MERS-Coronavirus – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Symptomlinderung
  • Behandlung von Komplikationen, insbesondere Ateminsuffizienz (unzureichende Atmung zur Versorgung des Körpers mit Sauerstoff) und Organversagen
  • Verhinderung der Ausbreitung der Infektion

Therapieempfehlungen

  • Therapiestandard: Die Behandlung des Middle East Respiratory Syndrome (MERS) (durch ein Coronavirus verursachte Atemwegserkrankung) erfolgt supportiv und richtet sich nach dem klinischen Schweregrad. Eine für MERS zugelassene spezifische antivirale Therapie steht derzeit nicht zur Verfügung. Eine routinemäßige antivirale Behandlung wird nicht empfohlen [5, 6, LL1].
  • Supportive Behandlung:
    • Engmaschige Überwachung von Oxygenierung, Kreislauf, Flüssigkeitsbilanz und Organfunktionen; bei schwerem Verlauf intensivmedizinische Behandlung [LL1].
    • Sauerstoffgabe bei Hypoxämie (zu niedrigem Sauerstoffgehalt im Blut); bei respiratorischem Versagen (Versagen der Atmung) erforderlichenfalls invasive Beatmung (künstliche Beatmung über einen Schlauch in der Luftröhre). Bei akutem Atemnotsyndrom (ARDS) (schwerem akutem Lungenversagen) lungenprotektive Beatmung (lungenschonende künstliche Beatmung) und gegebenenfalls Bauchlagerung; bei therapierefraktärer Hypoxämie Prüfung einer extrakorporalen Membranoxygenierung (ECMO) (Sauerstoffanreicherung des Blutes außerhalb des Körpers) in einem erfahrenen Zentrum [LL1].
    • Ausgleich klinisch relevanter Flüssigkeits-, Elektrolyt- und Säure-Basen-Störungen (Störungen des Flüssigkeits-, Blutsalz- und Säurehaushalts). Bei ARDS ohne Schock (lebensbedrohlichem Kreislaufversagen) zurückhaltende Flüssigkeitszufuhr; bei Schock bedarfsgerechte Kreislaufstabilisierung und gegebenenfalls Vasopressoren [LL1].
    • Bei schwerer Pneumonie (Lungenentzündung) oder Sepsis (lebensbedrohlicher Organschädigung durch eine fehlregulierte Reaktion des Körpers auf eine Infektion) initial empirische Antibiotikatherapie gegen mögliche bakterielle Koinfektionen (gleichzeitig bestehende zusätzliche Infektionen) nach mikrobiologischer Probengewinnung, sofern dadurch keine relevante Verzögerung entsteht. Anschließend Anpassung oder Beendigung nach Befunden und klinischem Verlauf. Keine Antibiotikatherapie allein wegen des Nachweises von MERS-CoV [LL1].
    • Symptomorientierte antipyretische und analgetische Behandlung sowie bedarfsgerechte Organunterstützung [6, LL1].
  • Glucocorticoide: Keine routinemäßige systemische Gabe allein zur Behandlung der MERS-Viruspneumonie (durch das MERS-Virus verursachten Lungenentzündung). Eine Anwendung kommt bei einer eigenständigen Indikation infrage; Nutzen und Risiken sind individuell abzuwägen [LL1].
  • Infektionsschutz: Sofortige Umsetzung geeigneter Isolierungs- und Hygienemaßnahmen; bei aerosolgenerierenden Maßnahmen besondere Schutzvorkehrungen. Diese Maßnahmen sind unabhängig von einem etwaigen experimentellen Behandlungsversuch erforderlich [LL1].

