Magen-Darm-Grippe (Gastroenteritis) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Rehydrierung (Ausgleich des Flüssigkeitsmangels) und Ausgleich von Elektrolytverlusten (Verlusten von Körpersalzen)
  • Linderung von Erbrechen und Diarrhö (Durchfall)
  • Gezielte Erregerelimination (Beseitigung des Krankheitserregers) bei gesicherter Indikation
  • Vermeidung von Komplikationen, insbesondere Kreislaufschock (lebensbedrohliches Kreislaufversagen), akutem Nierenversagen (plötzlich einsetzendem Versagen der Nierenfunktion), Sepsis (lebensbedrohlicher Reaktion des Körpers auf eine Infektion) und hämolytisch-urämischem Syndrom (schwerer Erkrankung mit Blutarmut, Blutplättchenmangel und Nierenschädigung)

Therapieempfehlungen

  • Einschätzung des Schweregrades
    • Vor Beginn der Therapie sollen der Hydratationszustand (Flüssigkeitszustand des Körpers), der Gewichtsverlust, der Kreislaufstatus, der Bewusstseinszustand, die Urinausscheidung sowie Risikofaktoren für einen komplizierten Verlauf beurteilt werden.
    • Eine stationäre Behandlung ist insbesondere bei schwerer Dehydratation (Flüssigkeitsmangel), Kreislaufschock, Bewusstseinsstörung (Störung der Wachheit und Wahrnehmung), unkontrollierbarem Erbrechen, gescheiterter oraler Rehydratation, anhaltend blutiger Diarrhö, Ileusverdacht (Verdacht auf Darmverschluss) oder drohender Dekompensation (Versagen körperlicher Ausgleichsmechanismen) erforderlich [LL1, LL2].
  • Rehydratation
    • Die wichtigste therapeutische Maßnahme ist der frühzeitige Ersatz von Flüssigkeit und Elektrolyten. Bei Dehydratation soll primär eine standardisierte orale Rehydrationslösung (ORL) verwendet werden [LL1-LL3].
    • Die ORL soll in der vorgeschriebenen Wassermenge zubereitet werden. Cola, unverdünnte Fruchtsäfte, reine Tees oder ausschließlich Wasser sind wegen ihrer ungeeigneten Glucose- und Elektrolytzusammensetzung kein gleichwertiger Ersatz.
    • Auch bei Erbrechen gelingt die orale Rehydratation häufig durch gekühlte ORL in kleinen, häufig angebotenen Portionen. Bei unzureichender oraler Aufnahme kann eine nasogastrale Rehydratation versucht werden, bevor eine intravenöse Therapie begonnen wird.
    • Eine intravenöse Rehydratation soll bei Schock, schwerer Dehydratation, gescheiterter oraler bzw. nasogastraler Rehydratation, Vigilanzminderung (verminderter Wachheit) mit Aspirationsgefahr (Gefahr des Eindringens von Mageninhalt in die Atemwege), Ileus (Darmverschluss) bzw. Passagehindernis (Blockade der Darmpassage), schwerer Azidose (Übersäuerung des Blutes) oder relevanter Hypo- bzw. Hypernatriämie erfolgen. Hierfür sind balancierte isotone Vollelektrolytlösungen zu bevorzugen [6, LL1, LL2].
  • Ernährung
    • Stillen soll fortgesetzt werden. Nach Beginn der Rehydratation soll eine frühzeitige altersentsprechende Ernährung erfolgen.
    • „Teepausen“, längeres Fasten und eine routinemäßige spezielle Diät werden nicht empfohlen. Kleine, gut verträgliche Mahlzeiten sind bei Übelkeit häufig günstiger [LL1, LL2].
  • Symptomatische Pharmakotherapie
    • Antiemetika sollen nicht routinemäßig eingesetzt werden. Bei Erwachsenen ist ein kurzfristiger, individuell begründeter Einsatz möglich.
    • Bei Kindern mit starkem Erbrechen von mehr als 4 Episoden innerhalb von 24 Stunden kann Ondansetron erwogen werden. Die Anwendung bei akuter Gastroenteritis (Magen-Darm-Entzündung) ist nicht zugelassen und stellt einen aufklärungspflichtigen Off-Label-Use dar. Vor der Anwendung sind insbesondere Hypokaliämie und Hypomagnesiämie zu korrigieren sowie Risikofaktoren für eine Verlängerung des frequenzkorrigierten QT-Intervalls zu berücksichtigen [4, LL2].
