Botulismus – Differentialdiagnosen

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Meningitis (Hirnhautentzündung) – infektiöse Entzündung der Hirnhäute mit Fieber, Meningismus (Nackensteifigkeit) und Bewusstseinsstörung; relevante Differentialdiagnose bei neurologischer Symptomatik
  • Poliomyelitis (Kinderlähmung) – akute schlaffe Paresen (Lähmungen), meist asymmetrisch; insbesondere bei fehlender oder unvollständiger Impfung beziehungsweise entsprechender Reiseanamnese
  • Sepsis (Blutvergiftung) – wichtige Differentialdiagnose beim Säugling mit Trinkschwäche, Hypotonie (verminderter Muskelspannung), Apathie (Teilnahmslosigkeit) oder Atemstörung
  • West-Nil-Virus-Infektion – akute schlaffe Lähmung oder Enzephalitis (Gehirnentzündung) möglich; insbesondere bei passender Reise-, Saison- oder Expositionsanamnese

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Hypermagnesiämie (erhöhter Magnesiumspiegel) – neuromuskuläre Schwäche (Nerven-Muskel-Schwäche), Hyporeflexie (abgeschwächte Reflexe), Hypotonie und respiratorische Insuffizienz (Atemschwäche) möglich; insbesondere bei Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) oder Magnesiumexposition
  • Hypokaliämische periodische Paralyse (anfallsweise Lähmung bei Kaliummangel) – episodische schlaffe Paresen mit erniedrigtem Kalium, meist ohne Hirnnervenparesen (Lähmungen der Kopfnerven) und ohne autonome Botulismuszeichen
  • Metabolische Erkrankungen (Stoffwechselerkrankungen) des Säuglingsalters – Differentialdiagnose beim „floppy infant“ (schlaffer Säugling) mit Trinkschwäche, Hypotonie, Lethargie (krankhafte Schläfrigkeit) oder Atemstörung

Mund, Ösophagus, Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Lebensmittelintoxikation (Lebensmittelvergiftung) durch bakterielle Enterotoxine (Darmgifte) – rascher Beginn mit Erbrechen und Diarrhoe (Durchfall), typischerweise ohne Hirnnervenparesen, autonome Störungen und absteigende schlaffe Lähmung

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Akuter Hirnstamminfarkt (Schlaganfall im Hirnstamm) – Dysarthrie (Sprechstörung), Dysphagie (Schluckstörung), Doppelbilder und Hirnnervenstörungen möglich; typischerweise fokale neurologische Defizite und vaskuläre Risikokonstellation
  • Guillain-Barré-Syndrom (entzündliche Nervenerkrankung) – akute inflammatorische Polyradikuloneuropathie (entzündliche Nervenwurzel- und Nervenerkrankung) mit aufsteigender Schwäche, Areflexie (fehlende Reflexe) und möglicher respiratorischer Beteiligung
  • Lambert-Eaton-Myasthenie-Syndrom (Nerven-Muskel-Erkrankung) – proximale Muskelschwäche (körperstammnahe Muskelschwäche) und autonome Symptome; häufig paraneoplastisch (tumorbegleitend), meist keine akute nahrungsmittelassoziierte Symptomatik
  • Miller-Fisher-Syndrom – Variante des Guillain-Barré-Syndroms mit Ophthalmoplegie (Augenmuskellähmung), Ataxie (Koordinationsstörung) und Areflexie; wichtige Differentialdiagnose bei okulomotorischer Symptomatik
  • Myasthenia gravis (krankhafte Muskelschwäche) – belastungsabhängige okulobulbäre Schwäche (Augen- und Schluckmuskelschwäche) mit Ptosis (Lidheberschwäche), Diplopie (Doppelbildern), Dysarthrie oder Dysphagie; Pupillenbeteiligung spricht gegen Myasthenia gravis
  • Spinale Muskelatrophie (Muskelschwund durch Rückenmarkserkrankung) im Säuglingsalter – Differentialdiagnose beim „floppy infant“ mit Hypotonie und Trinkschwäche; Verlauf meist nicht akut toxisch
  • Zeckenparalyse (Zeckenlähmung) – toxinvermittelte schlaffe Lähmung nach Zeckenbefall; typischerweise rasche Besserung nach Entfernung der Zecke

