Keratokonjunktivitis epidemica – Medikamentöse Therapie
Therapieziel
Beschwerdefreiheit
- Vermeidung von Hornhautkomplikationen (Folgeschäden der Hornhaut), chronischen subepithelialen Infiltraten (entzündlichen Zellansammlungen unter der Hornhautoberfläche) (Nummuli (münzförmige Hornhauttrübungen)) und Visusminderung (Abnahme der Sehschärfe)
- Unterbrechung der Infektionskette
Therapieempfehlungen
- Grundsatz: Die Keratokonjunktivitis epidemica (hochansteckende Entzündung von Hornhaut und Bindehaut) (KCE) ist in der Regel selbstlimitierend. Eine zugelassene kausale antivirale Standardtherapie steht nicht zur Verfügung; die Behandlung ist primär symptomatisch. Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen sind wesentlicher Bestandteil des Behandlungskonzepts [1, 5, LL1].
- Symptomatische Basistherapie:
- Konservierungsmittelfreie Tränenersatzmittel nach Bedarf
- Kühle Kompressen zur Linderung von Brennen, Fremdkörpergefühl und Lidschwellung; für jedes Auge eine eigene Kompresse verwenden
- Vorsichtige Reinigung der Lidränder und Wimpern bei Sekret- oder Krustenbildung. Der Patient ist wie folgt anzuweisen. „Tränken Sie ein Wattepad mit steriler Kochsalzlösung oder abgekochtem, abgekühltem Wasser und entfernen Sie Sekret vorsichtig. Verwenden Sie für jede Wischbewegung und für jedes Auge ein neues Wattepad und entsorgen Sie es unmittelbar danach.“
- Kontaktlinsen bis zur vollständigen klinischen Abheilung nicht tragen; benutzte Einmallinsen, Aufbewahrungsbehälter und während der Erkrankung verwendete Augen-Make-up-Produkte entsorgen
- Antibiotika:
- Bei unkomplizierter KCE weder prophylaktisch noch therapeutisch indiziert; sie verkürzen den viralen Krankheitsverlauf nicht und sollen nicht routinemäßig verordnet werden [5, LL1].
- Nur bei klinisch begründetem Verdacht auf eine bakterielle Superinfektion (zusätzliche bakterielle Infektion) ist eine antibakterielle Therapie angezeigt. Die Auswahl des topischen Antibiotikums erfolgt nach Alter, Kontaktlinsenanamnese, klinischem Befund, lokalem Erregerspektrum und gegebenenfalls Antibiogramm; kein Wirkstoff ist pauschal Mittel der Wahl.
- Ein Konjunktivalabstrich mit Erregernachweis und Resistenztestung ist insbesondere bei hyperakutem oder schwer eitrigem Verlauf, Hornhautbeteiligung, chronischem oder rezidivierendem Verlauf, Therapieversagen, bei Kontaktlinsenträgern, Neugeborenen und immungeschwächten Patienten vor Therapiebeginn erforderlich.
- Bei Neugeborenen ist eine Konjunktivitis (Bindehautentzündung) unverzüglich fachärztlich und mikrobiologisch abzuklären. Eine pauschale topische Moxifloxacin-Therapie ist nicht Mittel der Wahl; bei Gonokokken- oder Chlamydieninfektion (Infektion mit Tripper- oder Chlamydienbakterien) ist eine erregergerechte systemische Therapie erforderlich [LL1].
- Topische Glucocorticoide:
- Keine routinemäßige Anwendung in der akuten unkomplizierten Phase, da die Viruselimination (Beseitigung der Viren) verzögert und die Virusausscheidung verlängert werden kann [1, 5, LL1].
- Eine zeitlich begrenzte Anwendung kommt ausschließlich unter augenärztlicher Kontrolle bei ausgeprägten Pseudomembranen oder Membranen (entzündlichen Auflagerungen beziehungsweise fest anhaftenden Häutchen), schwerer Keratitis (Hornhautentzündung), Uveitis (Entzündung der mittleren Augenhaut) oder visusrelevanten subepithelialen Infiltraten in Betracht.
- Vor Beginn sind insbesondere eine Herpes-simplex-Keratitis (durch Herpes-simplex-Viren verursachte Hornhautentzündung), bakterielle Keratitis, Pilzkeratitis (Hornhautentzündung durch Pilze) und Akanthamöbenkeratitis (Hornhautentzündung durch bestimmte Einzeller) auszuschließen. Augeninnendruck und Hornhautbefund sind zu kontrollieren; nach längerer Anwendung ist langsam auszuschleichen, da Infiltrate rezidivieren (erneut auftreten) können.
- Ausgeprägte Pseudomembranen können unter topischer Anästhesie vorsichtig entfernt werden, um Symblepharon (Verwachsung zwischen Lid- und Augapfelbindehaut) und Narbenbildung vorzubeugen.
