Hautausschlag (Exanthem) – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

Behandlung der gesicherten Ursache, Linderung von Juckreiz und Entzündung sowie Vermeidung von Komplikationen. Ein Exanthem ist ein flächenhaft auftretender Hautausschlag und keine eigenständige Diagnose; eine einheitliche Pharmakotherapie besteht daher nicht.

Therapieempfehlungen

Vor Therapiebeginn sind infektiöse, entzündliche und arzneimittelbedingte Ursachen zu unterscheiden. Verteilung, Begleitsymptome, Schleimhautbefall, zeitlicher Verlauf, neue Arzneimittel und mögliche Infektionskontakte sind gemeinsam zu bewerten. Die Morphologie allein rechtfertigt weder eine Antibiotikatherapie noch eine systemische Glukocorticoidtherapie [1, LL1].

Sofortige Abklärung: Hautschmerzen, Blasen, Hautablösung, Schleimhauterosionen (oberflächliche Schleimhautwunden), ausgeprägtes Gesichtsödem (Schwellung des Gesichts), Fieber mit reduziertem Allgemeinzustand, Atemnot, Kreislaufstörung oder Hinweise auf Organbeteiligung erfordern eine dringliche, gegebenenfalls stationäre Behandlung. Ein zunächst unauffälliges Exanthem kann sich zur schweren Arzneimittelreaktion entwickeln [1, LL1, LL4].

Fieber und nicht wegdrückbare Petechien (punktförmige Hautblutungen) bzw. Purpura (fleckige Hautblutungen) begründen insbesondere bei rascher Verschlechterung den Verdacht auf eine invasive Infektion (in den Körper eingedrungene und sich ausbreitende Infektion): sofortige Notfallbehandlung. Bei Verdacht auf Meningokokkenerkrankung darf die kalkulierte intravenöse Antibiotikatherapie nicht durch weiterführende Diagnostik verzögert werden; s. u. Meningitis (Hirnhautentzündung) bzw. Sepsis (lebensbedrohliche Organschädigung durch eine fehlgesteuerte Reaktion auf eine Infektion)/Pharmakotherapie [B4].

Basismaßnahmen: Reizarme, dem Hautzustand angepasste rückfettende Pflege und gegebenenfalls kühlende feuchte Umschläge. Verdächtige Kontaktstoffe meiden. Die symptomatische Behandlung ersetzt die Ursachenabklärung nicht.

Infektiöse Exantheme

  • Masern, Röteln und andere unkomplizierte virale Exantheme: überwiegend symptomatische Behandlung; keine routinemäßige Antibiotikagabe. Bei Masern bakterielle Komplikationen gezielt behandeln; eine spezifische antivirale Standardtherapie besteht nicht. Bei Kindern mit schwerem Masernverlauf Vitamin A gemäß krankheitsspezifischer Empfehlung berücksichtigen; s. u. Masern bzw. Röteln/Pharmakotherapie [B1, B2].
  • Varizellen (Windpocken) und disseminierte Herpesvirusinfektionen (im Körper ausgebreitete Herpesvirusinfektionen): Indikation für Aciclovir bzw. ein geeignetes anderes Virustatikum nach Alter, Immunstatus, Zeitpunkt und Schweregrad. Schwere bzw. komplizierte Verläufe und relevante Immunsuppression (Unterdrückung der körpereigenen Abwehr) erfordern häufig eine intravenöse Behandlung. S. u. Windpocken, Herpes zoster (Gürtelrose) und Herpes simplex/Pharmakotherapie. Keine pauschale Glukocorticoidbehandlung des viralen Exanthems [B3].
  • Scharlach: gezielte systemische Antibiotikatherapie der Streptokokkeninfektion, bevorzugt Penicillin bei fehlender Kontraindikation; Auswahl und Dauer nach der konkreten Infektion und dem Allergiestatus. S. u. Scharlach/Pharmakotherapie [B5].
  • Weitere Ursachen: Bei entsprechendem Befund gezielte Abklärung unter anderem auf sekundäre Syphilis (zweites Stadium der Geschlechtskrankheit Syphilis) oder akute HIV-Infektion; Behandlung nach gesicherter Ursache im jeweiligen Erkrankungsartikel. Ein unspezifischer Ausschlag ist keine Indikation für eine empirische Kombination mehrerer Antiinfektiva.

