Ernährungstherapie bei Hypotonie (niedriger Blutdruck)
Hypotonie bezeichnet einen dauerhaft oder episodisch erniedrigten Blutdruck, üblicherweise definiert als systolisch (oberer Blutdruckwert) < 90 mmHg und/oder diastolisch (unterer Blutdruckwert) < 60 mmHg. Klinische Relevanz besteht insbesondere bei begleitenden Symptomen wie Schwindel, Benommenheit, orthostatischer Intoleranz (Kreislaufbeschwerden beim Aufstehen), Leistungsminderung oder Synkopen (Bewusstseinsverlust). Die orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen) stellt die häufigste klinisch relevante Form dar.
Wissenschaftliche Grundlagen
Der Blutdruck wird nicht ausschließlich durch Medikamente beeinflusst, sondern wesentlich durch den Flüssigkeits‑ und Elektrolythaushalt sowie die Kreislaufregulation – genau hier setzt die Ernährungstherapie bei Hypotonie an. Hypotonie wurde lange Zeit als klinisch wenig relevant angesehen. Erst mit der zunehmenden Evidenz zu Sturzrisiko, Frailty (Gebrechlichkeit) und Mortalität (Sterblichkeit) – insbesondere bei älteren Menschen – rückte sie stärker in den Fokus internistischer und geriatrischer Leitlinien [1, 2].
Eine Hypotonie (niedriger Blutdruck) entsteht häufig durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren: Zum einen kann das zirkulierende Blutvolumen vermindert sein (beispielsweise bei unzureichender Flüssigkeitszufuhr), zum anderen ist oft die Spannung (Tonus) der Blutgefäße reduziert, sodass diese zu weit gestellt bleiben. Zusätzlich kann die körpereigene Blutdruckregulation (Baroreflex) eingeschränkt sein, wodurch schnelle Anpassungen des Blutdrucks – etwa beim Aufstehen – nicht ausreichend erfolgen. Dadurch sinkt der Blutdruck insgesamt oder kann nicht stabil gehalten werden. Diese Mechanismen werden durch Dehydratation (Mangel an Körperwasser), salzarme Kost, große Mahlzeiten, Alkohol oder bestimmte Medikamente zusätzlich verstärkt. Ernährungstherapeutische Interventionen zielen daher primär auf eine Stabilisierung des Volumenstatus, eine Optimierung der Natriumverfügbarkeit sowie eine Reduktion postprandialer Blutdruckabfälle (tritt nach dem Essen auf) ab [1, 3].
Zentrale Annahme ist, dass gezielte Anpassungen von Flüssigkeitszufuhr, Salzaufnahme und Mahlzeitenstruktur pathophysiologisch relevante Trigger der Hypotonie günstig beeinflussen können. Diese Annahmen werden durch systematische Übersichtsarbeiten und Leitlinien gestützt, auch wenn die Evidenzqualität insgesamt als moderat einzustufen ist [1, 4].
Zielsetzung der Ernährungstherapie
Die Ernährungstherapie verfolgt das Ziel, hypotoniebedingte Symptome zu lindern und funktionelle Einschränkungen im Alltag zu reduzieren. Primäre therapeutische Zielparameter sind der Blutdruck im Liegen und Stehen, die orthostatische Blutdruckdifferenz sowie die Häufigkeit von Schwindel‑, Synkopen‑ und Sturzereignissen.
Sekundäre Ziele umfassen eine Verbesserung der Lebensqualität, eine Steigerung der körperlichen Belastbarkeit sowie – in geeigneten Fällen – eine Reduktion der medikamentösen Therapie [1, 2].
Leitlinien folgen dabei einer klaren Logik: Bei symptomatischer Hypotonie erfolgt zunächst die Indikationsstellung, anschließend die Implementierung nicht‑pharmakologischer Maßnahmen (Flüssigkeits‑, Salz‑ und Ernährungsanpassung), begleitet von einem strukturierten Monitoring (Blutdruck, Gewicht, Elektrolyte) und einer fortlaufenden Bewertung potentieller Risiken wie Volumenüberlastung oder Elektrolytstörungen [1, 4].
