Störungen der Sexualpräferenz – Weitere Therapie
Allgemeine Maßnahmen
- Fachliche Einordnung: Die folgenden Maßnahmen beziehen sich auf paraphile Störungen (Störungen mit ungewöhnlichen sexuellen Interessen, die mit erheblichem Leidensdruck oder einer Gefährdung verbunden sind). Homosexualität und Bisexualität sind keine Erkrankungen; Geschlechtsinkongruenz (Nichtübereinstimmung zwischen dem erlebten und dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht) und Varianten der Geschlechtsentwicklung (angeborene Besonderheiten der körperlichen Geschlechtsentwicklung) gehören nicht zu den paraphilen Störungen. Geschlechtsangleichende Behandlungen sind deshalb nicht Gegenstand dieses Artikels [1].
- Behandlungsindikation differenzieren: Die Aussage „Eine Therapie ist nur bei Leidensdruck erforderlich“ greift zu kurz. Neben klinisch relevantem Leidensdruck sind insbesondere eine Gefährdung anderer und erhebliche Selbstgefährdung zu berücksichtigen. Einvernehmliche sexuelle Interessen und Praktiken unter Erwachsenen begründen für sich allein keine Behandlungsbedürftigkeit. Bei ausschließlich durch gesellschaftliche Ablehnung bedingter Belastung ist eine unterstützende Beratung möglich, ohne die sexuelle Präferenz als Erkrankung einzuordnen [1].
- Therapieziele gemeinsam festlegen: Leidensdruck vermindern, Selbststeuerung verbessern, sexuelle Grenzverletzungen verhindern und Lebensqualität sowie soziale Teilhabe stärken. Eine pädophile Präferenz (sexuelles Interesse an Kindern vor der Pubertät) ist nicht mit einer begangenen Sexualstraftat gleichzusetzen [3, 4].
Konventionelle nicht-operative Therapieverfahren
- Sexualmedizinische Beratung: Individuellen Hilfebedarf, sexuelle Verhaltensmuster, Begleiterkrankungen und Gefährdungsrisiken fachkundig abklären; die Behandlung an Schweregrad und Risiko ausrichten [LL1].
- Frühzeitige Prävention: Bei sexuellem Interesse an Kindern bereits vor einem möglichen Übergriff spezialisierte Hilfe vermitteln. Auch die Vermeidung der Nutzung von Missbrauchsabbildungen gehört zu den Behandlungszielen [3].
- Medikamentöse Behandlung: Siehe gesonderten Abschnitt „Medizinische Therapie“.
Regelmäßige Kontrolluntersuchungen
- Klinische Verlaufskontrollen: Leidensdruck, Impulskontrolle, Gefährdungsrisiken, Begleiterkrankungen und Therapieadhärenz regelmäßig überprüfen. Häufigkeit und Behandlungsintensität am individuellen Verlauf ausrichten [LL1].
- Nachsorge vereinbaren: Bei anhaltendem Unterstützungsbedarf den Übergang aus der intensiven Behandlung in eine längerfristige Begleitung planen; entsprechende Angebote des behandelnden Zentrums nutzen [3].
Psychotherapie
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Zentraler psychotherapeutischer Ansatz, vorzugsweise bei entsprechend qualifizierten Therapeuten. Je nach Indikation erfolgen Einzel- und Gruppenbehandlungen. Inhalte sind [LL1]:
- Zusammenhänge zwischen Gedanken, Gefühlen, sexuellen Impulsen und Verhalten erkennen.
- Dysfunktionale und gegebenenfalls übergriffsbegünstigende Überzeugungen bearbeiten.
- Impulssteuerung, Stressbewältigung, soziale Kompetenzen und Perspektivübernahme fördern.
- Risikosituationen erkennen und alternative Verhaltensweisen zur Rückfallprävention einüben.
- Evidenz einordnen: Spezialisierte psychologische Behandlungsprogramme sind in einer Metaanalyse bei bereits straffällig gewordenen Personen mit einer verminderten Rückfälligkeit verbunden. Daraus lässt sich jedoch keine gleichermaßen gesicherte Wirksamkeit für jede paraphile Störung oder für bislang nicht straffällig gewordene Patienten ableiten [2].
