Analekzem – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Behandlung bzw. Beseitigung der zugrunde liegenden Erkrankung und auslösender Faktoren.
  • Linderung von Juckreiz, Brennen und Entzündung.
  • Abheilung der Hautveränderungen und Wiederherstellung der Hautbarriere.
  • Vermeidung von Rezidiven (erneutem Auftreten).

Therapieempfehlungen

  • Ursachenbezogene Behandlung: Diagnostisch ermittelte Irritanzien und Kontaktallergene ausschalten; insbesondere sensibilisierende Proktologika, Duftstoffe und Feuchttücher meiden. Stuhlschmieren und zugrunde liegende proktologische Erkrankungen (Erkrankungen des Enddarms und Afters) behandeln. Schonende Reinigung, sorgfältiges Trocknen und reizstoffarme Hautpflege sind Grundlage der Behandlung [1, 2, LL1].
  • Irritativ-toxisches Analekzem (durch äußere Reizung verursachtes Analekzem): Schutz vor Stuhl und Sekret, beispielsweise mit einer dünnen Zinkoxidpaste. Bei deutlicher Entzündung zusätzlich kurzfristig ein schwach wirksames topisches Glucocorticoid; bei unzureichender Wirkung zeitlich begrenzt ein mittelstark wirksames Präparat [1, LL1].
  • Atopisches Analekzem (Analekzem bei einer Veranlagung zu Neurodermitis): Im akuten Schub niedrig- bis mittelpotente topische Glucocorticoide. Bei häufigen Rezidiven kann nach Abheilung eine ärztlich kontrollierte intermittierende Erhaltungstherapie erforderlich sein. Calcineurin-Inhibitoren sind eine steroidsparende Option; die analekzemspezifische Evidenz beruht überwiegend auf kleinen Studien und Fallserien [4, 5, LL1].
  • Kontaktallergisches Analekzem (Analekzem durch eine Allergie bei Hautkontakt): Konsequente Allergenkarenz; bei ausgeprägter Entzündung kurzzeitige topische Glucocorticoidtherapie. Zinkoxid dient gegebenenfalls dem zusätzlichen Hautschutz. Bei Verdacht auf eine Kontaktallergie Epikutantestung einschließlich verwendeter Externa und ihrer Hilfsstoffe [1, LL1].
  • Steroidpotenz und Lokalisation: An dünner perianaler Haut (Haut um den After) und in der feuchten Analspalte (Falte zwischen den Gesäßhälften im Bereich des Afters) möglichst Klasse I nach Niedner verwenden. Bei stärker entzündlichen oder lichenifizierten (verdickten und vergröberten) Befunden auf äußerer, verhornter Haut ist kurzfristig Klasse II vertretbar. Klasse III-IV ist für das gewöhnliche Analekzem keine Routinebehandlung. Hautpräparate nicht in den Analkanal (untersten Abschnitt des Enddarms) bzw. auf Schleimhäute einbringen; die jeweilige Fachinformation beachten [FI1, FI2, FI3].
  • Anwendungsdauer: Als vorsichtige praktische Umsetzung für die Analregion zunächst 5-7 Tage behandeln und anschließend kontrollieren; bei Bedarf bis insgesamt 1-2 Wochen fortsetzen. Dies ist keine starre leitlinienbasierte Tagesgrenze. Eine tägliche Behandlung darüber hinaus erfordert eine erneute Nutzen-Risiko-Abwägung. Die Leitlinie nennt für die tägliche Akuttherapie 1 bis maximal 4 Wochen; vier Wochen sind kein anzustrebender Standard. Längere Behandlung nur befundabhängig, vorzugsweise intermittierend und unter regelmäßiger Kontrolle [LL1, FI2].
  • Calcineurin-Inhibitoren und Zulassung: Die Behandlung irritativ-toxischer oder kontaktallergischer Analekzeme mit Pimecrolimus oder Tacrolimus ist Off-Label-Use. Bei einem atopischen Ekzem der äußeren perianalen Haut kann die Anwendung innerhalb der Zulassung liegen, sofern Alter, Schweregrad und weitere Zulassungsbedingungen erfüllt sind. Eine Anwendung auf Schleimhäuten ist nicht vorgesehen. Vor Off-Label-Use sind Aufklärung und Dokumentation erforderlich [LL1, FI4, FI5].
  • Erhaltungstherapie: Bei rezidivierendem atopischem Ekzem gegebenenfalls topisches Glucocorticoid ein- bis zweimal wöchentlich oder Tacrolimus entsprechend dem zugelassenen Erhaltungsregime. Ein festes prophylaktisches Pimecrolimus-Regime ein- bis zweimal wöchentlich ist von der zugelassenen intermittierenden Behandlung bei ersten Ekzemzeichen zu unterscheiden und nicht pauschal als Zulassungsstandard darzustellen [LL1, FI4, FI5].
  • Wahl der Grundlage: Bei akut nässenden Befunden vorzugsweise reizstoffarme Cremes bzw. Lotionen; bei chronisch trockenen Befunden gegebenenfalls fettreichere Grundlagen. Auf behaarten Hautarealen sind Lotionen zweckmäßig. In der Analspalte zusätzliche Okklusion vermeiden. Keine routinemäßigen feuchten Okklusivverbände zur Wirkverstärkung von Glucocorticoiden [1, FI3].
  • Infektionsbehandlung: Antimykotika und Antiseptika nur bei klinisch relevanter mykotischer bzw. bakterieller Infektion (Infektion durch Pilze bzw. Bakterien) oder begründetem Verdacht einsetzen. Eine bloße Besiedlung rechtfertigt keine automatische Behandlung. Bei unklaren, rezidivierenden oder therapieresistenten Befunden mikrobiologische Untersuchung. Topische Antibiotika wegen Sensibilisierungs- und Resistenzrisiko zurückhaltend einsetzen; bei ausgeprägter oder sich ausbreitender bakterieller Infektion systemische Antibiotikatherapie nach Diagnose und Erregerspektrum. Bei perianaler Streptokokkendermatitis (Hautentzündung um den After durch Streptokokken) reicht eine alleinige Ekzemtherapie nicht aus [LL1].
  • Lokalanästhetika: Keine routinemäßige Dauerbehandlung. Bei erheblichen Schmerzen allenfalls kurzfristig nach Ursachenklärung und unter Beachtung des Kontaktallergierisikos [LL1].
  • Therapieversagen: Bei fehlender Besserung Diagnose, Exposition, Infektion und Kontaktallergie überprüfen. Persistierende, einseitige, ulzerierende (Geschwüre bildende) oder atypische Veränderungen dermatologisch-proktologisch abklären, gegebenenfalls mit Biopsie; nicht lediglich die Steroidpotenz steigern [1, 2, LL1].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Topische Glucocorticoide