Kurzfristig steht die Symptomkontrolle im Vordergrund, langfristig die sichere Alltagsstabilität.
Grundprinzipien
Die Ernährungstherapie bei Hypotonie folgt wenigen, klaren Grundregeln. Im Mittelpunkt steht eine ausreichende und gleichmäßig über den Tag verteilte Flüssigkeitszufuhr, da ein zu geringes Trinkvolumen zu einem verminderten Blutvolumen und damit zu einem Abfall des Blutdrucks führen kann.
Ergänzend ist – sofern keine Kontraindikationen (Gegenanzeigen) bestehen – eine moderate Erhöhung der Natriumzufuhr sinnvoll, da Natrium hilft, Flüssigkeit im Körper zu halten und so den Kreislauf zu stabilisieren [1, 3].
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Struktur der Mahlzeiten. Empfohlen werden kleinere, häufiger verzehrte Mahlzeiten, da sehr große Mahlzeiten den Blutfluss in den Verdauungstrakt verlagern und dadurch insbesondere bei älteren Menschen einen zusätzlichen Blutdruckabfall auslösen können. Aus diesem Grund sollten lange Nüchternphasen ebenso vermieden werden wie üppige, sehr große Mahlzeiten.
Angestrebte Wirkmechanismen
Ernährungstherapeutische Maßnahmen zielen primär auf eine Erhöhung des intravasalen Volumens ab. Eine gesteigerte Flüssigkeitszufuhr erhöht kurzfristig das Plasmavolumen und verbessert die orthostatische Toleranz.
Natrium unterstützt die renale Wasserretention und stabilisiert so den Blutdruck.
Eine gleichmäßige Mahlzeitenverteilung reduziert die splanchnische Blutumverteilung und damit das Risiko postprandialer Hypotonie [1, 2].
Koffein kann über sympathomimetische Effekte kurzfristig zu einer leichten Blutdrucksteigerung führen, eignet sich jedoch nicht als Dauertherapie.
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Geeignete Zielgruppen
- Erwachsene mit orthostatischer Hypotonie
- Geriatrische Patienten
- Personen mit Volumenmangel
- Schwangere unter ärztlicher Begleitung
Eingeschränkte Eignung
- Herzinsuffizienz
- Chronische Nierenerkrankung
- Salzsensitive Personen
Indikationsbezogene Eignung
- Orthostatische Hypotonie
- Medikamenteninduzierte Hypotonie
- Postprandiale Hypotonie
Relevante Komorbiditäten (Begleiterkrankung)
- Diabetes mellitus
- Parkinson‑Syndrome
- Polypharmazie
Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie
Die Ernährungstherapie bei Hypotonie zielt in erster Linie darauf ab, das zirkulierende Blutvolumen zu erhöhen und zu stabilisieren. Eine gesteigerte Flüssigkeitszufuhr führt kurzfristig zu einer Zunahme des Plasmavolumens und verbessert dadurch die Durchblutung lebenswichtiger Organe. Dies wirkt sich insbesondere günstig auf die orthostatische Toleranz aus, also auf die Fähigkeit des Kreislaufs, sich beim Aufstehen rasch an die veränderte Körperlage anzupassen.
Eine ausreichende Natriumzufuhr unterstützt diesen Effekt, da Natrium die Wasserbindung im Körper fördert. Über die Niere wird weniger Flüssigkeit ausgeschieden, wodurch das Blutvolumen länger erhalten bleibt und der Blutdruck stabilisiert werden kann. Dieser Mechanismus ist besonders relevant bei Personen mit niedrigem Blutdruck infolge von Flüssigkeitsmangel oder verminderter Salzaufnahme.
