Gelenkschmerzen (Arthralgie) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Verminderung der Gelenkschmerzen und Verbesserung der Bewegungsfähigkeit und Alltagsfunktion.
  • Klärung der Ursache und rechtzeitige Einleitung einer ursachenspezifischen Therapie.
  • Vermeidung einer unnötigen Dauerbehandlung mit Analgetika und Minimierung arzneimittelbedingter Risiken.

Therapieempfehlungen

  • Ursachenbezogene Behandlung: Arthralgie (Gelenkschmerz) bezeichnet ein Symptom. Die Behandlung richtet sich nach der zugrunde liegenden Erkrankung, dem betroffenen Gelenk, der Schmerzintensität und den Begleiterkrankungen. Empfehlungen für Arthrose (Gelenkverschleiß) dürfen nicht pauschal auf entzündliche oder infektiöse Gelenkerkrankungen übertragen werden [LL1, LL2, LL3, LL4].
  • Symptomatische Therapie während der Diagnostik: Eine zeitlich begrenzte Analgesie (Schmerzlinderung) kann erforderlich sein. Sie ersetzt weder die Diagnosefindung noch die spezifische Behandlung. Bei lokalisierten Beschwerden oberflächlich gelegener Gelenke kommen zunächst topische nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) infrage; für die Gonarthrose (Kniegelenkverschleiß) sind sie gegenüber einer sofortigen systemischen Behandlung zu bevorzugen [LL1, LL2, LL3].
  • Orale NSAR: Bei unzureichender Wirkung oder ungeeigneter topischer Behandlung können orale NSAR nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt werden. Es gelten die niedrigste wirksame Dosis und die kürzestmögliche Behandlungsdauer. Gastrointestinale, renale und kardiovaskuläre Risiken sowie Wechselwirkungen sind vor Beginn zu prüfen [LL2, LL3, FI2].
  • Paracetamol: Kein generelles Mittel der ersten Wahl bei Gelenkschmerzen. Bei Arthrose ist der durchschnittliche Nutzen gering; ein gelegentlicher, kurzfristiger Einsatz kommt insbesondere infrage, wenn andere medikamentöse Optionen kontraindiziert, nicht verträglich oder unwirksam sind. Eine relevante antiphlogistische Wirkung besteht nicht [LL1, LL2, LL3].
  • Kein routinemäßiges WHO-Stufenschema: Eine automatische Eskalation von Nichtopioidanalgetika über Tramadol zu Morphin ist für unspezifische Arthralgien ungeeignet. Persistierende Schmerzen erfordern eine erneute diagnostische und therapeutische Bewertung. In der SPACE-Studie ergab eine Opioidstrategie bei chronischen Rücken- beziehungsweise Hüft- oder Kniearthroseschmerzen über zwölf Monate keine bessere schmerzbezogene Funktion als eine Nichtopioidstrategie [3].
  • Opioide nur in begründeten Ausnahmen: Bei Arthrose keine routinemäßige Anwendung schwach wirksamer Opioide; allenfalls gelegentlich und kurzfristig, wenn andere Behandlungsoptionen ausgeschöpft, unverträglich oder kontraindiziert sind. Stark wirksame Opioide werden zur Arthrosebehandlung nicht empfohlen. Eine anderweitig begründete Opioidindikation benötigt eine individuelle Verordnung mit Therapiezielen, Verlaufskontrolle und Abbruchkriterien [LL1, LL2].
  • Ursachenspezifische Pharmakotherapie: Entzündlich-rheumatische Erkrankungen, kristallinduzierte Arthritiden (Gelenkentzündungen durch Kristallablagerungen) und bakterielle Gelenkinfektionen benötigen jeweils eigene Behandlungskonzepte. Glukokortikoide, krankheitsmodifizierende Antirheumatika, Colchicin und Antibiotika sind keine allgemeine empirische Therapie ungeklärter Arthralgien. Siehe die Pharmakotherapie der jeweils gesicherten Erkrankung [LL3, LL4].
  • Nichtmedikamentöse Maßnahmen: Bei gesicherter Arthrose die medikamentöse Behandlung mit angepasster Bewegung, Muskelkräftigung und gegebenenfalls Gewichtsreduktion kombinieren. Siehe auch unter „Weitere Therapie“ [LL1, LL2, LL3].

