Meningokokkensepsis – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Rasche Elimination von Neisseria meningitidis (Meningokokken) [1]
- Verhinderung beziehungsweise rasche Behandlung eines septischen Schocks (lebensbedrohlicher Kreislaufstörung bei Sepsis) und Multiorganversagens (gleichzeitigen Ausfalls mehrerer Organe) [LL2]
- Vermeidung neurologischer (das Nervensystem betreffender), ischämischer (durch eine Minderdurchblutung bedingter) und hämostaseologischer (die Blutgerinnung betreffender) Folgekomplikationen [1, LL2]
- Verhinderung von Sekundärfällen durch Eradikation (Beseitigung) einer nasopharyngealen Besiedlung (Besiedlung des Nasen-Rachen-Raums) sowie konsequente Postexpositionsprophylaxe (Vorbeugung nach einem Kontakt mit dem Erreger) [1, 2]
Therapieempfehlungen
- Vitaler Notfall: Bei begründetem klinischem Verdacht auf eine invasive Meningokokken-Erkrankung muss die intravenöse Antibiotikatherapie unverzüglich begonnen werden. Insbesondere bei septischem Schock beziehungsweise begleitender bakterieller Meningitis (bakterieller Entzündung der Hirnhäute) ist die erste Gabe innerhalb der ersten Stunde anzustreben; eine diagnostische Verzögerung ist zu vermeiden [1, LL1, LL2].
- Mikrobiologische Diagnostik (Untersuchung auf Krankheitserreger): Blutkulturen und weiteres geeignetes Untersuchungsmaterial möglichst vor der ersten Antibiotikagabe gewinnen, sofern dadurch keine relevante Verzögerung entsteht. Eine Lumbalpunktion (Entnahme von Nervenwasser aus dem Rückenmarkskanal) darf bei hämodynamischer Instabilität (stark schwankendem Kreislauf) oder relevanter Gerinnungsstörung nicht erzwungen werden; Antibiotika sind gegebenenfalls vor Lumbalpunktion und Bildgebung zu verabreichen [1, LL1].
- Empirische Initialtherapie bei begründetem Meningokokkenverdacht: Ceftriaxon oder Cefotaxim als Cephalosporin der 3. Generation intravenös einsetzen. Penicillin G ist ohne dokumentierten Empfindlichkeitsnachweis keine empirische Standardoption [1, LL1].
- Empirische Initialtherapie bei noch ungeklärter bakterieller Meningitis: Bei Erwachsenen mit ambulant erworbener bakterieller Meningitis empfiehlt die DGN Ceftriaxon 2 x 2 g/d i.v. plus Ampicillin 6 x 2 g/d i.v. zur zusätzlichen Erfassung von Listeria monocytogenes. Eine ausschließlich auf Meningokokken ausgerichtete Monotherapie reicht vor Erregerklärung in dieser Konstellation nicht aus. Bei entsprechender Reiseanamnese beziehungsweise erhöhtem Risiko für cephalosporinresistente Pneumokokken ist eine zusätzliche Abdeckung nach Meningitisleitlinie erforderlich [LL1].
- Gezielte Therapie nach Erreger- und Empfindlichkeitsnachweis: Bei ceftriaxon- beziehungsweise cefotaximempfindlichen Meningokokken das wirksame Cephalosporin fortführen. Eine Umstellung auf Penicillin G kann ausschließlich bei dokumentierter Penicillinempfindlichkeit erwogen werden; der klinische Nutzen dieser Umstellung wird von der DGN als fraglich bewertet [LL1].
- Resistenz gegen Ceftriaxon beziehungsweise Cefotaxim: Die gezielte Therapie anhand des Antibiogramms (Ergebnis der Untersuchung, welches Antibiotikum wirkt) infektiologisch und mikrobiologisch abstimmen. Bei begleitender Meningitis nennt die DGN Meropenem als Therapieoption [LL1].