Ferner spielt die Mahlzeitenstruktur eine wichtige Rolle. Eine gleichmäßige Verteilung der Nahrungsaufnahme mit kleineren, häufigeren Mahlzeiten reduziert die ausgeprägte Blutumverteilung in den Verdauungstrakt nach dem Essen. Dadurch sinkt das Risiko einer postprandialen Hypotonie, also eines Blutdruckabfalls nach Mahlzeiten, der insbesondere bei älteren Menschen häufig beobachtet wird [1, 2].
Koffein kann über eine kurzfristige Aktivierung des sympathischen Nervensystems zu einer vorübergehenden leichten Blutdrucksteigerung führen. Dieser Effekt ist zeitlich begrenzt und individuell unterschiedlich ausgeprägt, weshalb Koffein allenfalls unterstützend, jedoch nicht als dauerhafte therapeutische Maßnahme geeignet ist.
Empfohlene Lebensmittel
Eine gezielte Lebensmittelauswahl unterstützt die Stabilisierung des Blutvolumens und des Elektrolythaushalts und trägt damit wesentlich zur Linderung hypotoniebedingter Beschwerden bei. Entscheidend ist eine alltagstaugliche Auswahl geeigneter Lebensmittel.
- Natriumhaltige Mineralwässer
Natriumreiche Mineralwässer (≥ 200 mg Natrium/Liter) tragen dazu bei, Flüssigkeit im Körper zu halten und das zirkulierende Blutvolumen zu erhöhen. Sie eignen sich besonders gut zur gleichmäßigen Flüssigkeitszufuhr über den Tag und sind einer rein natriumarmen Wasserzufuhr bei Hypotonie klar vorzuziehen. - Suppen und Brühen
Klare Gemüse‑, Fleisch‑ oder Knochenbrühen liefern gleichzeitig Flüssigkeit und Natrium und wirken dadurch besonders effektiv kreislaufstabilisierend. Sie sind gut verträglich, leicht zu integrieren und eignen sich auch bei reduziertem Appetit, etwa bei älteren Menschen oder in Phasen allgemeiner Schwäche. - Milchprodukte, Eier und Fisch
Diese Lebensmittel liefern hochwertiges Protein und unterstützen die Erhaltung der Muskelmasse, was indirekt die Kreislaufstabilität fördert. Milchprodukte tragen zusätzlich zur Flüssigkeitszufuhr bei. Fisch liefert darüber hinaus essentielle Fettsäuren – Omega-3-Fettsäuren (Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA)) –, die die Gefäßfunktion unterstützen können. - Salzhaltige Beilagen in moderaten Mengen
Beispielsweise gesalzene Nüsse oder belegte Brote mit moderat gesalzenem Belag können gezielt eingesetzt werden, um die Natriumzufuhr alltagstauglich zu erhöhen, ohne auf stark verarbeitete Produkte zurückzugreifen.
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
Bestimmte Lebensmittel und Essgewohnheiten können hypotoniebedingte Symptome verstärken, da sie den Blutdruck zusätzlich absenken oder ungünstige Blutverteilungsreaktionen auslösen. Diese sollten daher bewusst reduziert oder vermieden werden.
- Sehr große, fettreiche Mahlzeiten
Üppige Mahlzeiten, insbesondere mit hohem Fettanteil, führen zu einer ausgeprägten Blutumverteilung im Verdauungstrakt. Dies kann einen deutlichen Blutdruckabfall nach dem Essen (postprandiale Hypotonie) begünstigen, vor allem bei älteren Menschen. - Stark zuckerhaltige Speisen und Getränke
Lebensmittel mit hohem Zuckeranteil können zu raschen Blutzuckerschwankungen führen und dadurch Kreislaufbeschwerden verstärken. Zudem fördern sie eine schnelle Magenentleerung und können die postprandiale Blutdrucksenkung begünstigen. - Energydrinks
Energydrinks enthalten häufig hohe Mengen Koffein in Kombination mit Zucker. Während Koffein kurzfristig den Blutdruck anheben kann, kommt es nicht selten zu einem raschen Wirkungsabfall oder zu Herzklopfen und Unruhe, was die subjektiven Beschwerden eher verstärkt als verbessert.
