Hautpilzerkrankung (Tinea; Dermatophytose)
– Medikamentöse Therapie
Therapieziel
- Mykologische und klinische Heilung der Dermatophytose (Pilzinfektion durch Hautpilze), Verhinderung von Ausbreitung, Reinfektion und Übertragung.
Therapieempfehlungen
- Diagnosesicherung: Bei ausgedehntem, entzündlichem, rezidivierendem oder therapierefraktärem Befall sowie vor einer längeren Systemtherapie Hautschuppen beziehungsweise Haarmaterial mykologisch untersuchen; Erregeridentifizierung und gegebenenfalls Resistenzprüfung veranlassen. Bei fehlendem Ansprechen auch Fehldiagnose, Adhärenz und Reinfektion prüfen.
- Tinea corporis (Pilzinfektion der Körperhaut), cruris (Leistenpilz), manuum (Handpilz) und pedis (Fußpilz): Lokalisierte, unkomplizierte Infektionen primär topisch behandeln. Bei ausgedehntem Befall, follikulärer beziehungsweise tiefer Infektion, schwerer hyperkeratotischer Tinea pedis, Immunsuppression (geschwächte Immunabwehr) oder Versagen der Lokaltherapie ist eine systemische Behandlung zu erwägen. Die Anwendungsdauer richtet sich nach Wirkstoff, Darreichungsform, Lokalisation und Fachinformation; eine pauschale Fortsetzung aller Lokaltherapien um 3 bis 4 Wochen nach Abheilung ist nicht angezeigt.
- Tinea capitis (Pilzinfektion der behaarten Kopfhaut): Immer systemisches Antimykotikum plus adjuvante Lokaltherapie; die alleinige topische Therapie ist unzureichend. Bei Kindern gegen Trichophyton-Arten bevorzugt Terbinafin, gegen Microsporum/Nannizzia-Arten bevorzugt Itraconazol oder Griseofulvin. Bei Erwachsenen ist Terbinafin üblicherweise erste Wahl. Systemtherapie zunächst für 4 Wochen planen und ab Woche 4 klinisch und mykologisch in Abständen von 2 bis 4 Wochen kontrollieren; Behandlung am Verlauf und Erregernachweis ausrichten [LL1].
- Zulassungsstatus bei kindlicher Tinea capitis: In Deutschland ist nur Griseofulvin für Kinder zugelassen, jedoch seit 2018 außer Handel und gegebenenfalls über eine internationale Apotheke zu beziehen. Terbinafin, Itraconazol und Fluconazol sind hierfür bei Kindern Off-Label-Use; individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung, Aufklärung der Sorgeberechtigten und Dokumentation sind erforderlich [LL1].
- Genitaler oder inguinaler Hautbefall: Eine dermatophytische Tinea cruris beziehungsweise Tinea genitalis (Pilzinfektion der Genitalhaut) ist von Candida-Vulvitis (Pilzentzündung der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane) und Vaginalcandidose (Pilzinfektion der Scheide) zu unterscheiden. Nystatin wirkt nicht gegen Dermatophyten; eine Candida-Therapie ist nicht auf Tinea übertragbar. Bei schmerzhaften, ausgeprägten oder persistierenden Genitalläsionen auch Trichophyton mentagrophytes Genotyp VII in Betracht ziehen und Erregerdiagnostik veranlassen.
- Resistenzverdacht: Bei ausgedehnter oder persistierender Tinea corporis/cruris, insbesondere nach Terbinafinversagen, an Trichophyton indotineae oder andere resistente Dermatophyten denken. Molekulare Speziesbestimmung und Empfindlichkeitsprüfung über ein Speziallabor veranlassen; Itraconazol kann nach Befund und unter Beachtung der Interaktionen eine Option sein. Keine ungezielte wiederholte Terbinafintherapie und keine routinemäßigen Antimykotikum-Glukokortikoid-Kombinationen.