- Reevaluation (erneute Beurteilung): Antibiotikaregime, Dosierung, Organfunktion und Therapiedauer täglich überprüfen. Bei Erregerklärung eine nicht mehr erforderliche empirische Zusatzabdeckung beenden [LL1, LL2].
- Therapiedauer: Bei Sepsis beziehungsweise septischem Schock gemäß S3-Sepsis-Leitlinie in der Regel 7-10 Tage; bei unkomplizierter Meningokokkenmeningitis nach DGN ebenfalls 7-10 Tage. Bei speziellen Organinfektionen, persistierendem Infektionsherd oder kompliziertem Verlauf ist eine längere Behandlung erforderlich [LL1, LL2].
- Septischer Schock: Unverzügliche intensivmedizinische Behandlung mit gleichzeitiger Antibiotikagabe, Kreislaufstabilisierung und Behandlung von Organdysfunktionen [1, LL2].
- Volumentherapie (Behandlung mit Flüssigkeit): Balancierte Kristalloide (Flüssigkeitslösungen mit einer dem Blut ähnlichen Zusammensetzung) sind Mittel der ersten Wahl. Bei Sepsis-induzierter Hypoperfusion (unzureichender Durchblutung) beziehungsweise septischem Schock nennt die S3-Sepsis-Leitlinie als initialen Richtwert 30 ml/kg Standardkörpergewicht innerhalb der ersten 3 Stunden. Die Gabe erfolgt unter fortlaufender Beurteilung von Perfusion (Durchblutung), Volumenansprechen und Zeichen einer Überladung; weitere Flüssigkeitsgaben sind individuell zu steuern [LL2].
- Vasopressoren (blutdrucksteigernde Medikamente): Noradrenalin ist Mittel der ersten Wahl; initialer Zielwert des mittleren arteriellen Drucks (MAP; mittlerer Blutdruck in den Arterien) im Regelfall 65 mmHg. Bei unzureichendem Blutdruck unter Noradrenalin Vasopressin ergänzen. Die erforderliche Vasopressorgabe darf durch das Abwarten auf einen zentralvenösen Zugang nicht verzögert werden [LL2].
- Corticosteroide bei septischem Schock: Bei anhaltendem Vasopressorbedarf trotz ausreichender Volumentherapie Hydrocortison 200 mg/d i.v. mit oder ohne Fludrocortison 50 µg/d enteral erwägen. Die S3-Leitlinie beschreibt als anhaltenden Vasopressorbedarf eine Noradrenal ingabe von mindestens 0,25 µg/kg/min über mindestens 4 Stunden [LL2].
- Dexamethason bei zunächst ungeklärter bakterieller Meningitis: Bei Erwachsenen initial 10 mg i.v. unmittelbar vor beziehungsweise mit der ersten Antibiotikagabe, anschließend 4 x 10 mg/d. Nach Erregerklärung über 4 Tage bei nachgewiesener oder klinisch wahrscheinlicher Pneumokokkenmeningitis fortführen. Bei gesicherter Meningokokkenmeningitis besteht keine regelhafte Indikation; bei Hörstörung kann der Einsatz erwogen werden. Dexamethason ist keine routinemäßige Therapie der isolierten Meningokokkensepsis [LL1].
- Gerinnung und Begleittherapie: Bei disseminierter intravasaler Gerinnung (gleichzeitige Bildung vieler Blutgerinnsel und erhöhte Blutungsneigung) und Purpura fulminans (schwere Haut- und Gewebeschädigung durch Durchblutungsstörungen) Blutungs- und Thromboserisiko fortlaufend beurteilen. Eine medikamentöse Thromboseprophylaxe erfolgt unter Berücksichtigung von Kontraindikationen; eine therapeutische Antikoagulation ist nicht allein aufgrund der Sepsis angezeigt. Blutprodukte werden indikationsbezogen eingesetzt [LL2].