Genussmittelkonsum
Tabak (Rauchen)
- Verschlechterung der Gefäßregulation
- Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz
Alkohol
- Übermäßiger Alkoholkonsum (> 20 g/Tag bei Frauen, > 30 g/Tag bei Männern – z. B. mehr als 2 Gläser Sekt oder Wein bei Frauen bzw. mehr als 3 Gläser bei Männern oder jeweils etwa 0,5-1 l Bier) führt zu einer Vasodilatation (Gefäßerweiterung) und damit zu einer kurzfristigen Blutdrucksenkung.
- Empfehlung: Reduktion oder Verzicht
- Niedrigrisikokonsum (Erwachsene, ohne relevante Vorerkrankungen/Interaktionen):
- Frauen: maximal 10-12 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
- Männer: maximal 20-24 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
Koffein
- Bei regelmäßigem Konsum von Kaffee oder koffeinhaltigen Getränken kann ein plötzlicher Verzicht Symptome wie Hypotonie und Schwindel verstärken.
Warum manche Sekt als „hilfreich“ empfinden: Das kurzzeitige Gefühl einer Besserung beruht meist auf einer leichten Aktivierung, Kohlensäure, Geschmack und Situation (z. B. Sitzen, Essen), nicht auf einer echten kreislaufstabilisierenden Wirkung. Medizinisch ist dieser Effekt nicht verlässlich und nicht therapeutisch nutzbar.
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Ziel ist es, Kreislaufbelastungen vorzubeugen, ohne den Tagesablauf unnötig zu verkomplizieren.
Einkauf und Vorratshaltung
Es hat sich bewährt, gezielt natriumreiche Mineralwässer (z. B. ≥ 200 mg Natrium/Liter) einzukaufen und gut sichtbar zu lagern. Ebenso sinnvoll ist es, Suppen‑ oder Brühenzutaten regelmäßig vorrätig zu haben, um bei Bedarf schnell eine salzhaltige Flüssigkeit zur Verfügung zu haben.
Kochsalz (Speisesalz) kann zusätzlich gezielt eingesetzt werden, wenn keine Kontraindikationen bestehen. Gemeint ist normales Haushalts‑/Jodsalz, keine speziellen Diätsalze. Eine bewusste, moderate Verwendung beim Kochen oder Nachwürzen ist in der Regel ausreichend.
Getränkemanagement im Alltag
Eine Trinkflasche in Griffnähe (Arbeitsplatz, Tasche, Auto) unterstützt eine gleichmäßige Flüssigkeitszufuhr. Angestrebt wird in der Regel eine Trinkmenge von etwa 1,5-2,0 Liter pro Tag, bei Hitze, körperlicher Aktivität oder vermehrtem Schwitzen entsprechend mehr. Diese Menge sollte gleichmäßig über den Tag verteilt aufgenommen werden. Besonders hilfreich sind feste Trinkzeiten, da das Durstgefühl – vor allem bei älteren Menschen – kein zuverlässiger Indikator ist. Bewährt haben sich:
- Direkt nach dem Aufstehen: ca. 2 Gläser (400 ml) – wirkt oft rasch kreislaufstabilisierend
- Zu jeder Mahlzeit: jeweils 200-300 ml
- Am Nachmittag: nochmals 300-500 ml, um Leistungstiefs und Schwindel vorzubeugen
Bei ausgeprägter Hypotonie kann zusätzlich eine gezielte Flüssigkeitsmenge von etwa 500 ml Wasser sinnvoll sein (z. B. vor längerem Stehen oder morgens), sofern keine Gegenanzeigen bestehen. Wichtig ist, die Trinkmenge individuell anzupassen und bei Herz‑ oder Nierenerkrankungen ärztlich abzustimmen.
Mahlzeiten und Snacks
Kleine, vorbereitete Snacks (z. B. belegtes Brot, Joghurt, Handvoll gesalzene Nüsse) helfen, lange Nüchternphasen zu vermeiden, die Kreislaufbeschwerden begünstigen können. Im Berufsalltag oder bei Terminen außer Haus ist dies besonders relevant.
