Arthrose – Phytotherapeutika
Pflanzliche Antirheumatika (pflanzliche Mittel gegen rheumatische Beschwerden)
Zur unterstützenden, analgetischen Therapie (schmerzlindernden Behandlung) können pflanzliche Präparate eingesetzt werden. Die Evidenz ist jedoch präparateabhängig und insgesamt begrenzt. Eine krankheitsmodifizierende Wirkung (den Krankheitsverlauf verändernde Wirkung) ist nicht belegt. Die aktuelle S3-Leitlinie „Prävention und Therapie der Gonarthrose (Kniegelenkarthrose)“ enthält keine Empfehlung zur oralen Phytotherapie; das entsprechende Kapitel der Vorgängerversion wurde entfernt [LL1]. Anwendung finden insbesondere:
- Brennnesselkraut (Urtica dioica) – für eine orale Anwendung bei Arthrose (Gelenkverschleiß) liegt keine hinreichende klinische Evidenz für eine Therapieempfehlung oder eine evidenzbasierte Standarddosierung vor. Die vorhandenen Untersuchungen zu Urtica dioica betreffen insbesondere die lokale Anwendung; die Evidenz ist niedrig [5, LL1].
- Gamma-Linolensäure (GLA) – z. B. Borretschöl, Nachtkerzenöl; Gamma-Linolensäure ist eine Omega-6-Fettsäure, die über den Prostaglandin-Stoffwechsel (Stoffwechsel bestimmter körpereigener Botenstoffe) antiinflammatorisch (entzündungshemmend) wirkt; Dosierung: > 1.400 mg/d
- Hagebuttenpulver – lipophile Wirkstoffe mit potentiell analgetischen Effekten wie Hemmung von COX, Elastase (eiweißspaltendes Enzym), Zytokinen (Botenstoffen des Immunsystems) sowie antioxidativer Wirkung. Dosierung: 10 g/d; wg. Lipophilie ist ein Einnahmeabstand von mindestens zwei Stunden bei Kombination mit anderen Medikamenten einzuhalten
- Ingwer (Zingiber officinale) – eine Metaanalyse von fünf randomisierten placebokontrollierten Studien mit insgesamt 593 Patienten zeigte eine geringe, statistisch signifikante Reduktion von Schmerzen und funktioneller Beeinträchtigung. Therapieabbrüche aufgrund unerwünschter Wirkungen waren unter Ingwer häufiger als unter Placebo. Die Evidenz wurde als moderat bewertet; eine leitlinienbasierte Standarddosierung zur Arthrosetherapie ist nicht etabliert [1].
- Teufelskrallenwurzel (Harpagophytum procumbens) – ältere kontrollierte Studien und systematische Übersichten zeigen Hinweise auf eine symptomatische analgetische Wirkung bestimmter standardisierter Präparate. Die Studien sind jedoch hinsichtlich Extrakt, Dosierung und Methodik heterogen; die Evidenz ist begrenzt. Für Präparate mit etwa 60 mg Harpagosid pro Tag wurden positive Effekte bei Arthrose beschrieben. Eine aktuelle leitlinienbasierte Empfehlung zur oralen Anwendung besteht nicht [2, LL1].
- Weidenrinde (Salix spp.) – enthält Salicinderivate (Abkömmlinge der Salicylsäure), insbesondere Salicin. Eine Metaanalyse von sechs randomisierten kontrollierten Studien mit insgesamt 329 Patienten mit unterschiedlichen Arthritiden (entzündlichen Gelenkerkrankungen) zeigte statistisch signifikante Effekte auf Schmerz und Gesundheitsstatus; die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz wurde jedoch aufgrund von Bias, kleinen Fallzahlen und Inkonsistenz als sehr niedrig bewertet. Eine gesicherte arthrosespezifische Therapieempfehlung oder leitlinienbasierte Standarddosierung lässt sich daraus nicht ableiten [3].
Salben zur externen Anwendung
Bei Salben unterscheidet man zwischen durchblutungsfördernden Mitteln und antiinflammatorischen Analgetika:
- Topische nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) (örtlich angewendete entzündungshemmende Schmerzmittel ohne Cortison) sind keine Phytotherapeutika. Sie besitzen insbesondere bei Gonarthrose eine deutlich bessere Evidenzbasis als topische pflanzliche Präparate und werden in der spezifischen Pharmakotherapie der Arthrose behandelt [LL1, LL2].
