Erfrierungen – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen (Folgeprobleme), die durch Erfrierungen (Frostschäden) mitbedingt sein können:

Haut und Unterhaut (Haut und darunterliegendes Gewebe) (L00-L99)

  • Blasenbildung (Bildung von Flüssigkeitsblasen) und Wundheilungsstörung (verzögerte Wundheilung) – vor allem bei tieferen Erfrierungen Grad 2-4 [1, 2, LL1-LL2]
  • Nageldystrophie (Nagelwachstumsstörung) beziehungsweise Nagelverlust – insbesondere nach Erfrierungen an Fingern oder Zehen [2]
  • Ulkusbildung (Geschwürbildung) und chronische Wunde (dauerhafte Wunde) – insbesondere nach tiefer Gewebenekrose (Absterben von Gewebe), verzögerter Demarkation (Abgrenzung abgestorbenen Gewebes) oder Infektion (Entzündung durch Krankheitserreger) [1, 2, LL2]

Herzkreislaufsystem (Herz-Kreislauf-System) (I00-I99)

  • Vasomotorische Dysregulation (gestörte Gefäßweitenregulation) – mit Kälteüberempfindlichkeit, Vasospasmus (Gefäßkrampf) und erhöhter Anfälligkeit für erneute Kälteschäden (Schäden durch Kälte) [2]

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (Infektions- und Parasitenkrankheiten) (A00-B99)

  • Sekundäre bakterielle Wundinfektion (zusätzliche Wundinfektion durch Bakterien) – insbesondere bei Blasenbildung, Nekrose, feuchter Gangrän (Gewebsbrand) oder verzögerter Wundheilung [1, LL2]
  • Tetanus (Wundstarrkrampf) – möglich bei kontaminierten offenen Erfrierungswunden und unzureichendem Impfschutz [1, LL2]

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (Stütz- und Bewegungsapparat) (M00-M99)

  • Bewegungseinschränkung und Gelenksteife – vor allem nach tiefer Erfrierung, längerer Immobilisation (Ruhigstellung), Narbenbildung oder Amputation (Entfernung eines Körperteils) [1, 2]
  • Kontrakturen (Gelenkversteifungen) – als Folge von Narbenzug, Weichteilschädigung (Schädigung von Weichteilgewebe) und funktioneller Fehlstellung [1, 2]
  • Schädigung knöcherner Strukturen – einschließlich Frostbite-Arthritis (Gelenkentzündung nach Erfrierung) beziehungsweise osteoartikulärer Spätfolgen (Spätfolgen an Knochen und Gelenken) nach tiefer Erfrierung [2]
  • Wachstumsstörung bei Kindern – bei Beteiligung der Epiphysenfuge (Wachstumsfuge) im betroffenen Areal (Bereich) [2]

Psyche – Nervensystem (seelische Gesundheit und Nervensystem) (F00-F99; G00-G99)

  • Chronischer Schmerz (dauerhafter Schmerz) – nozizeptiv (durch Gewebeschädigung ausgelöst) und/oder neuropathisch (durch Nervenschädigung ausgelöst), häufig mit Kälteallodynie (Schmerz durch Kältereiz) und funktioneller Einschränkung [2]
  • Hypästhesie (vermindertes Gefühl) beziehungsweise Sensibilitätsverlust (Gefühlsverlust) – durch periphere Nerven- und Mikrozirkulationsschädigung (Schädigung der kleinsten Blutgefäße) [2]
  • Neuropathischer Schmerz – als relevante Langzeitfolge nach Erfrierungen, insbesondere an Fingern und Zehen [2]
  • Parästhesien (Missempfindungen) und Taubheitsgefühl – als Ausdruck einer peripheren Nervenbeteiligung [2]
  • Psychische Belastung bis posttraumatische Belastungssymptomatik (Beschwerden nach seelischer Belastung) – insbesondere nach schwerer Erfrierung mit Amputation, chronischem Schmerz oder bleibender Funktionseinschränkung [1, 2]

Symptome (Krankheitszeichen) und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Kälteintoleranz/Kälteüberempfindlichkeit – eine der häufigsten Langzeitfolgen nach Erfrierung [2]
  • Funktionseinschränkung des betroffenen Körperteils – abhängig von Tiefe, Lokalisation (Lage), Demarkation, Infektion und notwendiger operativer Versorgung [1, 2, LL1-LL2]

