Ernährungstherapie bei nephrotischem Syndrom
Das nephrotische Syndrom ist ein klinisch klar definiertes Krankheitsbild, das durch eine charakteristische Kombination folgender Befunde gekennzeichnet ist:
- Massive Proteinurie: vermehrte Ausscheidung von Proteinen (Eiweißen) im Urin > 3,5 g/Tag (physiologisch < 150 mg/Tag)
- Hypoalbuminämie: erniedrigte Konzentration von Albumin im Serum
- Hyperlipidämie: Störung des Fettstoffwechsels mit erhöhten Blutfettwerten
- Generalisierte Ödeme: Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe
Der Verlust von Albumin ist klinisch besonders bedeutsam, da es eine zentrale Rolle im Flüssigkeitshaushalt, im Transport wichtiger Substanzen sowie in der Regulation des Stoffwechsels spielt. Sinkt der Albuminspiegel, kann weniger Flüssigkeit im Gefäßsystem gehalten werden. In der Folge tritt vermehrt Wasser in das Gewebe über. Dies führt zur Ausbildung von Ödemen, die häufig zunächst im Bereich der Augenlider und Unterschenkel auftreten und sich im Verlauf auf den gesamten Körper ausbreiten können (Anasarka). Gleichzeitig kommt es zu Störungen des Fettstoffwechsels sowie zu einem erhöhten Risiko für thromboembolische Ereignisse.
Parallel reagiert die Leber kompensatorisch mit einer gesteigerten Synthese von Lipoproteinen, was die typische Hyperlipidämie erklärt. Zudem kommt es häufig zu Veränderungen der Blutgerinnung im Sinne einer Hyperkoagulabilität (erhöhte Gerinnungsneigung mit gesteigertem Risiko für Thrombosen) sowie zu einem erhöhten Infektionsrisiko.
Die häufigsten Ursachen sind primäre glomeruläre Erkrankungen (z. B. Minimal-Change-Glomerulopathie, membranöse Nephropathie) sowie sekundäre Formen (z. B. diabetische Nephropathie, systemische Erkrankungen).
Die Ernährungstherapie ist ein integraler Bestandteil des Gesamtkonzepts, da sie gezielt in zentrale pathophysiologische Mechanismen eingreift, insbesondere in den Proteinverlust, die Ödembildung, den Lipidstoffwechsel und die metabolische Belastung der Niere.
Wissenschaftliche Grundlagen
Die Ernährungstherapie beim nephrotischen Syndrom hat sich im Laufe der Zeit deutlich weiterentwickelt. Während früher häufig eine strikte Proteinrestriktion empfohlen wurde, zeigen aktuelle Leitlinien, dass ein ausgewogenes und individuell angepasstes Vorgehen entscheidend ist. Grundlage hierfür ist das Verständnis der glomerulären Hämodynamik, welche die Blutströmung und Druckverhältnisse innerhalb der Nierenkörperchen (Glomeruli) beschreibt und damit die Filtration des Blutes wesentlich bestimmt. Eine hohe Proteinzufuhr kann diesen Filtrationsdruck erhöhen, wodurch die Filtrationsbarriere stärker belastet wird und vermehrt Proteine in den Urin übertreten (Proteinurie).
Gleichzeitig darf die Proteinzufuhr nicht zu stark eingeschränkt werden, da Patienten mit nephrotischem Syndrom durch den kontinuierlichen Proteinverlust ein erhöhtes Risiko für eine negative Stickstoffbilanz und Muskelabbau haben. Moderne Ernährungskonzepte verfolgen daher eine moderate Proteinzufuhr im Bereich von etwa 0,8-1,0 g/kg Körpergewicht pro Tag [1, 2].
Bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz (reduzierte glomeruläre Filtrationsrate) kann eine weitere Anpassung erforderlich sein, orientiert an den Empfehlungen für chronische Nierenerkrankungen.
Ein weiterer zentraler pathophysiologischer Mechanismus ist die Natriumretention, also die vermehrte Rückhaltung von Natrium (Salz) im Körper, insbesondere in der Niere. Durch die Aktivierung des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS) sowie durch direkte tubuläre Mechanismen kommt es zu einer verstärkten Rückresorption von Natrium und Wasser. Dies trägt wesentlich zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Ödemen bei. Eine Reduktion der Natriumzufuhr stellt daher eine der effektivsten nichtmedikamentösen Maßnahmen zur Ödemkontrolle dar [1].