- Infektionsschutz: Tröpfchenisolierung bis mindestens 24 Stunden nach Beginn einer wirksamen Antibiotikatherapie. Enge Kontaktpersonen unverzüglich erfassen und Postexpositionsprophylaxe sowie gegebenenfalls postexpositionelle Impfung veranlassen [1, 2].
- Abgrenzung zur Prophylaxe: Rifampicin und Ciprofloxacin sind keine Wirkstoffe der routinemäßigen empirischen Akuttherapie der Meningokokkensepsis. Ihr Einsatz dient insbesondere der Eradikation einer nasopharyngealen Besiedlung beziehungsweise der Postexpositionsprophylaxe [1, 2].
Wirkstoffe (Hauptindikation)
Die nachfolgenden Antibiotikadosierungen gelten für Erwachsene mit normaler Organfunktion und entsprechen dem Hochdosisregime bei möglicher beziehungsweise gesicherter Beteiligung des Zentralnervensystems (ZNS; Gehirn und Rückenmark). Bei Kindern sowie bei Organfunktionsstörungen sind alters-, gewichts- und präparatespezifische Dosierungen erforderlich [LL1, FI1, FI3, FI4, FI5].
Cephalosporine der 3. Generation – empirische Initialtherapie und gezielte Fortführung
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ceftriaxon | Empirisches Mittel der ersten Wahl bei begründetem Verdacht auf invasive Meningokokken-Erkrankung; nach Empfindlichkeitsnachweis gezielte Fortführung möglich. Bei ungeklärter ambulant erworbener bakterieller Meningitis zusätzlich Ampicillin. Bei Kreatinin-Clearance < 10 ml/min nach Fachinformation höchstens 2 g/d; bei ZNS-Infektion Dosierungsstrategie beziehungsweise Alternative fachärztlich abstimmen [1, LL1, FI1]. |
| Cefotaxim | Alternative zu Ceftriaxon; nach Empfindlichkeitsnachweis gezielte Fortführung möglich. Dosisanpassung bei relevanter Nierenfunktionsstörung nach Fachinformation [1, LL1, FI3]. |
- Wirkweise: Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese durch Bindung an Penicillin-bindende Proteine; bakterizide Wirkung [FI1, FI3].
- Indikationen: Unverzügliche empirische Therapie bei begründetem Verdacht auf invasive Meningokokken-Erkrankung sowie gezielte Behandlung empfindlicher Isolate. Bei noch ungeklärter bakterieller Meningitis zusätzliche empirische Erregerabdeckung nach Leitlinie [1, LL1].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen den jeweiligen Wirkstoff beziehungsweise Cephalosporine; vorausgegangene schwere Überempfindlichkeitsreaktion gegen andere Beta-Lactam-Antibiotika. Für Ceftriaxon bestehen zusätzliche neonatale Kontraindikationen, insbesondere bei Hyperbilirubinämie beziehungsweise erforderlicher intravenöser Calciumgabe. Ceftriaxon nicht mit calciumhaltigen Infusionslösungen mischen oder gleichzeitig über denselben Zugang verabreichen [FI1, FI3].
- Nebenwirkungen: Überempfindlichkeitsreaktionen, Diarrhoe einschließlich Clostridioides-difficile-assoziierter Erkrankung, Blutbildveränderungen und erhöhte Leberenzymwerte; Neurotoxizität insbesondere bei inadäquater Dosierung und eingeschränkter Nierenfunktion. Unter Ceftriaxon zusätzlich biliäre beziehungsweise renale Präzipitate und Enzephalopathien [FI1, FI3].
Penicilline – ausschließlich gezielte Meningokokkentherapie nach Empfindlichkeitsnachweis
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Penicillin G | Ausschließlich bei dokumentierter Penicillinempfindlichkeit erwägen. Keine empirische Initialtherapie ohne Antibiogramm. Ein bereits wirksames Cephalosporin muss nicht regelhaft ersetzt werden. Anpassung der Erhaltungsdosis beziehungsweise des Intervalls bei Nierenfunktionsstörung; Natrium- beziehungsweise Kaliumbelastung des Präparats beachten. Nach alleiniger Penicillin-G-Therapie zusätzliche nasopharyngeale Eradikation erforderlich [1, LL1, FI4]. |
- Wirkweise: Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese; bakterizide Wirkung [FI4].