    • Loperamid kann bei Erwachsenen mit akuter wässriger Diarrhö ohne Fieber und ohne Blut im Stuhl für weniger als 48 Stunden eingesetzt werden. Bei Säuglingen, Kindern, invasiver Enteritis (Darmentzündung), Dysenterie (Ruhr mit blutig-schleimigem Durchfall), Ileus, akuter Colitis ulcerosa (chronisch-entzündlicher Dickdarmerkrankung), Clostridioides-difficile-Infektion (Darminfektion durch Clostridioides difficile) oder Verdacht auf Shigatoxin-bildende Escherichia coli darf es nicht eingesetzt werden [LL1, LL2, F1].
    • Racecadotril kann bei Erwachsenen sowie ergänzend zur oralen Rehydratation bei Säuglingen über 3 Monate und Kindern mit ausgeprägter Diarrhö erwogen werden. Die Rehydratation darf hierdurch nicht ersetzt werden [1, 5, LL1, LL2, F2, F3].
    • Dioktaedrisches Smektit kann bei Kindern ergänzend zur oralen Rehydratation zur Verkürzung der Durchfalldauer erwogen werden; die Sicherheit der Evidenz ist gering [LL2].
    • Probiotika sollen bei akuter infektiöser Gastroenteritis nicht routinemäßig eingesetzt werden. Für eine klinisch relevante Verkürzung der Erkrankung besteht keine hinreichend verlässliche Evidenz [3, LL1, LL2].
    • Für Kohle, Heilerde, Myrrhe, Tannine, Gelatine und Xyloglucan besteht keine ausreichende Evidenz für eine regelhafte Anwendung [LL1, LL2].
  • Antiinfektive Therapie
    • Bei unkomplizierter akuter infektiöser Gastroenteritis soll in der Regel auch bei Patienten mit Immundefizienz (Abwehrschwäche) keine empirische antibiotische Therapie erfolgen. Die meisten Erkrankungen sind selbstlimitierend und ausreichend durch Flüssigkeits- und Elektrolytersatz behandelbar [2, LL1, LL2].
    • Eine empirische antibiotische Therapie kann nach Entnahme geeigneter Stuhlproben und bei systemischer Infektion (Infektion des gesamten Körpers) zusätzlich von Blutkulturen bei schwerem Krankheitsbild, Sepsis, Dysenterie oder funktionell relevanter Immundefizienz erwogen werden.
    • Bei Erwachsenen ist Azithromycin Mittel der ersten Wahl für eine erforderliche empirische Therapie. Fluorchinolone sollen wegen zunehmender Resistenzen und ihres Risikoprofils nicht als empirische Erstlinientherapie eingesetzt werden. Metronidazol besitzt keinen Stellenwert in der empirischen Therapie einer akuten bakteriellen Gastroenteritis [LL1, B1].
    • Nach Erregernachweis soll die Therapie anhand des Erregers, des Antibiogramms, der regionalen bzw. reiseassoziierten Resistenzsituation und patientenbezogener Risikofaktoren angepasst oder beendet werden.
  • Virale Gastroenteritis
    • Bei Noro- oder Rotavirusinfektion (Magen-Darm-Infektion durch Noro- oder Rotaviren) ist keine spezifische antivirale Therapie erforderlich; entscheidend ist die Rehydratation [LL1, LL2].
  • Shigatoxin-bildende Escherichia coli und enterohämorrhagische Escherichia coli
    • Bei Nachweis von Shigatoxin-bildenden Escherichia coli (STEC) bzw. enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC) soll keine antibiotische Behandlung erfolgen, sofern keine zusätzliche extraintestinale Infektion (Infektion außerhalb des Darms) besteht. Auch Loperamid ist zu vermeiden [LL1, LL2].
    • Bei blutiger Diarrhö, hämolytischer Anämie (Blutarmut durch vermehrten Abbau roter Blutkörperchen), Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen), Oligurie (verminderter Urinausscheidung) oder ansteigenden Nierenretentionsparametern besteht der Verdacht auf ein hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS); eine unverzügliche stationäre Abklärung und supportive Behandlung sind erforderlich.
  • Candida-Nachweis im Stuhl
    • Der Nachweis von Candida in einer Stuhlprobe stellt keine Indikation zur antimykotischen Therapie dar. Eine invasive intestinale Candida-Infektion (in das Darmgewebe eindringende Pilzinfektion) ist selten und erfordert einen histopathologischen Nachweis invasiven Wachstums aus einer Gewebebiopsie [LL1].

