Hypomenorrhoe – Medikamentöse Therapie
Therapieziel
Bei isolierter, nicht krankheitsbedingter Hypomenorrhoe (schwache Monatsblutung) besteht kein Behandlungsbedarf. Bei einem neu aufgetretenen oder klinisch auffälligen Befund ist das Ziel, eine zugrunde liegende Ursache zu erkennen und gegebenenfalls zu behandeln. Ein unabhängiger Kontrazeptionswunsch wird nach den üblichen Kriterien der Verhütungsberatung berücksichtigt. Die Herbeiführung einer stärkeren monatlichen Blutung ist kein eigenständiges medizinisches Therapieziel [LL1, LL4, LL5].
Therapieempfehlungen
- Einordnung und Abklärung: Bei seit jeher schwacher, regelmäßig wiederkehrender Blutung ohne Beschwerden oder Fertilitätswunsch genügt in der Regel Aufklärung. Eine neue deutliche Blutungsabnahme, ausbleibende Blutungen, Schwangerschaftsmöglichkeit, Kinderwunsch, Schmerzen oder eine vorausgegangene intrauterine Operation erfordern eine gezielte Abklärung. Schwangerschaft gegebenenfalls ausschließen; abhängig vom Befund Arzneimittel und Kontrazeption, Energieverfügbarkeit, Schilddrüsenfunktion, Prolaktin, ovarielle Funktion und uterine Ursachen prüfen. Nach Eingriffen am Uterus sind intrauterine Adhäsionen (Verwachsungen in der Gebärmutter) zu erwägen [LL4, LL5, LL6].
- Kausale Behandlung: Eine nachgewiesene endokrine, funktionelle oder uterine Ursache wird nach dem jeweiligen Krankheitsbild behandelt. Eine hormonell ausgelöste Entzugsblutung (Blutung nach Hormonentzug) beweist weder die Wiederherstellung eines ovulatorischen Zyklus noch die Behebung einer Endometriumschädigung (Schädigung der Gebärmutterschleimhaut) [LL4, LL6].
- Kontrazeptionswunsch: Die Hypomenorrhoe allein begründet keine Verordnung eines kombinierten hormonellen Kontrazeptivums. Besteht zusätzlich ein Verhütungswunsch, kann bei fehlenden Gegenanzeigen eine kombinierte Methode mit individuell passendem Einnahmeschema angeboten werden. Unter zyklischer Anwendung kann eine planbare Entzugsblutung auftreten; sie ist keine physiologische Menstruation und hat keinen gesundheitlichen Zusatznutzen. Die Blutung kann trotz kombinierter Methode schwach sein oder ausbleiben [LL1, LL5, FI1-FI4].
- Gestagenmonopräparate: Gestagenpillen, Depotgestagene, Implantate und Levonorgestrel-Intrauterinsysteme sind bei Wunsch nach Verhütung eigenständige Optionen. Sie sind keine Therapie zur Verstärkung einer Hypomenorrhoe; insbesondere intrauterine Systeme und Implantate können leichte Blutungen beziehungsweise eine Amenorrhoe (Ausbleiben der Monatsblutung) verursachen [LL5].
- Risikoabwägung: Vor kombinierter hormoneller Kontrazeption Blutdruck, Nikotinkonsum, Migräne mit Aura (Migräne mit neurologischen Vorzeichen), persönliche und familiäre Thromboseanamnese, weitere kardiovaskuläre Risikofaktoren sowie relevante Arzneimittelwechselwirkungen erfragen. Bei gleichem Verhütungsziel sind levonorgestrelhaltige Kombinationspillen häufig eine vernünftige Ausgangsoption; die Wahl richtet sich nach individuellen Risiken und Präferenzen [1, LL1-LL3, FI1, FI2].
Wirkstoffe (Hauptindikation: Kontrazeption bei gleichzeitig bestehender Hypomenorrhoe)
Die folgenden Dosierungen sind beispielhafte zugelassene kontrazeptive Schemata und keine spezifischen Behandlungsdosierungen gegen Hypomenorrhoe. Präparate und Einnahmeschemata sind anhand der jeweiligen Fachinformation auszuwählen [LL1, FI1-FI4].