- Indikationen: Gezielte Behandlung einer invasiven Meningokokken-Erkrankung ausschließlich bei mikrobiologisch dokumentierter Penicillinempfindlichkeit [LL1].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Penicilline; vorausgegangene schwere unmittelbare Überempfindlichkeitsreaktion gegen andere Beta-Lactam-Antibiotika entsprechend Fachinformation [FI4].
- Nebenwirkungen: Allergische Reaktionen bis zur Anaphylaxie, gastrointestinale Beschwerden, Blutbildveränderungen, interstitielle Nephritis und bei hohen Konzentrationen neurotoxische Reaktionen einschließlich Krampfanfällen. Bei hoch dosierter Therapie präparatespezifische Elektrolytbelastung beachten [FI4].
Carbapeneme – gezielte Therapie bei entsprechender Resistenzsituation
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Meropenem | Bei begleitender Meningitis Option bei nachgewiesener Resistenz gegen Ceftriaxon beziehungsweise Cefotaxim; Auswahl anhand des Antibiogramms. Keine routinemäßige Erstlinienbehandlung bei isoliertem Meningokokkenverdacht. Dosisanpassung bei Kreatinin-Clearance < 51 ml/min [LL1, FI5]. |
- Wirkweise: Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese; bakterizide Wirkung mit breitem antibakteriellem Spektrum [FI5].
- Indikationen: Gezielte Therapie bei entsprechender Empfindlichkeit und Resistenz gegen Cephalosporine der 3. Generation, insbesondere bei begleitender Meningitis [LL1].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Meropenem oder andere Carbapeneme; schwere Überempfindlichkeitsreaktion gegen andere Beta-Lactam-Antibiotika. Gleichzeitige Anwendung mit Valproinsäure vermeiden, da deren Konzentration erheblich abfallen kann [FI5].
- Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden, Überempfindlichkeitsreaktionen, Blutbildveränderungen, erhöhte Leberenzymwerte und selten Krampfanfälle; Risiko einer Clostridioides-difficile-assoziierten Erkrankung [FI5].
Balancierte Kristalloide – Volumentherapie
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Balancierte kristalloide Lösungen | Flüssigkeitstherapie der ersten Wahl; fortlaufende Kontrolle von Perfusion, Volumenansprechen und Überladungszeichen. Weitere Gabe nach wiederholter hämodynamischer Beurteilung [LL2]. |
- Wirkweise: Auffüllung des extrazellulären Flüssigkeitsraums mit vorübergehender Vergrößerung des intravasalen Volumens [LL2].
- Indikationen: Sepsis-induzierte Hypoperfusion beziehungsweise septischer Schock mit Bedarf an intravasaler Volumentherapie [LL2].
- Kontraindikationen: Präparatespezifische Kontraindikationen beachten. Bei Hypervolämie beziehungsweise fehlendem Volumenansprechen keine unkritischen weiteren Bolusgaben; kardiale und renale Begleiterkrankungen sowie Elektrolytstörungen berücksichtigen [LL2].
- Nebenwirkungen: Volumenüberladung, pulmonales und peripheres Ödem, Verdünnungseffekte sowie lösungsabhängige Elektrolyt- und Säure-Basen-Veränderungen [LL2].
Vasopressoren – Kreislaufstabilisierung
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Noradrenalin | Vasopressor der ersten Wahl. Initialer Ziel-MAP im Regelfall 65 mmHg; bei Bedarf frühzeitig beginnen. Vorübergehende periphervenöse Gabe unter geeigneter Überwachung möglich, um eine Verzögerung zu vermeiden [LL2]. |
| Vasopressin | Additiv bei unzureichendem Blutdruck unter Noradrenalin. Kein Vasopressor der ersten Wahl; höhere Dosen erhöhen das Ischämierisiko [LL2]. |
- Wirkweise: Noradrenalin erhöht den Gefäßtonus vorwiegend über adrenerge Rezeptoren; Vasopressin wirkt vasokonstriktorisch über V1-Rezeptoren [LL2].