- Durchblutungsfördernde Mittel führen lokal zu Hyperämie (verstärkter Durchblutung) und Wärmeempfindung. Für pflanzliche bzw. pflanzenbasierte topische Präparate ist die klinische Evidenz bei Arthrose insgesamt niedrig. Nach der aktuellen S3-Leitlinie kann aufgrund der Datenlage keine Empfehlung für oder gegen Beinwellextrakt, Arnika-Gel und andere topische Phytotherapeutika (äußerlich angewendete pflanzliche Arzneimittel) ausgesprochen werden [5, LL1].
Einige Wirkstoffe, die zur lokalen Anwendung eingesetzt werden, sind unter anderem:
- Beinwellextrakt (Symphytum officinale) – einzelne Studien zeigen eine klinisch relevante Schmerzlinderung bei Gonarthrose; aufgrund der insgesamt niedrigen Evidenz kann die aktuelle S3-Leitlinie jedoch keine Empfehlung für oder gegen die Anwendung aussprechen. Wegen der enthaltenen Pyrrolizidinalkaloide sollen Beinwellzubereitungen nur äußerlich und auf intakter Haut angewendet werden [5, LL1].
- Arnika-Gel (Arnica montana) – in einer randomisierten Studie bei Handarthrose (Arthrose der Handgelenke bzw. Fingergelenke) zeigte Arnika-Gel eine vergleichbare symptomatische Wirkung wie ein topisches NSAR; die Datenbasis ist jedoch unzureichend für eine generelle Therapieempfehlung. Die aktuelle S3-Leitlinie spricht deshalb keine Empfehlung für oder gegen die Anwendung aus [5, LL1].
- Capsaicinoide – Gemisch aus Capsaicin, Dihydrocapsaicin und Norhydrocapsaicin; Scharfstoffe aus Paprika und Cayennepfeffer. Für Capsicum als Phytotherapeutikum ist die Evidenz bei Gonarthrose unzureichend für eine Empfehlung. Davon zu unterscheiden ist pharmakologisch eingesetztes topisches Capsaicin, das in der ACR/Arthritis-Foundation-Leitlinie bei Gonarthrose bedingt empfohlen wird [5, LL1, LL2].
- Nikotinsäureester – Ester der Nicotinsäure werden topisch als hyperämisierende Dermatika (durchblutungsfördernde Hautmittel) eingesetzt; sie sind keine Phytotherapeutika.
- Ätherische Öle – z. B. aus Rosmarin, Kampfer und Latschenkiefer; sie werden insbesondere aufgrund ihrer lokalen sensorischen (die Sinneswahrnehmung betreffenden) und hyperämisierenden Wirkungen eingesetzt. Eine belastbare arthrosespezifische Wirksamkeit ist nicht nachgewiesen.
Abkürzungen
- ACR – American College of Rheumatology
- COX – Cyclooxygenase
- GLA – Gamma-Linolensäure
- LL – Leitlinie
- NSAR – nichtsteroidale Antirheumatika
Literatur
- Bartels EM et al.: Efficacy and safety of ginger in osteoarthritis patients: a meta-analysis of randomized placebo-controlled trials. Osteoarthritis Cartilage. 2015;23(1):13-21. doi: 10.1016/j.joca.2014.09.024
- Gagnier JJ et al.: Harpagophytum procumbens for osteoarthritis and low back pain: a systematic review. BMC Complement Altern Med. 2004;4:13. doi: 10.1186/1472-6882-4-13
- Lin CR et al.: Willow Bark (Salix spp.) Used for Pain Relief in Arthritis: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Life (Basel). 2023;13(10):2058. doi: 10.3390/life13102058
- Cameron M, Chrubasik S: Oral herbal therapies for treating osteoarthritis. Cochrane Database Syst Rev. 2014;2014(5):CD002947. doi: 10.1002/14651858.CD002947.pub2
- Cameron M, Chrubasik S: Topical herbal therapies for treating osteoarthritis. Cochrane Database Syst Rev. 2013;2013(5):CD010538. doi: 10.1002/14651858.CD010538
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- S3-Leitlinie: Prävention und Therapie der Gonarthrose. (AWMF-Registernummer 187-050) Juli 2024 Langfassung [LL1]
- Kolasinski SL et al.: 2019 American College of Rheumatology/Arthritis Foundation Guideline for the Management of Osteoarthritis of the Hand, Hip, and Knee. Arthritis Care Res (Hoboken). 2020;72(2):149-162. doi: 10.1002/acr.24131 [LL2]