Hormon-Diät
Die sogenannte Hormon-Diät ist ein populäres Ernährungskonzept, das darauf abzielt, durch gezielte Lebensmittelauswahl, zeitlich strukturierte Essensphasen und begleitende Lebensstilmaßnahmen den Hormonhaushalt zu „regulieren“ oder zu „balancieren“. Befürworter postulieren, dass hormonelle Dysbalancen – etwa von Insulin, Cortisol, Leptin, Ghrelin, Östrogen oder Schilddrüsenhormonen – maßgeblich für Übergewicht, Müdigkeit und metabolische Störungen verantwortlich seien und durch Ernährung gezielt beeinflusst werden könnten.
Aus ernährungsmedizinischer Sicht handelt es sich dabei um eine überwiegend kommerziell geprägte Ernährungsform mit stark vereinfachenden Annahmen.
Entstehung und wissenschaftliche Grundlagen
Die Hormon-Diät entstammt primär populärwissenschaftlichen Ratgebern, Social-Media-Inhalten und kommerziellen Coaching-Programmen. Häufig wird ein Zusammenhang zwischen moderner Lebensweise, Stress, Umweltfaktoren und „hormonellen Dysbalancen“ konstruiert, aus dem ein diätetischer Lösungsansatz abgeleitet wird. Dabei werden komplexe endokrinologische Regelkreise stark vereinfacht dargestellt.
Wissenschaftlich ist gut belegt, dass Ernährung hormonelle Systeme beeinflusst. Insbesondere Insulin, Hunger- und Sättigungshormone (z. B. Ghrelin und Leptin) sowie die Stressachse mit Cortisol reagieren sensibel auf Energiezufuhr, glykämische Last, Makronährstoffverteilung (Verteilung der Hauptnährstoffe Kohlenhydrate, Fett, Proteine (Eiweiß)), Essensrhythmus und Veränderungen der Körperzusammensetzung. Diese Effekte sind klinisch relevant und werden in der Ernährungsmedizin gezielt genutzt, etwa in der Therapie von Adipositas und Typ-2-Diabetes.
Gleichzeitig sind diese hormonellen Anpassungen komplex, interindividuell unterschiedlich und eng an den Gesamtstoffwechsel gebunden. Die Annahme, einzelne Lebensmittel oder einfache Eliminationsregeln könnten unabhängig von Energiehaushalt, Körpergewicht und Lebensstil eine gezielte, nachhaltige und selektive Regulation einzelner Hormone bewirken, ist bislang nicht evidenzbasiert. Die beobachteten Effekte lassen sich überwiegend durch Energiereduktion, Gewichtsveränderung und eine insgesamt verbesserte Ernährungsqualität erklären.
Zielsetzung der Diät
Ziel der Hormon-Diät ist vorrangig eine Gewichtsreduktion, die nicht primär über Kalorienzählen, sondern über eine vermeintliche Normalisierung hormoneller Steuermechanismen erreicht werden soll. Zusätzlich werden häufig folgende Ziele formuliert:
- Reduktion von Heißhunger
- Verbesserung von Energielevel und Schlaf
- Normalisierung des Menstruationszyklus
- Erleichterung der Gewichtsabnahme in der Menopause
Es existieren keine definierten therapeutischen Zielparameter wie HbA1c (Langzeitblutzuckerwert), LDL-Cholesterin oder Blutdruck, kein standardisiertes Monitoring und keine leitlinienbasierte Indikationsstellung. Kurzfristig wird häufig ein rascher Gewichtsverlust angestrebt, langfristige Zieldefinitionen bleiben meist unspezifisch.
Grundprinzipien
Die Grundprinzipien der Hormon-Diät basieren meist auf der Annahme, dass bestimmte Lebensmittel oder Essgewohnheiten den Hormonhaushalt „belasten“, während andere als „hormonfreundlich“ gelten. Typischerweise beginnt die Diät mit einer Eliminations-, Reset- oder Detox-Phase, die je nach Konzept einige Tage bis mehrere Wochen dauert. In dieser Phase werden ganze Lebensmittelgruppen vollständig ausgeschlossen, häufig Zucker und süße Lebensmittel, raffinierte Kohlenhydrate, Alkohol, stark verarbeitete Produkte sowie – je nach Variante – Milchprodukte, glutenhaltiges Getreide oder koffeinhaltige Getränke. Ziel dieser Phase ist es, vermeintliche hormonelle Störfaktoren zu entfernen und Heißhunger sowie Blutzuckerschwankungen zu reduzieren.