Therapieempfehlungen bei infektiöser Gastroenteritis im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter

  • Orale Rehydratation
    • Bei leichter bis mittelschwerer Dehydratation ist die enterale Rehydratation mit ORL die Therapie der ersten Wahl.
    • Die schnelle orale bzw. nasogastrale Rehydratation kann mit 40-50 ml/kg Körpergewicht innerhalb von 4 Stunden erfolgen. In Abhängigkeit vom klinisch geschätzten Flüssigkeitsdefizit können bei mittelschwerer Dehydratation bis zu 100 ml/kg Körpergewicht erforderlich sein. Laufende Verluste und der Erhaltungsbedarf sind zusätzlich zu ersetzen [LL2].
    • Der klinische Zustand, das Körpergewicht und die Urinausscheidung sollen spätestens nach 4 Stunden erneut beurteilt werden.
  • Intravenöse Rehydratation
    • Bei Schock soll initial eine balancierte isotone Vollelektrolytlösung ohne Glucosezusatz als Bolus von 20 ml/kg Körpergewicht über etwa 10 Minuten gegeben werden; ein intensivmedizinisch erfahrener Pädiater soll hinzugezogen werden.
    • Bei schwerer Dehydratation ohne Schock kann die intravenöse Rehydratation mit 20 ml/kg Körpergewicht pro Stunde über 2-4 Stunden begonnen und anschließend individuell angepasst werden [6, LL2].
  • Stationäre Behandlung
    • Eine stationäre Behandlung ist insbesondere bei Säuglingen unter 3.500 g oder unter 2 Monaten, gescheiterter oraler Rehydratation, schwerer Dehydratation, Schock, neurologischen Symptomen (Beschwerden des Nervensystems), relevanter Dysnatriämie, Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion), Malnutrition (Mangelernährung), anhaltend blutiger Diarrhö, Ileusverdacht, schwerer Grunderkrankung oder nicht gesicherter häuslicher Rehydratation erforderlich [LL2].
  • Antiemetika und Antidiarrhoika
    • Antiemetika sollen nicht routinemäßig verabreicht werden. Bei starkem Erbrechen kann Ondansetron unter Beachtung des Off-Label-Status erwogen werden.
    • Loperamid soll bei Säuglingen und Kindern wegen des ungünstigen Sicherheitsprofils nicht eingesetzt werden.
    • Racecadotril kann insbesondere bei ausgeprägter Diarrhö ergänzend zur ORL erwogen werden. Dioktaedrisches Smektit kann ebenfalls als Zusatzbehandlung erwogen werden [LL2].
  • Antibiotische Therapie
    • Bei unkomplizierter akuter infektiöser Gastroenteritis soll in der Regel keine antibiotische Therapie erfolgen.
    • Spezifische Indikationen bestehen insbesondere bei schwerer Campylobacter-jejuni-Enterokolitis (Entzündung von Dünn- und Dickdarm), akuter Shigellose (Infektion mit Shigellen), Salmonelleninfektion (Infektion mit Salmonellen) bei Risikopatienten, Bakteriämie (Bakterien im Blut), schwerem systemischem Verlauf, Vibrio-cholerae-Infektion (Cholera) und symptomatischer toxinbildender Clostridioides-difficile-Infektion [LL2].
  • Weitere medikamentöse Maßnahmen
    • Probiotika sollen nicht routinemäßig verabreicht werden.
    • Eine Zinksupplementation soll bei Kindern mit gutem Ernährungszustand nicht erfolgen. Bei untergewichtigen Kindern ab dem 6. Lebensmonat kann sie erwogen werden [LL2].

