Medikamenteninduzierte Kopfschmerzen (Arzneimittelinduzierter Kopfschmerz) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Beendigung des Medikamentenübergebrauchs (zu häufigen Einnahme von Akutmedikamenten) und Reduktion der Kopfschmerz- und Migränetage.
  • Linderung vorübergehender Entzugssymptome (Beschwerden nach dem Absetzen) und Wiederherstellung einer wirksamen, kontrollierten Akuttherapie.
  • Prophylaxe der zugrunde liegenden Kopfschmerzerkrankung, Verbesserung der Lebensqualität und Vermeidung von Rückfällen [LL2, LL3, LL4].

Terminologie und diagnostische Einordnung

Für das hier behandelte Krankheitsbild ist die Bezeichnung „Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch“ beziehungsweise „Kopfschmerz bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln“ präzise; englisch: Medication Overuse Headache (MOH). Der Oberbegriff „arzneimittelinduzierter Kopfschmerz“ umfasst zusätzlich Kopfschmerzen als unmittelbare Arzneimittelnebenwirkung, beispielsweise unter Nitraten. Diese sind diagnostisch und therapeutisch vom MOH abzugrenzen [LL1].

  • Diagnose nach ICHD-3: Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen pro Monat bei vorbestehender Kopfschmerzerkrankung und regelmäßiger Übergebrauch von Akutmedikamenten über mehr als 3 Monate; keine bessere Erklärung durch eine andere Kopfschmerzdiagnose [LL1].
  • Substanzabhängige Übergebrauchsschwellen:
    • Triptane, Ergotamine, Opioide und Kombinationsanalgetika: Einnahme an mindestens 10 Tagen pro Monat.
    • Nichtopioidanalgetika ohne adjuvanten Kombinationspartner, beispielsweise Paracetamol oder nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR): Einnahme an insgesamt mindestens 15 Tagen pro Monat.
    • Auch der Wechsel zwischen unterschiedlichen Akutmedikamenten kann einen Übergebrauch darstellen, insbesondere bei klassenübergreifender Anwendung an insgesamt mindestens 10 Tagen pro Monat. Entscheidend sind Einnahmetage, nicht die Zahl der Tabletten [LL1].
  • Übergebrauch ist nicht gleich Abhängigkeit: Ein MOH begründet für sich allein keine Suchtdiagnose. Die primäre Kopfschmerzerkrankung, beispielsweise chronische Migräne (anhaltend sehr häufig auftretende Migräne), wird zusätzlich diagnostiziert. Eine Besserung nach Absetzen muss zur Diagnosestellung nicht abgewartet werden [LL1, LL2].

Therapieempfehlungen

Die Behandlung kombiniert Aufklärung, Begrenzung beziehungsweise Unterbrechung der übergebrauchten Akutmedikation und eine passende Prophylaxe. Grundlage sind die spezifische MOH-Leitlinie und die aktualisierte Migräneleitlinie von 2025 [LL2, LL3, LL4].

