Ernährungstherapie bei atopischer Dermatitis
Die Ernährungstherapie bei atopischer Dermatitis (Synonyme: Neurodermitis; atopisches Ekzem) umfasst ernährungsmedizinische Maßnahmen, die auf eine Reduktion entzündlicher Aktivität, eine Stabilisierung der Hautbarriere, eine Verringerung von Juckreiz und Schubfrequenz sowie auf die Vermeidung ernährungsbedingter Risiken abzielen.
Sie kann ein sinnvoller Baustein des Gesamtkonzepts sein. Besonders relevant ist sie bei Säuglingen und Kindern, bei Verdacht auf echte Nahrungsmittelallergien, bei einseitiger Ernährung sowie bei Patienten mit hohem Leidensdruck und dem Wunsch nach nicht-medikamentösen Zusatzmaßnahmen [1, 2].
Wissenschaftliche Grundlagen
Die atopische Dermatitis ist eine chronisch-entzündliche, schubweise verlaufende Hauterkrankung mit komplexer Pathophysiologie. Im Zentrum stehen eine gestörte Hautbarriere, eine immunologische Fehlregulation, eine erhöhte kutane Reizbarkeit sowie eine enge Verknüpfung mit atopischen Komorbiditäten (Begleiterkrankungen).
Die Ernährung wurde über Jahrzehnte vor allem unter dem Blickwinkel vermeintlicher Auslöser betrachtet. Historisch standen daher unspezifische Eliminationsdiäten im Vordergrund, oft ohne gesicherte Allergiediagnostik und mit erheblichem Risiko für unnötige Restriktionen. Neuere Leitlinien und systematische Übersichten haben diese Sichtweise korrigiert: Heute wird Ernährung nicht mehr primär als genereller Trigger, sondern differenziert als möglicher Modulator von Entzündung, Mikrobiom (Darmflora), Hautbarriere und individueller Symptomatik bewertet [1-4].
Medizinisch basiert die Ernährungstherapie auf mehreren plausiblen Achsen:
- Beeinflussung systemischer Entzündungsprozesse
- Modulation der Darm-Haut-Achse
- Effekte auf die orale Toleranzentwicklung
- Sicherung einer bedarfsgerechten Makro- und Mikronährstoffzufuhr
Ernährungsansätze wie pauschal glutenfreie, milchfreie oder histaminarme Kostformen sind für die atopische Dermatitis ohne entsprechende individuelle Indikation nicht leitliniengerecht [1-4].
Zentrale Annahmen der modernen Ernährungstherapie sind daher [1, 3-6]:
- Die Ernährung kann bei einem Teil der Patienten die Krankheitsaktivität beeinflussen, allerdings meist nicht in dem Ausmaß wie eine wirksame antientzündliche Standardtherapie.
- Nutzen und Risiken sind stark populationsabhängig. Kinder ohne gesicherte Nahrungsmittelallergie profitieren eher von gezielten Supplementen oder mikrobiomorientierten Ansätzen als von unspezifischer Karenz.
- Eine unnötige Lebensmittelelimination kann die orale Toleranzentwicklung stören und das Risiko für Mangelernährung oder sogar IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergien erhöhen.
- Viertens bleibt die Evidenz für ganze Ernährungsmuster bislang deutlich schwächer als für einzelne Interventionen wie Probiotika oder Vitamin D.
Zielsetzung der Ernährungstherapie
Die Ernährungstherapie verfolgt bei atopischer Dermatitis kein einheitliches Ziel für alle Patienten, sondern orientiert sich an Indikation, Alter, Begleiterkrankungen, Allergiestatus und Ernährungsanamnese.
Primär soll sie die Krankheitsaktivität klinisch messbar senken, etwa über eine Verbesserung von SCORAD (Scoring Atopic Dermatitis) oder EASI (Eczema Area and Severity Index); standardisierte Instrumente, mit denen der Schweregrad einer atopischen Dermatitis beurteilt wird) bzw. Beschwerden wie Juckreiz und Schlafstörung.
Sekundär soll sie die Lebensqualität erhöhen, die Alltagsbelastung reduzieren, Schubauslöser identifizieren, Mangelzustände vermeiden und im günstigen Fall den Bedarf an topischen Kortikosteroiden oder anderen antientzündlichen Maßnahmen senken [1, 4-6].
Leitlinienlogisch bedeutet dies [1-5]:
- Zunächst steht die Frage, ob überhaupt eine ernährungsmedizinisch relevante Indikation vorliegt. Das ist vor allem dann der Fall, wenn eine glaubhafte Beziehung zwischen Nahrungsaufnahme und Symptomen besteht, eine bestätigte Nahrungsmittelallergie vorliegt, ein erhöhtes Risiko für Nährstoffdefizite besteht oder wenn gezielte Supplemente als Add-on erwogen werden.
- Danach folgt die Intervention, also etwa eine ausgewogene antientzündlich orientierte Basisernährung, eine eng begrenzte diagnostische oder therapeutische Eliminationsstrategie oder eine zeitlich definierte Supplementierung.