Erregerspezifische antiinfektive Therapie

  • Campylobacter jejuni bzw. Campylobacter coli
    • Keine antibiotische Therapie bei bereits eingetretener klinischer Besserung.
    • Bei schwerem Krankheitsbild und fehlender Besserung Azithromycin; nach Vorliegen des Antibiogramms erneute Bewertung. Ciprofloxacin nur bei nachgewiesener Empfindlichkeit [LL1, LL2].
  • Nichttyphoidale Salmonellen
    • Keine antibiotische Therapie bei unkomplizierter Enteritis ohne systemische Infektion.
    • Therapie bei Bakteriämie, anhaltenden Zeichen einer systemischen Infektion, Gefäßprothesen bzw. Fremdmaterial mit Gefahr septischer Absiedlungen sowie bei besonders gefährdeten Patienten. Bei Kindern zählen hierzu insbesondere Neugeborene und Säuglinge bis 3 Monate, Patienten mit Immundefizienz, chronisch entzündlicher Darmerkrankung oder schwerem Krankheitsbild [LL1, LL2].
  • Shigellose
    • Bei noch bestehender klinischer Symptomatik soll antibiotisch behandelt werden, um schwere Verläufe zu verhindern und die Infektiosität zu verkürzen.
    • Eine Resistenztestung ist obligat. Geeignete Optionen sind Azithromycin, Ceftriaxon oder Pivmecillinam [LL1, LL2].
  • STEC/EHEC-Enteritis
    • Keine antibiotische Therapie und keine Eradikationsbehandlung asymptomatischer Träger, sofern keine besondere behördlich abgestimmte Ausnahmesituation besteht [LL1, LL2].
  • Yersinien-Enteritis
    • Keine antibiotische Therapie bei unkompliziertem Verlauf.
    • Bei schwerer oder protrahierter Symptomatik kann, bei Bakteriämie oder Sepsis soll eine antibiotische Therapie unter Beachtung des Antibiogramms erfolgen. Ceftriaxon ist eine bevorzugte Option [LL1].
  • Vibrio-cholerae-Infektion
    • Bei dehydrierten Kindern soll zusätzlich zur konsequenten Rehydratation eine antibiotische Therapie erfolgen. Azithromycin ist eine geeignete Erstlinienoption [LL2].
  • Listeria-monocytogenes-Gastroenteritis
    • Die reine Gastroenteritis ist bei immunkompetenten Patienten meist selbstlimitierend und erfordert keine regelhafte antibiotische Therapie. Bei Verdacht auf invasive Listeriose (schwere, über den Darm hinausgehende Infektion mit Listerien), insbesondere bei Schwangeren, Neugeborenen, älteren oder immunsupprimierten Patienten, ist eine sofortige spezifische Diagnostik und Therapie entsprechend dem Krankheitsbild erforderlich.
  • Clostridioides-difficile-Infektion
    • Die Behandlung erfolgt entsprechend der spezifischen Pharmakotherapie der Clostridioides-difficile-Infektion. Bei Kindern wird oral Vancomycin empfohlen; bei schwerem Verlauf oder erhöhtem Rezidivrisiko (Risiko eines erneuten Auftretens) ist Fidaxomicin zu bevorzugen. Metronidazol ist nur bei nicht schwerem Krankheitsbild ohne Risikofaktoren eine nachrangige Option [LL1, LL2].
  • Typhus abdominalis (Bauchtyphus) und Paratyphus (typhusähnliche Infektionskrankheit)
    • Diese systemischen Infektionen werden entsprechend der erregerspezifischen Pharmakotherapie behandelt.
  • Reisediarrhö (Reisedurchfall)
    • Die unkomplizierte Reisediarrhö ist überwiegend selbstlimitierend; im Vordergrund stehen ORL und bei Bedarf eine kurzzeitige symptomatische Therapie [1, LL1].
    • Bei Fieber, blutiger Diarrhö, schwerem Verlauf oder relevantem Komplikationsrisiko kann nach Probenentnahme Azithromycin empirisch eingesetzt werden.
    • Rifaximin kann ausschließlich bei Erwachsenen mit afebriler (fieberfreier), nicht blutiger Reisediarrhö durch vermutete nicht-invasive enteropathogene Bakterien eingesetzt werden [LL1, F4].
    • Eine routinemäßige antibiotische Prophylaxe der Reisediarrhö wird nicht empfohlen.