Zusätzlich spielt die Hyperlipidämie eine zentrale Rolle, da sie langfristig das kardiovaskuläre Risiko erhöht. Ernährungsstrategien orientieren sich daher an kardioprotektiven Ernährungsmustern mit einer Reduktion gesättigter Fettsäuren und einer Förderung einfach und mehrfach ungesättigter Fettsäuren [3].
Zielsetzung der Ernährungstherapie
Die Ernährungstherapie verfolgt mehrere eng miteinander verknüpfte Ziele. Im Vordergrund stehen die Reduktion der Proteinurie sowie die Stabilisierung des Serumalbumins, da diese Parameter eng mit dem Krankheitsverlauf und der Prognose verbunden sind. Gleichzeitig soll die Ödembildung reduziert werden, was maßgeblich durch eine kontrollierte Natriumzufuhr beeinflusst wird.
Ein weiteres wesentliches Ziel ist die Behandlung der Hyperlipidämie, um das erhöhte kardiovaskuläre Risiko zu senken. Ferner soll eine ausreichende Energiezufuhr sichergestellt werden, um katabole Stoffwechsellagen und Muskelabbau zu vermeiden.
Die leitlinienbasierte Logik folgt dabei einem klaren Schema:
- Bei bestehender Proteinurie und Ödemen erfolgt eine gezielte Anpassung der Protein- und Natriumzufuhr, ergänzt durch eine Optimierung der Fettqualität.
- Der Verlauf wird regelmäßig anhand von Laborparametern (Albumin, Lipide), klinischen Befunden (Ödeme, Gewicht) und der Proteinurie überwacht.
- Risiken bestehen insbesondere in einer möglichen Mangelernährung oder Elektrolytverschiebungen bei unzureichender Anpassung [1, 2].
Kurzfristig steht die Symptomkontrolle im Vordergrund, langfristig die Verlangsamung der Krankheitsprogression und die Verbesserung der Gesamtprognose.
Grundprinzipien
Die Ernährungstherapie basiert auf wenigen, aber entscheidenden Prinzipien:
- einer moderaten Proteinzufuhr,
- einer konsequenten Natriumreduktion,
- einer ausreichenden Energiezufuhr,
- einer Optimierung der Fettqualität.
Die Proteinzufuhr sollte weder zu hoch noch zu niedrig sein. Eine moderate Zufuhr verhindert sowohl eine Verschlechterung der Proteinurie als auch eine Mangelernährung. Gleichzeitig ist eine gleichmäßige Verteilung der Proteinzufuhr über den Tag sinnvoll, um metabolische Belastungsspitzen zu vermeiden.
Die Natriumzufuhr sollte in der Regel auf etwa 2-3 g (≈ 5-6 g Kochsalz pro Tag) pro Tag begrenzt werden. Entscheidend ist hierbei nicht nur das Weglassen von Kochsalz, sondern vor allem die Reduktion versteckter Salze in verarbeiteten Lebensmitteln.
Die Fettzufuhr sollte qualitativ optimiert werden: Gesättigte Fettsäuren werden reduziert, während einfach und mehrfach ungesättigte Fettsäuren bevorzugt werden. Dies trägt zur Verbesserung der Lipidparameter bei.
Angestrebte Wirkmechanismen
Die Ernährungstherapie wirkt über mehrere pathophysiologische Mechanismen gleichzeitig. Eine reduzierte Proteinaufnahme führt zu einer Abnahme des intraglomerulären Drucks (Druck innerhalb der feinen Blutgefäße (Kapillaren) der Nierenkörperchen (Glomeruli), der die Filtration des Blutes antreibt) und kann so die Proteinurie verringern. Dies ist ein zentraler Ansatz zur Verlangsamung der Progression (Fortschreiten) der Nierenerkrankung [2].
Die Natriumrestriktion beeinflusst direkt den Flüssigkeitshaushalt. Durch eine geringere Natriumzufuhr wird die Wasserretention reduziert, was zu einer Abnahme der Ödeme führt. Dieser Effekt ist klinisch besonders relevant und oft schnell sichtbar.