- Indikationen: Septischer Schock mit unzureichendem arteriellen Druck; Vasopressin als Ergänzung zu Noradrenalin [LL2].
- Kontraindikationen: Präparatespezifische Kontraindikationen beachten; im vital bedrohlichen Schock individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung. Hypovolämie parallel korrigieren und bestehende Ischämien berücksichtigen [LL2].
- Nebenwirkungen: Periphere, mesenteriale und kardiale Ischämien; unter Noradrenalin insbesondere Arrhythmien sowie Gewebeschäden bei Extravasation, unter Vasopressin zusätzlich mögliche Wasserretention und Hyponatriämie [LL2].
Corticosteroide – indikationsbezogene adjuvante Therapie
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Hydrocortison | Bei septischem Schock mit anhaltendem Vasopressorbedarf trotz ausreichender Volumentherapie; keine routinemäßige Gabe bei hämodynamisch stabiler Sepsis [LL2]. |
| Fludrocortison | Optionale Ergänzung zu Hydrocortison bei anhaltend vasopressorpflichtigem septischen Schock; keine Monotherapie des septischen Schocks [LL2]. |
| Dexamethason | Bei Erwachsenen initial bei Verdacht auf ambulant erworbene bakterielle Meningitis unmittelbar vor beziehungsweise mit der ersten Antibiotikagabe. Nach Erregerklärung Fortführung über 4 Tage bei Pneumokokkenmeningitis; bei gesicherter Meningokokkenmeningitis keine regelhafte Fortführung, gegebenenfalls bei Hörstörung erwägen. Keine routinemäßige Therapie der isolierten Meningokokkensepsis [LL1]. |
- Wirkweise: Hydrocortison und Dexamethason wirken glucocorticoid; Hydrocortison unterstützt bei vasopressorabhängigem Schock die Kreislaufstabilisierung. Fludrocortison besitzt eine ausgeprägte mineralocorticoide Wirkung [LL1, LL2].
- Indikationen: Hydrocortison mit oder ohne Fludrocortison bei anhaltend vasopressorpflichtigem septischen Schock; Dexamethason bei zunächst ungeklärter bakterieller Meningitis gemäß DGN-Leitlinie [LL1, LL2].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen das jeweilige Präparat; weitere präparatespezifische Kontraindikationen berücksichtigen. Im vital bedrohlichen Schock indikationsbezogene Nutzen-Risiko-Abwägung; keine unkritische gleichzeitige Anwendung mehrerer Glucocorticoidregime [LL1, LL2].
- Nebenwirkungen: Hyperglykämie, erhöhtes Infektionsrisiko, neuropsychiatrische Reaktionen und neuromuskuläre Schwäche; unter mineralocorticoider Wirkung zusätzlich Natrium- und Wasserretention sowie Hypokaliämie [LL1, LL2].
Postexpositionsprophylaxe (PEP)
Meningokokken-Infektion
Indikationen
- Eine Chemoprophylaxe wird unabhängig vom Impfstatus für Personen mit engem Kontakt zu einem Patienten mit invasiver Meningokokken-Infektion aller Serogruppen empfohlen [2].
- Hierzu gehören Haushaltskontakte, Personen mit Kontakt zu oropharyngealen Sekreten, Kontaktpersonen in Kindereinrichtungen mit Kindern unter 6 Jahren sowie enge Kontakte in Gemeinschaftseinrichtungen mit haushaltsähnlichem Charakter, beispielsweise Internaten, Wohnheimen oder Kasernen [2].
- Bei guter Gruppentrennung in Kindereinrichtungen ist die Chemoprophylaxe auf die betroffene Gruppe zu begrenzen [2].