- Chronische subepitheliale Infiltrate (Nummuli):
- Bei persistierenden, visusrelevanten oder steroidabhängigen Infiltraten kann Ciclosporin A, beispielsweise als 0,05%ige Augentropfen, als steroidsparender Therapieversuch eingesetzt werden. Dosierung und Therapiedauer sind nicht standardisiert. Es handelt sich um einen Off-Label-Use bei niedriger Evidenzsicherheit [1, 4, 5].
- Topisches Tacrolimus, beispielsweise als 0,03%ige Augensalbe, ist bei steroidrefraktären oder steroidabhängigen Infiltraten eine weitere augenärztliche Behandlungsoption. Auch hierbei handelt es sich um einen Off-Label-Use; Dosierung und Therapiedauer sind individuell festzulegen [1, 5].
- Antivirale und antiseptische Verfahren:
- Ganciclovir 0,15% Augengel wird bei adenoviraler Keratokonjunktivitis nicht routinemäßig empfohlen. Kleine Studien zeigten mögliche Vorteile, die systematische Auswertung ergab jedoch keine gesicherte Verkürzung der Krankheitsdauer. Eine Anwendung wäre ein Off-Label-Use [1, 3, 5].
- Eine einmalige 5%ige Povidon-Iod-Applikation in der augenärztlichen Praxis reduzierte in einer kleinen randomisierten Pilotstudie die Viruslast und einzelne Beschwerden an Tag 4. Die Gesamtevidenz für Povidon-Iod allein oder in Kombination mit einem Glucocorticoid ist jedoch niedrig bis sehr niedrig; ein zugelassenes Standardregime besteht nicht. Eine Anwendung zur Behandlung der KCE ist ein Off-Label-Use und darf nicht als Selbstbehandlung erfolgen [1, 2, 5].
- Topisches Interferon und N-Chlorotaurin sind experimentelle Ansätze. Für eine therapeutische oder prophylaktische Routineanwendung liegen keine ausreichenden klinischen Daten vor [5].
- Zu vermeiden: Unbegründete Antibiotikatherapie, routinemäßige Antibiotikum-Glucocorticoid-Kombinationen, unkontrollierte topische Glucocorticoidtherapie, Abgabe topischer Lokalanästhetika zur Heimanwendung und nicht sterile Augenspülungen.
Beachte: Die hohe Kontagiosität (Ansteckungsfähigkeit) erfordert konsequente Händehygiene, Vermeidung von Augenreiben, getrennte Handtücher und Kopfkissen sowie den Verzicht auf gemeinsam verwendete Augentropfen und Kosmetika. In medizinischen Einrichtungen sind eine räumlich beziehungsweise zeitlich getrennte Versorgung sowie adenoviruswirksame Instrumenten- und Flächendesinfektion erforderlich [5, LL1].
Meldepflicht: In Deutschland ist der direkte Nachweis von Adenoviren aus einem Konjunktivalabstrich nach § 7 Abs. 1 Infektionsschutzgesetz namentlich meldepflichtig [LL2].
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
- Weitere Vitalstoffe (probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungsverzeichnis
- DHA: Docosahexaensäure
- EPA: Eicosapentaensäure
- IfSG: Infektionsschutzgesetz
- KCE: Keratokonjunktivitis epidemica
Literatur
- Liu SH, Hawkins BS, Ng SM et al.: Topical pharmacologic interventions versus placebo for epidemic keratoconjunctivitis. Cochrane Database Syst Rev. 2022;3(3):CD013520. doi: 10.1002/14651858.CD013520.pub2 [1]
- Than T, Morettin CE, Harthan JS et al.: Efficacy of a Single Administration of 5% Povidone-Iodine in the Treatment of Adenoviral Conjunctivitis. Am J Ophthalmol. 2021;231:28-38. doi: 10.1016/j.ajo.2021.05.018 [2]
- Yabiku ST, Yabiku MM, Bottós KM et al.: Uso de ganciclovir 0,15% gel para tratamento de ceratoconjuntivite adenoviral. Arq Bras Oftalmol. 2011;74(6):417-421. doi: 10.1590/S0004-27492011000600007 [3]
- Okumus S, Coskun E, Tatar MG et al.: Cyclosporine a 0.05% eye drops for the treatment of subepithelial infiltrates after epidemic keratoconjunctivitis. BMC Ophthalmol. 2012;12:42. doi: 10.1186/1471-2415-12-42 [4]
- Shunmugam M, Giovannetti F, Yeung SN et al.: An Update on Viral Conjunctivitis Treatment Strategies: A Narrative Literature Review. Microorganisms. 2025;13(8):1712. doi: 10.3390/microorganisms13081712 [5]
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- Cheung AY, Choi DS, Ahmad S et al.: Conjunctivitis Preferred Practice Pattern. Ophthalmology. 2024;131(4):P134-P204. doi: 10.1016/j.ophtha.2023.12.037 [LL1]
- Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz - IfSG): § 7 Meldepflichtige Nachweise von Krankheitserregern. Aktuelle Fassung [LL2]