Beachte

  • Infektionsverdacht ist dringlich: Ein akut schmerzhaftes, geschwollenes oder überwärmtes Gelenk muss auf eine septische Arthritis (bakterielle Gelenkentzündung) untersucht werden; fehlendes Fieber schließt diese nicht aus. Bei Verdacht möglichst rasch Gelenkpunktion und mikrobiologische Diagnostik veranlassen. Bei klinisch stabilen Patienten Antibiotika möglichst nach Probenentnahme beginnen; bei Sepsis (lebensbedrohliche Organschädigung durch eine fehlgesteuerte Reaktion auf eine Infektion) oder septischem Schock (infektionsbedingtem Kreislaufversagen) darf die Behandlung dadurch nicht verzögert werden. Keine intraartikuläre Glukokortikoidinjektion bei möglicher Gelenkinfektion [LL4].
  • Östrogen-Hinweis ist keine Therapieindikation: Die wissenschaftliche Stellungnahme der Endocrine Society von 2010 beschreibt Hinweise auf günstige Gelenkeffekte einer Östrogentherapie. In einer nachträglichen Analyse der randomisierten WHI-Studie bei hysterektomierten Frauen (Frauen nach Entfernung der Gebärmutter) reduzierte Östrogen allein die Häufigkeit von Gelenkschmerzen geringfügig. Daraus folgt keine Indikation, eine menopausale Hormontherapie zur Behandlung isolierter Arthralgien oder zur Arthroseprävention einzuleiten [1, 2, LL5].
  • Menopausale Hormontherapie: Die Entscheidung erfolgt aufgrund eigenständiger menopausaler Indikationen und einer individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung. Eine mögliche Besserung von Gelenkbeschwerden ist ein Begleiteffekt. Bei vorhandenem Uterus (Gebärmutter) ist bei systemischer Östrogentherapie grundsätzlich ein ausreichender Endometriumschutz (Schutz der Gebärmutterschleimhaut vor übermäßigem Wachstum) erforderlich [LL5].
  • Keine pauschale Aussage zur intravenösen Gabe: Bei ambulant behandelbaren Gelenkschmerzen ist eine orale oder topische Anwendung meist ausreichend. Eine parenterale Analgesie bleibt besonderen klinischen Situationen vorbehalten; sie begründet keine generelle Überlegenheit gegenüber der oralen Behandlung.

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Die folgenden Dosierungsangaben beziehen sich auf Erwachsene. Auswahl, Behandlungsdauer und gegebenenfalls Dosisanpassung erfolgen nach Ursache, Begleiterkrankungen und der Fachinformation des verwendeten Präparats.

Topische nichtsteroidale Antirheumatika

Wirkstoff Besonderheiten
Diclofenac-Natrium, 10 mg/g Gel; Beispiel: Diclo-ratiopharm Schmerzgel Für lokalisierte Beschwerden, insbesondere oberflächlich gelegener Gelenke. Die Zulassung umfasst bei Erwachsenen auch degenerative Erkrankungen der Extremitätengelenke (verschleißbedingte Erkrankungen der Arm- und Beingelenke). Dosierung und Indikationen anderer Diclofenac-Gele können abweichen [LL3, FI1].
  • Wirkweise: Hemmung der Cyclooxygenase und Prostaglandinsynthese; analgetisch und antiphlogistisch [FI1].
  • Indikationen: Lokale symptomatische Behandlung schmerzhafter degenerativer Gelenkerkrankungen sowie zugelassener Weichteil- und Verletzungsbeschwerden [FI1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit einschließlich NSAR-bedingter Atemwegs- oder Hautreaktionen; beim genannten Präparat auch Soja- oder Erdnussallergie. Keine Anwendung auf geschädigter Haut oder Schleimhäuten, bei Kindern unter 14 Jahren oder im dritten Schwangerschaftstrimenon (letzten Schwangerschaftsdrittel) [FI1].
  • Nebenwirkungen: Vor allem lokale Hautreaktionen; selten schwere Überempfindlichkeit. Bei großflächiger oder länger dauernder Anwendung sind systemische Nebenwirkungen möglich [FI1].

Orale nichtsteroidale Antirheumatika

Wirkstoff Besonderheiten
Ibuprofen Analgetisch und antiphlogistisch. Höhere antirheumatische Dosierungen erfordern eine gesonderte ärztliche Verordnung. Keine Kombination mehrerer systemischer NSAR. Acetylsalicylsäure ist kein bevorzugtes Standardanalgetikum für Arthralgien [FI2].
  • Wirkweise: Reversible Hemmung der Cyclooxygenase und Prostaglandinsynthese [FI2].
  • Indikationen: Kurzfristige symptomatische Behandlung geeigneter schmerzhafter Gelenkbeschwerden, wenn eine topische Therapie nicht ausreicht oder ungeeignet ist [LL2, LL3].
  • Kontraindikationen: Unter anderem NSAR-Überempfindlichkeit, wiederholte peptische Ulzera (Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüre), NSAR-bedingte gastrointestinale Blutung (Magen-Darm-Blutung) oder Perforation (Durchbruch der Magen- oder Darmwand), aktive Blutung, schwere Nieren-, Leber- oder Herzinsuffizienz (schwere Funktionsschwäche von Nieren, Leber oder Herz), schwere Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) und drittes Schwangerschaftstrimenon [FI2].
  • Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden, Ulzera und Blutungen; Nierenfunktionsverschlechterung, Flüssigkeitsretention (Flüssigkeitseinlagerung), Blutdruckanstieg und kardiovaskuläre Ereignisse sowie Überempfindlichkeitsreaktionen [FI2].

Bei oraler NSAR-Therapie einer Arthrose empfiehlt NICE eine begleitende Gastroprotektion (Schutz von Magen und Zwölffingerdarm), beispielsweise mit einem Protonenpumpenhemmer. Diese schützt nicht vor renalen oder kardiovaskulären Schäden [LL2].