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Akutes Kompartmentsyndrom (akute Druckerhöhung in einer Muskelloge) – selten, aber relevant bei massiver Schwellung tiefer Erfrierungen [1, LL2]
  • Gangrän – insbesondere bei tiefer Erfrierung mit irreversibler Perfusionsstörung (nicht rückgängig zu machende Durchblutungsstörung) und Gewebenekrose [1, LL2]
  • Gewebenekrose – zentrale Komplikation tiefer Erfrierungen durch Zellschädigung, Mikrozirkulationsstörung (Störung der Durchblutung kleinster Gefäße) und Thrombose (Blutgerinnsel) [1, 2, LL1-LL2]
  • Verlust von Extremitäten (Gliedmaßen) beziehungsweise Akren (Körperspitzen) – durch Demarkation nicht vitalen Gewebes (nicht lebensfähigen Gewebes) und gegebenenfalls Amputation [1, 2, LL1-LL2]

Nicht als Folgeerkrankungen einer Erfrierung eingeordnet

  • Immersionsfuß/Grabenfuß – nicht gefrierende Kälteschädigung durch länger einwirkende Nässe und Kälte oberhalb des Gefrierpunkts; nosologisch (krankheitssystematisch) eher Differenzialdiagnose (Alternativdiagnose) beziehungsweise eigenständiger Kälteschaden, nicht typische Folge einer Erfrierung [3]
  • Perniones/Frostbeulen – entzündliche Kältereaktion nach feucht-kalter Exposition (Aussetzung); nosologisch eher Differenzialdiagnose beziehungsweise eigenständiger nicht gefrierender Kälteschaden, nicht typische Folge einer Erfrierung [3]

Prognosefaktoren

  • Ausmaß und Tiefe der Erfrierung – oberflächliche Erfrierungen heilen meist folgenarm, tiefe Erfrierungen Grad 3-4 sind mit Nekrose, Funktionseinschränkung und Amputationsrisiko assoziiert [1, LL1-LL2]
  • Zeit bis zur definitiven Erwärmung und spezialisierten Versorgung – rasche Wiedererwärmung und frühe Beurteilung der Perfusion (Durchblutung) verbessern die Chance auf Gewebeerhalt [1, LL1-LL2]
  • Vermeidung erneuter Kälteexposition nach Erwärmung – Wiedergefrieren bereits erwärmten Gewebes verschlechtert die Prognose (Krankheitsvorhersage) erheblich [LL1]
  • Perfusionsdefizit (Durchblutungsmangel) nach Wiedererwärmung – persistierende Durchblutungsstörung ist prognostisch ungünstig und kann eine gefäßerhaltende Therapie wie Thrombolyse (Auflösung eines Blutgerinnsels) oder Iloprost begründen [LL1-LL2]
  • Begleitfaktoren – Hypothermie (Unterkühlung), Dehydratation (Flüssigkeitsmangel), Nikotinkonsum, Alkoholintoxikation (Alkoholvergiftung), periphere arterielle Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung der Bein- oder Armarterien), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Raynaud-Syndrom (anfallsartige Durchblutungsstörung der Finger oder Zehen), Immobilität (Unbeweglichkeit) und verzögerte Rettung verschlechtern die Prognose [1, 2, LL1]
  • Infektion und feuchte Gangrän – erhöhen das Risiko für frühzeitige chirurgische Intervention (operativer Eingriff) und Amputation [1, LL2]

Literatur

  1. Zaramo TZ, Green JK, Janis JE. Practical Review of the Current Management of Frostbite Injuries. Plast Reconstr Surg Glob Open. 2022;10(10):e4618. https://doi.org/10.1097/GOX.0000000000004618
  2. Regli IB, Strapazzon G, Falla M, Oberhammer R, Brugger H. Long-Term Sequelae of Frostbite-A Scoping Review. Int J Environ Res Public Health. 2021;18(18):9655. https://doi.org/10.3390/ijerph18189655
  3. Lorentzen AK, Davis C, Penninga L. Interventions for frostbite injuries. Cochrane Database Syst Rev. 2020;12(12):CD012980. https://doi.org/10.1002/14651858.CD012980.pub2
  4. Regli IB, Oberhammer R, Zafren K, Brugger H, Strapazzon G. Frostbite treatment: a systematic review with meta-analyses. Scand J Trauma Resusc Emerg Med. 2023;31(1):96. https://doi.org/10.1186/s13049-023-01160-3

Leitlinien

  1. McIntosh SE, Freer L, Grissom CK, Rodway GW, Giesbrecht GG, McDevitt M, Imray CH, Johnson EL, Pandey P, Dow J, Hackett PH. Wilderness Medical Society Clinical Practice Guidelines for the Prevention and Treatment of Frostbite: 2024 Update. Wilderness Environ Med. 2024;35(2):235-246. https://doi.org/10.1177/10806032231222359
  2. Wibbenmeyer L, Lacey A, Endorf FW, Logsetty S, Wagner ALL, Gibson ALF, Nizamani R, Oen IMMH, Johnson LS, Nygaard RM. American Burn Association Clinical Practice Guidelines on the Treatment of Severe Frostbite. J Burn Care Res. 2024;45(3):541-556. https://doi.org/10.1093/jbcr/irad022