Clusterkopfschmerz – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Clusterkopfschmerz mitbedingt sein können:
Die Evidenz zu Folgeerkrankungen des Clusterkopfschmerzes beruht überwiegend auf Beobachtungsstudien. Insbesondere bei psychischen und schlafbezogenen Störungen ist daher von einer klinisch relevanten Mitbedingung bzw. bidirektionalen Assoziation auszugehen; eine monokausale Verursachung durch den Clusterkopfschmerz ist nicht in jedem Fall belegt [1, 3-5].
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Angststörungen (krankhafte Angstzustände) bzw. klinisch relevante Angstsymptomatik (Angstbeschwerden) – insbesondere während aktiver Clusterperioden deutlich vermehrt. In einer prospektiven multizentrischen Studie hatten 38,2 % der Patienten während einer aktiven Clusterperiode eine mindestens mittelgradige Angstsymptomatik; gegenüber gesunden Kontrollen betrug die adjustierte Odds-Ratio 7,32 (95 %-Konfidenzintervall 3,35-15,99). In Remissionsphasen nahm die Symptomlast deutlich ab [3].
- Depressive Störungen (Depressionen) bzw. klinisch relevante depressive Symptomatik (depressive Beschwerden) – während aktiver Clusterperioden deutlich häufiger; in einer prospektiven multizentrischen Studie wiesen 34,6 % der Patienten eine mindestens mittelgradige depressive Symptomatik auf. Gegenüber gesunden Kontrollen betrug die adjustierte Odds-Ratio 4,95 (95 %-Konfidenzintervall 2,32-10,57). Die deutliche Besserung während der Remission spricht für eine relevante Mitbedingung durch die aktive Krankheitslast [3].
- Schlafstörungen (Störungen des Schlafs)/Insomnie (Ein- und Durchschlafstörung) – ausgeprägte Schlafstörungen sind insbesondere während aktiver Clusterperioden häufig, können jedoch auch in Remissionsphasen persistieren. In einer Studie von 2025 erfüllten während einer aktiven Clusterperiode 46,5 % der Betroffenen den Schwellenwert für eine mittelgradige bis schwere Insomnie gegenüber 22,0 % in Remission. Auch Schlafqualität und schlafbezogene dysfunktionale Kognitionen waren während aktiver Clusterperioden ungünstiger. Die Kausalrichtung zwischen Clusterkopfschmerz und Schlafstörung ist nicht abschließend geklärt [4].
- Medikamentenübergebrauch (zu häufige Einnahme von Akutmedikamenten) bzw. wahrscheinlicher Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch (wahrscheinlicher durch übermäßige Medikamenteneinnahme verursachter Kopfschmerz) – kann bei Clusterkopfschmerz, insbesondere bei chronischem Verlauf und komorbider Migräne (gleichzeitig bestehender Migräne), auftreten. Bei Anwendung der Kriterien der International Classification of Headache Disorders, 3rd edition (ICHD-3) hatten in einer Studie von 2025 21 % der Patienten einen Medikamentenübergebrauch und 16 % einen wahrscheinlichen Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch; nach Ausschluss eines isolierten Triptanübergebrauchs (übermäßige Anwendung von Triptanen) waren es 12 %. Bei Anwendung einer strengeren Definition mit zusätzlichem täglichem bilateralem Kopfschmerz (täglichem beidseitigem Kopfschmerz) sank die Prävalenz auf 4 %. Die ICHD-3-Kriterien für Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch sind für Clusterkopfschmerz nicht spezifisch validiert; prospektive Untersuchungen sind erforderlich, um Existenz, Phänotyp und klinische Relevanz dieses Krankheitsbildes beim Clusterkopfschmerz abschließend zu bestimmen [5, LL2].
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Suizidgedanken (Gedanken, sich das Leben zu nehmen) bzw. suizidale Krisen (akute Krisen mit Selbsttötungsgefahr) – klinisch relevante Komplikation insbesondere während aktiver Attacken und bei hoher Krankheitslast. Eine Metaanalyse von 2025 mit insgesamt 34.180 Personen ergab eine gepoolte Prävalenz von Suizidgedanken von 8,0 % (95 %-Konfidenzintervall 7,7-8,3 %). In spezialisierten klinischen Kollektiven war die Prävalenz erheblich höher als in nicht spezialisierten Populationen. Ein generell gegenüber der Allgemeinbevölkerung erhöhtes Gesamtrisiko ließ sich in dieser Metaanalyse jedoch nicht sicher nachweisen [1]. In einer prospektiven multizentrischen Studie waren passive und aktive Suizidgedanken während Clusterattacken wesentlich häufiger als zwischen den Attacken bzw. zwischen Clusterperioden [9]. Die ausgeprägte Attackenabhängigkeit der Suizidalität (Gefährdung durch Suizidgedanken oder suizidale Handlungen) unterstreicht die Bedeutung einer konsequenten leitliniengerechten Akut- und Prophylaxetherapie (Behandlung akuter Attacken und vorbeugende Behandlung) zur Reduktion der Attackenlast [9, LL1].
- Attackenbezogenes selbstverletzendes Verhalten (Selbstverletzung während einer Kopfschmerzattacke) – während extrem schmerzhafter Clusterattacken sind impulsive selbstverletzende Verhaltensweisen beschrieben. Diese können Ausdruck der ausgeprägten akuten Schmerz- und Agitationsbelastung sein und sind nicht mit einem Suizidversuch bzw. einer suizidalen Intention (Absicht, sich das Leben zu nehmen) gleichzusetzen [6].
Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)
- Suizidversuche (Versuche, sich das Leben zu nehmen) – die gepoolte Prävalenz von Suizidversuchen betrug in der Metaanalyse von 2025 1,2 % (95 %-Konfidenzintervall 1,1-1,3 %); in spezialisierten Clusterkopfschmerz-Kollektiven lag sie deutlich höher [1]. Eine prospektive multizentrische Untersuchung zeigte zudem eine deutliche Konzentration suizidaler Gedanken und Handlungen auf die Attackenphase [9]. Eine große dänische populationsbasierte Kohortenstudie ergab für trigeminoautonome Kopfschmerzerkrankungen (Gruppe einseitiger Kopfschmerzerkrankungen mit autonomen Begleitzeichen wie Tränenfluss oder Nasenlaufen) ein erhöhtes Risiko für Suizidversuche und vollendeten Suizid (Tod durch Selbsttötung); da Clusterkopfschmerz innerhalb dieser Diagnosegruppe nicht separat ausgewertet wurde, ist eine unmittelbare Übertragung der Risikoschätzer auf Clusterkopfschmerz nicht zulässig [2].
Prognosefaktoren (Faktoren, die den Krankheitsverlauf beeinflussen)
- Saisonale Rhythmik (jahreszeitliches Auftreten) – in einer prospektiven multizentrischen Langzeitstudie unabhängiger Prädiktor häufigerer Rezidive (Rückfälle) bei episodischem Clusterkopfschmerz (Clusterkopfschmerz mit beschwerdefreien Zwischenzeiten); das adjustierte Inzidenzratenverhältnis betrug 1,66 (95 %-Konfidenzintervall 1,20-2,33) [8].
- Zunehmende Attackenintensität (Stärke der Schmerzattacken) im Verlauf – in derselben prospektiven Langzeitstudie unabhängig mit häufigeren Rezidiven assoziiert; das adjustierte Inzidenzratenverhältnis betrug 1,66 (95 %-Konfidenzintervall 1,06-2,59) [8].
- Kurze vorausgegangene Remissionsintervalle (beschwerdefreie Zeiträume) – mit höherer zukünftiger Rezidivfrequenz assoziiert; längere Intervalle zwischen vorausgegangenen Clusterperioden waren prognostisch günstiger [8].
- Längere Krankheitsdauer, höhere kopfschmerzbedingte Beeinträchtigung und stärkere depressive Symptomatik – in einer prospektiven multizentrischen Studie unabhängig mit ausgeprägterer attackenbezogener Suizidalität assoziiert. Pro 10 Jahre längerer Krankheitsdauer betrug die Odds-Ratio 1,90, pro 10 Punkte höherem Headache Impact Test-6 3,19 und pro 10 Punkte höherem Patient Health Questionnaire-9 2,11 [9].
- Chronischer Clusterkopfschmerz (Clusterkopfschmerz ohne längere beschwerdefreie Zeiträume) – stark mit wahrscheinlichem Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch assoziiert; in einer Querschnittsstudie betrug die Odds-Ratio 11,4 [5].
- Komorbide Migräne – mit wahrscheinlichem Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch assoziiert; die Odds-Ratio betrug 2,35 [5]. Zudem ist eine komorbide Migräne mit stärkerer Angst- und depressiver Symptomatik bei Clusterkopfschmerz verbunden [3].
- Demoralisierung (Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit) – mit erhöhter Suizidalität bei Patienten mit Clusterkopfschmerz assoziiert. In einer Beobachtungsstudie war Demoralisierung deutlich mit Suizidgedanken verbunden; aufgrund des Studiendesigns ist sie jedoch nicht als longitudinal validierter Prognosemarker anzusehen [7].
Literatur
- Van Obberghen EK, Fabre R, Lanteri-Minet M: Cluster headache suicidality: a systematic review with a meta-analysis. J Headache Pain. 2025;26(1):281. doi:10.1186/s10194-025-02140-x
- Elser H, Farkas DK, Fuglsang CH et al.: Risk of Attempted and Completed Suicide in Persons Diagnosed With Headache. JAMA Neurol. 2025;82(3):276-284. doi:10.1001/jamaneurol.2024.4974
- Kim BS, Chung PW, Kim BK et al.: The impact of remission and coexisting migraine on anxiety and depression in cluster headache. J Headache Pain. 2020;21(1):58. doi:10.1186/s10194-020-01120-7
- Jennysdotter Olofsgård F, Ran C, Spulber S et al.: Characterization of insomnia and sleep quality in a cohort with cluster headache. Headache. 2025;65(8):1294-1307. doi:10.1111/head.15034
- Lund N, Søborg MLK, Carlsen LN et al.: Exploring medication-overuse and medication-overuse headache in cluster headache. Cephalalgia. 2025;45(8):3331024251364241. doi:10.1177/03331024251364241
- Torelli P, Manzoni GC: Behavior during cluster headache. Curr Pain Headache Rep. 2005;9(2):113-119. doi:10.1007/s11916-005-0048-x
- Koo BB, Bayoumi A, Albanna A et al.: Demoralization predicts suicidality in patients with cluster headache. J Headache Pain. 2021;22(1):28. doi:10.1186/s10194-021-01241-7
- Lee MJ, Kim SK, Chu MK et al.: Subtype shift, relapse rate and risk factors of frequent relapse in cluster headache: A multicenter, prospective, longitudinal observation. Cephalalgia. 2025;45(9):3331024251368259. doi:10.1177/03331024251368259
- Lee MJ, Cho SJ, Park JW et al.: Increased suicidality in patients with cluster headache. Cephalalgia. 2019;39(10):1249-1256. doi:10.1177/0333102419845660
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- May A, Evers S, Goadsby PJ et al.: European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache. Eur J Neurol. 2023;30(10):2955-2979. doi:10.1111/ene.15956 [LL1]
- Headache Classification Committee of the International Headache Society: The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition. Cephalalgia. 2018;38(1):1-211. doi:10.1177/0333102417738202 [LL2]