlt Chondroitinsulfat für Kniearthrose nicht. Produktstatus und Verfügbarkeit prüfen [5, LL3, LL4]. |
- Wirkweise: Für Glucosamin und Chondroitinsulfat werden Einflüsse auf Knorpelstoffwechsel und entzündliche Signalwege beschrieben. Die klinische Bedeutung dieser Mechanismen ist nicht mit einem gesicherten strukturmodifizierenden Effekt gleichzusetzen [LL1, LL4].
- Indikationen: Kein Bestandteil des bevorzugten deutschen Standardalgorithmus. Bei ausdrücklich gewünschter Anwendung positive präparatespezifische Daten, abweichende Leitlinienbewertungen, Kosten und Unsicherheiten besprechen; einen zeitlich begrenzten Versuch mit überprüfbarem Symptomziel vereinbaren [5, LL1, LL3, LL4].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; bei Dona insbesondere Schalentierallergie und hereditäre Fructoseintoleranz (angeborene Unverträglichkeit von Fruchtzucker). Schwangerschaft und Stillzeit sowie schwere Organfunktionsstörungen gesondert berücksichtigen. Bei Vitamin-K-Antagonisten relevante Wechselwirkungen beachten [FI9].
- Nebenwirkungen: Meist gastrointestinale Beschwerden und mögliche Überempfindlichkeitsreaktionen. Bei Glucosamin und Vitamin-K-Antagonisten kann der INR-Wert ansteigen; bei gestörter Glucosetoleranz (eingeschränkter Verarbeitung von Blutzucker) Kontrollen berücksichtigen [FI9].
In CONCEPT verbesserte pharmazeutisches Chondroitinsulfat Schmerzen und Funktion stärker als Placebo; die Ergebnisse ähnelten denen unter Celecoxib. In MOVES war eine definierte Kombination aus Chondroitinsulfat und Glucosaminhydrochlorid nach sechs Monaten Celecoxib hinsichtlich der Schmerzlinderung nicht unterlegen. MOVES hatte keinen Placeboarm. Beide Studien unterstützen eine wohlwollende, präparatespezifische Beratung, rechtfertigen aber keine pauschale Gleichstellung sämtlicher Produkte mit NSAR und keine Zusage eines Knorpelschutzes [5, 6].
Weitere intraartikuläre Verfahren
- Hyaluronsäure: Wegen widersprüchlicher Evidenz gibt die deutsche S3-Leitlinie keine Empfehlung für oder gegen den Einsatz ab; NICE empfiehlt, diese Injektionen nicht anzubieten. Eine große Metaanalyse fand im Mittel einen kleinen, unterhalb der klinischen Relevanzschwelle liegenden zusätzlichen Schmerzvorteil gegenüber Placebo. Daher keine Standardtherapie. Bei individueller Erwägung Nutzenunsicherheit, Kosten, lokale Reaktionen und Infektionsrisiko transparent besprechen. Dosierung und Injektionszahl sind produktabhängig; eine gesicherte strukturmodifizierende Wirkung besteht nicht [7, LL1, LL2].
- Plättchenreiches Plasma (PRP): Nach deutscher S3-Leitlinie bei symptomatischer Gonarthrose erwägbar, wenn andere analgetische und funktionsverbessernde Maßnahmen ungeeignet, kontraindiziert oder unwirksam sind. Die ACR-Leitlinie empfiehlt PRP wegen fehlender Standardisierung nicht. Die placebokontrollierte RESTORE-Studie zeigte nach zwölf Monaten keinen signifikanten Vorteil für Schmerz oder Knorpelvolumen. Herstellungsverfahren, Behandlungsschemata und Ergebnisse sind heterogen; kein gesicherter Knorpelaufbau [4, LL1, LL3].
- Hygiene und Nachsorge: Jede Gelenkinjektion erfordert eine klare Indikation, Aufklärung und aseptische Durchführung. Zunehmende Schmerzen, Überwärmung, Schwellung oder Fieber nach einer Injektion erfordern unverzügliche Abklärung einer möglichen Gelenkinfektion [FI7].
Bisphosphonate – kritische Einordnung
Die im bisherigen Artikel zitierte Kohortenstudie bleibt als wissenschaftlicher Befund erhalten: Bei älteren Frauen mit Gonarthrose war der Beginn einer Bisphosphonatbehandlung mit einem ungefähr 25 % geringeren Risiko einer Knieendoprothesenimplantation (Einsetzen eines künstlichen Kniegelenks) verbunden. Die Beobachtungsstudie belegt keine Kausalität; Unterschiede zwischen behandelten und unbehandelten Patientinnen können trotz statistischer Adjustierung verbleiben [1].