Experimentelle antivirale Ansätze

  • Einordnung: Die nachfolgend genannten Wirkstoffe sind keine etablierte spezifische MERS-Therapie. Eine Anwendung sollte vorzugsweise im Rahmen klinischer Studien erfolgen. Außerhalb einer Studie bedarf ein individueller Off-label-Behandlungsversuch einer infektiologischen und intensivmedizinischen Beurteilung, Aufklärung und sorgfältigen Nutzen-Risiko-Abwägung. Die supportive Behandlung muss gleichzeitig fortgeführt werden [5, 6, LL1].
  • Interferon beta-1b plus Lopinavir/Ritonavir: In der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten MIRACLE-Studie mit 95 hospitalisierten Erwachsenen betrug die 90-Tage-Mortalität 28 % unter der Kombination und 44 % unter Placebo. In der vorab festgelegten Subgruppenanalyse zeigte sich ein Nutzen bei Therapiebeginn innerhalb von sieben Tagen nach Symptombeginn; bei späterem Beginn wurde kein Nutzen nachgewiesen. Untersucht wurde die Kombination zusätzlich zur supportiven Behandlung. Aus den Ergebnissen lässt sich keine Wirksamkeit der einzelnen Komponenten als Monotherapie ableiten. Trotz dieses positiven Studienergebnisses besteht weiterhin keine allgemeine Empfehlung zur routinemäßigen Anwendung bei MERS [3, 5, 6].
  • Ribavirin plus Interferon alfa: Die ursprüngliche Arbeit zu Ribavirin und Interferon alfa-2b untersuchte infizierte Rhesusaffen und belegt keinen klinischen Nutzen beim Menschen. In einer späteren multizentrischen Beobachtungsstudie bei kritisch kranken MERS-Patienten war Ribavirin/Interferon nach Adjustierung nicht mit einer niedrigeren 90-Tage-Mortalität oder einer beschleunigten Viruselimination verbunden. Diese Kombination wird daher nicht als Routinebehandlung empfohlen [2, 4, 6].

Wirkstoffe – experimentelle Anwendung bei MERS

Die angegebenen Dosierungen der MIRACLE-Kombination beschreiben das untersuchte Studienregime bei Erwachsenen und sind keine allgemeine Therapieempfehlung für MERS. Für Kinder und Schwangere lässt sich daraus kein etabliertes Behandlungsschema ableiten [3].

Proteaseinhibitoren

Wirkstoff Besonderheiten
Lopinavir/Ritonavir Off-label bei MERS; keine etablierte Monotherapie. Ausgeprägtes Interaktionspotenzial durch CYP3A-Hemmung. Vor Beginn vollständige Prüfung der Begleitmedikation; Überwachung insbesondere von Leberwerten und kardialen Risiken [3, FI1].
  • Wirkweise: Lopinavir ist ein HIV-Proteaseinhibitor mit präklinisch nachgewiesener Aktivität gegen MERS-CoV. Ritonavir erhöht durch Hemmung des Abbaus die Lopinavir-Exposition. Der klinische Nutzen bei MERS wurde ausschließlich für die Kombination mit Interferon beta-1b untersucht [3, FI1].
  • Indikationen: Zugelassen zur antiretroviralen Kombinationstherapie bei HIV-1-Infektion (Infektion mit dem menschlichen Immunschwächevirus Typ 1). Bei MERS ausschließlich experimenteller Einsatz; keine MERS-Zulassung [3, FI1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit (übermäßige Reaktion auf einen Stoff), schwere Leberinsuffizienz (stark eingeschränkte Leberfunktion) und kontraindizierte Arzneimittelkombinationen. Die Gegenanzeigen unterscheiden sich teilweise zwischen Tabletten und Lösung zum Einnehmen; die jeweilige Fachinformation ist zu beachten [FI1].
  • Nebenwirkungen: Insbesondere Diarrhoe (Durchfall), Übelkeit und Erbrechen; außerdem Hepatotoxizität (Schädigung der Leber), Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung), Hypertriglyceridämie (erhöhte Blutfettwerte) und kardiale Erregungsleitungsstörungen (Störungen der Weiterleitung elektrischer Impulse im Herzen). Klinisch relevante Arzneimittelinteraktionen können zusätzliche schwerwiegende Nebenwirkungen verursachen [FI1].

