Haemophilus influenzae – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Eliminierung der Erreger
- Vermeidung von Komplikationen und invasiven Krankheitsverläufen (schweren Infektionsverläufen mit Ausbreitung des Erregers im Körper)
- Verhinderung von Sekundärfällen (weiteren Erkrankungsfällen nach Ansteckung durch einen Ausgangsfall) bei invasiver Haemophilus-influenzae-Typ-b-(Hib-)Infektion
Therapieempfehlungen
- Invasive Haemophilus-influenzae-(Hi-)Infektion:
- Umgehender Beginn einer parenteralen Antibiotikatherapie. Mittel der Wahl sind Cephalosporine der Gruppe 3, insbesondere Cefotaxim oder Ceftriaxon [1].
- Wegen des Vorkommens Ampicillin-resistenter Stämme soll Ampicillin nur bei nachgewiesener Empfindlichkeit des Hi-Isolats eingesetzt werden [1].
- Nach Vorliegen von Erregernachweis und Antibiogramm soll die kalkulierte Antibiotikatherapie entsprechend der Empfindlichkeit und dem Infektionsfokus angepasst werden.
- Haemophilus-influenzae-Meningitis (Hirnhautentzündung):
- Therapie entsprechend der Leitlinie zur bakteriellen Meningoenzephalitis (Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute).
- Bei Erwachsenen mit Verdacht auf bakterielle Meningitis soll Dexamethason erstmals unmittelbar vor oder zeitgleich mit der ersten Antibiotikagabe verabreicht werden [LL2].
- Epiglottitis (Kehldeckelentzündung):
- Die Sicherung der Atemwege hat höchste Priorität; zur weiteren Therapie siehe unter der gleichnamigen Erkrankung.
- Symptomatische Therapie:
- Ggf. Antipyretika und Analgetika entsprechend der klinischen Symptomatik.
- Eradikation (vollständige Beseitigung des Erregers) bei invasiver Hib-Erkrankung:
- Das RKI empfiehlt vor der Entlassung die Eradikation einer nasopharyngealen Hib-Besiedlung mit Rifampicin zur Verhinderung einer Zweiterkrankung beziehungsweise von Folgefällen. Dies ist insbesondere relevant, wenn nicht mit Cefotaxim oder Ceftriaxon behandelt wurde [1].
- Postexpositionsprophylaxe (Vorbeugung nach Kontakt mit einem Erkrankten; PEP): bei invasiver Hib-Infektion entsprechend den aktuellen STIKO-Empfehlungen [2, LL1; s. u.].
- Bei nichtinvasiven Hi-Infektionen richtet sich die Antibiotikatherapie nach Infektionsfokus, Schweregrad, Resistenzlage und der Therapieempfehlung der jeweiligen Erkrankung.
- Siehe auch unter „Weitere Therapie“.
Wirkstoffe (Hauptindikation)
Antibiotika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Ceftriaxon |
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| Cefotaxim |
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| Ampicillin |
|
- Wirkweise: Ceftriaxon, Cefotaxim und Ampicillin hemmen die bakterielle Zellwandsynthese und wirken bakterizid.
- Indikationen: Ceftriaxon beziehungsweise Cefotaxim zur kalkulierten parenteralen Therapie invasiver Hi-Infektionen; Ampicillin zur gezielten Therapie bei nachgewiesener Empfindlichkeit [1].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen den jeweiligen Wirkstoff beziehungsweise relevante schwere Überempfindlichkeitsreaktionen gegen Beta-Laktam-Antibiotika; bei Ceftriaxon sind zusätzlich die besonderen Kontraindikationen bei Früh- und Neugeborenen sowie im Zusammenhang mit intravenöser Calciumgabe zu beachten [FI1, FI2, FI3].