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Akute respiratorische Insuffizienz anderer Ursache – muss bei Atemnot, Hypoventilation (verminderte Atmung) oder Hyperkapnie (erhöhter Kohlendioxidgehalt im Blut) parallel abgeklärt werden, insbesondere wenn neurologische Zeichen nicht eindeutig sind
  • Akute schlaffe Paralyse (schlaffe Lähmung) unklarer Ursache – syndromale Arbeitsdiagnose bis zur Zuordnung zu infektiöser, toxischer, autoimmuner, metabolischer oder vaskulärer Ursache

Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)

  • Iatrogene Botulinumtoxinwirkung (durch medizinische Maßnahmen verursachte Botulinumtoxinwirkung) – systemische Wirkung nach therapeutischer oder kosmetischer Botulinumtoxin-Anwendung mit Ptosis, Dysphagie, generalisierter Schwäche oder Atemstörung möglich

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Anticholinerges Syndrom (Vergiftungsbild mit Hemmung bestimmter Nervenwirkungen) – Mundtrockenheit, Mydriasis (Pupillenerweiterung), Tachykardie (Herzrasen), Harnverhalt und Verwirrtheit möglich; ausgeprägte Deliranz (Verwirrtheitszustand) spricht eher gegen Botulismus
  • Intoxikationen (Vergiftungen), nicht näher bezeichnet – insbesondere bei unklarer Exposition, Mischintoxikation oder fehlender sicherer Anamnese
  • Organophosphatvergiftung – cholinerges Syndrom (Vergiftungsbild durch Überaktivität bestimmter Nervenwirkungen) mit Miosis (Pupillenverengung), Bronchorrhoe (vermehrter Bronchialschleim), Bradykardie (verlangsamter Herzschlag), Diarrhoe, Muskelzuckungen und Schwäche; klinisch meist gegensätzlich zur anticholinergen/autonomen Botulismussymptomatik
  • Saxitoxinvergiftung – paralytische Muschelvergiftung mit perioraler Parästhesie (Missempfindung um den Mund), gastrointestinalen Symptomen, Muskelschwäche und respiratorischer Insuffizienz
  • Tetrodotoxinvergiftung – akute neurotoxische Intoxikation (nervengiftbedingte Vergiftung) mit Parästhesien, Schwäche, Lähmung und respiratorischer Insuffizienz nach Exposition gegenüber entsprechenden Meerestieren

Medikamente

  • Aminoglykoside – können eine neuromuskuläre Blockade (Blockade der Nerven-Muskel-Übertragung) verstärken oder auslösen, insbesondere bei Risikokonstellationen
  • Benzodiazepine – Sedierung (Beruhigung), Hypoventilation und Muskelschwäche möglich; keine typische Hirnnerven- und Pupillenkonstellation des Botulismus
  • Botulinumtoxinpräparate – systemische Ausbreitung nach therapeutischer oder kosmetischer Anwendung als iatrogene Botulismusform möglich
  • Magnesiumhaltige Arzneimittel – bei Überdosierung oder Niereninsuffizienz neuromuskuläre Schwäche, Hyporeflexie und Atemdepression (Atemdämpfung) möglich
  • Neuromuskuläre Blocker – pharmakologisch bedingte schlaffe Lähmung, insbesondere perioperativ (um eine Operation herum) oder intensivmedizinisch
  • Opioide – Atemdepression, Miosis und Bewusstseinsminderung; Pupillenmiosis und Sedierung sprechen eher gegen Botulismus

Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Neurotoxische Meeresfrüchtevergiftung – Sammelbegriff für toxinbedingte Lähmungssyndrome nach Fisch- oder Muschelexposition
  • Pestizidexposition – insbesondere Organophosphate und Carbamate mit cholinergem Syndrom und neuromuskulärer Schwäche