Potenzangaben nach der in Deutschland gebräuchlichen Niedner-Klassifikation. Die ATC-Einstufung ist davon zu unterscheiden: Methylprednisolonaceponat wird nach Niedner üblicherweise Klasse II, in der ATC-Systematik als stark wirksames Corticosteroid der Gruppe III geführt [FI3].

Wirkstoff Besonderheiten
Hydrocortison 1 % Klasse I; bevorzugte niedrige Potenz bei empfindlicher perianaler Haut. Keine Anwendung auf Schleimhäuten [FI1].
Prednicarbat 0,25 % Klasse II; bei stärkerer Entzündung. Über zwei Wochen hinaus sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung; ununterbrochene Anwendung über vier Wochen vermeiden [FI2].
Methylprednisolonaceponat 0,1 % Klasse II nach Niedner; hoher therapeutischer Index. Allgemeine Höchstdauern der Fachinformation sind keine Standarddauer für die Analregion; Creme ab drei Jahren, darunter nicht empfohlen [FI3].
  • Wirkweise: Aktivierung des Glucocorticoidrezeptors mit antientzündlicher und immunsuppressiver Wirkung.
  • Indikation: Entzündliches irritativ-toxisches, atopisches oder kontaktallergisches Analekzem; Auswahl nach Lokalisation und Befund, nicht allein nach Ekzemtyp [LL1].
  • Kontraindikationen: Präparatespezifisch insbesondere Überempfindlichkeit und bestimmte infektiöse Hauterkrankungen. Keine Steroidmonotherapie bei unbehandelter bakterieller oder mykotischer Infektion. Eine begleitende antientzündliche Behandlung unter wirksamer Antiinfektivatherapie ist nur nach Befund und Fachinformation vertretbar; virale Läsionen (durch Viren verursachte Hautveränderungen), beispielsweise Herpes simplex, dürfen nicht mit einer routinemäßigen Steroidtherapie überdeckt werden [FI1, FI2, FI3].
  • Nebenwirkungen: Hautatrophie (Ausdünnung der Haut), Teleangiektasien (erweiterte kleine Blutgefäße), Striae (Dehnungsstreifen), Follikulitis (Entzündung der Haarfollikel), Kontaktallergie und Maskierung bzw. Verstärkung von Infektionen; bei übermäßiger Anwendung auch systemische Effekte. Erhöhte Resorption bei geschädigter Haut und unter Okklusion [FI1, FI2, FI3].