- Nebenwirkungen: allergische Reaktionen bis zur Anaphylaxie (schweren allergischen Sofortreaktion), gastrointestinale Beschwerden, antibiotikaassoziierte Diarrhoe (Durchfall) beziehungsweise Clostridioides-difficile-Infektion (Darminfektion durch Clostridioides difficile) und Blutbildveränderungen; bei Ceftriaxon zusätzlich unter anderem biliäre Präzipitate; bei hohen Beta-Laktam-Dosen beziehungsweise eingeschränkter Nierenfunktion sind neurotoxische Reaktionen (Schädigungen des Nervensystems) einschließlich Krampfanfällen möglich [FI1, FI2, FI3].
Postexpositionsprophylaxe (PEP)
Beachte
- Die postexpositionelle Chemoprophylaxe (vorbeugende Medikamentengabe nach Erregerkontakt) betrifft invasive Infektionen durch Haemophilus influenzae Typ b (Hib). Bei invasiven Infektionen durch andere Hi-Typen wird keine routinemäßige PEP empfohlen [1, 2, LL1].
Indikationen
- Nach engem „face-to-face“-Kontakt mit einer Person mit invasiver Hib-Infektion oder nach Kontakt zu deren oropharyngealen Sekreten wird eine Chemoprophylaxe empfohlen für [2, LL1]:
- ungeimpfte oder unvollständig geimpfte Kinder < 5 Jahre, die in Gemeinschaftseinrichtungen exponiert waren,
- alle Kontaktpersonen mit medizinisch begründbarem erhöhtem Risiko für invasive Hib-Erkrankungen, z. B. bei erhöhter Anfälligkeit gegenüber bekapselten Bakterien wie anatomischer oder funktioneller Asplenie (fehlender oder nicht funktionsfähiger Milz), Drogenkonsum, prekärer Wohnsituation beziehungsweise Wohnungslosigkeit, chronischer Leber- oder Nierenerkrankung oder Mangelernährung (unzureichender Versorgung mit Nährstoffen),
- alle Haushaltsmitglieder einer erkrankten Person, wenn im Haushalt mindestens ein ungeimpftes oder unvollständig geimpftes Kind < 5 Jahre oder eine Person mit medizinisch begründbarem erhöhtem Risiko für eine invasive Hib-Erkrankung lebt.
- Haushaltsähnliche Einrichtungen:
- Bewohner von Gemeinschaftsunterkünften, Internaten, Wohnheimen, Kasernen oder Justizvollzugsanstalten mit haushaltsähnlichem Kontakt werden wie Haushaltsmitglieder betrachtet [2, LL1].
- In Ausbruchssituationen zusätzlich [2, LL1]:
- alle Kinder und deren betreuende Personen unabhängig von Impfstatus und Alter derselben Gruppe einer Gemeinschaftseinrichtung für Kinder < 5 Jahre, wenn dort innerhalb von etwa 2 Monaten ≥ 2 Fälle aufgetreten sind und in der Einrichtung nicht oder nicht vollständig geimpfte Kinder < 5 Jahre betreut werden,
- alle engen Kontaktpersonen unabhängig von Impfstatus und Alter, die im Ausbruchsgeschehen selbst engen und regelmäßigen Kontakt zu vulnerablen Personen haben.
Durchführung
- Rifampicin, Mittel der ersten Wahl [2, LL1]:
- ab einem Alter von 1 Monat: 20 mg/kg KG p.o. 1-mal täglich, maximal 600 mg/d, für 4 Tage
- Erwachsene ab 18 Jahren: 600 mg p.o. 1-mal täglich für 4 Tage
- Ceftriaxon als Alternative [2, LL1]:
- < 12 Jahre: 50 mg/kg KG, maximal 1.000 mg/d, parenteral für 2 Tage
- ≥ 12 Jahre und Erwachsene: 1.000 mg/d parenteral für 2 Tage
- Levofloxacin als Alternative [2, LL1]:
- 8 bis 10 mg/kg KG p.o. 1-mal täglich, maximal 1.000 mg/d, für 4 Tage.
- Die Auswahl ist nur unter Berücksichtigung von Alter, Kontraindikationen, Nebenwirkungen, Interaktionen und der jeweiligen Fachinformation vorzunehmen.
