Bruxismus (Zähneknirschen) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Linderung klinisch relevanter Beschwerden: Reduktion von Kaumuskelschmerzen und funktionellen Einschränkungen.
  • Begrenzung von Folgeschäden: Schutz von Zahnhartsubstanz (harte Bestandteile der Zähne) und Restaurationen (Zahnfüllungen und Zahnersatz) durch ein überwiegend nichtmedikamentöses Behandlungskonzept. [LL1]
  • Beseitigung behandelbarer Auslöser: Überprüfung möglicher Arzneimittelnebenwirkungen bei neu aufgetretenem oder verstärktem Bruxismus (Zähneknirschen oder Zähnepressen). [1]

Therapieempfehlungen

  • Behandlungsbedarf individuell feststellen: Wachbruxismus (Zähneknirschen oder Zähnepressen im Wachzustand) und Schlafbruxismus (Zähneknirschen oder Zähnepressen im Schlaf) unterscheiden; Beschwerden, Schäden und Begleiterkrankungen bestimmen die Therapie. Eine medikamentöse Behandlung allein aufgrund berichteten Zähneknirschens ist nicht angezeigt. [LL1]
  • Nichtmedikamentöse Maßnahmen bilden die Grundlage: Aufklärung, Selbstbeobachtung, Entspannungsverfahren und gegebenenfalls zahnärztliche Schienentherapie; bei begleitender craniomandibulärer Dysfunktion (Funktionsstörung des Kausystems) (CMD) auch Physiotherapie. [LL1]
  • Keine empfohlene systemische Standardmedikation: Die S3-Leitlinie empfiehlt systemisch wirksame Medikamente zur Bruxismusbehandlung weder bei Erwachsenen noch bei Kindern. Einzelne positive Pilotstudien begründen keine verlässliche Dauertherapie. [2, LL1]
  • Botulinumtoxin A: Kann bei Erwachsenen nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung erwogen werden; Off-Label-Use. Die Evidenz ist begrenzt. Ein Einsatz kommt insbesondere bei unzureichendem Erfolg konservativer Maßnahmen infrage. [3, 4, LL1]
  • Schmerzbehandlung gesondert beurteilen: Eine kurzfristige Analgesie (Schmerzlinderung) kann bei behandlungsbedürftigen Begleitschmerzen angezeigt sein. Daraus folgt keine Wirksamkeit gegen die Bruxismusaktivität. [2, FI2, FI3]

Wirkstoffe nach Wirkstoffgruppen

Die folgenden Dosierungsangaben beziehen sich auf Erwachsene. Studien- und Fallberichtsdosierungen bei Off-Label-Use sind ausdrücklich als solche gekennzeichnet und stellen keine zugelassene Standarddosierung für Bruxismus dar.

Peripher wirksame Muskelrelaxanzien: Botulinumtoxin A

Wirkstoff Besonderheiten
Onabotulinumtoxin A Off-Label-Use. Einheiten verschiedener Botulinumtoxinpräparate sind nicht austauschbar. Keine automatische Übertragung der Studiendosen auf andere Präparate oder Patienten. Klinischen Nutzen und Kaumuskelfunktion vor einer Wiederholung erneut beurteilen. [5, FI1]
  • Wirkweise: Hemmung der Acetylcholinfreisetzung an der neuromuskulären Endplatte mit vorübergehender Abschwächung der injizierten Muskulatur. Die verminderte Kontraktionsstärke bedeutet nicht zwangsläufig, dass weniger Bruxismusepisoden entstehen. [6, FI1]
  • Indikationen: Individueller Behandlungsversuch bei Erwachsenen mit relevantem Leidensdruck und unzureichendem Erfolg konservativer Maßnahmen; Aufklärung über begrenzte Evidenz und Off-Label-Use. Kein etabliertes pädiatrisches Behandlungsschema. [3, 4, FI1]
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und Infektion an der Injektionsstelle. Bei Myasthenia gravis (Erkrankung mit belastungsabhängiger Muskelschwäche), Lambert-Eaton-Syndrom (Erkrankung mit gestörter Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln) oder vorbestehender Dysphagie (Schluckstörung) besonders strenge Abwägung; dies sind relevante Warnhinweise. Anwendung in Schwangerschaft und Stillzeit wird nicht empfohlen. Aminoglykoside und neuromuskuläre Blocker können die Wirkung verstärken. [FI1]
  • Nebenwirkungen: Injektionsschmerz, Hämatome (Blutergüsse), Kauschwäche, Muskelatrophie (Muskelschwund) und Gesichtsasymmetrie (Ungleichheit der Gesichtshälften); mögliche Dysphagie und selten generalisierte Toxinwirkung. Hinweise auf Veränderungen des Unterkieferknochens begründen besondere Zurückhaltung bei wiederholten Injektionen; die klinische Langzeitrelevanz ist unzureichend geklärt. [4, 7, FI1]