Topische Calcineurin-Inhibitoren

Wirkstoff Besonderheiten
Pimecrolimus 1 % Creme Zugelassen ab drei Monaten bei leichtem bis mittelschwerem atopischem Ekzem, wenn topische Glucocorticoide nicht angebracht oder nicht möglich sind. Andere Analekzemformen: Off-Label-Use [4, FI4].
Tacrolimus 0,03 % bzw. 0,1 % Salbe 0,03 % ab zwei Jahren, 0,1 % ab 16 Jahren; mittelschweres bis schweres atopisches Ekzem bei unzureichendem Ansprechen auf konventionelle Therapie, bei Erwachsenen auch bei Unverträglichkeit. Erhaltung nach initialem Ansprechen bei häufigen Schüben; nach zwölf Monaten überprüfen. Andere Analekzemformen: Off-Label-Use [5, FI5].
  • Wirkweise: Hemmung der Calcineurin-abhängigen T-Zell-Aktivierung und der Freisetzung entzündungsfördernder Zytokine.
  • Indikation: Steroidsparende Behandlung insbesondere des rezidivierenden atopischen Ekzems empfindlicher Hautregionen; Zulassungsbedingungen bzw. Off-Label-Use beachten [4, 5, FI4, FI5].
  • Kontraindikationen und Anwendungseinschränkungen: Überempfindlichkeit; keine Anwendung auf klinisch infizierten Läsionen vor deren Behandlung. Nicht auf Schleimhäute, nicht unter Okklusivverband und nicht auf malignitätsverdächtige (auf eine bösartige Erkrankung verdächtige) Veränderungen auftragen. Bei Immundefizienz (Abwehrschwäche) oder systemischer Immunsuppression (Unterdrückung der körpereigenen Abwehr im gesamten Körper) nicht anwenden bzw. nicht empfohlen gemäß Fachinformation. Unnötige UV-Exposition vermeiden [FI4, FI5].
  • Nebenwirkungen: Häufig initial Brennen, Wärmegefühl und Juckreiz, besonders auf akut erosiver Haut (Haut mit oberflächlichen Defekten); unter Tacrolimus auch alkoholbedingte Rötung und lokale Hautinfektionen. Keine steroidtypische Hautatrophie. Die systemische Aufnahme ist gewöhnlich gering, aber die Aussage „keine systemischen Nebenwirkungen“ ist nicht zutreffend [FI4, FI5].

Wirkstoffe (Nebenindikationen)

Antimykotika bei begleitender Pilzinfektion

Wirkstoff Besonderheiten
Clotrimazol 1 % Creme Bei klinisch relevanter kutaner Candidose (Candida-Pilzinfektion der Haut) oder Dermatophytose (Hautinfektion durch Fadenpilze); keine routinemäßige Behandlung eines nichtinfizierten Analekzems [FI6].
  • Wirkweise: Hemmung der Ergosterolsynthese in der Pilzzellmembran.
  • Indikation: Begleitende oberflächliche Pilzinfektion; bei Unsicherheit mykologische Diagnostik [LL1, FI6].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Wirkstoff oder Hilfsstoffe.
  • Nebenwirkungen: Brennen, Hautreizung und Kontaktallergie [FI6].

Antiseptika bei begleitender bakterieller Infektion

Wirkstoff Besonderheiten
Octenidindihydrochlorid 0,1 % + Phenoxyethanol 2 % Lösung Beispiel für lokale Antiseptik; keine prophylaktische Daueranwendung. Nicht unter Druck in Gewebe oder Fistelgänge (krankhafte röhrenförmige Verbindungen) einbringen [FI7].
  • Wirkweise: Lokale Schädigung mikrobieller Membranen mit antiseptischer Wirkung.
  • Indikation: Klinisch relevante lokale bakterielle Superinfektion (zusätzliche bakterielle Infektion); bei Ausbreitung oder systemischen Zeichen gezielte systemische Behandlung [LL1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; keine Spülung von Bauchhöhle oder Harnblase, keine Anwendung am Trommelfell. Anwendung ausschließlich oberflächlich [FI7].
  • Nebenwirkungen: Brennen, Rötung und selten Kontaktallergie; bei Einbringen in tiefes Gewebe Gefahr schwerer Gewebeschäden [FI7].