Entzündliche Exantheme

  • Atopisches (durch eine entsprechende Veranlagung begünstigtes) oder allergisches bzw. irritatives (durch Reizung ausgelöstes) Kontaktekzem (Hautentzündung durch Kontakt mit einem auslösenden Stoff): Auslöserkontrolle, Basistherapie und lokal begrenzte antientzündliche Behandlung. Glukokortikoidpotenz nach Lokalisation, Alter und Schweregrad wählen; Gesicht, Hautfalten und Genitalregion besonders zurückhaltend behandeln. S. u. Neurodermitis, Kontaktekzem und Gesichtsekzem/Pharmakotherapie [LL2, LL3].
  • Steroidfreie Alternativen: Topische Calcineurin-Inhibitoren sind bei atopischer Dermatitis (Neurodermitis) indikationsgebunden einsetzbar, insbesondere an empfindlichen Lokalisationen. Sie sind keine allgemeine Therapie ungeklärter Exantheme; Anwendungen bei anderen Ekzemformen können Off-Label-Use sein [LL3, FI3].
  • Psoriasis (Schuppenflechte), kutaner Lupus erythematodes (Hautform einer Erkrankung mit fehlgeleiteter Abwehrreaktion gegen körpereigenes Gewebe) und Vaskulitis (Blutgefäßentzündung): krankheitsspezifische Therapie nach Diagnose und gegebenenfalls Organbeteiligung; s. u. die jeweils gleichnamigen Erkrankungen/Pharmakotherapie. Eine pauschale Übertragung der Ekzemtherapie ist nicht sachgerecht.
  • Urtikarielle Hautveränderungen (Hautveränderungen mit Quaddeln): Bei flüchtigen Quaddeln an eine Urtikaria (Nesselsucht) denken; nicht sedierende H1-Antihistaminika sind hier anders als beim ekzematösen Exanthem eine gezielte Erstlinientherapie. S. u. Urtikaria/Pharmakotherapie. Atemwegs- oder Kreislaufbeteiligung erfordert den Anaphylaxiealgorithmus (Behandlungsablauf bei einer schweren allergischen Allgemeinreaktion) [LL7].

Arzneimittelbedingte Exantheme

  • Unkompliziertes makulopapulöses (fleckig-knötchenförmiges) Arzneimittelexanthem (arzneimittelbedingter Hautausschlag): zeitlichen Zusammenhang aller Arzneimittel einschließlich Bedarfs- und Selbstmedikation erfassen; verdächtigen Auslöser nach ärztlicher Nutzen-Risiko-Bewertung möglichst absetzen bzw. ersetzen. Symptomatisch Basistherapie und gegebenenfalls kurzzeitig ein topisches Glukocorticoid. Systemische Glukocorticoide sind keine Routinetherapie [1, LL1].
  • Fortführung unverzichtbarer Arzneimittel: nur bei sicher niedrigem Risiko, fehlenden Warnzeichen und engmaschiger fachärztlicher Kontrolle erwägen. Bei Verdacht auf eine schwere Arzneimittelreaktion unverzüglich alle wahrscheinlichen Auslöser absetzen; keine erneute Exposition im Routinebetrieb [LL1].
  • DRESS – Drug Reaction with Eosinophilia and Systemic Symptoms (Arzneimittelreaktion mit Vermehrung bestimmter weißer Blutkörperchen und Beschwerden an inneren Organen): sofortiges Absetzen des Auslösers und organspezifische Diagnostik. Bei mildem Verlauf kann eine sehr hochpotente topische Glukocorticoidtherapie genügen; bei schwerem Verlauf systemische Glukocorticoide unter spezialisierter Führung. Langsames Ausschleichen und längerfristige Nachkontrollen nach Schweregrad; keine Übertragung eines kurzen Steroidschemas für unkomplizierte Exantheme [LL6].
  • AGEP – akute generalisierte exanthematische Pustulose (plötzlich auftretender, ausgedehnter Hautausschlag mit zahlreichen kleinen Eiterbläschen): Auslöser absetzen, stationäre Überwachung und supportive bzw. topische antientzündliche Therapie. Pusteln (Eiterbläschen) sind häufig steril und begründen allein keine Antibiotikagabe. Systemische Glukocorticoide nur nach individueller fachärztlicher Bewertung bei schweren Verläufen [LL5].
  • SJS/TEN – Stevens-Johnson-Syndrom/toxische epidermale Nekrolyse (schwere Hautreaktionen mit Schleimhautschäden und Ablösung der obersten Hautschicht): dermatologischer Notfall; Behandlung im erfahrenen Zentrum mit supportiver und organbezogener Versorgung, insbesondere frühzeitiger augenärztlicher Mitbeurteilung. Zusätzliche Immunmodulation wird nach Leitlinie individuell entschieden; Etanercept oder Ciclosporin sind dabei Off-Label-Use. Keine routinemäßige prophylaktische Antibiotikagabe [LL4].
  • Nachsorge: Auslöser und Reaktionsbild dokumentieren, Allergiepass ausstellen und allergologische Abklärung planen. Ein Exanthem während eines Infekts oder einer Antibiotikatherapie beweist allein keine Arzneimittelallergie. Provokationstests sind nach schweren Reaktionen wie SJS/TEN oder DRESS grundsätzlich kontraindiziert [LL1].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Es bestehen keine für das Symptom Exanthem allgemein indizierten Wirkstoffe. Die folgenden Beispiele betreffen ausschließlich gesicherte entzündliche bzw. unkomplizierte arzneimittelbedingte Befunde. Die Dosierungen gelten für Erwachsene; Kinder, Schwangerschaft und Stillzeit erfordern eine gesonderte präparatespezifische Prüfung.