- Ciprofloxacin:
- Bei Nichtverfügbarkeit der genannten Alternativen kann nach STIKO unter Beachtung der Fachinformation auch Ciprofloxacin zur PEP eingesetzt werden [2, LL1].
- Schwangerschaft:
- Die Wahl des Antibiotikums zur Chemoprophylaxe soll individuell unter Berücksichtigung der jeweiligen Fachinformation erfolgen. Eine generelle Aussage, Rifampicin sei in der Schwangerschaft grundsätzlich kontraindiziert und müsse regelhaft durch Ceftriaxon ersetzt werden, entspricht nicht der aktuellen STIKO-Empfehlung [2, LL1].
- Zeitpunkt:
- Die PEP soll zum frühestmöglichen Zeitpunkt, spätestens 7 Tage nach Beginn der Erkrankung des Indexfalls, begonnen werden [2, LL1].
- In Ausbruchssituationen kann die PEP bis zu Tag 28 nach Erkrankungsbeginn des Indexfalls für enge Kontaktpersonen sinnvoll sein, die selbst vulnerabel sind oder im Ausbruchsgeschehen engen und regelmäßigen Kontakt zu vulnerablen Personen haben [2, LL1].
Impfprophylaxe (Vorbeugung durch Impfung)
- Ungeimpfte oder unvollständig geimpfte Kinder < 5 Jahre sollen gegen Hib nachgeimpft werden [2, LL1].
- In Ausbruchssituationen wird zusätzlich für Personen mit medizinisch begründbarem erhöhtem Risiko für eine invasive Hib-Erkrankung, die einem Infektionsrisiko ausgesetzt sind, eine einmalige Hib-Impfung mit einem altersentsprechend zugelassenen Impfstoff empfohlen [2, LL1].
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
- Weitere Vitalstoffe (Probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungen
- AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- d – Tag
- FI – Fachinformation
- GFR – glomeruläre Filtrationsrate
- Hi – Haemophilus influenzae
- Hib – Haemophilus influenzae Typ b
- i.v. – intravenös
- KG – Körpergewicht
- LL – Leitlinie
- PEP – Postexpositionsprophylaxe
- p.o. – per os
- RKI – Robert Koch-Institut
- STIKO – Ständige Impfkommission
Literatur
- Robert Koch-Institut: RKI-Ratgeber Haemophilus influenzae, invasive Infektion. Epidemiologisches Bulletin 10/2021. doi:10.25646/7878
- Piechotta V et al.: Beschluss und wissenschaftliche Begründung zur Erweiterung der STIKO-Empfehlung zur Indikationsimpfung und postexpositionellen Chemoprophylaxe gegen Haemophilus influenzae Typ b. Epidemiologisches Bulletin 34/2025. doi:10.25646/13361
Leitlinien
- Robert Koch-Institut: Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut 2026. Epidemiologisches Bulletin 4/2026, aktuelle Version vom 10. September 2026. doi:10.25646/13636.6 [LL1]
- S2k-Leitlinie: Ambulant erworbene bakterielle Meningoenzephalitis im Erwachsenenalter. (AWMF-Registernummer: 030-089), Version 6.0, April 2023. Langfassung [LL2]
Fachinformationen
- Ceftriaxon Viatris 2 g Pulver zur Herstellung einer Infusionslösung. Viatris Healthcare GmbH. Stand April 2026. Fachinformation [FI1]
- Cefotaxim Fresenius 2 g Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung. Fresenius Kabi Deutschland GmbH. Stand Oktober 2025. Fachinformation [FI2]
- Ampicillin-ratiopharm 0,5 g/1,0 g/2,0 g/5,0 g. ratiopharm GmbH. Stand Juli 2025. Fachinformation [FI3]
- EREMFAT Sirup. Rifampicin. Riemser Pharma GmbH. Stand Januar 2025. Fachinformation
- Levofloxacin-ratiopharm 250 mg/500 mg Filmtabletten. ratiopharm GmbH. Stand Mai 2026. Fachinformation