- Bei medizinischem Personal ist insbesondere ungeschützter direkter Kontakt zu oropharyngealen Sekreten, beispielsweise bei Mund-zu-Mund-Beatmung oder Atemwegsmaßnahmen, relevant; ein gewöhnlicher Behandlungskontakt allein begründet keine PEP [1].
- Die Chemoprophylaxe ist angezeigt, wenn der enge Kontakt innerhalb der letzten 7 Tage vor Erkrankungsbeginn des Indexfalls stattgefunden hat; auch Expositionen bis 24 Stunden nach Beginn einer wirksamen Antibiotikatherapie sind zu berücksichtigen [1, 2].
- Die Chemoprophylaxe soll möglichst bald nach Diagnosestellung beim Indexfall erfolgen und ist bis zu 10 Tage nach der letzten Exposition sinnvoll. Sie darf nicht durch das Abwarten eines Rachenabstrichs verzögert werden [1, 2].
Durchführung
Eine der folgenden Alternativen einsetzen. Auswahl nach Alter, Schwangerschaft, Kontraindikationen, Interaktionen und verfügbaren Resistenzinformationen [1, 2].
Rifamycine
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Rifampicin | Eradikationsrate 72-90 %. Meningokokkenprophylaxe beziehungsweise Eradikation nasopharyngealer Meningokokken ist ein zugelassenes Anwendungsgebiet; geeignete alters- und gewichtsgerechte Darreichungsform wählen. Ausgeprägtes Interaktionspotential [2, FI6]. |
- Wirkweise: Hemmung der bakteriellen DNA-abhängigen RNA-Polymerase; Eradikation einer nasopharyngealen Meningokokkenbesiedlung [FI6].
- Indikationen: Chemoprophylaxe enger Kontaktpersonen sowie Eradikation beim Indexpatienten, wenn die Akuttherapie die nasopharyngeale Besiedlung nicht zuverlässig beseitigt hat [1, 2].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Rifamycine sowie weitere Kontraindikationen einschließlich bestimmter Begleitmedikationen nach Fachinformation. Nach STIKO für die Chemoprophylaxe exponierter Schwangerer kontraindiziert [2, FI6].
- Nebenwirkungen: Hepatotoxizität, gastrointestinale Beschwerden, Überempfindlichkeitsreaktionen und Blutbildveränderungen; rötlich-orange Verfärbung von Körperflüssigkeiten. Enzyminduktion kann unter anderem die Wirksamkeit hormoneller Kontrazeptiva und weiterer Arzneimittel vermindern [FI6].
Fluorchinolone
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ciprofloxacin | Eradikationsrate 90-95 %. Prophylaxe invasiver Infektionen durch Neisseria meningitidis ist ein zugelassenes Anwendungsgebiet. Bei bekannter Ciprofloxacinresistenz des Indexisolats andere wirksame Alternative wählen [2, FI7]. |
- Wirkweise: Hemmung der bakteriellen DNA-Gyrase und Topoisomerase IV; bakterizide Wirkung und Eradikation einer nasopharyngealen Besiedlung [FI7].
- Indikationen: Meningokokken-PEP bei Erwachsenen entsprechend STIKO und unter Berücksichtigung der Resistenzsituation [2, FI7].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Ciprofloxacin beziehungsweise andere Chinolone; gleichzeitige Anwendung von Tizanidin. Nach STIKO für die Chemoprophylaxe exponierter Schwangerer kontraindiziert [2, FI7].
- Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden, Überempfindlichkeitsreaktionen und QT-Verlängerung; selten schwerwiegende, potenziell lang anhaltende Fluorchinolon-assoziierte Nebenwirkungen einschließlich Tendinitis, Sehnenruptur, peripherer Neuropathie und zentralnervöser Reaktionen. Gleichzeitige systemische Corticosteroide erhöhen das Risiko von Sehnenschäden [FI7].