Topische Glukocorticoide

Wirkstoff Besonderheiten
Hydrocortison, 0,5 % Schwach wirksam, Klasse I nach Niedner. Für milde, steroidempfindliche Entzündungen; an empfindlichen Stellen möglichst nur wenige Tage. Beim genannten Präparat regulär höchstens 2 Wochen; besondere Kontraindikationen einschließlich erstem Schwangerschaftstrimenon (erstem Schwangerschaftsdrittel) beachten [FI1].
Prednicarbat, 0,25 % Mittelstark wirksam, Klasse II nach Niedner. Für mäßig ausgeprägte steroidempfindliche Entzündungen, bevorzugt an Rumpf und Extremitäten. Initial zeitlich begrenzter Einsatz, meist 1–2 Wochen; Fortsetzung nur nach erneuter Bewertung [FI2].
  • Wirkweise: lokale Hemmung entzündlicher und immunologischer Reaktionen.
  • Indikation: diagnostizierte steroidempfindliche Dermatosen (Hauterkrankungen); beim unkomplizierten Arzneimittelexanthem gegebenenfalls symptomatisch.
  • Kontraindikationen: präparatespezifisch insbesondere virale Hautinfektionen, Rosazea (entzündliche Hauterkrankung mit Gesichtsrötung), periorale Dermatitis (Hautentzündung im Bereich um den Mund) und Überempfindlichkeit; keine ungezielte Anwendung auf unklar infektiösen Befunden [FI1, FI2].
  • Nebenwirkungen: Hautatrophie (Hautverdünnung), Teleangiektasien (sichtbar erweiterte kleine Hautgefäße), periorale Dermatitis und Maskierung von Infektionen; bei großflächiger, längerfristiger oder okklusiver Anwendung auch systemische Effekte [FI1, FI2].

Topische Calcineurin-Inhibitoren

Wirkstoff Besonderheiten
Tacrolimus, 0,1 % Salbe Zugelassen bei mittelschwerer bis schwerer atopischer Dermatitis bei unzureichendem Ansprechen auf bzw. Unverträglichkeit herkömmlicher Therapie. Keine allgemeine Exanthemtherapie; an Gesicht und Hals unter Beachtung der Fachinformation einsetzbar [FI3].
  • Wirkweise: Calcineurinhemmung mit Hemmung der T-Zell-Aktivierung.
  • Indikation: zugelassene atopische Dermatitis; bei anderen Dermatosen gegebenenfalls Off-Label-Use.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; nicht auf potenziell maligne Läsionen (möglicherweise bösartige Hautveränderungen) auftragen. Klinische Infektionen im Behandlungsareal vor Therapiebeginn behandeln; bei Immundefizienz (Abwehrschwäche) bzw. Immunsuppression nicht anwenden.
  • Nebenwirkungen: insbesondere vorübergehendes Brennen und Juckreiz, gelegentlich lokale Infektionen. UV-Exposition minimieren; keine gleichzeitige UV-Therapie [FI3].

Wirkstoffe (Nebenindikationen)

Orale H1-Antihistaminika der zweiten Generation

Wirkstoff Besonderheiten
Cetirizin Für Urtikaria zugelassen. Einsatz bei Juckreiz eines nicht urtikariellen Exanthems außerhalb der zugelassenen Indikation: Off-Label-Use; Nutzen häufig begrenzt. Keine Behandlung der zugrunde liegenden Entzündung oder schweren Arzneimittelreaktion [LL3, FI4].
  • Wirkweise: Blockade peripherer H1-Rezeptoren.
  • Indikation: insbesondere histaminvermittelte Beschwerden; bei anderem Exanthem nur begründeter symptomatischer Therapieversuch.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Cetirizin, Hydroxyzin oder Piperazinderivate; schwere Niereninsuffizienz (stark eingeschränkte Nierenfunktion) mit Kreatinin-Clearance unter 10 ml/min gemäß genannter Fachinformation.
  • Nebenwirkungen: Somnolenz (Schläfrigkeit), Müdigkeit, Mundtrockenheit und Schwindel; mögliche Einschränkung der Fahrtüchtigkeit beachten [FI4].