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Orale und intravenöse Rehydratation

Wirkstoff Besonderheiten
Hypoosmolare glucosebasierte orale Rehydrationslösung Beispiel für die WHO-Rezeptur pro Liter: Glucose 13,5 g, Natriumchlorid 2,6 g, Kaliumchlorid 1,5 g und Trinatriumcitrat-Dihydrat 2,9 g; Gesamtosmolarität 245 mOsm/l
Nur in der vorgeschriebenen Wassermenge zubereiten [LL1-LL3]
Balancierte isotone Vollelektrolytlösung Bei Schock, schwerer Dehydratation, gescheiterter enteraler Rehydratation, Vigilanzminderung, Ileus oder relevanter Elektrolyt- bzw. Säure-Basen-Störung
Engmaschige klinische und laborchemische Kontrolle [6, LL1, LL2]
  • Wirkweise: Glucosegekoppelter Natriumtransport mit konsekutiver Wasserresorption bei ORL; Wiederherstellung des intravasalen und interstitiellen Volumens sowie Ausgleich von Elektrolytverlusten durch Infusionslösungen.
  • Indikationen: Flüssigkeits- und Elektrolytverluste bei akuter Gastroenteritis; intravenöse Therapie bei schwerer Dehydratation oder Scheitern der enteralen Rehydratation.
  • Kontraindikationen: Eine orale Rehydratation ist bei Schock, ausgeprägter Vigilanzminderung mit Aspirationsgefahr, Ileus bzw. Passagehindernis oder unkontrollierbarem Erbrechen nicht als alleinige Initialtherapie geeignet. Bei Herz- oder Niereninsuffizienz ist die Volumengabe individuell anzupassen.
  • Nebenwirkungen: Übelkeit, Erbrechen sowie bei fehlerhafter Zubereitung oder unangemessener Infusionstherapie Hypervolämie (Flüssigkeitsüberladung), Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe), Hypo- bzw. Hypernatriämie und andere Elektrolytstörungen.

Motilitätshemmer

Wirkstoff Besonderheiten
Loperamid Nur bei akuter wässriger Diarrhö ohne Fieber und ohne Blut im Stuhl; keine Anwendung bei Säuglingen und Kindern [LL1, LL2, F1]
  • Wirkweise: Peripher wirksamer μ-Opioidrezeptor-Agonist; Hemmung der propulsiven Darmmotilität, Verlängerung der intestinalen Transitzeit und Verminderung der Stuhlfrequenz.
  • Indikationen: Kurzzeitige symptomatische Behandlung der akuten unkomplizierten, afebrilen und nicht blutigen Diarrhö bei Erwachsenen.
  • Kontraindikationen: Blutige Diarrhö, Fieber, bakterielle Dysenterie, STEC/EHEC-Infektion, akute Colitis ulcerosa, antibiotikaassoziierte bzw. pseudomembranöse Kolitis (schwere Dickdarmentzündung mit Schleimhautbelägen), Ileus, Megakolon (krankhafte Erweiterung des Dickdarms) und toxisches Megakolon (schwere entzündungsbedingte Erweiterung des Dickdarms); keine Anwendung bei Säuglingen und Kindern.
  • Nebenwirkungen: Obstipation (Verstopfung), abdominelle Schmerzen (Bauchschmerzen), Übelkeit, Flatulenz (Blähungen), Schwindel und Kopfschmerzen; bei Überdosierung Ileus, Bewusstseinsstörungen, QT-Verlängerung, ventrikuläre Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen der Herzkammern) und Herzstillstand.

Enkephalinase-Hemmer

Wirkstoff Besonderheiten
Racecadotril Nur ergänzend zur Rehydratation; bei Kindern insbesondere bei ausgeprägter Diarrhö erwägbar [1, 5, LL1, LL2, F2, F3]
  • Wirkweise: Prodrug; Umwandlung zu Thiorphan mit Hemmung der Enkephalinase und Verminderung der intestinalen Wasser- und Elektrolytsekretion ohne relevante Hemmung der Darmmotilität.
  • Indikationen: Ergänzende symptomatische Behandlung der akuten Diarrhö bei Erwachsenen sowie bei Säuglingen über 3 Monate und Kindern, wenn Rehydratation und übliche unterstützende Maßnahmen allein nicht ausreichen.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; keine Anwendung bei blutigen oder eitrigen Stühlen, Fieber, antibiotikaassoziierter oder chronischer Diarrhö. Bei eingeschränkter Leber- oder Nierenfunktion sowie gleichzeitiger Behandlung mit Arzneimitteln, die bradykininvermittelte Angioödeme begünstigen, ist besondere Vorsicht erforderlich.
  • Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Hautausschlag und Erythem (Hautrötung); selten Angioödem (plötzliche Schwellung tiefer Haut- und Schleimhautschichten), anaphylaktischer Schock (schwere allergische Kreislaufreaktion) und schwere kutane Arzneimittelreaktionen (schwere Hautreaktionen auf Arzneimittel).