Cephalosporine der 3. Generation
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ceftriaxon | Eradikationsrate etwa 97 %. Option insbesondere in der Schwangerschaft. Meningokokken-PEP ist in der hier referenzierten Fachinformation nicht als Anwendungsgebiet aufgeführt: Off-Label-Use. Für jüngere Kinder beziehungsweise nicht durch die STIKO-Tabelle abgedeckte Alters-Gewichts-Konstellationen Dosierung pädiatrisch abstimmen [2, FI2]. |
- Wirkweise: Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese; bakterizide Wirkung und Eradikation einer nasopharyngealen Meningokokkenbesiedlung [FI2].
- Indikationen: Alternative zur oralen Chemoprophylaxe enger Kontaktpersonen; nach STIKO geeignet für exponierte Schwangere [2].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Ceftriaxon beziehungsweise Cephalosporine und vorausgegangene schwere Überempfindlichkeitsreaktion gegen andere Beta-Lactam-Antibiotika. Neonatale Kontraindikationen beachten. Bei intramuskulärer Anwendung mit lidocainhaltigem Lösungsmittel zusätzlich dessen Kontraindikationen berücksichtigen; lidocainhaltige Ceftriaxonlösung niemals intravenös verabreichen [FI2].
- Nebenwirkungen: Schmerzen an der Injektionsstelle, Überempfindlichkeitsreaktionen, gastrointestinale Beschwerden, Blutbildveränderungen und biliäre beziehungsweise renale Präzipitate [FI2].
Makrolide
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Azithromycin | Eradikationsrate etwa 93 %. Nach STIKO insbesondere eine Option für exponierte Schwangere. Meningokokken-PEP ist in der hier referenzierten Fachinformation nicht als Anwendungsgebiet aufgeführt: Off-Label-Use [2, FI8]. |
- Wirkweise: Hemmung der bakteriellen Proteinsynthese durch Bindung an die 50S-Untereinheit des Ribosoms; Eradikation einer nasopharyngealen Besiedlung [FI8].
- Indikationen: Alternative zur Meningokokken-PEP bei Erwachsenen, insbesondere bei exponierten Schwangeren nach STIKO [2].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Azithromycin beziehungsweise andere Makrolide oder Ketolide. Bei QT-Verlängerung, proarrhythmischen Erkrankungen, Elektrolytstörungen oder entsprechender Begleitmedikation besondere Nutzen-Risiko-Prüfung [FI8].
- Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden, hepatotoxische Reaktionen, Überempfindlichkeitsreaktionen und QT-Verlängerung mit möglicher Torsade-de-Pointes-Tachykardie [FI8].
Postexpositionelle Impfung
- Bei Erkrankung des Indexfalls durch die Serogruppen A, C, W, Y oder B wird ungeimpften Haushaltskontakten beziehungsweise engen Kontakten mit haushaltsähnlichem Charakter zusätzlich zur Chemoprophylaxe eine postexpositionelle Impfung empfohlen [2].
- Die Impfung soll so bald wie möglich nach der Serogruppenbestimmung des Erregers beim Indexfall durchgeführt werden; sie ersetzt nicht die unverzügliche Chemoprophylaxe [2].
- Bei Serogruppe A, C, W oder Y: Meningokokken-ACWY-Konjugatimpfstoff entsprechend der Alterszulassung und Fachinformation [2].
- Bei Serogruppe B: Meningokokken-B-Impfstoff entsprechend der Alterszulassung und Fachinformation [2].
Indexpatient
- Nach alleiniger Behandlung mit Penicillin G ist vor Entlassung eine zusätzliche Eradikation der nasopharyngealen Meningokokken erforderlich, da Penicillin G die Besiedlung nicht zuverlässig beseitigt [1, LL1].
- Das RKI nennt hierfür Rifampicin, Ciprofloxacin oder Ceftriaxon. Die STIKO empfiehlt dem Indexfall nach Abschluss der Therapie Rifampicin, sofern nicht intravenös mit einem Cephalosporin der 3. Generation behandelt wurde [1, 2].