Beachte

  • Antibiotika, Virustatika, Antimykotika und systemische Immunmodulatoren werden nach gesicherter bzw. dringlich vermuteter Grunderkrankung ausgewählt; konkrete Dosierung und Dauer finden sich im jeweiligen Krankheitsartikel.
  • Bei Verschlechterung oder neuen Warnzeichen Diagnose und Behandlungsort sofort überprüfen; eine symptomatische Besserung des Juckreizes schließt einen schweren Verlauf nicht aus.
  • Exantheme bei Schwangerschaft, relevanter Immunsuppression oder Neugeborenen erfordern eine frühzeitige gezielte Abklärung.

Abkürzungen

  • AD: Atopische Dermatitis.
  • AGEP: Akute generalisierte exanthematische Pustulose.
  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
  • DRESS: Drug Reaction with Eosinophilia and Systemic Symptoms.
  • H1: Histamin-1.
  • HIV: Humanes Immundefizienz-Virus.
  • SJS: Stevens-Johnson-Syndrom.
  • TEN: Toxische epidermale Nekrolyse.
  • UV: Ultraviolett.

Literatur

  1. Yan A et al.: Morbilliform Eruptions: Differentiating Low-Risk Drug Eruptions, Severe Cutaneous Adverse Reactions, Viral Eruptions, and Acute Graft-Versus-Host Disease. Am J Clin Dermatol. 2025;26:379–393. doi: 10.1007/s40257-025-00924-0.

Leitlinien und Konsensusempfehlungen

  1. S2k-Leitlinie: Allergologische Diagnostik von Überempfindlichkeitsreaktionen auf Arzneimittel. AWMF-Registernummer: 061-021, 2023. Brockow K et al.: doi: 10.5414/ALX02422E [LL1].
  2. S1-Leitlinie: Kontaktekzem. AWMF-Registernummer: 013-055, November 2021; publiziert 2022. doi: 10.1111/ddg.14734_g [LL2].
  3. S3-Leitlinie: Atopische Dermatitis (AD) [Neurodermitis; atopisches Ekzem]. AWMF-Registernummer: 013-027, aktualisierte Langfassung 2026. Langfassung [LL3].
  4. S3-Leitlinie: Diagnostik und Therapie der epidermalen Nekrolyse (Stevens-Johnson-Syndrom und toxisch epidermale Nekrolyse). AWMF-Registernummer: 013-103, 2024. Langfassung [LL4].
  5. Tetart F et al.: Acute generalized exanthematous pustulosis: European expert consensus for diagnosis and management. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2024;38:2073–2081. doi: 10.1111/jdv.20232 [LL5].
  6. Brüggen MC et al.: Management of Adult Patients With Drug Reaction With Eosinophilia and Systemic Symptoms: A Delphi-Based International Consensus. JAMA Dermatol. 2024;160:37–44. doi: 10.1001/jamadermatol.2023.4450 [LL6].
  7. Zuberbier T et al.: The International Guideline for the Definition, Classification, Diagnosis and Management of Urticaria. Allergy. 2026;81:2582–2632. doi: 10.1111/all.70210 [LL7].

Behördeninformationen

  1. Robert Koch-Institut: RKI-Ratgeber Masern [B1].
  2. Robert Koch-Institut: RKI-Ratgeber Röteln [B2].
  3. Robert Koch-Institut: RKI-Ratgeber Windpocken (Varizellen), Gürtelrose (Herpes zoster) [B3].
  4. Robert Koch-Institut: RKI-Ratgeber Meningokokken, invasive Erkrankungen [B4].
  5. Robert Koch-Institut: RKI-Ratgeber Streptococcus pyogenes-Infektionen [B5].

Fachinformationen

  1. FeniHydrocort Creme 0,5 % – Hydrocortison [FI1].
  2. Prednicarbat acis Creme, 2,5 mg/g, Stand April 2026 [FI2].
  3. European Medicines Agency: Protopic – Produktinformation, Tacrolimus [FI3].
  4. Cetirizin-ratiopharm bei Allergien – Fachinformation [FI4].