Legasthenie – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

Bei Legasthenie bestehen keine spezifischen körperlichen Untersuchungsbefunde. Die Untersuchung dient der Erkennung von Seh- und Hörstörungen, neurologischen Erkrankungen (Erkrankungen des Nervensystems) und begleitenden Entwicklungsstörungen. Ein unauffälliger körperlicher Befund schließt eine Lese- und/oder Rechtschreibstörung nicht aus; ihre Diagnose erfordert standardisierte Lese- und Rechtschreibtests.

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpergewicht und Körpergröße; Beurteilung des Allgemeinzustands und der körperlichen Entwicklung. Bei entsprechenden Auffälligkeiten gezielte Untersuchung auf Hinweise für eine übergeordnete Entwicklungsstörung oder syndromale Erkrankung (Erkrankung mit mehreren zusammengehörigen Merkmalen).
  • Augenärztliche Untersuchung einschließlich orthoptischer Untersuchung – zur Abklärung einer okulären Lesestörung (durch eine Störung der Augen oder Sehfunktion verursachten Lesestörung) und behandlungsbedürftiger Begleiterkrankungen. Eine altersgerechte Prüfung der Sehfunktion gehört zur Basisabklärung. Bei auffälligem Sehtest, fehlender verlässlicher Voruntersuchung oder Beschwerden wie verschwommenem Sehen, Doppelbildern, Augenbrennen und belastungsabhängigen Kopfschmerzen ist eine augenärztliche Abklärung angezeigt. Der Untersuchungsumfang richtet sich nach Alter, Beschwerden und Vorbefunden; die nachfolgende Tabelle beschreibt die fachärztlichen Untersuchungskomponenten.
  • HNO-ärztliche beziehungsweise pädaudiologische Untersuchung – zur Abklärung von Hörstörungen. Sicherstellung einer altersgerechten Hörprüfung; bei auffälligem Befund, unklarer Hörleistung oder begleitender Sprachentwicklungsstörung (Störung beim Erlernen der Sprache) fachärztliche Abklärung. Diese umfasst die Otoskopie und altersgerechte Audiometrie, bei entsprechender Indikation ergänzt durch Tympanometrie. Ein unauffälliges Neugeborenen-Hörscreening schließt eine später aufgetretene Hörstörung nicht aus.
  • Neurologische Untersuchung – altersgerechte orientierende Prüfung von Hirnnerven (Nerven, die unmittelbar mit dem Gehirn verbunden sind), Muskeltonus (Grundspannung der Muskeln), Muskelkraft, Reflexen (unwillkürlichen Reaktionen auf Reize), Koordination, Gangbild sowie Grob- und Feinmotorik (größeren und feineren Bewegungsabläufen). Bei Auffälligkeiten der Schreibmotorik gezielte Beurteilung der Handgeschicklichkeit. Auffällige Wahrnehmungs- oder Koordinationsleistungen sind nicht spezifisch für Legasthenie. Bei fokalneurologischen Auffälligkeiten (Hinweisen auf eine örtlich begrenzte Störung des Nervensystems), Anfällen oder Verlust bereits erworbener Fähigkeiten weiterführende neuropädiatrische Abklärung. Neurophysiologische Untersuchungen und zerebrale Bildgebung sind bei isolierter Legasthenie ohne entsprechende klinische Hinweise nicht routinemäßig angezeigt.

Augenärztliche und orthoptische Untersuchung zur Differenzialdiagnose einer okulären Lesestörung

Untersuchungsbereich Untersuchungsinhalt
Sehschärfe Prüfung in Ferne und Nähe; rechtes und linkes Auge einzeln sowie beidäugig, mit und ohne vorhandene Korrektur.
Augenstellung Abdecktest in Ferne und Nähe mit geeignetem Fixationsobjekt; Erfassung eines manifesten oder latenten Schielens (ständig vorhandenen oder verdeckten Schielens).
Augenbeweglichkeit Prüfung der Augenbewegungen mit einem Licht- oder Fixationsobjekt.
Konvergenzreaktion Prüfung mit einem sich nähernden Fixationsobjekt; bei entsprechenden Beschwerden Bestimmung des Konvergenznahpunkts.
Akkommodation Altersgerechte Prüfung der Naheinstellung, insbesondere bei Beschwerden im Nahbereich; Nahpunktbestimmung für jedes Auge einzeln.
Fusionsbreite Bei entsprechender Fragestellung Prüfung des beidäugigen Einfachsehens mit Prismen.
Stereosehen Altersgerechte Prüfung des räumlichen Sehens, beispielsweise mit Lang-Test oder TNO-Test.
Augenbefund Untersuchung der vorderen Augenabschnitte sowie von Netzhaut (lichtempfindlicher Schicht im Augeninneren) und Sehnerv (Nerv zur Weiterleitung der Sehinformationen an das Gehirn).
Refraktion Objektive Bestimmung der Brechkraft; bei Kindern in der Regel unter Zykloplegie zur vorübergehenden medikamentösen Ausschaltung der Akkommodation.
Vorhandene Brille Bestimmung der Brillenglaswerte und Überprüfung der Angemessenheit der Korrektur.

Klinische Einordnung: Seh- und Hörstörungen können zusätzlich zur Legasthenie vorliegen und Leseleistungen beeinträchtigen. Ihre Feststellung ersetzt die standardisierte Lese- und Rechtschreibdiagnostik nicht. Die Korrektur einer Sehstörung behandelt eine dadurch verursachte Lesebeeinträchtigung, nicht die Legasthenie selbst.

Abkürzungsverzeichnis

  • HNO – Hals-Nasen-Ohren
  • TNO – Nederlandse Organisatie voor toegepast-natuurwetenschappelijk onderzoek; niederländische Organisation für angewandte naturwissenschaftliche Forschung, Namensgeberin des TNO-Tests
  • AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

Literatur

  1. Trauzettel-Klosinski S, Schäfer WD, Klosinski G: Legasthenie. Grundlagen des Lesens – Lese-Rechtschreib-Störung – okuläre Lesestörung. Ophthalmologe. 2002;99(3):208-227; Quiz 228-229. doi: 10.1007/s00347-001-0602-9

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Diagnostik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und/oder Rechtschreibstörung. AWMF-Registernummer: 028-044, Stand 23.04.2015; Gültigkeit bis 22.04.2020, abgelaufen; Überarbeitung angemeldet. Langfassung

Fachinformationen

  1. Canadian Paediatric Society: Evaluating and caring for children with a suspected learning disorder in community practice. 2024. Fachinformation