5-Hydroxytryptamin-3-Rezeptor-Antagonisten

Wirkstoff Besonderheiten
Ondansetron Bei starkem Erbrechen erwägbar; nicht zur routinemäßigen Therapie; aufklärungspflichtiger Off-Label-Use bei akuter Gastroenteritis [4, LL2]
  • Wirkweise: Selektive Blockade zentraler und peripherer 5-Hydroxytryptamin-3-Rezeptoren mit antiemetischer Wirkung.
  • Indikationen: Im Rahmen der akuten Gastroenteritis ausschließlich bei starkem Erbrechen, das die orale Rehydratation relevant beeinträchtigt.
  • Kontraindikationen: Gleichzeitige Anwendung von Apomorphin, angeborenes Long-QT-Syndrom (angeborene Störung der elektrischen Herzerregung mit verlängertem QT-Intervall); keine Anwendung ohne vorherige Korrektur einer Hypokaliämie oder Hypomagnesiämie. Besondere Vorsicht bei Bradyarrhythmie (langsamem unregelmäßigem Herzrhythmus), Herzinsuffizienz (Herzschwäche) oder weiterer QT-verlängernder Medikation.
  • Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Obstipation oder verstärkte Diarrhö, Wärmegefühl und vorübergehende Leberwerterhöhungen; dosisabhängige QT-Verlängerung und selten Torsade-de-pointes-Tachykardie (besondere schnelle Herzrhythmusstörung).

Intestinale Adsorbenzien

Wirkstoff Besonderheiten
Smektit, dioktaedrisch Bei Kindern als Zusatz zur ORL erwägbar; geringe Sicherheit der Evidenz; zeitlicher Abstand zu anderen oral eingenommenen Arzneimitteln [LL2]
  • Wirkweise: Adsorption von Wasser, Toxinen und Mikroorganismen sowie Stabilisierung der intestinalen Schleimhautbarriere.
  • Indikationen: Ergänzende symptomatische Therapie zur möglichen Verkürzung der Durchfalldauer bei Kindern.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit, Ileus oder schwere Obstipation; nicht als Ersatz für eine Rehydratation verwenden.
  • Nebenwirkungen: Obstipation, Flatulenz und Erbrechen; durch Adsorption kann die Aufnahme gleichzeitig eingenommener Arzneimittel vermindert werden.

Wirkstoffe (Hauptindikation) zur antiinfektiven Therapie

Die Dosierungen gelten als leitlinienbasierte Regelschemata. Nieren- und Leberfunktion, Alter, Körpergewicht, Schwangerschaft, klinischer Schweregrad, Fokus einer systemischen Infektion, Antibiogramm und aktuelle Fachinformationen sind zu berücksichtigen.

Makrolide

Wirkstoff Besonderheiten
Azithromycin Empirisches Mittel der ersten Wahl bei begründeter Indikation; Erregerdiagnostik vor Therapiebeginn und Anpassung an das Antibiogramm [LL1, LL2]
  • Wirkweise: Bindung an die bakterielle 50S-Ribosomenuntereinheit und Hemmung der Proteinsynthese; überwiegend bakteriostatisch.
  • Indikationen: Erforderliche empirische Therapie schwerer Gastroenteritis sowie gezielte Therapie insbesondere bei Campylobacter-Enteritis, Shigellose, systemischer nichttyphoidaler Salmonelleninfektion und Cholera.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Makrolide; besondere Vorsicht bei QT-Verlängerung, Bradyarrhythmie, Hypokaliämie, Hypomagnesiämie, schwerer Leberfunktionsstörung und gleichzeitiger QT-verlängernder Medikation.
  • Nebenwirkungen: Übelkeit, Diarrhö, Bauchschmerzen, Leberwerterhöhungen, cholestatische Hepatitis (Leberentzündung mit Gallenstau), Hörstörungen und QT-Verlängerung; selten schwere Hautreaktionen und Torsade-de-pointes-Tachykardie.