- Paar- und Sexualtherapie: Bei partnerschaftlichen oder sexuellen Konflikten kann eine ergänzende Beratung beziehungsweise Therapie erwogen werden. Die Indikation ergibt sich aus dem konkreten Problem, nicht aus einer homo- oder bisexuellen Orientierung. Partner können mit Einverständnis des Patienten einbezogen werden; eigene Belastungen und Schutzbedürfnisse sind zu berücksichtigen [1, 4].
- Unterstützung des sozialen Umfelds: Angehörigen bei Bedarf eine eigene Beratung ermöglichen. Ziele sind Orientierung, Entlastung und die Förderung professioneller Hilfe [4].
Schulungsmaßnahmen
- Psychoedukation: Über die Unterscheidung zwischen sexuellen Fantasien, Präferenz und Verhalten sowie über Verantwortung und Verhaltenskontrolle informieren. Bei pädophiler Präferenz den Schutz von Kindern und die Vermeidung sexueller Übergriffe ausdrücklich thematisieren [3, 4].
- Alltagsbezogene Umsetzung: Die in der Behandlung erarbeiteten Strategien zur Erkennung und Bewältigung gefährdender Entwicklungen regelmäßig üben und auf konkrete Alltagssituationen übertragen [3].
Organisationen und Selbsthilfegruppen
- Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“: Spezialisierte Beratung und Behandlung für Menschen mit sexuellem Interesse an Kindern. Das Angebot erfolgt kostenlos und unter Schweigepflicht. Aufnahmevoraussetzungen, insbesondere bei laufenden Strafverfahren oder justizieller Aufsicht, mit dem jeweiligen Standort klären. Informationen und Standorte: www.kein-taeter-werden.de [3].
- Beratung für Angehörige: Das Präventionsnetzwerk bietet auch Unterstützung für Partner und andere Angehörige: Hilfsangebot für Angehörige [4].
Red Flags (Warnzeichen) bei Störungen der Sexualpräferenz
- Akute Selbst- oder Fremdgefährdung: Suizidabsichten (Absichten, sich das Leben zu nehmen), konkret drohende sexuelle Übergriffe oder ein entsprechender Kontrollverlust erfordern unverzügliche psychiatrische Krisenintervention und geeignete Schutzmaßnahmen [LL1].
Abkürzungsverzeichnis
- ICD-11: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 11. Revision.
- KVT: Kognitive Verhaltenstherapie.
- LL: Leitlinie.
- WFSBP: World Federation of Societies of Biological Psychiatry (Weltverband der Gesellschaften für biologische Psychiatrie).
- doi: Digital Object Identifier; dauerhafte Kennung einer wissenschaftlichen Veröffentlichung.
- et al.: et alii; und andere.
Literatur
- Reed GM et al.: Disorders related to sexuality and gender identity in the ICD-11: revising the ICD-10 classification based on current scientific evidence, best clinical practices, and human rights considerations. World Psychiatry. 2016;15(3):205-221. doi: 10.1002/wps.20354
- Gannon TA et al.: Does specialized psychological treatment for offending reduce recidivism? A meta-analysis examining staff and program variables as predictors of treatment effectiveness. Clin Psychol Rev. 2019;73:101752. doi: 10.1016/j.cpr.2019.101752
- Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“: Hilfe für Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen. Informationen zu Teilnahmevoraussetzungen, Ablauf und Zielen der Behandlung. Hilfesuchende. Zugriff am 30.09.2026.
- Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“: Hilfsangebot für Angehörige. Informationen für Angehörige. Zugriff am 30.09.2026.
Leitlinien
- Thibaut F et al.: The World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSBP) 2020 guidelines for the pharmacological treatment of paraphilic disorders. World J Biol Psychiatry. 2020;21(6):412-490. doi: 10.1080/15622975.2020.1744723; Langfassung [LL1]