- Begleitmaßnahmen: Füße und Hautfalten trocken halten, Socken und Handtücher regelmäßig wechseln, Schuhe beziehungsweise mögliche Infektionsquellen prüfen und gleichzeitig bestehende Tinea pedis behandeln. Bei Tinea capitis Kontaktpersonen und bei Verdacht auf zoophile Übertragung Haustiere untersuchen lassen. Tinea unguium (Nagelpilz) erfordert ein eigenständiges Therapieschema; die Evidenz zu oralen Antimykotika bei Zehennagelmykose ist nicht unmittelbar auf Tinea der freien Haut (Pilzinfektion der unbehaarten Haut) übertragbar [1].
Wirkstoffe der Lokaltherapie
Azole
| Wirkstoff |
Besonderheiten |
| Clotrimazol 1 % Creme |
Breites Wirkspektrum; bei Genitalanwendung mögliche Beeinträchtigung von Latexprodukten durch Hilfsstoffe beachten. |
| Bifonazol 1 % Creme |
Produktabhängige Angaben zur Fortsetzung nach Symptombesserung beachten. |
| Miconazol 2 % Creme |
Bei lokaler Anwendung im Genitalbereich mögliche Beeinträchtigung von Latexprodukten durch Hilfsstoffe beachten. |
- Wirkweise: Hemmung der Ergosterolsynthese; vorwiegend fungistatisch, konzentrationsabhängig teils fungizid.
- Indikationen: Lokalisierte Tinea der freien Haut und Tinea pedis; bei Tinea capitis nur adjuvant in geeigneter Formulierung.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Wirkstoff oder Bestandteile; Anwendung an Augen und Schleimhäuten nur, wenn die jeweilige Zubereitung dafür zugelassen ist.
- Nebenwirkungen: Lokale Reizung, Brennen, Juckreiz und Kontaktdermatitis (entzündliche Hautreaktion nach Kontakt mit einem Stoff).
Allylamine
| Wirkstoff |
Besonderheiten |
| Terbinafin 1 % Creme |
Die Angaben gelten für eine beispielhafte Creme-Fachinformation; je nach Produkt abweichende Anwendung. Bei Kindern unter 12 Jahren für diese Formulierung nicht empfohlen. |
- Wirkweise: Hemmung der Squalenepoxidase und Ergosterolsynthese; gegen Dermatophyten fungizid.
- Indikationen: Lokalisierte Tinea corporis, cruris und pedis; bei Tinea capitis ausschließlich begleitend zur oralen Therapie.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Wirkstoff oder Bestandteile; Altersgrenzen der konkreten Zubereitung beachten.
- Nebenwirkungen: Lokale Rötung, Schuppung, Juckreiz, Brennen und selten Kontaktdermatitis.
Hydroxypyridone
| Wirkstoff |
Besonderheiten |
| Ciclopiroxolamin 1 % Creme oder Lösung |
Bei Tinea capitis als adjuvante Lösung geeignet; nicht als alleinige Therapie der Haarinfektion. |
- Wirkweise: Störung metallabhängiger Enzymsysteme und zellulärer Transportvorgänge; fungizide Aktivität.
- Indikationen: Oberflächliche Tinea der Haut, adjuvant bei Tinea capitis.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; Anwendung am Auge vermeiden; bei Neugeborenen, Säuglingen und Kleinkindern Präparatehinweise beachten.
- Nebenwirkungen: Brennen, Juckreiz, lokale Reizung und allergische Kontaktdermatitis.
Morpholine
| Wirkstoff |
Besonderheiten |
| Amorolfin 0,25 % Creme |
Creme für Hautmykosen; Nagellack besitzt ein anderes Anwendungsschema und gehört zur Therapie der Onychomykose (Nagelpilz). |
- Wirkweise: Hemmung zweier Schritte der Ergosterolsynthese; fungistatisch und fungizid.
- Indikationen: Oberflächliche Dermatophytosen der Haut; bei Tinea capitis allenfalls adjuvant.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Wirkstoff oder Bestandteile; Produktangaben zu Alter und Schwangerschaft beachten.
- Nebenwirkungen: Lokale Reizung, Erythem (Hautrötung), Brennen und Juckreiz.