  • Aufklärung und gemeinsamer Behandlungsplan: Den Zusammenhang zwischen häufiger Akutmedikation und Kopfschmerzchronifizierung (Übergang zu dauerhaft häufigen Kopfschmerzen) erläutern. Kopfschmerztage, Migränetage und sämtliche Einnahmetage einschließlich frei verkäuflicher Präparate dokumentieren. Begleiterkrankungen und eine mögliche Substanzabhängigkeit (Abhängigkeit von Medikamenten oder anderen Suchtmitteln) erfassen [LL2, LL4, LL5].
  • Frühzeitige Prophylaxe: Bei Migräne mit Übergebrauch eine wirksame Prophylaxe einleiten. Bei nichtopioidem Übergebrauch ist eine abgeschlossene Medikamentenpause keine zwingende Voraussetzung. Eine Kombination aus Medikamentenpause und gleichzeitig begonnener Prophylaxe ist sinnvoll; in einer randomisierten Studie verbesserten sich alle untersuchten Strategien, während die Kombination bei einzelnen sekundären Endpunkten günstiger abschnitt [1, LL2, LL3].
  • Medikamentenpause bei nichtopioidem Übergebrauch: Triptane und Nichtopioidanalgetika können im Regelfall abrupt pausiert werden. Dies ist besonders angezeigt, wenn Aufklärung und Prophylaxe den Übergebrauch nicht ausreichend reduzieren. Bei unkompliziertem Verlauf ist eine ambulante Durchführung mit vereinbarter Erreichbarkeit und Verlaufskontrollen möglich [LL2, LL4].
  • Überwachter Entzug bei Opioiden: Bei opioidbedingtem MOH wird eine stationäre Entzugsbehandlung empfohlen. Opioide sowie gegebenenfalls gleichzeitig übergebrauchte Benzodiazepine oder Barbiturate unter ärztlicher Überwachung ausschleichen. Ein abruptes Absetzen von Benzodiazepinen oder Barbituraten kann schwere Entzugskomplikationen auslösen. Eine bestehende Abhängigkeit erfordert eine zusätzliche suchtmedizinische Behandlung [LL2, LL4].
  • Weitere Gründe für eine stationäre Behandlung: Schwere psychiatrische oder somatische Begleiterkrankungen (zusätzliche körperliche Erkrankungen), zusätzlicher Substanzmissbrauch, ausgeprägte Entzugssymptome oder gescheiterte ambulante Behandlungsversuche [LL2, LL4].
  • Verlauf der Medikamentenpause: Vorübergehend können Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen und Unruhe zunehmen; die akute Verschlechterung dauert häufig 2 bis 7 Tage, substanzabhängig auch länger. Die Dauer der Pause wird individuell festgelegt. Eine erfolgreiche Pause ist weder durch eine feste Dauer von 2 bis 4 Wochen noch durch weniger als 10 Kopfschmerztage pro Monat definiert [LL2].
  • Langfristige Begrenzung der Akutmedikation: Die diagnostischen Schwellen von 10 beziehungsweise 15 Einnahmetagen sind keine empfohlenen Einnahmeobergrenzen. Nach MOH sollten klassische Akutmedikamente möglichst an weniger als 10 Tagen pro Monat und höchstens an 2 Tagen pro Woche eingesetzt werden. Alle Einnahmetage gemeinsam zählen; ein Präparatewechsel schafft keine zusätzlichen „freien“ Behandlungstage. Bei erneut steigendem Bedarf die Prophylaxe überprüfen. Planmäßige Einnahmetage einer Prophylaxe werden nicht als Akutmedikation gezählt [LL1, LL2, LL4].
  • Rückfallprophylaxe: Regelmäßige Verlaufskontrollen, besonders im ersten Jahr, und begleitende nichtmedikamentöse Maßnahmen vereinbaren. Die MOH-Leitlinie berichtet für die mehrstufige Behandlung Erfolgsraten von etwa 50 bis 70 % nach 6 bis 12 Monaten; diese sind vom Patientenkollektiv und dem verwendeten Erfolgsmaß abhängig. Siehe auch „Weitere Therapie“ [LL2].

Prophylaxe der zugrunde liegenden Kopfschmerzerkrankung

  • Migräne mit Medikamentenübergebrauch: Wirksamkeitsnachweise bestehen für Topiramat, OnabotulinumtoxinA bei chronischer Migräne sowie monoklonale Antikörper gegen Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) oder dessen Rezeptor. Zusätzlich ist Atogepant eine aktuelle orale Option mit Daten bei chronischer Migräne und Akutmedikamentenübergebrauch. Topiramat und OnabotulinumtoxinA gehören nicht zu den CGRP-Antikörpern [2, 3, LL2, LL3].
  • Einordnung neuerer Studien: In einer Phase-4-Studie bei chronischer Migräne mit nichtopioidem MOH erreichten unter Erenumab 140 mg nach 6 Monaten 69,1 % die studiengemäß definierte MOH-Remission (Abklingen des Kopfschmerzes bei Medikamentenübergebrauch), gegenüber 52,6 % unter Placebo. Eine vorgeschaltete Entzugsbehandlung war nicht erforderlich. Diese Ergebnisse sind nicht ohne Weiteres auf opioidbedingten MOH übertragbar [2].
  • Atogepant: Die PROGRESS-Subgruppenanalyse zeigte bei chronischer Migräne mit Übergebrauch eine Reduktion der Migränetage und der Akutmedikationstage. Unter 60 mg täglich betrug der zusätzliche Rückgang gegenüber Placebo im Mittel 1,9 Migränetage pro Monat über 12 Wochen. Die Auswertung untersuchte Akutmedikamentenübergebrauch und ist nicht mit einer eigenständigen MOH-Zulassungsstudie gleichzusetzen [3].
  • Kopfschmerz vom Spannungstyp (meist beidseitige, drückende oder einengende Kopfschmerzen): Bei chronischem Verlauf ist Amitriptylin die bevorzugte medikamentöse Prophylaxe. Die Migräneprophylaktika gegen CGRP sind hierfür nicht zugelassen [LL2, FI1].
  • Individuelle Auswahl: Begleiterkrankungen, bisherige Therapieversuche, Kontraindikationen und Patientenpräferenzen berücksichtigen. Weitere etablierte Migräneprophylaktika, beispielsweise Metoprolol, Propranolol oder Flunarizin, kommen entsprechend der Grunderkrankung infrage; die spezifische Evidenz bei MOH ist geringer. Details siehe „Migräne/Pharmakotherapie“ [LL2, LL3].