Cephalosporine der Gruppe 3a

Wirkstoff Besonderheiten
Ceftriaxon Therapiedauer bei Bakteriämie, fokaler Absiedlung (örtlicher Ausbreitung eines Erregers), Immundefizienz oder Säuglingen unter 3 Monaten verlängern; nicht zur Campylobacter-Therapie geeignet [LL1, LL2]
  • Wirkweise: Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese durch Bindung an Penicillin-bindende Proteine; bakterizid.
  • Indikationen: Behandlungsbedürftige systemische Salmonelleninfektion, Shigellose und schwere bzw. septische Yersinieninfektion.
  • Kontraindikationen: Schwere unmittelbare Überempfindlichkeitsreaktion gegen Betalaktamantibiotika; bei Neugeborenen Hyperbilirubinämie sowie gleichzeitige intravenöse calciumhaltige Lösungen beachten.
  • Nebenwirkungen: Diarrhö, Übelkeit, allergische Reaktionen, Cytopenien (Verminderung von Blutzellen), Leberwerterhöhungen, biliärer Sludge (eingedickter Gallenschlamm) bzw. Pseudolithiasis (scheinbare Gallensteinbildung) und Clostridioides-difficile-Infektion.

Amidinopenicilline

Wirkstoff Besonderheiten
Pivmecillinam Nur nach Resistenztestung; Alternative zu Azithromycin oder Ceftriaxon [LL1]
  • Wirkweise: Betalaktamantibiotikum mit Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese; bakterizid.
  • Indikationen: Gezielte Therapie einer empfindlichen Shigelleninfektion.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Penicilline bzw. andere Betalaktamantibiotika und Erkrankungen mit beeinträchtigter Passage durch den Ösophagus (Speiseröhre).
  • Nebenwirkungen: Übelkeit, Diarrhö, Bauchschmerzen, Hautausschlag und allergische Reaktionen; bei längerer oder wiederholter Anwendung Carnitinmangel möglich.

Nicht resorbierbare Rifamycin-Derivate

Wirkstoff Besonderheiten
Rifaximin Ausschließlich bei afebriler, nicht blutiger Reisediarrhö durch vermutete nicht-invasive enteropathogene Bakterien; nicht Mittel der Wahl bei schwerer Reisediarrhö [LL1, F4]
  • Wirkweise: Irreversible Hemmung der bakteriellen DNA-abhängigen RNA-Polymerase; lokale bakterizide Wirkung bei gastrointestinaler Resorption unter 1 %.
  • Indikationen: Nicht-invasive Reisediarrhö bei Erwachsenen ohne Fieber und ohne Blut im Stuhl.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Rifamycin-Derivate, Darmverschluss sowie klinische Zeichen einer invasiven Enteritis.
  • Nebenwirkungen: Übelkeit, Bauchschmerzen, Flatulenz, Obstipation, Kopfschmerzen, Hautreaktionen und rötliche Urinverfärbung; Clostridioides-difficile-Infektion und schwere kutane Arzneimittelreaktionen sind möglich.

Fluorchinolone als gezielte Reserveoption

Wirkstoff Besonderheiten
Ciprofloxacin Nicht zur empirischen Erstlinientherapie; ausschließlich nach nachgewiesener Empfindlichkeit und wenn besser geeignete Antibiotika nicht anwendbar sind; Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz [LL1, B1]
  • Wirkweise: Hemmung der bakteriellen DNA-Gyrase und Topoisomerase IV; bakterizid.
  • Indikationen: Gezielte Reservebehandlung empfindlicher gastrointestinaler Erreger bei fehlender Eignung bevorzugter Therapieoptionen.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit, gleichzeitige Anwendung von Tizanidin und frühere schwerwiegende Nebenwirkung unter einem Chinolon bzw. Fluorchinolon; Einsatz in Schwangerschaft, Stillzeit und Kindesalter nur nach strenger individueller Nutzen-Risiko-Bewertung.
  • Nebenwirkungen: Übelkeit, Diarrhö, QT-Verlängerung, Dysglykämie (Störung des Blutzuckerspiegels), neuropsychiatrische Reaktionen (Störungen von Nervensystem und Psyche), periphere Neuropathie (Schädigung peripherer Nerven), Tendinitis (Sehnenentzündung) und Sehnenruptur (Sehnenriss); selten langanhaltende, die Lebensqualität beeinträchtigende und potenziell irreversible Nebenwirkungen an Muskeln, Gelenken und Nervensystem.