Die Anpassung der Fettzufuhr wirkt sich auf den Lipidstoffwechsel aus. Eine Reduktion gesättigter Fettsäuren und eine erhöhte Aufnahme ungesättigter Fettsäuren können die Hyperlipidämie positiv beeinflussen und somit das kardiovaskuläre Risiko senken [3].
Zusätzlich werden antiinflammatorische (entzündungshemmende) Effekte pflanzenbasierter Ernährungsanteile diskutiert, ebenso wie günstige Effekte auf die Darmmikrobiota (Darmflora). Diese Mechanismen sind plausibel, jedoch teilweise noch nicht abschließend belegt.
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Geeignete Zielgruppen
- Erwachsene mit primärem oder sekundärem nephrotischem Syndrom
- Kinder (unter pädiatrischer Betreuung)
- Patienten mit stabiler Nierenfunktion
Eingeschränkte Eignung
- Fortgeschrittene Niereninsuffizienz (Nierenschwäche)
- Schwere Mangelernährung
Indikationsbezogene Eignung
- Glomerulonephritiden – Gruppe von Erkrankungen, die durch eine Entzündung der Nierenkörperchen (Glomeruli) gekennzeichnet sind. Sie führen zu einer Schädigung der glomerulären Filtrationsbarriere und damit zu Funktionsstörungen der Niere.
- Diabetische Nephropathie (Nierenerkrankung infolge eines unzureichend eingestellten Diabetes mellitus)
Komorbiditäten (Begleiterkrankungen)
- Hyperlipidämie (Fettstoffwechselstörung)
- Fortgeschrittene Niereninsuffizienz (CKD) – Bei zusätzlicher Einschränkung der Nierenfunktion können weitere diätetische Anpassungen erforderlich werden. Die Flüssigkeitszufuhr sollte individuell an Diurese und Ödemausprägung angepasst werden. Eine pauschale Empfehlung ist nicht sinnvoll.
Eine Einschränkung der Phosphatzufuhr wird in der Regel erst bei fortgeschrittener CKD relevant und orientiert sich an den entsprechenden Leitlinien. Phosphatreiche Lebensmittel (z. B. Schmelzkäse, stark verarbeitete Produkte, Nüsse) sollten dann reduziert werden. - Hypertonie (Bluthochdruck)
Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie
Eine moderate Proteinzufuhr bedeutet konkret, täglich etwa 0,8-1,0 g Protein pro kg Körpergewicht aufzunehmen und diese Menge gleichmäßig über den Tag zu verteilen. Praktisch heißt das: Statt einer sehr eiweißreichen Hauptmahlzeit (z. B. großes Fleischgericht am Abend) sollten kleinere Proteinmengen in jede Mahlzeit integriert werden, etwa Joghurt oder Ei zum Frühstück, eine moderate Portion Fisch oder Hülsenfrüchte zum Mittag und eine leichtere eiweißhaltige Mahlzeit am Abend. Große Proteinspitzen sollten vermieden werden, da sie die Niere zusätzlich belasten können.
Die konsequente Natriumreduktion ist einer der wichtigsten Hebel zur Kontrolle von Ödemen. Ziel sind etwa 5-6 g Kochsalz pro Tag. In der Praxis bedeutet das weniger das Weglassen des Salzstreuers, sondern vor allem die Reduktion versteckter Salzquellen.
Eine ausreichende Energiezufuhr ist essentiell, um Muskelabbau und eine negative Stoffwechsellage zu vermeiden. Als Richtwert gelten in der Regel etwa 25-35 kcal pro kg Körpergewicht und Tag, abhängig von Alter, Aktivitätsniveau und Krankheitszustand. Bei normalgewichtigen, wenig aktiven Patienten liegt der Bedarf meist im Bereich von 25-30 kcal/kg KG/Tag, bei erhöhtem Bedarf (z. B. Entzündung, Untergewicht) entsprechend höher.
Viele Patienten nehmen durch Appetitminderung oder diätetische Einschränkungen unbewusst zu wenig Energie auf. Praktisch bedeutet dies, regelmäßig zu essen (3 Hauptmahlzeiten, ggf. kleine Zwischenmahlzeiten) und gezielt energiehaltige, aber qualitativ hochwertige Lebensmittel einzubauen, z. B. Vollkornprodukte, pflanzliche Fette (Olivenöl, Nüsse) oder energiereiche Snacks wie Joghurt mit Nüssen.
Ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust sollte vermieden werden. Als Warnsignal gilt ein Gewichtsverlust von > 5 % innerhalb von 3 Monaten, der eine Anpassung der Energiezufuhr erforderlich macht.
Die Optimierung der Fettqualität zielt vor allem auf die häufig bestehende Hyperlipidämie ab. In der Praxis bedeutet dies, gesättigte Fettsäuren zu reduzieren (z. B. fettes Fleisch, Wurst, Butter) und stattdessen ungesättigte Fettsäuren zu bevorzugen. Konkret: häufiger Fisch (insbesondere fettreicher Seefisch), Verwendung von pflanzlichen Ölen wie Oliven- oder Rapsöl, sowie regelmäßiger Verzehr von Nüssen und Samen. Diese einfachen Umstellungen lassen sich gut in den Alltag integrieren und haben einen messbaren Effekt auf die Blutfettwerte.
Empfohlene Lebensmittel
Die Lebensmittelauswahl orientiert sich an einer proteinangepassten, natriumarmen und herzgesunden Ernährung. Ziel ist es, die Niere zu entlasten, Ödeme zu reduzieren und gleichzeitig den Ernährungszustand stabil zu halten.
- Pflanzliche Proteinquellen
Hülsenfrüchte (z. B. Linsen, Kichererbsen, Bohnen), Tofu, Nüsse und Samen liefern hochwertiges Protein bei gleichzeitig günstiger metabolischer Wirkung. Sie sind häufig mit einer geringeren Säurelast und positiven Effekten auf den Stoffwechsel assoziiert. - Hochwertige tierische Proteinquellen
Fisch (insbesondere fettreicher Seefisch wie Lachs, Makrele, Hering), Eier sowie fettarme Milchprodukte liefern gut verfügbares Protein. Fisch bietet zusätzlich Omega-3-Fettsäuren (Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA)), die sich günstig auf Entzündungsprozesse und den Fettstoffwechsel auswirken können. - Gemüse und Obst
Reich an Ballaststoffen, Vitaminen und sekundären Pflanzenstoffen. Besonders empfehlenswert sind kaliumreiche und antioxidativ wirksame Lebensmittel wie Beeren, grünes Blattgemüse, Brokkoli oder Paprika (unter Berücksichtigung der individuellen Nierenfunktion). - Vollkornprodukte
Vollkornbrot, Haferflocken, Naturreis oder Vollkornnudeln liefern komplexe Kohlenhydrate und tragen zur stabilen Energieversorgung bei. Sie fördern zudem die Sättigung und unterstützen eine gleichmäßige Stoffwechsellage. - Ungesättigte Fette
Pflanzliche Öle (insbesondere Oliven- und Rapsöl), Nüsse, Samen sowie fettreicher Fisch liefern einfach und mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Diese wirken sich positiv auf die Blutfettwerte aus und sind daher bei Hyperlipidämie besonders relevant.
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
Bestimmte Lebensmittel sollten aufgrund ihres Einflusses auf Ödeme, Blutdruck und Fettstoffwechsel reduziert oder vermieden werden.
Ausgeschlossen bzw. möglichst zu vermeiden
- Stark salzhaltige Lebensmittel
Fertiggerichte, Instantprodukte, Chips, Salzgebäck, stark verarbeitete Fleischprodukte - Fast Food und stark industriell verarbeitete Produkte
Oft hohe Mengen an Salz, gesättigten Fettsäuren und Zusatzstoffen
Eingeschränkt zu verzehren
- Gesättigte Fettsäuren
Fettes Fleisch, Wurstwaren, Butter, Sahne → fördern Hyperlipidämie - Salzreiche Grundnahrungsmittel
Brot, Käse und verarbeitete Lebensmittel → häufig unterschätzte Hauptquellen der Salzaufnahme - Zuckerreiche und stark verarbeitete Lebensmittel
Süßigkeiten, Softdrinks, Fertigbackwaren → ungünstig für Stoffwechsel und Gewicht
Genussmittelkonsum
Tabak (Rauchen)
- Erhöht kardiovaskuläres Risiko
- Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz.
