Scheidenkrampf (Vaginismus) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Vaginismus (Scheidenkrampf) mitbedingt sein können:
Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)
- Erhöhte Rate bestimmter operativer Entbindungen – nach erfolgreicher Behandlung eines Vaginismus waren insbesondere eine Sectio caesarea (Kaiserschnitt) auf maternalen Wunsch (17,9 % versus 5,4 %; OR 3,82; 95-%-KI 1,97-7,40) sowie eine sekundäre Sectio im zweiten Geburtsstadium (5,1 % versus 0,6 %; OR 9,43; 95-%-KI 1,88-47,40) häufiger als bei Kontrollen [1]. Die Gesamt-Sectiorate war dagegen nicht signifikant erhöht (43,6 % versus 36,2 %; OR 1,36; 95-%-KI 0,89-2,09) [1]. Ein systematischer Review zu Vaginismus und/oder Vulvodynie (Schmerzen im Bereich der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane) bestätigt insgesamt erhöhte Raten von Sectio caesarea und instrumenteller vaginaler Entbindung; wegen der teilweise zusammengefassten Diagnosen sind diese Daten jedoch nicht vollständig vaginismus-spezifisch [2].
- Obstetrische Analsphinkterverletzungen (Geburtsverletzungen des Afterschließmuskels) (OASIS) – nach erfolgreicher Vaginismusbehandlung waren bei vaginaler Geburt geringgradige OASIS (Grad 3a-3b) häufiger als bei Kontrollen (9,1 % versus 2,2 %; OR 4,38; 95-%-KI 1,29-14,85) [1]. Höhergradige OASIS (Grad 3c-4) traten in dieser Kohorte ausschließlich bei Frauen mit prätherapeutischem Lamont-Grad 4 auf [1]. Der systematische Review zu Vaginismus und/oder Vulvodynie fand ebenfalls eine erhöhte Rate perinealer Geburtsverletzungen (Verletzungen des Dammbereichs bei der Geburt) [2].
- Beeinträchtigte psychosoziale Anpassung (seelische und soziale Anpassung) in der Spätschwangerschaft – bei Frauen nach erfolgreicher Vaginismusbehandlung zeigten sich in der 30. Schwangerschaftswoche ungünstigere Werte der psychosozialen Schwangerschaftsanpassung, insbesondere bei prätherapeutischem Lamont-Grad 3-4 [1]. Ein erhöhtes Risiko postpartaler depressiver Symptome (depressiver Beschwerden nach der Geburt) wurde dagegen nicht nachgewiesen [1].
Weiteres
- Nicht vollzogener penovaginaler Geschlechtsverkehr (Geschlechtsverkehr mit Eindringen des Penis in die Scheide) – Vaginismus kann einen penovaginalen Geschlechtsverkehr verhindern und damit Ursache einer nicht vollzogenen Partnerschaft bzw. Ehe sein. In einem systematischen Review zur nicht vollzogenen Ehe stellte Vaginismus eine wesentliche weibliche Ursache dar; die zugrunde liegenden Studien waren jedoch überwiegend Fallserien mit niedrigem Evidenzniveau [3].
- Beeinträchtigung von Partnerschaft und Sexualleben – nicht bzw. unzureichend behandelter Vaginismus kann mit erheblichen Belastungen der partnerschaftlichen Beziehung, des Sexuallebens und des emotionalen Wohlbefindens einhergehen [4].
- Erschwerte Familiengründung bei fehlender penovaginaler Kohabitation (Geschlechtsverkehr mit Eindringen des Penis in die Scheide) – ist aufgrund der nicht möglichen vaginalen Penetration eine natürliche Konzeption erschwert, handelt es sich um eine mechanisch-sexuelle Konzeptionsbarriere und nicht um eine primäre ovarielle, tubare oder uterine Sterilität (Unfruchtbarkeit). Entsprechend wird „Sterilität der Frau“ nicht als eigenständige Folgeerkrankung des Vaginismus aufgeführt [3].
Nosologische Abgrenzung
- Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr) wird nicht als eigenständige Folgeerkrankung des Vaginismus aufgeführt. DSM-5 und ICD-11 haben die frühere Trennung von nichtorganischem Vaginismus und nichtorganischer Dyspareunie zugunsten einer übergeordneten genito-pelvinen bzw. sexuellen Schmerz-Penetrationsstörung (Störung mit Schmerzen und Schwierigkeiten beim Eindringen in die Scheide) aufgegeben. Die ICSM-2024-Definition umfasst persistierende bzw. rezidivierende Penetrationsschwierigkeiten, genito-pelvine Schmerzen und/oder ausgeprägte Angst vor penetrationsbedingten Schmerzen [LL1].
- Sexualbezogene Angst und Vermeidungsverhalten sind ebenfalls nicht als eigenständige Folgeerkrankungen aufzuführen, da sie Bestandteil der aktuellen nosologischen Konzeption der Schmerz-Penetrationsstörung und zugleich wesentliche aufrechterhaltende Mechanismen sein können [LL1].
Prognosefaktoren
- Hoher prätherapeutischer Schweregrad des Vaginismus:
- Lamont-Grad 4 war gegenüber Kontrollen mit einer erhöhten Gesamt-Sectiorate assoziiert (58,1 % versus 36,2 %; OR 2,44; 95-%-KI 1,16-5,15) [1].
- Höhergradige obstetrische Analsphinkterverletzungen (OASIS Grad 3c-4) konzentrierten sich auf Patientinnen mit prätherapeutischem Lamont-Grad 4 [1].
- Lamont-Grad 3-4 war mit einer ungünstigeren psychosozialen Anpassung in der Spätschwangerschaft assoziiert [1].
Literatur
- Ünlü C, Türker Ergün G, Kuyulu Akman A: Obstetric, perineal, and psychosocial outcomes after successful vaginismus treatment: a retrospective cohort study stratified by Lamont grade. BMC Pregnancy Childbirth. 2026;26:582. doi: 10.1186/s12884-026-09093-2.
- Baril S, Marion A, Abenhaim HA: Obstetric outcomes in women with vulvodynia and vaginismus: a systematic review. Arch Gynecol Obstet. 2025;311(1):1-11. doi: 10.1007/s00404-024-07871-x.
- Krishnappa P, Manfredi C, Jayaramaiah S et al.: Unconsummated marriage: a systematic review of etiological factors and clinical management. J Sex Med. 2024;21(1):20-28. doi: 10.1093/jsxmed/qdad146.
- Pithavadian R, Chalmers J, Dune T: The experiences of women seeking help for vaginismus and its impact on their sense of self: An integrative review. Womens Health (Lond). 2023;19:17455057231199383. doi: 10.1177/17455057231199383.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- ICSM-2024-Konsensus-Statement: Trost L et al.: Definitions, classification, and epidemiology of sexual dysfunction: a consensus statement from the Fifth International Consultation on Sexual Medicine 2024. Sex Med Rev. 2026;14(2):qeag028. doi: 10.1093/sxmrev/qeag028 [LL1].