Orale Östrogen-Gestagen-Kombinationen
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ethinylestradiol + Levonorgestrel | Beispiel einer niedriger dosierten Kombination; eine Entzugsblutung ist möglich, aber weder erforderlich noch garantiert [FI1]. |
| Ethinylestradiol + Levonorgestrel | Beispiel eines monophasischen Kombinationspräparats; kein Nachweis eines spezifischen Nutzens zur Behandlung einer isolierten Hypomenorrhoe [FI2]. |
- Wirkweise: Das Gestagen hemmt wesentlich die Ovulation und verändert Zervixschleim und Endometrium; das Östrogen unterstützt die Ovulationshemmung und die Blutungskontrolle. In der Einnahmepause kann eine Entzugsblutung entstehen [LL1, FI1, FI2].
- Indikationen: Orale Kontrazeption nach individueller Beratung; Hypomenorrhoe für sich allein ist keine zugelassene Behandlungsindikation [FI1, FI2].
- Kontraindikationen: Insbesondere aktuelle oder vorausgegangene thromboembolische Ereignisse (Gefäßverschlüsse durch Blutgerinnsel) beziehungsweise relevante Thrombophilie (erhöhte Neigung zu Blutgerinnseln), Migräne mit Aura, schwerer oder unkontrollierter Hypertonus (Bluthochdruck), aktive Mammakarzinomerkrankung (Brustkrebs), bestimmte schwere Lebererkrankungen sowie hohes kombiniertes kardiovaskuläres Risiko. Bei Raucherinnen ab 35 Jahren ist die Anwendung je nach Konsummenge in der Regel zu vermeiden oder kontraindiziert; postpartale Situation und Stillzeit gesondert beurteilen. Schwangerschaft ist keine Indikation. Die vollständige präparatespezifische Liste ist der Fachinformation zu entnehmen. Endometriumhyperplasie (Verdickung der Gebärmutterschleimhaut) und Endometriumkarzinom (Gebärmutterschleimhautkrebs) sind dagegen nicht pauschal Kontraindikationen für kombinierte hormonelle Kontrazeption [LL2, LL3, FI1, FI2].
- Nebenwirkungen: Übelkeit, Brustspannen, Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen und Zwischenblutungen (Blutungen außerhalb der Regelblutung); selten venöse Thromboembolien (Blutgerinnsel in Venen) und arterielle Ereignisse. Individuelle Risiken und mögliche Wirkverlust- oder Wechselwirkungen, etwa mit enzyminduzierenden Arzneimitteln, beachten [1, LL1, LL3, FI1, FI2].
Vaginale Östrogen-Gestagen-Kombination
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ethinylestradiol + Etonogestrel | Kombinierte systemische Kontrazeption; die Blutung in der ringfreien Woche ist nicht obligat [FI3]. |
- Wirkweise: Systemische Östrogen-Gestagen-Wirkung mit Ovulationshemmung und Veränderungen von Zervixschleim und Endometrium [LL1, FI3].
- Indikationen: Kontrazeption bei Wunsch nach nicht oraler Anwendung; keine spezifische Therapie der Hypomenorrhoe [FI3].
- Kontraindikationen: Die wesentlichen östrogenbezogenen Gegenanzeigen kombinierter hormoneller Kontrazeptiva gelten auch für den Ring; zusätzlich präparatespezifische Hinweise beachten [LL3, FI3].
- Nebenwirkungen: Zwischenblutungen, Kopfschmerzen, Übelkeit und Brustbeschwerden, zusätzlich mögliche lokale Beschwerden; selten venöse und arterielle thromboembolische Ereignisse [1, FI3].
Transdermale Östrogen-Gestagen-Kombination
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ethinylestradiol + Norelgestromin | Das Gestagen im Pflaster ist Norelgestromin. Keine spezifische Indikation zur Erhöhung der Blutungsstärke [FI4]. |
- Wirkweise: Systemische kombinierte Ovulationshemmung mit Veränderungen von Zervixschleim und Endometrium [LL1, FI4].
- Indikationen: Kontrazeption bei Wunsch nach wöchentlicher transdermaler Anwendung; nicht als Behandlung der Hypomenorrhoe [FI4].