Nichtopioidanalgetika ohne relevante antiphlogistische Wirkung

Wirkstoff Besonderheiten
Paracetamol Keine generelle Erstlinientherapie bei Arthralgie; bei Arthrose nur begründeter kurzfristiger Einsatz. Leber- und Nierenfunktionsstörungen erfordern Dosisreduktion beziehungsweise längere Einnahmeabstände. Gleichzeitige Einnahme weiterer paracetamolhaltiger Präparate vermeiden [LL1, FI3].
  • Wirkweise: Analgetisch und antipyretisch, überwiegend zentral; keine klinisch relevante antiphlogistische Wirkung [FI3].
  • Indikationen: Leichte bis mäßig starke Schmerzen; bei Arthrose eingeschränkte Rolle [LL1, FI3].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit. Bei Lebererkrankung, Alkoholmissbrauch oder Mangelernährung besondere Vorsicht [FI3].
  • Nebenwirkungen: Insbesondere Leberschädigung bei Überdosierung; selten Blutbildveränderungen und schwere Überempfindlichkeits- oder Hautreaktionen [FI3].

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für die Gesundheit von Gelenken sowie Sehnen, Bändern und Faszien sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, B3, B5, B6, B12, Folsäure, Biotin)
  • Mineralstoffe (Magnesium)
  • Spurenelemente (Eisen, Kupfer, Mangan, Selen, Zink)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
  • Aminosäuren (Tryptophan)
  • Sekundäre Pflanzenstoffe (Curcumin, Bromelain aus Ananas-Extrakt)
  • Weitere Vitalstoffe (Chondroitinsulfat, Glucosaminsulfat, Kollagene, Baldrianwurzel-Extrakt, Melissenkraut-Extrakt, Schlafbeerenwurzel-Extrakt)

Bei Vorliegen einer Insomnie (Schlafstörung) infolge von Gelenkschmerzen s. u. Insomnie/Medikamentöse Therapie/Supplemente.

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungen

  • ACR: American College of Rheumatology.
  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
  • DHA: Docosahexaensäure.
  • EPA: Eicosapentaensäure.
  • NSAR: Nichtsteroidale Antirheumatika.
  • SANJO: Septic Arthritis in Native Joints; septische Arthritis natürlicher Gelenke.
  • SPACE: Strategies for Prescribing Analgesics Comparative Effectiveness; Studie zum Vergleich von Strategien der Schmerzmittelverordnung.
  • WHI: Women's Health Initiative.
  • WHO: World Health Organization; Weltgesundheitsorganisation.

Literatur

  1. Santen RJ, Allred DC, Ardoin SP et al.: Postmenopausal hormone therapy: an Endocrine Society scientific statement. J Clin Endocrinol Metab. 2010;95(7 Suppl 1):s1 bis s66. doi:10.1210/jc.2009-2509.
  2. Chlebowski RT, Cirillo DJ, Eaton CB et al.: Estrogen alone and joint symptoms in the Women's Health Initiative randomized trial. Menopause. 2013;20(6):600 bis 608. doi:10.1097/GME.0b013e31828392c4.
  3. Krebs EE, Gravely A, Nugent S et al.: Effect of opioid vs nonopioid medications on pain-related function in patients with chronic back pain or hip or knee osteoarthritis pain: the SPACE randomized clinical trial. JAMA. 2018;319(9):872 bis 882. doi:10.1001/jama.2018.0899.

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Prävention und Therapie der Gonarthrose. (AWMF-Registernummer: 187-050). Version 5.0, Juli 2024; veröffentlicht 2025. Langfassung [LL1].
  2. National Institute for Health and Care Excellence: Osteoarthritis in over 16s: diagnosis and management. NICE Guideline NG226, Oktober 2022. Leitlinienseite; Empfehlungen [LL2].
  3. Kolasinski SL, Neogi T, Hochberg MC et al.: 2019 American College of Rheumatology/Arthritis Foundation guideline for the management of osteoarthritis of the hand, hip, and knee. Arthritis Rheumatol. 2020;72(2):220 bis 233. doi:10.1002/art.41142 [LL3].
  4. Ravn C, Neyt J, Benito N et al.: Guideline for management of septic arthritis in native joints (SANJO). J Bone Jt Infect. 2023;8(1):29 bis 37. doi:10.5194/jbji-8-29-2023 [LL4].
  5. The 2022 Hormone Therapy Position Statement of The North American Menopause Society Advisory Panel: The 2022 hormone therapy position statement of The North American Menopause Society. Menopause. 2022;29(7):767 bis 794. doi:10.1097/GME.0000000000002028 [LL5].

Fachinformationen

  1. ratiopharm GmbH: Diclo-ratiopharm Schmerzgel, 10 mg/g Gel. Stand Januar 2026. Fachinformation [FI1].
  2. ratiopharm GmbH: IBU-ratiopharm 400 mg akut Schmerztabletten. Stand Juni 2026. Fachinformation [FI2].
  3. ratiopharm GmbH: Paracetamol-ratiopharm 500 mg Tabletten. Stand Dezember 2024. Fachinformation [FI3].