Wirkstoffe zur Prophylaxe

Die folgenden Dosierungen beziehen sich auf Erwachsene. Die Präparate behandeln die zugrunde liegende Kopfschmerzerkrankung; eine eigenständige Zulassung zur Behandlung des MOH besteht für die aufgeführten Prophylaktika nicht.

Trizyklische Antidepressiva

Wirkstoff Besonderheiten
Amitriptylin Besonders bei chronischem Spannungskopfschmerz. Bei älteren Patienten niedrig beginnen. Präparatebezogene Angabe als Base oder Hydrochlorid beachten; 25 mg Hydrochlorid entsprechen etwa 22,1 mg Amitriptylin [FI1].
  • Wirkweise: Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin; Modulation der Schmerzverarbeitung [FI1].
  • Indikationen: Prophylaxe chronischer Spannungskopfschmerzen und Migräne entsprechend der Präparatezulassung; keine sofortige Behandlung des Entzugskopfschmerzes [FI1].
  • Kontraindikationen: Unter anderem kürzlich zurückliegender Myokardinfarkt (Herzinfarkt), relevante Erregungsleitungsstörungen (Störungen der elektrischen Reizweiterleitung im Herzen) oder Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen), schwere Lebererkrankung und gleichzeitige Monoaminoxidasehemmer. Besondere Vorsicht bei Harnverhalt (Unfähigkeit, die Harnblase zu entleeren), Engwinkelglaukom (Form des Grünen Stars mit verengtem Abflusswinkel in der vorderen Augenkammer) und erhöhtem QT-Risiko [FI1].
  • Nebenwirkungen: Müdigkeit, Mundtrockenheit, Obstipation (Verstopfung), Gewichtszunahme, orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen) und kardiale Erregungsleitungsstörungen. Kombination mit Domperidon wegen additiver QT-Verlängerung vermeiden [FI1, FI9].

Antikonvulsiva

Wirkstoff Besonderheiten
Topiramat Langsam auftitrieren. Bei Kreatinin-Clearance ≤ 70 ml/min in der Regel halbe Anfangs- und Erhaltungsdosis. Zum Beenden ausschleichen [FI2].
  • Wirkweise: Modulation spannungsabhängiger Ionenkanäle sowie GABAerger und glutamaterger Signalübertragung [FI2].
  • Indikationen: Migräneprophylaxe bei Erwachsenen; Wirksamkeitsnachweise auch bei chronischer Migräne mit Übergebrauch [LL2, FI2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; zur Migräneprophylaxe Schwangerschaft sowie Anwendung bei Frauen im gebärfähigen Alter ohne Einhaltung des Schwangerschaftsverhütungsprogramms. Schwangerschaftstest vor Beginn, hochwirksame Kontrazeption während der Behandlung und mindestens 4 Wochen danach sowie mindestens jährliche fachärztliche Überprüfung [FI2].
  • Nebenwirkungen: Parästhesien (Missempfindungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühl), Konzentrations- und Wortfindungsstörungen, Gewichtsverlust, depressive Symptome, Nephrolithiasis (Nierensteinbildung) und metabolische Azidose (stoffwechselbedingte Übersäuerung des Blutes); selten akute Myopie (Kurzsichtigkeit) mit sekundärem Winkelblockglaukom (durch eine andere Ursache ausgelöstem Grünen Star mit blockiertem Kammerwasserabfluss). Erhöhtes Risiko fetaler Fehlbildungen (Fehlbildungen beim ungeborenen Kind) und möglicher neurologischer Entwicklungsstörungen nach intrauteriner Exposition [FI2].