Im Anschluss folgt eine zweite Phase mit schrittweiser Wiedereinführung einzelner Lebensmittel, oft begleitet von subjektiver Symptombeobachtung. Objektive Kriterien oder standardisierte Marker zur Beurteilung hormoneller Effekte werden dabei in der Regel nicht definiert. Die Auswahl der erlaubten Lebensmittel orientiert sich häufig an Konzepten wie „niedrige glykämische Last“, „entzündungshemmend“ oder „natürlich“, ohne dass diese Begriffe einheitlich oder wissenschaftlich präzise verwendet werden.
Die Mahlzeitenstruktur ist häufig streng vorgegeben. Teilweise werden feste Essenszeiten empfohlen, teilweise Zeitfenster der Nahrungsaufnahme oder intermittierende Fastenintervalle integriert, um angeblich hormonelle Rhythmen zu unterstützen. Ergänzend werden Lebensstilfaktoren wie Schlafdauer, Schlafrhythmus, Stressmanagement und körperliche Aktivität als hormonrelevant hervorgehoben, was grundsätzlich plausibel ist. Allerdings fehlt eine klare Trennung zwischen allgemein anerkannten gesundheitsfördernden Maßnahmen und spezifischen, diätspezifischen Effekten der Hormon-Diät.
Die konkrete Ausgestaltung der Diät variiert erheblich zwischen verschiedenen Programmen, Ratgebern und Anbietern, was die Vergleichbarkeit, Reproduzierbarkeit und Bewertung der Wirksamkeit zusätzlich erschwert.
Angestrebte Wirkmechanismen
Befürworter der Hormon-Diät postulieren, dass durch die diätetischen Vorgaben eine günstigere Regulation zentraler Hormonsysteme erreicht werden könne. Dazu zählen insbesondere eine verbesserte Insulinwirkung mit Reduktion von Insulinspitzen, eine Absenkung chronisch erhöhter Cortisolspiegel im Rahmen von Stressbelastung, eine günstigere Leptin- und Ghrelin-Signalgebung zur Appetit- und Sättungsregulation sowie – je nach Konzept – eine Normalisierung von Sexual- und Schilddrüsenhormonen.
Pathophysiologisch plausibel und gut belegt ist, dass eine reduzierte Energiezufuhr, eine geringere glykämische Last der Ernährung sowie eine höhere Ballaststoffzufuhr zu flacheren postprandialen Glucose- und Insulinverläufen (Blutzucker und Insulin steigen nach den Mahlzeiten weniger stark an) führen können. Ebenso ist bekannt, dass regelmäßige Mahlzeitenstrukturen, ausreichender Schlaf und Stressreduktion die Aktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse beeinflussen können. Diese Effekte sind klinisch relevant und werden in der Ernährungsmedizin gezielt genutzt.
Diese hormonellen Anpassungen sind jedoch nicht spezifisch für die Hormon-Diät. Sie treten vergleichbar auch bei anderen ausgewogenen, evidenzbasierten Reduktionskostformen auf und sind eng an Energiebilanz, Gewichtsveränderung und allgemeine Verbesserung der Ernährungsqualität gekoppelt. Eine selektive, gezielte und nachhaltige Beeinflussung einzelner Hormone durch spezifische Lebensmittel oder einfache Eliminationsregeln konnte bislang nicht überzeugend gezeigt werden.
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Die Hormon-Diät richtet sich primär an gesunde Erwachsene ohne bekannte endokrine (hormonelle) Erkrankungen, die eine strukturierte Ernährungsumstellung zur Gewichtsreduktion anstreben.
Geeignete Zielgruppen
- Erwachsene mit Übergewicht ohne relevante Vorerkrankungen
Eingeschränkt geeignet
- Personen mit unklaren hormonellen Beschwerden ohne Diagnostik
Nicht geeignet
- Schwangere, Stillende
- Personen mit Essstörungen (z. B. Bulimia nervosa/Ess-Brech-Sucht)
Medizinisch kritisch
- Schilddrüsenerkrankungen
- Nebennieren- oder Hypophysenstörungen
- Diabetes mellitus ohne ärztliche Begleitung
Eine ärztliche Abklärung ist bei hormonellen Vorerkrankungen zwingend erforderlich.