- Nach wirksamer intravenöser Behandlung mit Ceftriaxon beziehungsweise Cefotaxim ist regelhaft keine zusätzliche Eradikationstherapie erforderlich [1, 2].
Beachte
- Empirisch und gezielt unterscheiden: Ein Meningokokkennachweis allein rechtfertigt keine Umstellung auf Penicillin G. Dafür ist ein dokumentierter Penicillinempfindlichkeitsnachweis erforderlich [LL1].
- Keine Verzögerung: Weder Lumbalpunktion, Bildgebung noch das Abwarten des Antibiogramms dürfen die initiale Antibiotikagabe verzögern [LL1].
- PEP bietet keinen vollständigen Schutz: Kontaktpersonen müssen bei Fieber, schwerem Krankheitsgefühl, Petechien (punktförmigen Hauteinblutungen) oder neurologischen Symptomen trotz erfolgter Prophylaxe unverzüglich ärztlich untersucht werden [1].
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
- Weitere Vitalstoffe (probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungen
- ACWY: Meningokokken-Serogruppen A, C, W und Y
- d: Tag
- DGN: Deutsche Gesellschaft für Neurologie
- FI: Fachinformation
- i.m.: intramuskulär
- i.v.: intravenös
- IE: Internationale Einheiten
- KG: Körpergewicht
- LL: Leitlinie
- MAP: mittlerer arterieller Druck
- PEP: Postexpositionsprophylaxe
- p.o.: oral
- STIKO: Ständige Impfkommission
- ZNS: Zentralnervensystem
Literatur
- Robert Koch-Institut (RKI). Meningokokken, invasive Erkrankungen (Neisseria meningitidis). RKI-Ratgeber. Stand 5. Februar 2026.
- Ständige Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut. Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut 2026. Epidemiologisches Bulletin. 2026;4:1-79. Version 6, 10. September 2026. doi: 10.25646/13636.6.
Leitlinien
- S2k-Leitlinie: Ambulant erworbene bakterielle Meningoenzephalitis im Erwachsenenalter. (AWMF-Registernummer: 030 - 089), April 2023, Version 6.0 Langfassung [LL1]
- S3-Leitlinie: Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge – Update 2025. (AWMF-Registernummer: 079 - 001), April 2025, Version 4.0 Langfassung [LL2]
Fachinformationen
- Viatris Germany GmbH; Mitvertrieb: Viatris Healthcare GmbH. Ceftriaxon Viatris 2 g Pulver zur Herstellung einer Infusionslösung. Fachinformation, Stand April 2026. Fachinformation [FI1]
- Viatris Germany GmbH; Mitvertrieb: Viatris Healthcare GmbH. Ceftriaxon Viatris 250 mg/500 mg/1 g Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung. Fachinformation, Stand April 2026. Fachinformation [FI2]
- Fresenius Kabi Deutschland GmbH. Cefotaxim Fresenius 1 g, Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung. Fachinformation, Stand Oktober 2025. Fachinformation [FI3]
- INFECTOPHARM Arzneimittel und CONSILIUM GmbH. Penicillin G INFECTOPHARM 1/5/10 Mega. Fachinformation, Stand März 2025. Fachinformation [FI4]
- Inresa Arzneimittel GmbH. Meropenem Inresa 500 mg/1000 mg Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung oder Infusionslösung. Fachinformation, Stand Oktober 2025. Fachinformation [FI5]
- Esteve Pharmaceuticals GmbH. EREMFAT 600 mg. Fachinformation, Stand Januar 2025. Fachinformation [FI6]
- ratiopharm GmbH. Ciprofloxacin-ratiopharm 250/500/750 mg Filmtabletten. Fachinformation, Stand August 2026, Version 18. Fachinformation [FI7]
- AbZ-Pharma GmbH. Azithromycin AbZ 250 mg, 500 mg Filmtabletten. Fachinformation, Stand Dezember 2025, Version 12. Fachinformation [FI8]