Alkohol
- Empfehlung: moderater Konsum oder Verzicht
- Niedrigrisikokonsum (Erwachsene, ohne relevante Vorerkrankungen/Interaktionen):
- Frauen: maximal 10-12 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
- Männer: maximal 20-24 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
- Niedrigrisikokonsum (Erwachsene, ohne relevante Vorerkrankungen/Interaktionen):
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Die langfristige Umsetzung gelingt am besten durch einfache, alltagstaugliche Strategien, die sich ohne großen Aufwand in den Tagesablauf integrieren lassen.
Salzfallen im Alltag erkennen
Ein Großteil der Salzaufnahme erfolgt unbewusst über häufig konsumierte Lebensmittel. Besonders relevant sind Brot, Käse und Wurstwaren sowie Restaurant- und Kantinenessen. Gerade bei regelmäßigem Verzehr summiert sich die Salzmenge schnell. Ein bewusster Umgang mit diesen Lebensmitteln – z. B. kleinere Portionen oder gezielte Auswahl salzarmer Varianten – kann die tägliche Salzaufnahme deutlich senken.
Produkte gezielt vergleichen
Beim Einkauf lohnt sich ein kurzer Vergleich ähnlicher Produkte. Der Salzgehalt kann je nach Hersteller stark variieren. Besonders bei Brot, Käse und Fertigprodukten lassen sich durch bewusste Auswahl oft ohne Einschränkung im Geschmack relevante Mengen einsparen.
Geschmack bewusst anpassen
Eine salzärmere Ernährung erfordert meist eine kurze Umstellungsphase. Der Geschmackssinn passt sich jedoch schnell an. Nach einigen Wochen wird ein geringerer Salzgehalt oft als vollkommen ausreichend empfunden. Diese Anpassung ist ein entscheidender Faktor für die langfristige Umsetzung.
Mahlzeiten flexibel gestalten
Im Alltag ist es hilfreich, Mahlzeiten nicht zu kompliziert zu planen. Einfache Kombinationen aus Grundnahrungsmitteln (z. B. Gemüse, Beilage, Proteinquelle) erleichtern die Umsetzung und reduzieren die Abhängigkeit von stark verarbeiteten Produkten.
Bewusste Entscheidungen außer Haus
Beim Essen im Restaurant oder in der Kantine ist eine gezielte Auswahl sinnvoll. Einfache Maßnahmen wie das Bevorzugen frisch zubereiteter Gerichte oder das Weglassen stark gesalzener Beilagen können die Salzaufnahme deutlich reduzieren.
Ernährungsphysiologische Bewertung
Die Ernährung beim nephrotischen Syndrom stellt einen sensiblen Balanceakt dar. Einerseits besteht durch die Proteinurie ein erhöhter Proteinverlust, andererseits kann eine übermäßige Proteinzufuhr die glomeruläre Schädigung verstärken. Eine moderate Proteinzufuhr ermöglicht es, eine negative Stickstoffbilanz zu vermeiden, ohne die Nieren zusätzlich zu belasten [2].
Die Energiezufuhr sollte ausreichend sein, da ein kalorisches Defizit zu einem katabolen Stoffwechsel mit Muskelabbau führt. Dies ist besonders relevant, da Patienten bereits durch den Proteinverlust gefährdet sind.
Die Fettzufuhr spielt eine zentrale Rolle im Hinblick auf die häufig bestehende Hyperlipidämie. Eine Ernährung mit hohem Anteil an ungesättigten Fettsäuren kann die Lipidparameter verbessern und das kardiovaskuläre Risiko reduzieren [3].
Mikronährstoffseitig (Vitalstoffe) können insbesondere Verluste von Vitamin D und Spurenelementen auftreten, da diese teilweise an Proteine gebunden sind. Zudem können Elektrolytveränderungen durch Diuretika entstehen, was eine regelmäßige Kontrolle erforderlich macht.
Langfristig ist die Ernährung ausgewogen und gut umsetzbar, sofern sie individuell angepasst und regelmäßig überprüft wird.
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Eine falsch umgesetzte Ernährungstherapie kann sowohl kurzfristige als auch langfristige Risiken mit sich bringen. Eine zu starke Proteinrestriktion führt rasch zu einer negativen Stickstoffbilanz mit Muskelabbau, Immunschwäche und verzögerter Regeneration. Dies ist insbesondere bei fortbestehender Proteinurie klinisch relevant.
Allerdings kann eine zu hohe Proteinzufuhr die intraglomeruläre Druckbelastung erhöhen und die Proteinurie verstärken, was langfristig die Progression der Nierenerkrankung begünstigt [2].