Botulinumtoxin Typ A

Wirkstoff Besonderheiten
OnabotulinumtoxinA Anwendung nach etabliertem Injektionsschema durch erfahrene Ärzte. Einheiten verschiedener Botulinumtoxinpräparate sind nicht austauschbar [FI3].
  • Wirkweise: Hemmung vesikulärer Transmitterfreisetzung; Verminderung der Aktivierung und Sensibilisierung nozizeptiver Nervenendigungen [LL3, FI3].
  • Indikationen: Chronische Migräne mit mindestens 15 Kopfschmerztagen pro Monat, davon mindestens 8 mit Migränemerkmalen, bei unzureichendem Ansprechen auf oder Unverträglichkeit gegenüber prophylaktischer Migränemedikation. Auch bei gleichzeitigem Übergebrauch wirksam; nicht zur Prophylaxe episodischer Migräne zugelassen [LL3, FI3].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und Infektion an vorgesehenen Injektionsstellen. Bei neuromuskulären Übertragungsstörungen (Störungen der Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln) oder vorbestehender Dysphagie (Schluckstörung) besonders strenge Nutzen-Risiko-Abwägung [FI3].
  • Nebenwirkungen: Nackenschmerzen, lokale Muskelschwäche, Ptosis (Herabhängen des Oberlids) und Injektionsschmerzen; selten Dysphagie oder systemische Ausbreitung der Toxinwirkung [FI3].

Monoklonale Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor

Wirkstoff Besonderheiten
Erenumab CGRP-Rezeptor-Antikörper. Für 140 mg liegt ein spezifischer randomisierter Wirksamkeitsnachweis bei nichtopioidem MOH vor. Obstipationsrisiko beachten [2, FI4].
Fremanezumab CGRP-Liganden-Antikörper; zwei alternative Dosierungsintervalle [FI5].
Galcanezumab CGRP-Liganden-Antikörper; initiale Aufsättigungsdosis beachten [FI6].
Eptinezumab CGRP-Liganden-Antikörper; Infusion über etwa 30 Minuten mit Überwachung auf Überempfindlichkeitsreaktionen [FI7].
  • Wirkweise: Gezielte Hemmung der CGRP-vermittelten Signalübertragung im trigeminovaskulären System [FI4, FI5, FI6, FI7].
  • Indikationen: Migräneprophylaxe bei Erwachsenen mit mindestens 4 Migränetagen pro Monat; ein begleitender Übergebrauch schließt die Behandlung nicht aus. Zulassung, individuelle Therapieauswahl und Erstattungsvoraussetzungen sind getrennt zu beurteilen [LL3, FI4, FI5, FI6, FI7].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen das jeweilige Präparat. Anwendung in der Schwangerschaft vermeiden; bei Kinderwunsch und Stillzeit individuell beraten. Bei schweren Gefäßerkrankungen, unkontrollierter Hypertonie (Bluthochdruck) oder Raynaud-Syndrom (anfallsartige Durchblutungsstörungen vor allem an Fingern und Zehen) sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung [LL3, FI4, FI5, FI6, FI7].
  • Nebenwirkungen: Reaktionen an der Injektionsstelle, Überempfindlichkeitsreaktionen bis zur Anaphylaxie (schwere allergische Allgemeinreaktion); unter Erenumab insbesondere Obstipation, selten mit schweren Komplikationen. Unter Galcanezumab unter anderem Vertigo (Schwindel) und Obstipation; unter Eptinezumab unter anderem Nasopharyngitis (Entzündung des Nasen-Rachen-Raums) und Infusionsreaktionen [FI4, FI5, FI6, FI7].

Orale CGRP-Rezeptor-Antagonisten (Gepante)