- Kontraindikationen: Die wesentlichen östrogenbezogenen Gegenanzeigen kombinierter hormoneller Kontrazeptiva gelten auch für das Pflaster; vollständige produktbezogene Angaben beachten [LL3, FI4].
- Nebenwirkungen: Hautreaktionen an der Applikationsstelle, Übelkeit, Brustspannen, Kopfschmerzen und Zwischenblutungen; selten venöse und arterielle thromboembolische Ereignisse [1, FI4].
Red Flags (Warnzeichen) bei Hypomenorrhoe
- Schwangerschaftsverdacht: Neu deutlich verminderte oder ausbleibende Blutung bei möglicher Konzeption; bei positivem Test und Schmerzen, Schwindel oder Blutung dringliche Abklärung einer möglichen Extrauteringravidität (Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter) [LL5].
- Neu aufgetretene Zyklusänderung: Persistierende Blutungsabnahme oder Amenorrhoe, insbesondere mit Kinderwunsch, galaktorrhoischen Beschwerden (krankhaftem Milchfluss), Zeichen eines Hypoöstrogenismus (Östrogenmangel) oder nach intrauterinem Eingriff; gezielte Ursachenabklärung [LL4, LL6].
- Warnzeichen unter kombinierter Kontrazeption: Einseitige Beinschwellung, akute Atemnot, Thoraxschmerz, plötzlich einsetzende neurologische Ausfälle oder neu aufgetretene Migräne mit Aura erfordern umgehende medizinische Beurteilung [LL3, FI1-FI4].
Abkürzungsverzeichnis
- µg: Mikrogramm
- FI: Fachinformation
- LL: Leitlinie
- FSRH: Faculty of Sexual & Reproductive Healthcare
- WHO: World Health Organization
- MMWR: Morbidity and Mortality Weekly Report
- AAGL: American Association of Gynecologic Laparoscopists
- ESGE: European Society of Gynaecological Endoscopy
Literatur
- Yonis HGH, Mørch LS, Løkkegaard E et al.: Contemporary Hormonal Contraception and Risk of Venous Thromboembolism. JAMA. 2025;333(15):1358–1361. doi: 10.1001/jama.2024.28778
Leitlinien und Empfehlungen
- Faculty of Sexual & Reproductive Healthcare: FSRH Guideline: Combined Hormonal Contraception. Januar 2019, aktualisiert Oktober 2023. Leitlinie [LL1]
- World Health Organization: Medical eligibility criteria for contraceptive use. 6. Auflage, November 2025. Leitlinie [LL2]
- Nguyen AT, Curtis KM, Tepper NK et al.: U.S. Medical Eligibility Criteria for Contraceptive Use, 2024. MMWR Recomm Rep. 2024;73(4):1–126. Volltext [LL3]
- Practice Committee of the American Society for Reproductive Medicine: Current evaluation of amenorrhea: a committee opinion. Fertil Steril. 2024;122(1):52–61. doi: 10.1016/j.fertnstert.2024.02.001 [LL4]
- Curtis KM, Nguyen AT, Tepper NK et al.: U.S. Selected Practice Recommendations for Contraceptive Use, 2024. MMWR Recomm Rep. 2024;73(3):1–77. Volltext [LL5]
- AAGL Elevating Gynecologic Surgery: AAGL practice report: practice guidelines on intrauterine adhesions developed in collaboration with the European Society of Gynaecological Endoscopy (ESGE). Gynecol Surg. 2017;14:6. doi: 10.1186/s10397-017-1007-3 [LL6]
Fachinformationen
- Miranova, 100 µg Levonorgestrel/20 µg Ethinylestradiol, überzogene Tabletten. Fachinformation [FI1]
- Microgynon, 150 µg Levonorgestrel/30 µg Ethinylestradiol, überzogene Tabletten. Stand Oktober 2025. Fachinformation [FI2]
- NuvaRing, 120 µg Etonogestrel/15 µg Ethinylestradiol pro 24 Stunden, vaginales Wirkstofffreisetzungssystem. Fachinformation [FI3]
- EVRA, 203 µg Norelgestromin/33,9 µg Ethinylestradiol pro 24 Stunden, transdermales Pflaster. Produktinformation [FI4]