Interferone

Wirkstoff Besonderheiten
Interferon beta-1b Off-label bei MERS. Keine etablierte MERS-Monotherapie. Blutbild, Leberwerte und psychiatrische Symptome (Anzeichen psychischer Störungen) überwachen [3, FI2].
Interferon alfa-2b bzw. andere in früheren Untersuchungen verwendete Interferon-alfa-Präparate Historischer experimenteller Ansatz in Kombination mit Ribavirin; kein ausreichend belegter klinischer Nutzen. Die untersuchten Interferonpräparate und Behandlungsschemata waren heterogen [2, 4].
  • Wirkweise: Typ-I-Interferone aktivieren zelluläre antivirale Abwehrmechanismen und modulieren die Immunantwort [2, 3].
  • Indikationen: Interferon beta-1b ist für bestimmte Verlaufsformen der multiplen Sklerose (entzündlicher Erkrankung des zentralen Nervensystems) zugelassen. Bei MERS wurde die Kombination mit Lopinavir/Ritonavir experimentell untersucht. Für Interferon alfa mit Ribavirin besteht keine etablierte MERS-Indikation [2, 3, 4, FI2].
  • Kontraindikationen: Bei Interferon beta-1b insbesondere Überempfindlichkeit, schwere Depression (psychische Erkrankung mit anhaltender Niedergeschlagenheit und Interessenverlust) bzw. Suizidgedanken (Gedanken daran, sich das Leben zu nehmen) und dekompensierte Lebererkrankung (Lebererkrankung, bei der die Leber ihre Aufgaben nicht mehr ausreichend erfüllen kann). Für Interferon-alfa-Präparate sind die jeweiligen präparatespezifischen Gegenanzeigen zusätzlich zu prüfen [FI2].
  • Nebenwirkungen: Bei Interferon beta-1b insbesondere grippeähnliche Beschwerden und Reaktionen an der Injektionsstelle; außerdem Leberfunktionsstörungen (Störungen der Arbeitsfähigkeit der Leber), Zytopenien (verminderte Zahl von Blutzellen) und psychiatrische Nebenwirkungen. Bei experimentellen Interferonkombinationen ist eine engmaschige klinische und laborchemische Überwachung erforderlich [FI2].

Nukleosidanaloga

Wirkstoff Besonderheiten
Ribavirin Keine MERS-Zulassung; kein ausreichend belegter klinischer Nutzen. Hämolytische Anämie (Blutarmut durch vermehrten Abbau roter Blutkörperchen) und ausgeprägte Reproduktionstoxizität beachten. Bei Nierenfunktionsstörungen (eingeschränkter Arbeitsfähigkeit der Nieren) erhöhte Exposition; gegebenenfalls präparatespezifische Dosisanpassung erforderlich [4, FI3].
  • Wirkweise: Nukleosidanalogon mit mehreren antiviralen Wirkmechanismen. Präklinische Aktivität gegen MERS-CoV begründet keine gesicherte Wirksamkeit beim Menschen [2, 4].
  • Indikationen: Zugelassene Anwendungen richten sich nach dem jeweiligen Präparat. Bei MERS historischer experimenteller Einsatz zusammen mit Interferon; keine Routineindikation [4, FI3].
  • Kontraindikationen: Insbesondere Schwangerschaft, Überempfindlichkeit und Hämoglobinopathien (Erkrankungen des roten Blutfarbstoffs); weitere Gegenanzeigen gemäß Fachinformation. Eine Schwangerschaft muss vor Beginn ausgeschlossen werden. Die vorgeschriebenen Kontrazeptionsmaßnahmen während und nach der Behandlung sind zu beachten [FI3].
  • Nebenwirkungen: Vor allem hämolytische Anämie mit möglicher Verschlechterung vorbestehender Herzerkrankungen; außerdem Hyperurikämie (erhöhter Harnsäurespiegel im Blut) und gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden). Teratogenes und genotoxisches Potenzial; Blutbild und Nierenfunktion überwachen [FI3].