Durchführung und Ablauf der Diät
Die Durchführung der Hormon-Diät beginnt in der Regel mit einer intensiven Vorbereitungsphase. Dazu gehören das Entfernen nicht erlaubter Lebensmittel aus dem Haushalt, eine detaillierte Planung der Mahlzeiten sowie häufig auch die mentale Einstimmung auf eine Phase deutlicher Einschränkungen. Viele Programme empfehlen, soziale Termine, Restaurantbesuche oder berufliche Belastungsspitzen möglichst zu vermeiden, was die praktische Umsetzung bereits zu Beginn erschweren kann.
In der Anfangsphase, die meist als Eliminations-, Reset- oder Detox-Phase bezeichnet wird, kommt es häufig zu einer abrupten Umstellung der Ernährung. Insbesondere bei einer deutlichen Reduktion von Kohlenhydraten oder Zucker berichten viele Anwender über ausgeprägtes Hungergefühl, Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Kopfschmerzen und eine verminderte körperliche Leistungsfähigkeit. Diese Symptome lassen sich physiologisch vor allem durch die reduzierte Energiezufuhr, veränderte Blutzuckerregulation und eine vorübergehende Anpassung des Stoffwechsels erklären und stellen keine spezifische hormonelle Reaktion dar.
Nach dieser Einstiegsphase ist in vielen Konzepten eine Übergangsphase vorgesehen, in der einzelne zuvor ausgeschlossene Lebensmittel schrittweise wieder eingeführt werden. Die Bewertung der Verträglichkeit erfolgt dabei häufig subjektiv anhand von Wohlbefinden, Energiegefühl oder Gewichtsentwicklung. Objektive Kriterien, standardisierte Beobachtungszeiträume oder hormonelle Messgrößen werden in der Regel nicht definiert, sodass Rückschlüsse auf tatsächliche hormonelle Effekte nur eingeschränkt möglich sind. Dies kann zu einer unnötigen langfristigen Vermeidung ganzer Lebensmittelgruppen führen.
Die Gesamtdauer der Hormon-Diät ist nicht einheitlich festgelegt und variiert je nach Programm zwischen wenigen Wochen und mehreren Monaten. Häufig bleibt unklar, ab wann die Diät beendet werden soll oder wie der Übergang in eine langfristig ausgewogene Ernährung aussehen kann. Eine strukturierte Beendigungsphase mit klaren Empfehlungen zur Stabilisierung des Körpergewichts fehlt in vielen Konzepten.
Besonders herausfordernd ist die langfristige Integration in den Alltag. Starre Regeln, feste Essenszeiten oder umfangreiche Verbotslisten lassen sich mit beruflichen Anforderungen, Schichtarbeit, familiären Verpflichtungen und sozialen Anlässen oft nur schwer vereinbaren. Ohne individuelle Anpassung steigt das Risiko für Diätabbrüche, Frustration und einen späteren Gewichtswiederanstieg deutlich.
Empfohlene Lebensmittel
- Gemüse und Salate
- Proteinreiche Lebensmittel mit geringer Verarbeitung
- Ungesättigte Fettsäuren
- Vollkornprodukte in begrenztem Umfang
- Wasser, Kräutertee
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
- Zucker und Süßwaren
- Weißmehlprodukte
- Alkohol
- Stark verarbeitete Lebensmittel
- Teilweise Milchprodukte und glutenhaltige Produkte
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Für die Umsetzung der Hormon-Diät im Alltag ist eine realistische Planung entscheidend.
- Bereits beim Einkauf sollte der Fokus auf einer begrenzten, überschaubaren Auswahl an Grundnahrungsmitteln liegen, um spontane Regelverstöße zu vermeiden. Eine feste Einkaufsliste, die sich an einfachen, wiederkehrenden Mahlzeiten orientiert, reduziert Entscheidungsstress und erleichtert die Einhaltung der Vorgaben.
- Die Essensvorbereitung spielt eine zentrale Rolle. Meal-Prep kann helfen, besonders in arbeitsintensiven Phasen oder bei unregelmäßigen Arbeitszeiten. Sinnvoll ist es, proteinreiche Komponenten und Gemüse vorzubereiten und flexibel zu kombinieren, anstatt komplexe Rezepte umzusetzen. So bleibt auch bei Zeitmangel eine regelkonforme Mahlzeit verfügbar.
- Im beruflichen Alltag ist es hilfreich, Mahlzeiten und Pausen möglichst frühzeitig zu planen. Bei Terminen außer Haus oder Dienstreisen sollten geeignete Optionen vorab recherchiert oder einfache Notlösungen (z. B. naturbelassene Proteinquellen, Salate ohne süße Dressings) eingeplant werden. In Kantinen oder Restaurants empfiehlt es sich, pragmatische Entscheidungen zu treffen und nicht jede Abweichung als „Scheitern“ zu werten.