Adjuvante Kopfhautbehandlung bei Tinea capitis
| Wirkstoff |
Besonderheiten |
| Selendisulfid 1 %, Ciclopiroxolamin 1 % oder Ketoconazol 2 % Shampoo |
Zusätzlich zur systemischen Behandlung; Auswahl und Altersgrenzen nach verfügbarer Zubereitung. Weitere geeignete Wirkstoffe sind Clotrimazol und Pirocton-Olamin [LL1]. |
- Wirkweise: Verminderung von Pilzsporen auf Kopfhaut und Haaren; die Wirkmechanismen unterscheiden sich je nach Wirkstoff.
- Indikationen: Adjuvante Tinea-capitis-Therapie und gegebenenfalls Behandlung asymptomatischer Überträger nach Erreger- und Kontaktabklärung.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; Altersgrenzen sowie Kontakt mit Augen und Schleimhäuten gemäß Produktinformation beachten.
- Nebenwirkungen: Kopfhautreizung, Trockenheit, Brennen oder Kontaktallergie.
Wirkstoffe der Systemtherapie
Allylamine
| Wirkstoff |
Besonderheiten |
| Terbinafin oral |
Bei kindlicher Tinea capitis Off-Label-Use in Deutschland. Vor oraler Gabe Leberstatus prüfen, auf Symptome einer Leberschädigung achten und Verlaufskontrollen gemäß Fachinformation und individuellen Risiken planen. Bei akuter oder chronischer Lebererkrankung nicht anwenden; bei eingeschränkter Nierenfunktion Präparatehinweise beachten [LL1]. |
- Wirkweise: Hemmung der Squalenepoxidase; fungizid gegen Dermatophyten.
- Indikationen: Ausgedehnte oder schwer behandelbare Tinea der freien Haut und Tinea pedis; Tinea capitis insbesondere durch Trichophyton-Arten.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; akute oder chronische Lebererkrankung; erhebliche Nierenfunktionseinschränkung gemäß Fachinformation beachten.
- Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden), Exanthem (Hautausschlag), Geschmacks- und Geruchsstörungen (Beeinträchtigungen des Geschmacks und Geruchssinns); selten schwere Leberschädigung, schwere Hautreaktion und subakuter kutaner Lupus erythematodes (entzündliche Autoimmunerkrankung der Haut).
Triazole
| Wirkstoff |
Besonderheiten |
| Itraconazol oral, konventionelle Hartkapseln |
Bei kindlicher Tinea capitis Off-Label-Use. Kapseln nach einer Hauptmahlzeit einnehmen; starkes Interaktionspotenzial über CYP3A4, verminderte Resorption bei Säuresuppression. SUBA-Itraconazol ist nicht dosisgleich austauschbar. Bei schwerer oder resistenter Tinea nur nach Speziesbestimmung individualisieren [LL1]. |
| Fluconazol oral |
Alternative bei ausgewählten Fällen; bei kindlicher Dermatophytose in Deutschland Off-Label-Use. Bei wiederholter Gabe Dosis an die Nierenfunktion anpassen. Zahlreiche Interaktionen und Risiko einer QT-Verlängerung beachten [LL1]. |
- Wirkweise: Hemmung der pilzlichen Lanosterol-14α-Demethylase und damit der Ergosterolsynthese; überwiegend fungistatisch.
- Indikationen: Systemisch behandlungsbedürftige Dermatophytosen; Itraconazol insbesondere bei Microsporum-Tinea capitis oder gesicherter, schwerer Terbinafin-resistenter Dermatophytose; Fluconazol als Alternative.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und wirkstoffspezifische Wechselwirkungen; Itraconazol bei bestehender oder früherer dekompensierter Herzinsuffizienz (Herzschwäche) in der Regel nicht anwenden, in der Schwangerschaft nur in lebensbedrohlichen Ausnahmefällen. Für Fluconazol QT-Risiko, relevante Begleitmedikation und Nierenfunktion beachten.
- Nebenwirkungen: Übelkeit, Bauchbeschwerden, Exanthem, Transaminasenerhöhung bis selten schwere Hepatotoxizität; Itraconazol zusätzlich Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe) und Verschlechterung einer Herzinsuffizienz, Fluconazol selten QT-Verlängerung.