Nichtsteroidale Antirheumatika: kurzfristige Behandlung von Begleitschmerzen

Wirkstoff Besonderheiten
Ibuprofen Niedrigste wirksame Dosis für möglichst kurze Dauer. Nur zur Analgesie bei entsprechender Schmerzdiagnose; kein belegter bruxismushemmender Effekt. Nicht mit anderen nichtsteroidalen Antirheumatika kombinieren. [2, FI2]
  • Wirkweise: Cyclooxygenasehemmung mit verminderter Prostaglandinsynthese; analgetisch und antiphlogistisch. [FI2]
  • Indikationen: Kurzzeitige symptomatische Behandlung leichter bis mäßig starker Schmerzen nach Abklärung der Ursache. [FI2]
  • Kontraindikationen: Unter anderem entsprechende Überempfindlichkeit, frühere Reaktionen auf Acetylsalicylsäure oder andere nichtsteroidale Antirheumatika, aktive beziehungsweise rezidivierende Ulzera (Geschwüre) oder Blutungen, vorausgegangene NSAR-bedingte gastrointestinale Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt) oder Perforation (Durchbruch der Magen- oder Darmwand), schwere Herz-, Leber- oder Niereninsuffizienz (schwere Funktionsschwäche von Herz, Leber oder Nieren), schwere Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) und drittes Schwangerschaftstrimenon (letztes Schwangerschaftsdrittel). Ab der 20. Schwangerschaftswoche nur bei strenger Indikation. [FI2]
  • Nebenwirkungen: Dyspepsie (Verdauungsbeschwerden), Ulzera und gastrointestinale Blutungen, Nierenfunktionsverschlechterung, Ödeme (Wassereinlagerungen), Blutdruckanstieg und Überempfindlichkeitsreaktionen. Antikoagulanzien, Thrombozytenaggregationshemmer und selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer erhöhen das Blutungsrisiko. [FI2]

Nichtsaure Nichtopioidanalgetika: kurzfristige Behandlung von Begleitschmerzen

Wirkstoff Besonderheiten
Paracetamol Alternative zur kurzfristigen Analgesie bei ungeeigneten nichtsteroidalen Antirheumatika. Keine nachgewiesene Reduktion der Bruxismusaktivität. Weitere paracetamolhaltige Präparate bei der Tagesgesamtdosis berücksichtigen. [2, FI3]
  • Wirkweise: Überwiegend zentral vermittelte Analgesie und Antipyrese; keine klinisch relevante periphere antiphlogistische Wirkung. [FI3]
  • Indikationen: Kurzzeitige Behandlung leichter bis mäßig starker Begleitschmerzen. [FI3]
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit. Bei Leberfunktionsstörung, chronischem Alkoholmissbrauch, Mangelernährung, Dehydratation, Niereninsuffizienz oder Körpergewicht unter 50 kg besondere Vorsicht und Dosisanpassung. Für mehrere dieser Risikogruppen nennt die Fachinformation ohne ärztliche Anweisung höchstens 2 g/Tag. [FI3]
  • Nebenwirkungen: Insbesondere Hepatotoxizität (leberschädigende Wirkung) bei Überdosierung; selten Überempfindlichkeitsreaktionen, Blutbildveränderungen und schwere Hautreaktionen. Bei Risikokonstellationen und längerer Anwendung kann eine metabolische Azidose (stoffwechselbedingte Übersäuerung) auftreten, auch im Zusammenhang mit Flucloxacillin. [FI3]

Serotonerge Anxiolytika: Sonderfall antidepressivainduzierter Bruxismus

Bei zeitlichem Zusammenhang mit Beginn oder Dosiserhöhung eines selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmers (SSRI) oder Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmers (SNRI) ist zunächst die auslösende Medikation zu überprüfen. Dosisreduktion oder Präparatewechsel mit dem behandelnden Arzt abstimmen; Antidepressiva nicht eigenständig abrupt absetzen. Eine zusätzliche Medikation ist erst nach dieser Abwägung zu erwägen. [1]