Sozialer Kontext
In geselligen Situationen kann Alkohol bewusst ersetzt werden (z. B. durch Mineralwasser oder Saftschorlen), und es sollte auf kleinere Portionen geachtet werden. Auch langsames Essen und eine bewusste Sitzpause nach Mahlzeiten können helfen, postprandiale Kreislaufprobleme zu vermeiden.
Ernährungsphysiologische Bewertung
Makronährstoffseitig sollte die Energiezufuhr ausreichend sein, um Untergewicht und Muskelabbau zu verhindern, da beides die Kreislaufstabilität negativ beeinflussen kann.
Die Proteinzufuhr sollte altersgerecht erfolgen und bei eingeschränkter Nierenfunktion individuell angepasst werden. Eine ausreichende Proteinzufuhr unterstützt den Erhalt der Muskelmasse und damit indirekt auch die venöse Rückstromfunktion.
Ballaststoffe sind grundsätzlich wichtig für die Darmgesundheit, sollten jedoch nicht in extrem hohen Mengen oder in großen Einzelmahlzeiten konsumiert werden. Sehr ballaststoffreiche Großmahlzeiten können die Blutumverteilung im Verdauungstrakt verstärken und eine postprandiale Hypotonie begünstigen.
Mikronährstoffseitig (Vitalstoffe) ist Natrium der zentrale ernährungsphysiologische Faktor in der Therapie der Hypotonie. Ferner sollten Vitamin‑B12‑, Folsäure‑ und Eisenmängel ausgeschlossen werden, da sie über eine Anämie (Blutarmut) die Sauerstoffversorgung und damit die Kreislaufleistung beeinträchtigen können. Vitamin D wirkt nicht direkt blutdrucksteigernd, spielt jedoch eine wichtige Rolle für Muskelkraft, Gleichgewicht und Sturzprävention, insbesondere im geriatrischen Kontext [3, 6].
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Die Ernährungstherapie bei Hypotonie ist mit potentiellen Risiken verbunden, insbesondere bei vulnerablen (verletzlichen) Patientengruppen.
Kurzfristig kann es bei einer raschen Steigerung der Flüssigkeits‑ oder Natriumzufuhr zu Elektrolytverschiebungen, Völlegefühl oder gastrointestinalen Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden) kommen. Diese Effekte sind meist vorübergehend, sollten jedoch beobachtet werden.
Langfristig besteht bei bestimmten Patienten – insbesondere bei Herzinsuffizienz (Herzschwäche), eingeschränkter Nierenfunktion oder höherem Lebensalter – das Risiko einer Volumenüberlastung oder einer Verschlechterung bestehender kardialer oder Nierenerkrankungen. In diesen Fällen ist eine individuelle Anpassung der Maßnahmen zwingend erforderlich.
Relevante Wechselwirkungen können insbesondere mit Antihypertensiva (blutdrucksenkende Medikamente), Diuretika (entwässernde Medikamente) oder Antidepressiva auftreten, da diese Medikamente selbst den Blutdruck oder den Flüssigkeitshaushalt beeinflussen. Eine regelmäßige Kontrolle von Blutdruck, Gewicht und – bei Risikopatienten – Laborparametern ist daher essentiell, um Komplikationen frühzeitig zu erkennen [1, 4].
