Schüttelfrost – Einleitung
Schüttelfrost (starkes unkontrollierbares Zittern) ist ein unwillkürliches, nicht willentlich steuerbares Muskelzittern, das von einem ausgeprägten Kältegefühl begleitet wird, obwohl die Umgebungstemperatur normal ist. Er entsteht infolge einer akuten Störung der zentralen Thermoregulation (Temperatursteuerung des Körpers) mit Sollwertanhebung im Hypothalamus (Temperaturzentrum im Gehirn), meist vermittelt durch pyrogene Zytokine (entzündungsfördernde Botenstoffe; z. B. Interleukin-1, Interleukin-6, Tumornekrosefaktor-α), und tritt typischerweise im Rahmen eines raschen Fieberanstiegs auf.
Synonyme und ICD-10: ICD-10-GM R50.88-: Fieber mit Schüttelfrost. Schüttelfrost stellt keinen eigenständigen Krankheitscode dar, sondern ein klinisches Symptom (Krankheitszeichen) im Rahmen unterschiedlicher Grunderkrankungen.
Schüttelfrost betrifft die Skelettmuskulatur (willkürlich steuerbare Muskulatur) und stellt eine hochenergetische Reaktion des Organismus (Körpers) dar, die der schnellen Wärmeproduktion dient. Klinisch ist er Ausdruck einer systemischen Entzündungs- oder Infektionsreaktion (den ganzen Körper betreffenden Abwehrreaktion) und besitzt insbesondere bei Erwachsenen einen hohen prädiktiven Wert für schwerwiegende bakterielle Erkrankungen (durch Bakterien verursachte Krankheiten).
Das Zittern kann nicht willentlich beeinflusst werden und tritt häufig abrupt auf.
Charakteristische Laborbefunde
Schüttelfrost selbst verursacht keine spezifischen Laborveränderungen, ist jedoch häufig Ausdruck einer systemischen Reaktion (den ganzen Körper betreffenden Reaktion) auf eine zugrunde liegende Erkrankung. Typische Laborbefunde bei assoziierten Krankheitsbildern können sein:
- Erhöhte Entzündungsparameter: C-reaktives Protein (CRP), Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit (BSG); CRP kann in der Frühphase noch normal sein
- Leukozytose oder Leukopenie (erhöhte oder erniedrigte Anzahl weißer Blutkörperchen): abhängig von Ursache und Stadium der Erkrankung
- Erhöhte Procalcitonin-Werte: insbesondere bei bakteriellen Infektionen und Sepsis (Blutvergiftung)
- Erhöhtes Lactat
- Organfunktionsparameter: Leber- und Nierenwerte bei schwerem Verlauf oder Multiorganbeteiligung (Beteiligung mehrerer Organe)
Bei Schüttelfrost und Fieber besteht eine dringliche Indikation zur Abnahme von Blutkulturen (Blutuntersuchung auf Bakterien) vor Beginn einer antibiotischen Therapie (Behandlung mit Antibiotika).