Wirkstoff Besonderheiten
Buspiron Off-Label-Use bei antidepressivainduziertem Bruxismus; Evidenz aus Fallberichten und Fallserien. Keine allgemeine Empfehlung bei primärem Wach- oder Schlafbruxismus. Eine Besserung wurde häufig erst nach 2 bis 3 Wochen beschrieben. [1]
  • Wirkweise: Partieller Agonismus an 5-HT1A-Rezeptoren; der genaue Mechanismus bei antidepressivainduziertem Bruxismus ist nicht gesichert. [1, FI4]
  • Indikationen: Allenfalls fachärztlich begleiteter individueller Therapieversuch bei anhaltendem antidepressivainduziertem Bruxismus, wenn eine Änderung des auslösenden Arzneimittels nicht möglich oder nicht ausreichend wirksam ist. [1]
  • Kontraindikationen: Unter anderem Überempfindlichkeit, akutes Engwinkelglaukom (Form des Grünen Stars mit verengtem Abflusswinkel im Auge), Myasthenia gravis, Epilepsie (Anfallsleiden), akute Intoxikation (Vergiftung) mit Alkohol oder zentral wirksamen Arzneimitteln sowie schwere Leber- oder Niereninsuffizienz. Nicht mit Monoaminoxidasehemmern kombinieren. [FI4]
  • Nebenwirkungen: Schwindel, Kopfschmerzen, Somnolenz (starke Schläfrigkeit) und Übelkeit. Bei Kombination mit serotonergen Arzneimitteln besteht das Risiko eines Serotoninsyndroms (Überreaktion auf eine erhöhte Serotoninwirkung). Wechselwirkungen über CYP3A4 einschließlich Grapefruitsaft beachten. [FI4]

Nicht empfohlene medikamentöse Routinebehandlung

Für Clonazepam, Clonidin, Gabapentin, Amitriptylin, Opipramol und dopaminerge Substanzen besteht keine ausreichend abgesicherte Nutzen-Risiko-Grundlage für eine routinemäßige Bruxismusbehandlung. Die negative Empfehlung der S3-Leitlinie gilt auch bei einzelnen positiven Studienbefunden. Eine eigenständige Indikation zur Behandlung einer Begleiterkrankung ist davon getrennt zu beurteilen. [2, LL1]

Weitere Hinweise zur Evidenz und Verlaufskontrolle

  • Unterschiedliche Endpunkte beachten: Eine randomisierte Studie von 2020 zeigte nach Botulinumtoxin eine geringere Kontraktionsintensität des Masseters, jedoch keine entsprechende Abnahme der Entstehung von Schlafbruxismusepisoden. [6]
  • Nutzen nicht überschätzen: In einer Crossover-Studie von 2022 war der elektromyographische Bruxismusindex nach 4 Wochen vermindert; nach 12 Wochen bestand dieser Unterschied nicht mehr. Subjektive Beschwerden unterschieden sich nicht signifikant von Placebo. [5]
  • Aktuelle Evidenz 2026: Eine im September 2026 veröffentlichte Metaanalyse bestätigt vor allem eine Abnahme der elektromyographisch erfassten Kaumuskelaktivität. Die Ergebnisse unterscheiden sich danach, ob Signalamplitude oder Ereignisfrequenz gemessen wird. Einen direkten Nutzen für Schmerzen, Funktion oder Lebensqualität untersuchte diese Auswertung nicht. Die Übertragbarkeit auf Wachbruxismus ist begrenzt. [8]
  • Knochenrisiken differenziert einordnen: Eine Metaanalyse fand beim Menschen Hinweise auf eine reduzierte kortikale Dicke nach Botulinumtoxininjektionen, ohne konsistent nachgewiesene Änderungen von Knochenvolumen oder Knochendichte. Langzeitfolgen wiederholter Behandlungen bleiben offen; ein ausschließlich an Fehlanwendung gebundenes Risiko ist daraus nicht ableitbar. [7]
  • Verlauf am klinischen Ziel messen: Schmerzen, Kaufunktion, Mundöffnung, Nebenwirkungen und zahnärztlichen Befund dokumentieren. Als praktische Konsequenz der uneinheitlichen Studienendpunkte sollte eine Wiederholung von Injektionen an einem nachvollziehbaren individuellen Nutzen ausgerichtet werden. Eine isolierte Abnahme elektromyographischer Aktivität genügt nicht als Nachweis einer umfassenden klinischen Besserung. [4, 5, 8]