Eine randomisierte Studie mit Zoledronsäure bei Gonarthrose und Knochenmarkläsionen (Veränderungen im Knochenmark) zeigte dagegen keinen signifikanten Vorteil für Knorpelvolumenverlust, Schmerzen oder Läsionsgröße. Die ACR-Leitlinie empfiehlt Bisphosphonate zur Arthrosebehandlung ausdrücklich nicht. Deshalb keine Verordnung von Alendronat, Risedronat oder Zoledronsäure allein wegen Gonarthrose, zur Vermeidung eines Gelenkersatzes oder aufgrund eines unspezifischen Knochenmarködems (Flüssigkeitseinlagerung im Knochenmark) [2, LL3].
Bei gleichzeitig bestehender Osteoporose (Knochenschwund) kann eine Bisphosphonatbehandlung aufgrund der eigenständigen osteologischen Indikation erforderlich sein. Eine solche Behandlung dient der Frakturprävention (Vorbeugung von Knochenbrüchen) und ist von der symptomatischen Gonarthrosetherapie zu trennen.
Beachte
- Keine systemische Glukokortikoid-Dauertherapie: Eine unkomplizierte Gonarthrose begründet keine orale oder intramuskuläre Glukokortikoidbehandlung [LL1].
- Keine gesicherte krankheitsmodifizierende Arzneitherapie: Bisphosphonate, Hyaluronsäure, PRP und sogenannte Chondroprotektiva dürfen nicht als nachgewiesene Möglichkeit zum Knorpelaufbau oder zur sicheren Verhinderung eines Gelenkersatzes dargestellt werden [2, 4, LL1, LL3].
- Phytotherapeutika: Pflanzenpräparate sind keine einheitliche Wirkstoffgruppe. Produktqualität, Wirksamkeitsbelege und Wechselwirkungen müssen präparatespezifisch beurteilt werden; sie ersetzen den dargestellten Therapiealgorithmus nicht.
- Therapie regelmäßig überprüfen: Entscheidend sind erreichter Funktionsgewinn, Schmerzlinderung und Verträglichkeit. Ohne erkennbaren Nutzen Behandlung beenden oder ändern [LL2].
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Chondroprotektiva (z. B. Glukosaminsulfat, Chondroitinsulfat) werden eingenommen, um knorpelabbauende Substanzen zu hemmen sowie Linderung oder Verbesserung der Schmerzen zu erzielen.
Weitere Informationen zu Chondroprotektiva siehe im nachfolgenden Kapitel.
Beachte: Chondroprotektiva sollten bevorzugt in Kombination mit weiteren knochenaktiven Vitalstoffen wie beispielsweise mit Vitaminen (C, D, E, K) und ggf. auch Omega-3-Fettsäuren (Docosahexaensäure (DHA) und Eicosapentaensäure (EPA)) eingenommen werden.
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, K, B1, B2, B3, B5, B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Mineralstoffe (Magnesium)
- Spurenelemente (Eisen, Kupfer, Mangan, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
- Aminosäuren (Tryptophan)
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Curcumin, Bromelain aus Ananas-Extrakt)
- Weitere Vitalstoffe (Chondroitinsulfat, Glucosaminsulfat, Kollagene, Baldrianwurzel-Extrakt, Melissenkraut-Extrakt, Schlafbeerenwurzel-Extrakt)
Bei Vorliegen einer Insomnie (Schlafstörung) infolge einer Kniearthrose s. u. Insomnie/Medikamentöse Therapie/Supplemente.
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungen
- ACE: Angiotensin-Converting-Enzym.
- ACR: American College of Rheumatology.
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
- COX: Cyclooxygenase.
- CONCEPT: ChONdroitin versus CElecoxib versus Placebo Trial.
- CYP1A2: Cytochrom-P450-Enzym 1A2.
- ESCEO: European Society for Clinical and Economic Aspects of Osteoporosis, Osteoarthritis and Musculoskeletal Diseases.
- EU: Europäische Union.
- FI: Fachinformation beziehungsweise ergänzende behördliche Arzneimittelinformation.
- INR: International Normalized Ratio; standardisierter Wert zur Beurteilung der Blutgerinnung.
- LL: Leitlinie beziehungsweise Algorithmusempfehlung.
- MAO: Monoaminoxidase.
- MOVES: Multicentre Osteoarthritis interVEntion trial with SYSADOA.
- NICE: National Institute for Health and Care Excellence.
- NSAR: Nichtsteroidale Antirheumatika.
- NYHA: New York Heart Association; Einteilung der Herzinsuffizienz nach Beschwerden und Belastbarkeit.
- PRP: Platelet-Rich Plasma; plättchenreiches Plasma.
- RESTORE: Studienkurzname der placebokontrollierten Untersuchung von PRP bei Kniearthrose.
- SPACE: Strategies for Prescribing Analgesics Comparative Effectiveness.
