Dekubitus – Medizingerätediagnostik

Die Diagnose eines Dekubitus (Druckgeschwürs) erfolgt primär klinisch durch visuelle und palpatorische Beurteilung (Beurteilung durch Abtasten) von Haut und Weichteilen (weichen Gewebestrukturen) sowie die Einordnung nach einem etablierten Klassifikationssystem. Apparative Verfahren ersetzen die klinische Diagnostik nicht. Sie können insbesondere zur Erfassung früher, klinisch noch nicht sichtbarer Gewebeveränderungen, zur Abklärung tiefer Gewebeschäden und von Komplikationen, zur Perfusionsdiagnostik (Untersuchung der Durchblutung) sowie zur objektivierbaren Verlaufsdokumentation eingesetzt werden [LL1-LL4].

Obligate Medizingerätediagnostik

  • Es gibt keine obligate Medizingerätediagnostik. Bei klinisch eindeutigem Dekubitus ist eine apparative Untersuchung zur Diagnosesicherung oder Klassifikation nicht erforderlich. Insbesondere dürfen Ergebnisse technischer Verfahren zur Erfassung subklinischer Gewebeveränderungen nicht isoliert zur Diagnose eines Dekubitus herangezogen werden [LL1, LL2].

Fakultative Medizingerätediagnostik in Abhängigkeit von Anamnese, körperlicher Untersuchung und klinischer Verdachtsdiagnose – zur differentialdiagnostischen Abklärung

  • Standardisierte digitale Wundfotografie und digitale Wundplanimetrie (computergestützte Messung der Wundfläche) zur objektivierbaren Dokumentation von Wundgröße, Wundmorphologie (Form und Beschaffenheit der Wunde) und zeitlichem Verlauf. Bei wiederholten Untersuchungen sollten Aufnahmebedingungen, Patientenpositionierung und Messverfahren möglichst standardisiert und konstant gehalten werden. Die Fotodokumentation ergänzt die klinische Wundbeurteilung und ersetzt diese nicht [LL5].
    [Typische/mögliche Befunde: objektivierbare Veränderung von Wundfläche, Wundrand und sichtbaren Gewebestrukturen; bei digitaler Planimetrie quantitative Zu- oder Abnahme der Wundfläche.]
  • Gerätebasierte Messung fokaler subepidermaler Ödeme (Flüssigkeitsansammlungen unterhalb der Oberhaut), insbesondere mittels Bioimpedanz bzw. Biokapazität als additive Untersuchung bei erhöhtem Dekubitusrisiko und klinisch noch nicht eindeutig sichtbaren druckbedingten Gewebeveränderungen. Die internationale Leitlinie spricht hierfür eine bedingte Empfehlung bei sehr niedriger Evidenzsicherheit aus. Ein auffälliger Messwert ist nicht diagnostisch für einen Dekubitus und muss im klinischen Gesamtkontext bewertet werden [LL1].
    [Typische/mögliche Befunde: fokale Zunahme des subepidermalen Gewebewassers im Vergleich zu benachbartem bzw. kontralateralem Gewebe als Hinweis auf eine frühe lokale Gewebereaktion.]
  • Infrarotthermographie (Wärmebildmessung) ggf. als additive Methode zur Erfassung von Temperaturunterschieden bei frühen oder klinisch schwer erkennbaren druckinduzierten Gewebeveränderungen, sofern die Technologie verfügbar ist. Temperaturdifferenzen sind nicht dekubitusspezifisch und dürfen nicht isoliert zur Diagnosestellung verwendet werden [LL1].
    [Typische/mögliche Befunde: umschriebene Temperaturerhöhung als Ausdruck einer inflammatorischen Gewebereaktion (entzündlichen Gewebereaktion) bzw. Temperaturerniedrigung bei Ischämie (Minderdurchblutung) oder Gewebsuntergang im Vergleich zum umgebenden Gewebe.]
  • Sonographie (Ultraschalluntersuchung) der Haut und Weichteile ggf. ergänzend bei Verdacht auf tiefer reichende Gewebeveränderungen, nicht sichtbare Weichteilnekrosen (abgestorbene Bereiche des Weichteilgewebes), Flüssigkeitsansammlungen oder Abszesse (abgekapselte Eiteransammlungen). Die Evidenz reicht nicht aus, um mittels Sonographie allein eine tiefe druckbedingte Gewebeschädigung sicher zu diagnostizieren [LL1, LL3].
    [Typische/mögliche Befunde: Veränderung bzw. Verlust der normalen Gewebeschichtung, echoarme oder inhomogene Gewebeareale, Ödeme, Flüssigkeitsansammlungen oder Abszessformationen.]
  • Magnetresonanztomographie (MRT) (Kernspintomographie) bei klinischem Verdacht auf ausgedehnte tiefe Weichteilbeteiligung, Muskelnekrose (Absterben von Muskelgewebe), Abszessbildung oder dekubitusassoziierte Osteomyelitis (Knochenentzündung), insbesondere bei tiefen sakralen (das Kreuzbein betreffenden), ischialen (das Sitzbein betreffenden) oder trochantären (den seitlichen Hüftknochenvorsprung betreffenden) Dekubitalulzera (Druckgeschwüren). Die MRT dient der Darstellung der anatomischen Ausdehnung und möglicher Komplikationen; für die alleinige Diagnose einer tiefen druckbedingten Gewebeschädigung ist ihre diagnostische Validität nicht ausreichend gesichert. Bei dekubitusassoziierter Osteomyelitis besitzt die MRT eine hohe Sensitivität, jedoch begrenzte Spezifität, da reaktive Knochenmarkveränderungen eine Osteomyelitis imitieren können [1, LL3, LL4].
    [Typische/mögliche Befunde: Weichteilödem, Muskelnekrose, Abszess, Fistelgang (krankhafter Verbindungsgang) sowie Knochenmark- und kortikale Veränderungen bei möglicher Osteomyelitis.]
  • Konventionelle Röntgenaufnahme der betroffenen Region bei Verdacht auf knöcherne Beteiligung oder gasbildende Weichteilinfektion (Infektion der weichen Gewebestrukturen); aufgrund der geringen Sensitivität insbesondere bei früher Osteomyelitis nicht zum Ausschluss einer Knocheninfektion geeignet [1].
    [Typische/mögliche Befunde: fortgeschrittene kortikale Destruktion (Zerstörung der äußeren Knochenschicht), Osteolysen (Knochenabbau), periostale Reaktion (Reaktion der Knochenhaut) oder Gasansammlungen in den Weichteilen.]
  • Computertomographie (CT) (Röntgen-Schichtbilduntersuchung) insbesondere bei komplexen tiefen Dekubitalulzera zur Beurteilung knöcherner Destruktionen, Sequester (abgestorbener Knochenstücke), Gasansammlungen, tiefer Abszesse oder Fistelverbindungen sowie bei nicht durchführbarer bzw. kontraindizierter MRT. Bei dekubitusassoziierter Osteomyelitis weist die CT eine vergleichsweise hohe Spezifität, jedoch geringe Sensitivität auf [1].
    [Typische/mögliche Befunde: kortikale Destruktion, Osteolysen, Sequester, Gas im Weichteilgewebe, Abszesshöhlen oder Fistelgänge.]
  • Nichtinvasive arterielle Gefäßdiagnostik (Untersuchung der arteriellen Blutgefäße ohne Eingriff) mittels Dopplerdruckmessung (Ultraschallmessung des Blutdrucks in den Gefäßen) mit Knöchel-Arm-Index (ABI), ggf. Zehen-Arm-Index (TBI), Doppler-Kurvenanalyse bzw. Duplexsonographie (Ultraschalluntersuchung von Gefäßen und Blutfluss) insbesondere bei Dekubitus der Ferse oder des Fußes sowie bei klinischen Hinweisen auf eine arterielle Perfusionsstörung (arterielle Durchblutungsstörung). Bei Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Mediasklerose (Verkalkung der mittleren Gefäßwandschicht) oder nicht komprimierbaren Gefäßen kann der ABI unzuverlässig sein; weiterführende Perfusionsdiagnostik ist dann entsprechend der klinischen Situation angezeigt [LL2].
    [Typische/mögliche Befunde: erniedrigter ABI bzw. TBI, pathologische arterielle Dopplerflussprofile, Stenosen (Gefäßverengungen) oder Gefäßverschlüsse als Hinweis auf eine arterielle Minderperfusion (verminderte arterielle Durchblutung).]