- Soziale Anlässe stellen eine besondere Herausforderung dar. Hier kann es sinnvoll sein, im Vorfeld einzelne Regeln bewusst zu lockern, um soziale Isolation oder übermäßigen Stress zu vermeiden. Eine insgesamt konsistente Ernährung über die Woche ist für den Erfolg relevanter als die strikte Einhaltung jeder einzelnen Mahlzeit.
- Um Heißhunger und Leistungseinbrüche zu reduzieren, sollte auf eine ausreichende Energie- und Proteinzufuhr geachtet werden. Zu starke Restriktionen erhöhen das Risiko für Abbrüche. Regelmäßige Mahlzeiten, ausreichend Schlaf und eine moderate körperliche Aktivität unterstützen die Umstellung besser als zusätzliche Verbote.
Ernährungsphysiologische Bewertung
Ernährungsphysiologisch handelt es sich bei der Hormon-Diät in den meisten Varianten um eine energiereduzierte Ernährungsform mit erhöhtem Proteinanteil und vergleichsweise hoher Ballaststoffzufuhr durch Gemüse, Salate und teilweise Hülsenfrüchte. Diese Zusammensetzung kann kurzfristig zu einer verbesserten Sättigung, einer geringeren spontanen Energieaufnahme und einem Gewichtsverlust führen. Der häufig beobachtete Erfolg ist jedoch primär auf die Kalorienreduktion und die Reduktion stark verarbeiteter Lebensmittel zurückzuführen und nicht auf spezifische hormonelle Effekte.
Kritisch zu bewerten ist die teilweise deutliche Einschränkung einzelner Lebensmittelgruppen. Durch den Verzicht auf Milchprodukte, Getreide oder bestimmte tierische Produkte kann es bei längerer Anwendung zu einer unzureichenden Zufuhr von Calcium, Jod, B-Vitaminen (insbesondere Vitamin B1, B2 und B12) sowie komplexen Kohlenhydraten kommen. Eine stark reduzierte Kohlenhydratzufuhr kann zudem die Glykogenspeicher (Glykogen = Speicherform der Glucose) entleeren, was sich negativ auf körperliche Leistungsfähigkeit, Konzentration und Belastbarkeit auswirken kann.
Die Proteinversorgung ist in vielen Konzepten zwar nominell erhöht, in der Praxis jedoch nicht immer bedarfsgerecht umgesetzt. Bei unzureichender Proteinqualität oder -menge besteht insbesondere bei älteren Personen oder bei gleichzeitigem Kaloriendefizit ein erhöhtes Risiko für den Verlust von Muskelmasse. Ballaststoffe werden zwar häufig beworben, sind jedoch bei gleichzeitiger Einschränkung von Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten nicht immer in ausreichender Menge enthalten.
Langfristig ist die Ausgewogenheit der Ernährung häufig nicht gewährleistet. Die Diät fördert eher kurzfristige Verhaltensänderungen als ein dauerhaft tragfähiges Ernährungsmuster. Ohne fachliche Begleitung besteht das Risiko, dass Restriktionen über das sinnvolle Maß hinaus fortgeführt werden oder wichtige Nährstoffe dauerhaft unterversorgt bleiben.
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Die medizinischen Risiken der Hormon-Diät ergeben sich weniger aus einzelnen Lebensmitteln als aus der Kombination aus Energiereduktion, restriktiven Regeln und fehlender individueller Anpassung. Zu den häufigsten Risiken zählen Nährstoffmängel, insbesondere bei längerfristiger Anwendung ohne Supplementierung oder ernährungsmedizinische Kontrolle. Betroffen sein können Mineralstoffe, Vitamine und essentielle Fettsäuren.
Bei unzureichender Energie- oder Proteinzufuhr besteht das Risiko eines Verlusts an fettfreier Körpermasse (beinhaltet auch die Muskelmasse). Dies ist insbesondere bei älteren Personen, bei geringer körperlicher Aktivität oder bei gleichzeitigem Stress relevant und kann langfristig die Stoffwechselgesundheit verschlechtern. Zyklusstörungen bei Frauen sind möglich, wenn Energiedefizit und Stressbelastung zu einer funktionellen Beeinträchtigung der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse (zentrales hormonelles Regelkreissystem, das die Aktivität peripherer endokriner Drüsen steuert) führen.