Wirkstoff Besonderheiten
Atogepant Evidenz bei episodischer und chronischer Migräne einschließlich Akutmedikamentenübergebrauch. Maximale Tagesdosis 60 mg; auch bei zusätzlichem akutem Behandlungsbedarf nicht überschreiten [3, FI8].
Rimegepant Prophylaktische Zulassung nur bei episodischer Migräne mit mindestens 4 Migräneattacken pro Monat. Kein gleichwertig gesicherter spezifischer Wirksamkeitsnachweis zur Behandlung eines bestehenden MOH [LL3, FI11].
  • Wirkweise: Orale Blockade des CGRP-Rezeptors ohne direkte vasokonstriktorische Wirkung [LL3, FI8, FI11].
  • Indikationen: Atogepant zur Migräneprophylaxe ab mindestens 4 Migränetagen pro Monat; Rimegepant zur Prophylaxe episodischer Migräne entsprechend der genannten Zulassung. Die Fachinformationen führen beide Wirkstoffe auch zur Akuttherapie auf; die hier beschriebenen Schemata beziehen sich auf die Prophylaxe [FI8, FI11].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit. Bei schwerer Leberinsuffizienz (eingeschränkter Leberfunktion) und in der Schwangerschaft Anwendung vermeiden. Rimegepant bei terminaler Niereninsuffizienz (Nierenversagen im Endstadium) nicht empfohlen; starke CYP3A4-Hemmer sowie starke oder mittelstarke CYP3A4-Induktoren vermeiden. Bei mittelstarken CYP3A4-Hemmern oder starken P-Glykoprotein-Hemmern mindestens 48 Stunden zwischen Rimegepant-Dosen einhalten [FI8, FI11].
  • Nebenwirkungen: Atogepant: insbesondere Übelkeit, Obstipation, Müdigkeit beziehungsweise Somnolenz (Benommenheit mit ausgeprägter Schläfrigkeit) und verminderter Appetit; mögliche Gewichtsabnahme. Rimegepant: insbesondere Übelkeit. Bei beiden Wirkstoffen sind Überempfindlichkeitsreaktionen möglich [FI8, FI11].

Die Übergebrauchsschwellen klassischer Akutmedikamente dürfen nicht unkritisch auf planmäßige Gepant-Prophylaxen übertragen werden. Aus dem bisher fehlenden gesicherten klinischen MOH-Signal für Gepante folgt jedoch keine Empfehlung für eine unbegrenzte Selbstmedikation. Häufige Kopfschmerzen und zunehmender Akutbedarf erfordern weiterhin eine ärztliche Neubewertung [LL3, FI11].

Symptomatische Behandlung während Medikamentenpause und Entzug

Antiemetika können bei Übelkeit oder Erbrechen kurzfristig eingesetzt werden. Sie behandeln Begleitsymptome, beseitigen aber nicht den MOH. Flüssigkeits- und Elektrolytverluste bei ausgeprägtem Erbrechen ausgleichen; bei unzureichender oraler Aufnahme gegebenenfalls parenterale Behandlung [LL4].

Dopamin-Antagonisten

Wirkstoff Besonderheiten
Domperidon Niedrigste wirksame Dosis. Bei schwerer Niereninsuffizienz Einnahmehäufigkeit auf 1- bis 2-mal täglich reduzieren, gegebenenfalls zusätzlich Dosis reduzieren. Erhöhtes kardiales Risiko insbesondere über 60 Jahren [FI9].
  • Wirkweise: Überwiegend periphere Dopamin-D2-Rezeptor-Blockade; antiemetisch und prokinetisch [FI9].
  • Indikationen: Kurzfristige Behandlung von Übelkeit und Erbrechen [FI9].
  • Kontraindikationen: QT-Verlängerung, relevante Elektrolytstörungen (Störungen des Salzhaushalts), zugrunde liegende Herzerkrankungen wie Herzinsuffizienz (Herzschwäche), mäßige oder schwere Leberinsuffizienz, Prolaktinom (prolaktinbildender Tumor der Hirnanhangsdrüse) und Phäochromozytom (hormonbildender Tumor, meist im Nebennierenmark). Keine Kombination mit QT-verlängernden Arzneimitteln oder starken CYP3A4-Hemmern; nicht bei gastrointestinaler Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt), mechanischer Obstruktion (Verschluss des Verdauungstrakts) oder Perforation (Durchbruch der Magen- oder Darmwand) anwenden [FI9].
  • Nebenwirkungen: Mundtrockenheit, Hyperprolaktinämie (erhöhter Prolaktinspiegel im Blut) und gastrointestinale Beschwerden; QT-Verlängerung, Torsade-de-Pointes-Tachykardien (besondere Form lebensbedrohlicher Herzrhythmusstörungen), ventrikuläre Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen aus den Herzkammern) und plötzlicher Herztod möglich [FI9].