Beachte

  • Fläche und Resorption: Beim Analekzem stehen kleinflächige Anwendung, geeignete Potenz, kurze Dauer und Vermeidung zusätzlicher Okklusion im Vordergrund. Eine pauschale Grenze von 20 % der Körperoberfläche ist keine allgemeingültige Dosierungsregel [FI1, FI2, FI3].
  • Besondere Patientengruppen: Kinder sowie Schwangere und Stillende benötigen eine präparatespezifische Nutzen-Risiko-Abwägung. Altersgrenzen und Warnhinweise beachten [FI1, FI2, FI3, FI4, FI5].
  • Latexprodukte: Fetthaltige Grundlagen können die Sicherheit von Latexkondomen beeinträchtigen; präparatespezifische Hinweise berücksichtigen [FI2, FI3].
  • Ältere Evidenz: Die Literatur zu Escherichia-coli-Kultursuspensionen bleibt als historische Evidenz erhalten; daraus folgt keine bevorzugte Standardtherapie des Analekzems [3].
  • Weitere Therapie: Ergänzend nichtmedikamentöse und ursachenbezogene Maßnahmen berücksichtigen.

Abkürzungen

  • ATC: Anatomisch-therapeutisch-chemisches Klassifikationssystem zur Einteilung von Arzneimitteln.
  • UV: Ultraviolette Strahlung.

Literatur

  1. Lenhard BH: Systematik und Therapie des Analekzems. Akt Dermatol. 2016;42(5):194-197. doi: 10.1055/s-0042-103768.
  2. Weyandt GH: Haemorrhoidal disease: the dermatological differential diagnoses of symptoms and anal findings. Aliment Pharmacol Ther. 2010;31(Suppl 1):12-21. Publikation des Supplements mit dem Beitrag.
  3. Wienert V, Heusinger JH: Local treatment of hemorrhoidal disease and perianal eczema. Meta-analysis of the efficacy and safety of an Escherichia coli culture suspension alone or in combination with hydrocortisone. Arzneimittelforschung. 2002;52(7):515-523. doi: 10.1055/s-0031-1299924.
  4. Kreuter A, Hochdorfer B, Altmeyer P, Gambichler T: Pimecrolimus 1% cream for perianal atopic dermatitis. Br J Dermatol. 2005;152(1):186-187. doi: 10.1111/j.1365-2133.2005.06327.x.
  5. Schauber J, Weisenseel P, Ruzicka T: Topical treatment of perianal eczema with tacrolimus 0.1%. Br J Dermatol. 2009;161(6):1384-1386. doi: 10.1111/j.1365-2133.2009.09345.x.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S1-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des Analekzems. (AWMF-Registernummer: 013-007), September 2024, Version 5.0, gültig bis August 2029. Langfassung [LL1]

Produktinformationen

  1. Dermapharm AG: Hydrocutan Salbe 1 %, Hydrocortison. Fachinformation, Februar 2026. Fachinformation [FI1]
  2. Dermapharm AG: Prednitop Creme 2,5 mg/g, Prednicarbat. Fachinformation, Mai 2024. Fachinformation [FI2]
  3. LEO Pharma: Advantan 0,1 % Creme, Methylprednisolonaceponat. Fachinformation, September 2025. Fachinformation [FI3]
  4. Viatris Healthcare GmbH: Elidel 10 mg/g Creme, Pimecrolimus. Fachinformation, Dezember 2022. Fachinformation [FI4]
  5. LEO Pharma: Protopic 0,03 % und 0,1 % Salbe, Tacrolimus. EMA-Produktinformation, abgerufener Stand 14. Oktober 2026. Produktinformation [FI5]
  6. Dermapharm AG: Cloderm Creme 1 %, Clotrimazol. Fachinformation, Februar 2025. Fachinformation [FI6]
  7. Schülke & Mayr GmbH: octenisept Lösung, Octenidin/Phenoxyethanol. Fachinformation, April 2026. Fachinformation [FI7]