Psychische Belastungen stellen ein weiteres relevantes Risiko dar. Starre Verbotslisten und die starke Fokussierung auf „richtige“ und „falsche“ Lebensmittel können zu Schuldgefühlen, Kontrollverlust oder einem gestörten Essverhalten beitragen. Bei entsprechender Vulnerabilität (individueller Anfälligkeit) kann dies bestehende Essstörungen verschlechtern oder neue problematische Muster fördern.
Stoffwechselveränderungen, die im Rahmen der Diät beobachtet werden, sind überwiegend Folge der Kalorienreduktion und des Gewichtsverlustes. Sie stellen keinen Beleg für eine gezielte hormonelle Normalisierung dar. Ein besonderer Schwachpunkt vieler Konzepte ist die fehlende Berücksichtigung relevanter Wechselwirkungen mit Medikamenten. Anpassungen der Ernährung können den Bedarf an Antidiabetika (blutzuckersenkende Medikamente), Antihypertensiva (blutdrucksenkende Medikamente) oder Schilddrüsenmedikamenten beeinflussen, werden jedoch in der Regel nicht begleitet oder überwacht.
Kurzfristig können zudem Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel, Konzentrationsstörungen oder gastrointestinale Beschwerden auftreten. Langfristig besteht bei wiederholten Diätzyklen ein erhöhtes Risiko für Gewichtsschwankungen und metabolische Anpassungen, die eine nachhaltige Gewichtsstabilisierung erschweren.
Bei stark kohlenhydratarmen Ernährungsformen wurden in Metaanalysen kurzfristig erhöhte Cortisolwerte beschrieben. Langfristige Effekte sind uneinheitlich und abhängig vom Setting [5].
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Absolute Kontraindikationen
- Essstörungen
- Schwangerschaft und Stillzeit
- Unbehandelte endokrine Erkrankungen
Relative Kontraindikationen (ggf. Monitoring erforderlich)
- Chronische Erkrankungen
- Hoher Leistungsbedarf
- Hoher psychosozialer Stress
Vorteile
Kurzfristig kann die Hormon-Diät bestimmte positive Effekte haben, die sich jedoch überwiegend aus allgemeinen ernährungsphysiologischen Mechanismen erklären lassen:
- Strukturierte Ernährung mit klaren Regeln kann zu einer reduzierten Energiezufuhr führen
- Häufiger Verzicht auf stark verarbeitete Lebensmittel, Zucker und Alkohol
- Erhöhte Aufmerksamkeit für Mahlzeitenstruktur, Essenszeiten und Schlafrhythmus
- Teilweise höhere Protein- und Gemüsezufuhr mit verbesserter Sättigung
- Kurzfristiger Gewichtsverlust möglich, insbesondere zu Beginn der Diät
- Bei manchen Personen subjektive Verbesserung von Energiegefühl und Esskontrolle
Nachteile
- Vereinfachende und teilweise irreführende Darstellung komplexer hormoneller Regelkreise
- Fehlende wissenschaftliche Evidenz für eine gezielte, nachhaltige „Hormonregulation“
- Hohe Restriktivität durch Verbotslisten und Eliminationsphasen
- Erhöhtes Risiko für Nährstoffmängel bei längerem Ausschluss ganzer Lebensmittelgruppen
- Eingeschränkte Alltagstauglichkeit, insbesondere bei Beruf, Familie und sozialen Anlässen
- Erhöhtes Abbruchrisiko und Gefahr eines späteren Gewichtswiederanstiegs
- Potentielle Förderung eines problematischen Essverhaltens bei anfälligen Personen
- Keine standardisierte ärztliche oder ernährungsmedizinische Begleitung vorgesehen
Wissenschaftliche Einordnung
Die wissenschaftliche Evidenz zeigt eindeutig, dass Ernährung und Lebensstil hormonelle Systeme beeinflussen. Diese Effekte erfolgen jedoch überwiegend indirekt und sind deutlich weniger zielgerichtet, als es viele Hormon-Diät-Programme suggerieren. In kontrollierten Studien lassen sich hormonelle Veränderungen in erster Linie als Konsequenz von Energiebilanz, Gewichtsveränderung, Makronährstoffverteilung, Schlafqualität und körperlicher Aktivität erklären. Ein spezifischer, reproduzierbarer Effekt einzelner als „problematisch“ deklarierter Lebensmittel auf definierte Hormonsysteme konnte bislang nicht überzeugend nachgewiesen werden.