Mitosehemmende Antimykotika
| Wirkstoff |
Besonderheiten |
| Griseofulvin oral |
Einziges in Deutschland für Kinder mit Tinea capitis zugelassenes orales Antimykotikum, jedoch außer Handel und gegebenenfalls zu importieren. Besonders bei Microsporum erwägen; Dosis und verfügbare Formulierung vor Verordnung prüfen [LL1]. |
- Wirkweise: Störung der Mikrotubuli und der Pilzmitose; fungistatisch.
- Indikationen: Vor allem kindliche Tinea capitis durch Microsporum/Nannizzia, wenn verfügbar und geeignet.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit, schwere Lebererkrankung, Schwangerschaft und Porphyrie (Störung der Bildung des roten Blutfarbstoffs); Wechselwirkungen etwa mit Cumarin-Antikoagulanzien und hormoneller Kontrazeption beachten.
- Nebenwirkungen: Übelkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Exanthem, Photosensibilität (erhöhte Lichtempfindlichkeit der Haut) und Leberfunktionsstörungen.
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
- Weitere Vitalstoffe (probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungsverzeichnis
- Br J Dermatol: British Journal of Dermatology
- CYP3A4: Cytochrom-P450-Isoenzym 3A4
- DHA: Docosahexaensäure
- EPA: Eicosapentaensäure
- JAMA: Journal of the American Medical Association
- LL: Leitlinie
- mg: Milligramm
- QT: Abschnitt im Elektrokardiogramm zwischen Q-Zacke und Ende der T-Welle
- S1: Entwicklungsstufe einer konsensbasierten Leitlinie
- SUBA: Super Bioavailability, erhöhte Bioverfügbarkeit
- Vitamin B1: Thiamin; Vitamin B2: Riboflavin; Vitamin B3: Niacin; Vitamin B5: Pantothensäure; Vitamin B6: Pyridoxin; Vitamin B12: Cobalamin; Vitamin D3: Cholecalciferol
Literatur
- Kreijkamp-Kaspers S, Hawke KL, van Driel ML: Oral Medications to Treat Toenail Fungal Infection. JAMA. 2018;319:397-398. doi:10.1001/jama.2017.20160.
- Stolmeier DA, Stratman HB, McIntee TJ, Stratman EJ: Utility of Laboratory Test Result Monitoring in Patients Taking Oral Terbinafine or Griseofulvin for Dermatophyte Infections. JAMA Dermatol. 2018;154:1409-1416. doi:10.1001/jamadermatol.2018.3578.
- Khurana A et al.: Effect of Different Itraconazole Dosing Regimens on Cure Rates, Treatment Duration, Safety, and Relapse Rates in Adult Patients With Tinea Corporis/Cruris: A Randomized Clinical Trial. JAMA Dermatol. 2022;158:1269-1278. doi:10.1001/jamadermatol.2022.3745.
Leitlinien
- S1-Leitlinie: Tinea capitis. (AWMF-Registernummer: 013-033), Version 4.0, Dezember 2025. Langfassung [LL1]
- Health Service Executive: Dermatophyte skin infections (Tinea corporis, Tinea cruris, Tinea pedis, Tinea manum). Version 2.0, Februar 2023, online bereitgestellt Februar 2026. Leitlinientext [LL2]
- Fuller LC, Barton RC, Mohd Mustapa MF et al.: British Association of Dermatologists' guidelines for the management of tinea capitis 2014. Br J Dermatol. 2014;171:454-463. doi:10.1111/bjd.13196 [LL3]
Fachinformationen
- Cloderm Creme 1 % (Clotrimazol); Canesten Extra Creme (Bifonazol); Terbiderm Creme (Terbinafin); Ciclopoli Creme (Ciclopiroxolamin); Loceryl Creme (Amorolfin).
- Terbinafin-CT 250 mg Tabletten; Itraconazol dura 100 mg Hartkapseln; Flucoderm (Fluconazol).