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
  • Mineralstoffe (Calcium, Kalium, Magnesium)
  • Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
  • Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
  • Weitere Vitalstoffe (Probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien, Fruchtsäuren – Citrat (gebunden in Magnesium-, Kalium- und Calciumcitrat))

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungen

  • AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • DHA – Docosahexaensäure
  • DNA – Desoxyribonukleinsäure
  • EHEC – enterohämorrhagische Escherichia coli
  • EPA – Eicosapentaensäure
  • HUS – hämolytisch-urämisches Syndrom
  • ORL – orale Rehydrationslösung
  • QT – QT-Intervall
  • RNA – Ribonukleinsäure
  • STEC – Shigatoxin-bildende Escherichia coli
  • UNICEF – United Nations Children's Fund
  • WHO – World Health Organization

Literatur

  1. Jelinek T, Nothdurft HD, Haditsch M, Weinke T: Konsensuspapier Therapie der akuten Reisediarrhö. Eine Praxisempfehlung für die Reiseberatung. MMW Fortschr Med. 2017;159(Suppl 4):4-11. doi: 10.1007/s15006-017-9293-2 [1]
  2. Parker MW, Unaka N: Diagnosis and Management of Infectious Diarrhea. JAMA Pediatr. 2018;172(8):775-776. doi: 10.1001/jamapediatrics.2018.1172 [2]
  3. Collinson S, Deans A, Padua-Zamora A et al.: Probiotics for treating acute infectious diarrhoea. Cochrane Database Syst Rev. 2020;12(12):CD003048. doi: 10.1002/14651858.CD003048.pub4 [3]
  4. Niño-Serna LF, Acosta-Reyes J, Veroniki AA, Florez ID: Antiemetics in Children With Acute Gastroenteritis: A Meta-analysis. Pediatrics. 2020;145(4):e20193260. doi: 10.1542/peds.2019-3260 [4]
  5. Liang Y, Zhang L, Zeng L, Gordon M, Wen J: Racecadotril for acute diarrhoea in children. Cochrane Database Syst Rev. 2019;12(12):CD009359. doi: 10.1002/14651858.CD009359.pub2 [5]
  6. Florez ID, Sierra J, Pérez-Gaxiola G: Balanced crystalloid solutions versus 0.9% saline for treating acute diarrhoea and severe dehydration in children. Cochrane Database Syst Rev. 2023;5(5):CD013640. doi: 10.1002/14651858.CD013640.pub2 [6]

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S2k-Leitlinie: Gastrointestinale Infektionen. (AWMF-Registernummer 021-024) [November 2023]. Langfassung. [LL1]
  2. S2k-Leitlinie: Akute infektiöse Gastroenteritis im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. (AWMF-Registernummer 068-003) [April 2024]. Langfassung. [LL2]
  3. World Health Organization, UNICEF: Oral Rehydration Salts – Production of the new ORS. WHO/FCH/CAH/06.1. Geneva 2006. Volltext. [LL3]

Behördliche und regulatorische Quellen

  1. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Fluorchinolone – schwerwiegende, langanhaltende und potenziell irreversible Nebenwirkungen sowie Anwendungsbeschränkungen. Themendossier. [B1]

Fachinformationen

  1. Fachinformation: Loperamid akut – 1 A Pharma 2 mg Hartkapseln. Volltext. [F1]
  2. Fachinformation: TIORFAN 175 mg Filmtabletten. Stand März 2024. Volltext. [F2]
  3. Fachinformation: TIORFAN 10 mg/30 mg Granulat. Stand Juni 2024. Volltext. [F3]
  4. Fachinformation: Xifaxan 200 mg Filmtabletten. Stand Dezember 2024. Volltext. [F4]