Klinische Konstellationen mit Schüttelfrost
Schüttelfrost tritt in verschiedenen klinischen Zusammenhängen auf, unter anderem bei:
- Fieberhaften Infektionen: bakterielle Infektionen wie Sepsis (Blutvergiftung), Pneumonie (Lungenentzündung), akute Pyelonephritis (akute Nierenbeckenentzündung), Cholangitis (Entzündung der Gallenwege)
- Bakteriämie (Bakterien im Blut): auch ohne initial klar lokalisierbaren Infektionsfokus
- Systemischen Erkrankungen (den ganzen Körper betreffenden Erkrankungen): z. B. Malaria, ausgeprägte systemische Entzündungsreaktionen
- Onkologischen Erkrankungen (Krebserkrankungen): Leukämien (Blutkrebs), Lymphome (Lymphdrüsenkrebs), insbesondere im Rahmen der B-Symptomatik (Fieber, Nachtschweiß, Gewichtsverlust)
- Iatrogenen Reaktionen (durch medizinische Maßnahmen ausgelöste Reaktionen): Transfusionsreaktionen (Reaktionen auf Bluttransfusionen), Infusions- oder Kontrastmittelreaktionen
Ursachen
Schüttelfrost tritt überwiegend im Zusammenhang mit fieberhaften Erkrankungen auf und ist Ausdruck einer systemischen Immunreaktion (Abwehrreaktion des Körpers). Mögliche Ursachen sind:
- Infektionen: Sepsis (Blutvergiftung), Pneumonie (Lungenentzündung), Harnwegsinfektionen, Cholangitis (Entzündung der Gallenwege), Malaria
- Autoimmunerkrankungen (Erkrankungen mit fehlgeleiteter Immunabwehr): Schüttelfrost tritt hierbei selten direkt auf und ist meist mit sekundären Infektionen (zusätzlichen Infektionen) im Rahmen der Grunderkrankung oder immunsuppressiver Therapie (das Immunsystem dämpfende Behandlung) assoziiert
- Tumorerkrankungen (Krebserkrankungen): insbesondere hämatologische Neoplasien (bösartige Erkrankungen des blutbildenden Systems)
- Medikamenten- oder Impfreaktionen: z. B. nach Zytokininfusionen (Infusionen von Botenstoffen) oder Blutprodukten
Epidemiologie
Geschlechterverhältnis: Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen, abhängig von der zugrunde liegenden Erkrankung.
Häufigkeitsgipfel: Variiert in Abhängigkeit von Ursache und Exposition.
Prävalenz (Krankheitshäufigkeit): Die Prävalenz von Schüttelfrost als Symptom ist schwer zu erfassen; klinisch relevant ist weniger die Häufigkeit als die hohe Assoziation mit schweren bakteriellen Infektionen.
Saisonale Häufung: Häufiger im Rahmen saisonal auftretender Infektionskrankheiten, z. B. während Influenza-Wellen.
Infektionsepidemiologie (bei Vorliegen von Infektionskrankheiten)
Erreger: Häufig bakterielle Erreger (z. B. Pneumokokken, Escherichia coli), seltener Viren oder Parasiten (z. B. Plasmodium spp.).
Erregerreservoir: Abhängig vom jeweiligen Erreger.
Übertragungsweg: Je nach Erreger, z. B. Tröpfchen-, Schmier- oder Vektorübertragung.
Kontagiosität (Übertragungsfähigkeit eines Krankheitserregers): Abhängig von der zugrunde liegenden Infektion.
Eintrittspforte: Haut, Atemwege, Gastrointestinaltrakt (Magen-Darm-Trakt) oder Urogenitaltrakt (Harn- und Geschlechtsorgane).
Verlauf und Prognose
Verlauf
- Schüttelfrost tritt häufig zu Beginn eines raschen Fieberanstiegs auf und kann dem messbaren Temperaturanstieg vorausgehen.
- Die Dauer eines Anfalls beträgt meist wenige Minuten bis etwa 30 Minuten.
- Der Verlauf ist abhängig von der zugrunde liegenden Ursache; eine frühzeitige kausale Therapie (Behandlung der Ursache) kann den Verlauf entscheidend beeinflussen.
- Schüttelfrost kann auch bei fehlendem oder nur geringem Fieber auftreten, insbesondere bei älteren Patienten oder unter antipyretischer Medikation (fiebersenkender Behandlung).
Prognose
- Die Prognose richtet sich nach der Grunderkrankung. Insbesondere Sepsis (Blutvergiftung) und schwere bakterielle Infektionen sind unbehandelt mit hoher Sterblichkeit verbunden.
- Bei adäquater Behandlung der Ursache klingen Schüttelfrost und Begleitsymptome in der Regel rasch ab.
Besondere Risikogruppen
- Kinder, ältere Menschen sowie immungeschwächte Patienten (Menschen mit geschwächtem Immunsystem) haben ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe und Komplikationen.