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
  • Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
  • Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
  • Weitere Vitalstoffe (probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungen

  • ARDS: Acute Respiratory Distress Syndrome – akutes Atemnotsyndrom
  • CDC: Centers for Disease Control and Prevention – US-amerikanische Gesundheitsbehörde
  • CYP3A: Cytochrom P450 3A – Enzymgruppe, die am Abbau zahlreicher Arzneimittel beteiligt ist
  • DHA: Docosahexaensäure
  • ECMO: Extrakorporale Membranoxygenierung
  • EMA: European Medicines Agency – Europäische Arzneimittel-Agentur
  • EPA: Eicosapentaensäure
  • FI: Fachinformation
  • HIV: Humanes Immundefizienzvirus – menschliches Immunschwächevirus
  • HIV-1: Humanes Immundefizienzvirus Typ 1
  • LL: Leitlinie
  • MERS: Middle East Respiratory Syndrome – Atemwegssyndrom des Nahen Ostens
  • MERS-CoV: Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus – das MERS verursachende Coronavirus
  • MIRACLE: MERS-CoV Infection Treated with a Combination of Lopinavir/Ritonavir and Interferon beta-1b – Bezeichnung der beschriebenen klinischen Studie
  • WHO: World Health Organization – Weltgesundheitsorganisation

Literatur

  1. Arabi YM, Balkhy HH, Hayden FG et al.: Middle East Respiratory Syndrome. N Engl J Med. 2017;376(6):584-594. doi: 10.1056/NEJMsr1408795.
  2. Falzarano D, de Wit E, Rasmussen AL et al.: Treatment with interferon-α2b and ribavirin improves outcome in MERS-CoV-infected rhesus macaques. Nat Med. 2013;19(10):1313-1317. doi: 10.1038/nm.3362.
  3. Arabi YM et al.: Interferon Beta-1b and Lopinavir–Ritonavir for Middle East Respiratory Syndrome. N Engl J Med. 2020;383:1645-1656. doi: 10.1056/NEJMoa2015294.
  4. Arabi YM, Shalhoub S, Mandourah Y et al.: Ribavirin and Interferon Therapy for Critically Ill Patients With Middle East Respiratory Syndrome: A Multicenter Observational Study. Clin Infect Dis. 2020;70(9):1837-1844. doi: 10.1093/cid/ciz544.
  5. World Health Organization: Middle East respiratory syndrome coronavirus (MERS-CoV). Fact sheet, 11. Dezember 2025. WHO-Faktenblatt.
  6. Centers for Disease Control and Prevention: Clinical Overview of MERS. CDC-Fachinformation zur klinischen Versorgung. Abruf: 6. Oktober 2026.

Leitlinien

  1. World Health Organization: Clinical management of severe acute respiratory infection when Middle East respiratory syndrome coronavirus (MERS-CoV) infection is suspected: interim guidance. Aktualisierte Fassung vom 13. Januar 2019. WHO/MERS/Clinical/15.1 Revision 1. Publikationsseite; Langfassung [LL1].

Fachinformationen

  1. AbbVie: Kaletra® – Lopinavir/Ritonavir. Europäische Produktinformation; Abschnitte 4.2 bis 4.8. EMA-Produktinformation einschließlich Fachinformation. Abruf: 6. Oktober 2026 [FI1].
  2. Bayer: Betaferon® – Interferon beta-1b. Europäische Produktinformation; Abschnitte 4.2 bis 4.8. EMA-Produktinformation einschließlich Fachinformation. Abruf: 6. Oktober 2026 [FI2].
  3. Ribavirin 200 mg Capsules: Summary of Product Characteristics; insbesondere Abschnitte 4.2 bis 4.8. Britische Fachinformation. Fachinformation. Abruf: 6. Oktober 2026 [FI3].