Die Natriumrestriktion ist grundsätzlich sinnvoll, kann jedoch bei übermäßiger Einschränkung oder in Kombination mit Diuretika zu Elektrolytstörungen führen. Besonders relevant sind Hyponatriämie (erniedrigter Natriumspiegel im Blut) und Veränderungen im Kaliumhaushalt.
Ein weiteres Risiko besteht in der unzureichenden Kontrolle der Hyperlipidämie, die langfristig das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse erhöht. Hier ist die Ernährung ein wichtiger, aber oft unterschätzter therapeutischer Baustein [3].
Zusätzlich müssen Wechselwirkungen mit Medikamenten berücksichtigt werden, insbesondere bei Diuretika (entwässernde Medikamente), ACE-Hemmern (blutdrucksenkende Medikamente) oder Antikoagulantien (Blutverdünner). Eine enge ärztliche Begleitung ist daher essentiell.
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Absolute Kontraindikationen
- Keine
Relative Kontraindikationen
- Schwere Mangelernährung
- Fortgeschrittene chronische Nierenerkrankung (CKD)
Vorteile
- Reduktion von Ödemen
- Verbesserung der Stoffwechsellage
- Unterstützung der medikamentösen Therapie
Grenzen
- Begrenzte Evidenz für einzelne Ernährungsformen
- Hohe Compliance erforderlich
- Individuelle Unterschiede
Wissenschaftliche Einordnung
Die Ernährungstherapie beim nephrotischen Syndrom ist in internationalen Leitlinien, insbesondere der KDIGO-Leitlinie, fest verankert. Diese empfiehlt eine moderate Proteinzufuhr sowie eine konsequente Natriumrestriktion als zentrale Maßnahmen [1].
Die Evidenzlage basiert überwiegend auf Studien zu chronischen Nierenerkrankungen, da spezifische randomisierte Studien zum nephrotischen Syndrom begrenzt sind. Dennoch sind die zugrunde liegenden pathophysiologischen Mechanismen gut belegt, insbesondere hinsichtlich Proteinmetabolismus und Natriumhaushalt [2].
Beobachtungsstudien zeigen zudem Vorteile pflanzenbasierter Ernährungsformen und kardioprotektiver Ernährungsmuster, insbesondere im Hinblick auf Entzündungsprozesse und Lipidstoffwechsel [3].
Insgesamt besteht eine solide, wenn auch teilweise indirekte Evidenzbasis mit hoher klinischer Plausibilität.
Fazit
Die Ernährungstherapie ist ein zentraler Bestandteil der Behandlung des nephrotischen Syndroms und sollte konsequent in das Gesamtkonzept integriert werden.
Kurzfristig ermöglicht sie eine effektive Kontrolle von Ödemen und unterstützt die Stabilisierung des Serumalbumins. Langfristig trägt sie zur Verlangsamung der Krankheitsprogression und zur Reduktion kardiovaskulärer Risiken bei.
Entscheidend ist eine ausgewogene, proteinangepasste und natriumarme Ernährung mit Fokus auf Qualität statt Restriktion. Extreme Diäten sind nicht sinnvoll und können sogar schaden.
Im Vergleich zu anderen Ernährungstherapien ist der Ansatz differenziert, individuell und gut alltagstauglich – vorausgesetzt, er wird strukturiert umgesetzt und medizinisch begleitet.
Literatur
- Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) Glomerular Diseases Work Group: KDIGO 2021 Clinical Practice Guideline for the Management of Glomerular Diseases. Kidney Int. 2021 Oct;100(4S):S1-S276. doi: 10.1016/j.kint.2021.05.021.
- Ikizler TA, Burrowes JD, Byham-Gray LD et al.: KDOQI Clinical Practice Guideline for Nutrition in CKD: 2020 Update. Am J Kidney Dis. 2020 Sep;76(3 Suppl 1):S1-S107. doi: 10.1053/j.ajkd.2020.05.006.
- Kelly JT, Palmer SC, Wai SN, Ruospo M, Carrero JJ, Campbell KL et al.: Healthy Dietary Patterns and Risk of Mortality and ESRD in CKD: A Meta-Analysis of Cohort Studies. Clin J Am Soc Nephrol. 2017 Feb 7;12(2):272-279. doi: 10.2215/CJN.06190616.