Bei Verdacht auf eine dekubitusassoziierte Osteomyelitis ist zu beachten, dass kein bildgebendes Verfahren die Diagnose mit ausreichender Zuverlässigkeit allein sichern kann. Die histopathologische Untersuchung (feingewebliche Untersuchung) einer adäquat gewonnenen Knochenbiopsie (Entnahme einer Knochengewebeprobe) gilt als diagnostischer Referenzstandard; eine mikrobiologische Untersuchung mehrerer sachgerecht entnommener Knochenproben dient der Erregerdiagnostik [1, LL4].

Literatur

  1. Chicco M, Singh P, Beitverda Y et al.: Diagnosing pelvic osteomyelitis in patients with pressure ulcers: a systematic review comparing bone histology with alternative diagnostic modalities. J Bone Jt Infect. 2020;6(1):21-32. doi: 10.5194/jbji-6-21-2020.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. National Pressure Injury Advisory Panel, European Pressure Ulcer Advisory Panel, Pan Pacific Pressure Injury Alliance: Advanced Technologies for Skin and Tissue Assessment. In: Prevention and Treatment of Pressure Ulcers/Injuries: Clinical Practice Guideline. The International Guideline. Fourth Edition. Haesler E (Ed.). 2026. Online-Version. [LL1]
  2. National Pressure Injury Advisory Panel, European Pressure Ulcer Advisory Panel, Pan Pacific Pressure Injury Alliance: Skin and Tissue Assessment. In: Prevention and Treatment of Pressure Ulcers/Injuries: Clinical Practice Guideline. The International Guideline. Fourth Edition. Haesler E (Ed.). 2026. Online-Version. [LL2]
  3. Wound/Pressure Ulcer/Burn Guidelines Drafting Committee (Pressure Ulcer Group), Fujiwara H, Irisawa R et al.: Wound, Pressure Ulcer, and Burn Guidelines (2023)-2: Guidelines for the Diagnosis and Treatment of Pressure Ulcers, Third Edition. J Dermatol. 2025;52(9):e744-e794. doi: 10.1111/1346-8138.17758. [LL3]
  4. Gould LJ, Alderden J, Aslam R et al.: WHS guidelines for the treatment of pressure ulcers-2023 update. Wound Repair Regen. 2024;32(1):6-33. doi: 10.1111/wrr.13130. [LL4]
  5. European Pressure Ulcer Advisory Panel, National Pressure Injury Advisory Panel, Pan Pacific Pressure Injury Alliance: Prevention and Treatment of Pressure Ulcers/Injuries: Clinical Practice Guideline. The International Guideline. Haesler E (Ed.). EPUAP/NPIAP/PPPIA; 2019. Volltext. [LL5]