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Absolute Kontraindikationen
- Dekompensierte Herzinsuffizienz (akut entgleiste Herzschwäche, bei der das Herz den Körper nicht mehr ausreichend versorgen kann (z. B. mit Atemnot, Wassereinlagerungen))
- Schwere Niereninsuffizienz (Nierenschwäche)
Relative Kontraindikationen
- Salzsensitive Hypertonie (Bluthochdruck, der sich durch Salz deutlich verschlechtert)
- Ödemneigung (Neigung zur Flüssigkeitseinlagerung im Gewebe, meist infolge gestörter Flüssigkeits‑ oder Gefäßregulation)
- Komplexe Polypharmazie (gleichzeitige Einnahme von mehreren Medikamenten)
Vorteile
- Risikoarm
- Gut alltagstauglich
- Schnelle Symptomlinderung möglich
- Stärkung der Selbstwirksamkeit der Betroffenen
Grenzen
- Keine kausale Therapie der Hypotonie
- Individuell variable Wirksamkeit
Wissenschaftliche Einordnung
Die Evidenzlage zur Ernährungstherapie bei Hypotonie, insbesondere bei orthostatischer Hypotonie, ist insgesamt als moderat, aber konsistent zu bewerten. Randomisierte kontrollierte Studien sind begrenzt, jedoch zeigen systematische Reviews, Leitlinien und praxisorientierte Übersichtsarbeiten übereinstimmend, dass nicht‑pharmakologische Maßnahmen – allen voran Flüssigkeits‑ und Natriumzufuhr sowie Mahlzeitenanpassungen – einen relevanten klinischen Nutzen haben, insbesondere zur Symptomlinderung und Sturzprävention [1, 2, 4].
Internationale Fachgesellschaften und Leitlinien empfehlen diese Maßnahmen ausdrücklich als First‑Line‑Therapie, bevor medikamentöse Optionen in Betracht gezogen werden. Diese Empfehlung beruht weniger auf einzelnen großen Interventionsstudien als auf der hohen pathophysiologischen Plausibilität, der breiten klinischen Erfahrung sowie dem günstigen Nutzen‑Risiko‑Profil. Flüssigkeits‑ und Salzinterventionen adressieren zentrale Mechanismen der Hypotonie wie Volumenmangel und gestörte Kreislaufanpassung direkt und zielgerichtet.
Gleichzeitig ist festzuhalten, dass die Datenlage zu Langzeiteffekten begrenzt ist und viele Empfehlungen auf Expertenkonsens beruhen. Dies betrifft insbesondere Fragen zur optimalen Natriummenge, zur Dauer der Intervention und zur Differenzierung nach Subgruppen (z. B. geriatrische Patienten, Multimorbidität (gleichzeitiges Vorliegen von zwei oder mehr chronischen Erkrankungen)). Trotz dieser Limitationen wird die Ernährungstherapie aufgrund ihrer Sicherheit, Praktikabilität und Reversibilität als unverzichtbarer Bestandteil eines stufenweisen Therapiekonzepts angesehen.
Fazit
Die Ernährungstherapie bei Hypotonie stellt eine zentrale, evidenzbasierte Basisintervention dar und sollte integraler Bestandteil jeder Behandlungsstrategie sein. Kurzfristig kann sie Symptome wie Schwindel, Benommenheit und orthostatische Beschwerden deutlich reduzieren. Langfristig trägt sie zur Stabilisierung des Kreislaufs, zur Verbesserung der Alltagsfunktion und zur Reduktion des Sturzrisikos bei – insbesondere bei älteren und vulnerablen Patientengruppen.
Im Vergleich zu pharmakologischen Therapien ist die Ernährungstherapie weniger invasiv, risikoarm und flexibel anpassbar. Sie ersetzt medikamentöse Maßnahmen bei schweren oder therapierefraktären Verläufen nicht, ist diesen jedoch klar vorgeschaltet und sollte stets begleitend eingesetzt werden. Gerade vor dem Hintergrund von Polypharmazie und altersassoziierten Nebenwirkungsrisiken kommt ihr ein besonderer Stellenwert zu.
In der Gesamtbewertung ist die Ernährungstherapie bei Hypotonie als pragmatische, leitlinienkonforme und patientennahe Maßnahme einzuordnen, die medizinische Therapie ergänzt, nicht konkurriert. Ihr größter Wert liegt in der Kombination aus physiologischer Plausibilität, klinischer Wirksamkeit und hoher Alltagstauglichkeit – und damit in ihrem Potential, die Versorgung von Patienten mit Hypotonie nachhaltig zu verbessern.
Literatur
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