H1-Antihistaminika

Wirkstoff Besonderheiten
Dimenhydrinat Reserveoption bei relevanter Übelkeit. Sedierung, anticholinerge Belastung und eigenes Abhängigkeitspotenzial beachten. Dosierungen anderer Darreichungsformen gesondert prüfen [FI10].
  • Wirkweise: H1-Rezeptor-Blockade mit zentral antiemetischer und anticholinerger Wirkung [FI10].
  • Indikationen: Kurzfristige Behandlung von Übelkeit und Erbrechen; keine Behandlung des MOH selbst [FI10].
  • Kontraindikationen: Unter anderem Engwinkelglaukom, Prostatahyperplasie (Vergrößerung der Prostata) mit Restharn, Krampfanfälle, akuter Asthmaanfall, Phäochromozytom und Porphyrie (Störung der Bildung eines Bestandteils des roten Blutfarbstoffs). Bei QT-Risiko oder schwerer Leber- beziehungsweise Nierenfunktionsstörung besonders zurückhaltend einsetzen [FI10].
  • Nebenwirkungen: Müdigkeit, eingeschränkte Fahrtüchtigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit, Obstipation, Harnverhalt und Tachykardie (beschleunigter Herzschlag); Toleranzentwicklung und Abhängigkeit bei längerer Einnahme. Alkohol und zusätzliche sedierende oder anticholinerge Arzneimittel vermeiden [FI10].

Entzugskopfschmerzen und Überbrückungstherapie

  • Keine routinemäßige Analgetikasubstitution: Die tägliche Einnahme der bisherigen Akutmedikation nicht einfach durch Naproxen oder ein anderes Analgetikum ersetzen. Für eine standardmäßige analgetische Überbrückung ist die Evidenz begrenzt. Eine im Einzelfall notwendige Bedarfsbehandlung wird zeitlich und mengenmäßig begrenzt im Entzugsplan festgelegt [LL2, LL4].
  • Glucocorticoide nicht als zuverlässig wirksame Standardtherapie darstellen: Die MOH-Leitlinie nennt ihren Einsatz auf Grundlage von Expertenkonsens; placebokontrollierte Studien zeigen jedoch keinen konsistenten Nutzen für Intensität oder Dauer des Entzugskopfschmerzes. Prednison verhinderte in einer randomisierten Studie stärkere Entzugskopfschmerzen nicht zuverlässig. Deshalb keine routinemäßige Empfehlung; allenfalls individuell begründeter fachärztlicher Einsatz als Off-Label-Use [4, LL2, LL4].
  • Keine pauschale Empfehlung für Neuroleptika oder Sedativa: Antiemetische beziehungsweise sedierende Maßnahmen ausschließlich symptombezogen und unter Beachtung von QT-Verlängerung, extrapyramidalen Nebenwirkungen (Bewegungsstörungen wie Muskelverkrampfungen oder unwillkürliche Bewegungen) und Abhängigkeitspotenzial einsetzen. Amitriptylin dient primär der Prophylaxe der Grunderkrankung [LL4, FI1].

Red Flags (Warnzeichen) bei Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch

  • Plötzlich einsetzender maximaler Kopfschmerz, neue neurologische Ausfälle (Störungen von Nervenfunktionen, etwa Lähmungen oder Sprachstörungen), Krampfanfall oder Bewusstseinsstörung: sofortige Notfallabklärung; nicht als MOH oder gewöhnliche Entzugsreaktion einordnen [5].
  • Fieber mit Meningismus (Nackensteifigkeit als Zeichen einer Hirnhautreizung), Papillenödem (Schwellung am Austritt des Sehnervs im Augenhintergrund) oder deutlich verändertem Kopfschmerzmuster: dringlicher Ausschluss anderer sekundärer Kopfschmerzursachen [5].
  • Neue oder ungewöhnlich starke Kopfschmerzen in Schwangerschaft oder Wochenbett sowie bei Tumorerkrankung oder Immunsuppression (geschwächter Immunabwehr): zeitnahe, gegebenenfalls notfallmäßige Abklärung [5].
  • Anhaltendes Erbrechen mit Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) oder schwere Entzugssymptome: umgehende ärztliche Beurteilung und Prüfung einer stationären Behandlung [LL2, LL4].