Für die Gewichtsregulation ist gut belegt, dass der Gewichtsverlust selbst mit messbaren Veränderungen appetit- und stoffwechselrelevanter Hormone einhergeht. Dazu zählen unter anderem Veränderungen der Leptin- und Adiponektinspiegel, die typischerweise im Rahmen einer negativen Energiebilanz und abnehmender Fettmasse auftreten. Diese hormonellen Anpassungen sind Ausdruck einer metabolischen Anpassung an Gewichtsverlust und nicht spezifisch für eine bestimmte Diätform [3].
Aktuelle Leitlinien und wissenschaftliche Stellungnahmen zur Adipositas- und Stoffwechseltherapie setzen daher nicht auf vereinfachende „Hormon-Reset“-Konzepte. Empfohlen werden stattdessen individualisierte, langfristig tragfähige Ernährungs- und Lebensstilstrategien mit klarer Zieldefinition und Monitoring. Zentrale Elemente sind eine nachhaltige Energieanpassung, eine ausreichende Proteinzufuhr zur Erhaltung der Muskelmasse während der Gewichtsreduktion, regelmäßige körperliche Aktivität einschließlich Krafttraining, sowie Maßnahmen zur Verbesserung von Schlaf und Stressbewältigung und verhaltensmedizinische Interventionen [1, 2].
Viele Bestandteile, die in Hormon-Diäten propagiert werden – etwa der reduzierte Konsum stark verarbeiteter Lebensmittel, eine geringere Zucker- und Alkoholzufuhr, strukturierte Mahlzeiten sowie die Betonung von Schlaf und Stressmanagement – sind grundsätzlich sinnvoll und decken sich mit evidenzbasierten Empfehlungen. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch darin, dass die postulierte gezielte, selektive und nachhaltige „Hormonregulation“ durch starre Eliminationsregeln wissenschaftlich nicht überzeugend belegt ist. Hormon-Diäten sind daher eher als unscharfer Sammelbegriff für restriktive Interventionen mit vereinfachender hormoneller Begründung einzuordnen, nicht jedoch als eigenständiges, evidenzbasiertes Therapiekonzept.
Fazit
Kurzfristig kann die Hormon-Diät durch klare Regeln, Reduktion stark verarbeiteter Lebensmittel, geringere Energiezufuhr und teilweise höhere Protein-/Gemüseanteile zu Gewichtsverlust führen. Die dabei beobachteten „hormonellen Verbesserungen“ sind jedoch in der Regel Folge der negativen Energiebilanz, der Gewichtsabnahme und der insgesamt besseren Ernährungsqualität – nicht der Beleg für einen spezifischen „Hormon-Reset“.
Langfristig überwiegen häufig die Nachteile: Die Konzepte sind meist restriktiv, schlecht standardisiert, alltagspraktisch schwierig und mit dem Risiko von Nährstoffdefiziten sowie Verlust fettfreier Masse verbunden, wenn Protein, Krafttraining und ausreichende Gesamtenergie nicht mitgedacht werden [4]. Zusätzlich können starre Verbotslogiken problematisches Essverhalten verstärken.
Literatur
- Laddu D et al.: Implementation of Obesity Science Into Clinical Practice: A Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation. 2024 Jul 2;150(1):e7-e19. doi: 10.1161/CIR.0000000000001221.
- American Diabetes Association Professional Practice Committee: 5. Facilitating Positive Health Behaviors and Well-being to Improve Health Outcomes: Standards of Care in Diabetes – 2024. Diabetes Care. 2024;47(Suppl 1):S77-S110. doi: 10.2337/dc24-S005.
- Khalafi M, Sakhaei MH, Kheradmand S, Symonds ME, Rosenkranz SK: The impact of exercise and dietary interventions on circulating leptin and adiponectin in individuals who are overweight and those with obesity: A systematic review and meta-analysis. Adv Nutr. 2023 Jan;14(1):128-146. doi: 10.1016/j.advnut.2022.10.001.
- Anyiam O, Abdul Rashid RS, Bhatti A et al.: A Systematic Review and Meta-Analysis of the Effect of Caloric Restriction on Skeletal Muscle Mass in Individuals with, and without, Type 2 Diabetes. Nutrients. 2024 Sep 30;16(19):3328. doi: 10.3390/nu16193328.
- Whittaker J, Harris M: Low-carbohydrate diets and men's cortisol and testosterone: Systematic review and meta-analysis. Nutr Health. 2022 Dec;28(4):543-554. doi: 10.1177/02601060221083079.