Red Flags (Warnzeichen) bei Bruxismus

  • Neue Schluck-, Sprech- oder Atemstörung beziehungsweise generalisierte Muskelschwäche nach Botulinumtoxin: Sofortige medizinische Abklärung wegen möglicher Ausbreitung der Toxinwirkung. [FI1]
  • Agitiertheit (starke Unruhe), Fieber, Tremor (Zittern), Klonus (rhythmische, unwillkürliche Muskelzuckungen) oder Hyperreflexie (gesteigerte Reflexe) unter serotonerger Kombinationstherapie: Verdacht auf Serotoninsyndrom; unverzügliche ärztliche Beurteilung. [FI4]

Abkürzungsverzeichnis

  • 5-HT1A – Serotoninrezeptor vom Subtyp 1A; 5-HT steht für 5-Hydroxytryptamin (Serotonin)
  • AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • CMD – Craniomandibuläre Dysfunktion
  • CYP3A4 – Cytochrom P450 3A4, ein Enzym des Arzneimittelstoffwechsels
  • et al. – et alii, und weitere Autoren
  • FI – Fachinformation
  • LL – Leitlinie
  • NSAR – Nichtsteroidale Antirheumatika
  • S3 – Leitlinie mit systematischer Evidenzbewertung und strukturierter Konsensfindung
  • SNRI – Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
  • SSRI – Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer

Literatur

  1. Garrett AR, Hawley JS: SSRI-associated bruxism: A systematic review of published case reports. Neurol Clin Pract. 2018;8(2):135-141. doi: 10.1212/CPJ.0000000000000433 [1]
  2. Macedo CR, Macedo EC, Torloni MR et al.: Pharmacotherapy for sleep bruxism. Cochrane Database Syst Rev. 2014;(10):CD005578. doi: 10.1002/14651858.CD005578.pub2 [2]
  3. Yacoub S, Ons G, Khemiss M: Efficacy of botulinum toxin type A in bruxism management: A systematic review. Dent Med Probl. 2025;62(1):145-160. doi: 10.17219/dmp/186553 [3]
  4. Coelho MS, de Oliveira JMD, Polmann H et al.: Botulinum Toxin for Bruxism: An Overview. Toxins (Basel). 2025;17(5):249. doi: 10.3390/toxins17050249 [4]
  5. Cruse B, Dharmadasa T, White E et al.: Efficacy of botulinum toxin type a in the targeted treatment of sleep bruxism: a double-blind, randomised, placebo-controlled, cross-over study. BMJ Neurol Open. 2022;4(2):e000328. doi: 10.1136/bmjno-2022-000328 [5]
  6. Shim YJ, Lee HJ, Park KJ et al.: Botulinum Toxin Therapy for Managing Sleep Bruxism: A Randomized and Placebo-Controlled Trial. Toxins (Basel). 2020;12(3):168. doi: 10.3390/toxins12030168 [6]
  7. Moussa MS, Bachour D, Komarova SV: Adverse effect of botulinum toxin-A injections on mandibular bone: A systematic review and meta-analysis. J Oral Rehabil. 2024;51(2):404-415. doi: 10.1111/joor.13590 [7]
  8. Val M, Colonna A, Nykänen L, Pollis M: Effects of Botulinum Toxin Injection on Masticatory Muscle Activity in Sleep Bruxism: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Clin Med. 2026;15(18):7179. doi: 10.3390/jcm15187179 [8]

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Diagnostik und Behandlung von Bruxismus. (AWMF-Registernummer: 083-027). Version 2.1, Januar 2026. Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Langfassung [LL1]

Fachinformationen

  1. AbbVie: BOTOX 50/100/200 Allergan-Einheiten, Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung. Stand September 2025. Fachinformation [FI1]
  2. ratiopharm: IBU-ratiopharm 400 mg akut Schmerztabletten. Stand Juni 2026. Fachinformation [FI2]
  3. ratiopharm: Paracetamol-ratiopharm 500 mg Tabletten. Stand Dezember 2024. Fachinformation [FI3]
  4. Hexal: Busp 5 mg/10 mg Tabletten. Stand Juli 2020. Fachinformation [FI4]