- SYSADOA: Symptomatic Slow-Acting Drugs for Osteoarthritis; langsam wirkende symptomatische Arthrosemittel.
- WHO: World Health Organization; Weltgesundheitsorganisation.
Literatur
- Neogi T et al.: Effect of bisphosphonates on knee replacement surgery. Ann Rheum Dis. 2018;77(1):92-97. doi: 10.1136/annrheumdis-2017-211811.
- Cai G et al.: Effect of Intravenous Zoledronic Acid on Tibiofemoral Cartilage Volume Among Patients With Knee Osteoarthritis With Bone Marrow Lesions: A Randomized Clinical Trial. JAMA. 2020;323(15):1456-1466. doi: 10.1001/jama.2020.2938.
- McAlindon TE et al.: Effect of Intra-articular Triamcinolone vs Saline on Knee Cartilage Volume and Pain in Patients With Knee Osteoarthritis: A Randomized Clinical Trial. JAMA. 2017;317(19):1967-1975. doi: 10.1001/jama.2017.5283.
- Bennell KL et al.: Effect of Intra-articular Platelet-Rich Plasma vs Placebo Injection on Pain and Medial Tibial Cartilage Volume in Patients With Knee Osteoarthritis: The RESTORE Randomized Clinical Trial. JAMA. 2021;326(20):2021-2030. doi: 10.1001/jama.2021.19415.
- Reginster JY et al.: Pharmaceutical-grade Chondroitin sulfate is as effective as celecoxib and superior to placebo in symptomatic knee osteoarthritis: the ChONdroitin versus CElecoxib versus Placebo Trial (CONCEPT). Ann Rheum Dis. 2017;76(9):1537-1543. doi: 10.1136/annrheumdis-2016-210860.
- Hochberg MC et al.: Combined chondroitin sulfate and glucosamine for painful knee osteoarthritis: a multicentre, randomised, double-blind, non-inferiority trial versus celecoxib. Ann Rheum Dis. 2016;75(1):37-44. doi: 10.1136/annrheumdis-2014-206792.
- Pereira TV et al.: Viscosupplementation for knee osteoarthritis: systematic review and meta-analysis. BMJ. 2022;378:e069722. doi: 10.1136/bmj-2022-069722.
- Krebs EE et al.: Effect of Opioid vs Nonopioid Medications on Pain-Related Function in Patients With Chronic Back Pain or Hip or Knee Osteoarthritis Pain: The SPACE Randomized Clinical Trial. JAMA. 2018;319(9):872-882. doi: 10.1001/jama.2018.0899.
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Prävention und Therapie der Gonarthrose. (AWMF-Registernummer: 187-050). Version 5.0, Stand Juli 2024; veröffentlicht Mai 2025. Langfassung [LL1].
- NICE-Leitlinie: Osteoarthritis in over 16s: diagnosis and management. NG226, Oktober 2022. Leitlinie; Vollständige Empfehlungen [LL2].
- ACR/Arthritis-Foundation-Leitlinie: 2019 American College of Rheumatology/Arthritis Foundation Guideline for the Management of Osteoarthritis of the Hand, Hip, and Knee. Publiziert 2020. Kolasinski SL et al.: Arthritis Care Res. 2020;72(2):149-162. doi: 10.1002/acr.24131; PubMed [LL3].
- ESCEO-Algorithmusempfehlung: An updated algorithm recommendation for the management of knee osteoarthritis from the European Society for Clinical and Economic Aspects of Osteoporosis, Osteoarthritis and Musculoskeletal Diseases. Bruyère O et al.: Semin Arthritis Rheum. 2019;49(3):337-350. doi: 10.1016/j.semarthrit.2019.04.008; PubMed [LL4].
Fachinformationen
- Voltaren Schmerzgel 11,6 mg/g Gel. Fachinformation [FI1].
- Naproxen-CT 500 mg Filmtabletten. Fachinformation [FI2].
- Celebrex Hartkapseln. Fachinformation [FI3].
- Arcoxia 30 mg/60 mg/90 mg/120 mg. Fachinformation [FI4].
- Paracetamol-ratiopharm 500 mg Tabletten. Fachinformation [FI5].
- Novalgin Filmtabletten. Fachinformation [FI6].
- Volon A 40/A 40-5 ml. Fachinformation [FI7].
- Tramal Kapseln, 50 mg. Fachinformation [FI8].
- dona 1500 mg Pulver. Fachinformation [FI9].
- Cymbalta: Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels. EU-Produktinformation [FI10].
- Pantoprazol-CT 20 mg magensaftresistente Tabletten. Fachinformation [FI11].
- Ergänzende behördliche Sicherheitsinformation der European Medicines Agency: Metamizole-containing medicinal products – Maßnahmen zur Minimierung schwerwiegender Folgen einer Agranulozytose, September 2024. Sicherheitsbewertung [FI12].