Abkürzungsverzeichnis

  • CGRP: Calcitonin Gene-Related Peptide
  • CYP3A4: Cytochrom P450 3A4
  • GABA: Gamma-Aminobuttersäure
  • ICHD-3: International Classification of Headache Disorders, 3. Auflage
  • MOH: Medication Overuse Headache; Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch
  • NSAR: nichtsteroidale Antirheumatika
  • OATP: Organic Anion Transporting Polypeptide
  • QT: Zeitintervall der ventrikulären Depolarisation und Repolarisation im Elektrokardiogramm

Literatur

  1. Carlsen LN, Munksgaard SB, Nielsen M et al.: Comparison of 3 Treatment Strategies for Medication Overuse Headache: A Randomized Clinical Trial. JAMA Neurol. 2020;77(9):1069-1078. doi: 10.1001/jamaneurol.2020.1179 [1].
  2. Tepper SJ, Dodick DW, Lanteri-Minet M et al.: Efficacy and Safety of Erenumab for Nonopioid Medication Overuse Headache in Chronic Migraine: A Phase 4, Randomized, Placebo-Controlled Trial. JAMA Neurol. 2024;81(11):1140-1149. doi: 10.1001/jamaneurol.2024.3043 [2].
  3. Goadsby PJ, Friedman DI, Holle-Lee D et al.: Efficacy of Atogepant in Chronic Migraine With and Without Acute Medication Overuse in the Randomized, Double-Blind, Phase 3 PROGRESS Trial. Neurology. 2024;103(2):e209584. doi: 10.1212/WNL.0000000000209584 [3].
  4. Rabe K, Pageler L, Gaul C et al.: Prednisone for the treatment of withdrawal headache in patients with medication overuse headache: a randomized, double-blind, placebo-controlled study. Cephalalgia. 2013;33(3):202-207. doi: 10.1177/0333102412462638 [4].
  5. Do TP, Remmers A, Schytz HW et al.: Red and orange flags for secondary headaches in clinical practice: SNNOOP10 list. Neurology. 2019;92(3):134-144. doi: 10.1212/WNL.0000000000006697 [5].

Leitlinien

  1. Headache Classification Committee of the International Headache Society (IHS): The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition. Cephalalgia. 2018;38(1):1-211. doi: 10.1177/0333102417738202. Kapitel 8.2: Medication-overuse headache [LL1]
  2. S1-Leitlinie: Kopfschmerz bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln (Medication Overuse Headache = MOH). (AWMF-Registernummer: 030-131). Version 4.0, Dezember 2021; veröffentlicht April 2022, Gültigkeit bis 30. November 2026 verlängert. Langfassung [LL2]
  3. S1-Leitlinie: Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne. (AWMF-Registernummer: 030-057). Version 7.1, August 2025; korrigierte Fassung November 2025. Langfassung [LL3]
  4. Diener HC, Antonaci F, Braschinsky M et al.: European Academy of Neurology guideline on the management of medication-overuse headache. Eur J Neurol. 2020;27(7):1102-1116. doi: 10.1111/ene.14268. Langfassung [LL4]
  5. Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin: DGS-PraxisLeitlinie Primäre Kopfschmerzerkrankungen. Version 3.0; auf der DGS-Leitlinienseite zur Kommentierung bereitgestellt. Leitlinienseite mit Download [LL5]

Fachinformationen

  1. Amitriptylin neuraxpharm. Fachinformation, Februar 2026. Fachinformation [FI1]
  2. Topamax Filmtabletten. Fachinformation einschließlich Schwangerschaftsverhütungsprogramm, Dezember 2023. Fachinformation [FI2]
  3. BOTOX 50/100/200 Allergan-Einheiten. Fachinformation, September 2025. Fachinformation [FI3]
  4. Aimovig 70 mg/140 mg. Fachinformation, Dezember 2025. Fachinformation [FI4]
  5. AJOVY 225 mg. Fachinformation, März 2025. Herstellerseite mit Fachinformation [FI5]
  6. Emgality 120 mg. Fachinformation, Januar 2026. Fachinformation [FI6]
  7. VYEPTI 100 mg/300 mg. Fachinformation, April 2026. Fachinformation [FI7]
  8. AQUIPTA 10 mg/60 mg. Fachinformation, Juli 2026. Fachinformation [FI8]
  9. Domperidon-ratiopharm 10 mg. Fachinformation, September 2025. Fachinformation [FI9]
  10. Vomex A Dragees 50 mg. Fachinformation [FI10]
  11. VYDURA 75 mg. Fachinformation, Januar 2026. Fachinformation [FI11]