- Das Monitoring sollte klinisch und ernährungsmedizinisch erfolgen: Verlauf von Juckreiz, Schlaf, Ekzemschwere, Wachstum bei Kindern, Gewichtsverlauf, Labor bei Verdacht auf Defizite und die tatsächliche Alltagstauglichkeit der Maßnahme.
- Risiken sind von Beginn an mitzudenken, insbesondere Fehl- oder Mangelernährung, psychosoziale Belastung, unnötige Restriktionen und das Übersehen wirksamer Standardtherapien.
Kurzfristig realistisch sind eine bessere Struktur der Ernährung, mehr diagnostische Klarheit und bei einzelnen Maßnahmen eine moderate Symptomverbesserung. Langfristig geht es vor allem um eine stabile, bedarfsgerechte, nicht unnötig restriktive Ernährung, die Exazerbationen (Verschlechterungen) nicht fördert, Defizite vermeidet und in ein dauerhaft tragfähiges Behandlungskonzept eingebettet ist [1, 3, 4].
Grundprinzipien
Eine pauschale Meidung von Lebensmitteln ist nach aktueller Evidenz in der Regel nicht gerechtfertigt und kann mehr schaden als nützen [1, 3]. Ohne klinischen Verdacht auf eine reproduzierbare Nahrungsmittelreaktion oder ohne gesicherte Allergie sollte nicht auf Verdacht auf Kuhmilch, Ei, Weizen oder andere häufig genannte Lebensmittel verzichtet werden.
Für Kinder ist eine altersentsprechende, vielfältige Kost entscheidend. Für Erwachsene steht meist die Qualität der Gesamternährung, nicht die Eliminierung einzelner Lebensmittelgruppen, im Vordergrund. Sinnvoll ist eine Kost mit hohem Anteil an Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, hochwertigen Fetten und bedarfsgerechter Eiweißzufuhr.
Diese Empfehlungen leiten sich aus dem Ziel, entzündungsfördernde Ernährungsgewohnheiten zu reduzieren und die Nährstoffversorgung sicherzustellen, ab. Häufiger untersucht wurden Probiotika, Präbiotika und einzelne Vitamine im Zusammenhang mit einer atopischen Dermatitis [4-6].
Falls eine ernährungsbezogene Intervention durchgeführt wird, sollte sie phasenorientiert ablaufen: Basisstabilisierung der Ernährung, anschließend nur bei plausibler Indikation eine gezielte diagnostische Prüfung, danach eine befristete Intervention mit klar definierten Zielparametern und anschließender Re-Evaluation. Kombinationsregeln ergeben sich aus der klinischen Situation: Eine gesicherte IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergie erfordert ein anderes Vorgehen als unspezifische Unverträglichkeitsvermutungen. Ebenso unterscheidet sich das Vorgehen bei einem Säugling mit Gedeihstörung von dem bei einem Erwachsenen mit normalem Ernährungsstatus [1, 3, 4].
Angestrebte Wirkmechanismen
Ein zentraler Ansatz ist die Modulation des Immunsystems über die Darm-Haut-Achse. Gerade Probiotika (lebende gesundheitsfördernde Darmbakterien), Präbiotika (Ballaststoffe, die nützlichen Darmbakterien als Nahrung dienen) und synbiotische Konzepte (Kombination aus Probiotika und Präbiotika) sollen die Zusammensetzung und Funktion des intestinalen Mikrobioms (Darmflora) beeinflussen, die Bildung entzündungsmodulierender Metaboliten fördern und damit indirekt Juckreiz, Entzündungsaktivität und Hautschweregrad verbessern. Die derzeit stärkste ernährungsbezogene Studienlage bei Kindern mit atopischer Dermatitis betrifft diesen Bereich. Die Effekte hängen jedoch stark vom verwendeten Bakterienstamm, der Dosierung und der untersuchten Patientengruppe ab und lassen sich daher nicht auf alle Präparate übertragen [4, 6].
Ein zweiter Ansatz betrifft die Versorgung mit Mikronährstoffen (Vitalstoffen), insbesondere Vitamin D. Vitamin D wirkt immunmodulatorisch und ist für die Schutzfunktion der Hautbarriere relevant. Die aktuelle Metaanalyse zeigt eine signifikante Reduktion der Schwere der Erkrankung unter Supplementierung, allerdings bei heterogener Studienlage. Daraus folgt klinisch keine generelle Hochdosisempfehlung für alle Patienten, wohl aber die Überlegung, bei Risikokonstellationen oder nachgewiesenem Mangel gezielt zu substituieren [5].
Ein dritter Mechanismus betrifft die Vermeidung echter nahrungsinduzierter Reaktionen. Hier ist entscheidend, zwischen Sensibilisierung, klinisch relevanter Allergie und subjektiv vermuteter Unverträglichkeit zu unterscheiden. Eine gezielte Eliminationsstrategie kann sinnvoll sein, wenn eine reproduzierbare klinische Reaktion vorliegt. Die Datenlage zeigt jedoch, dass unspezifische Eliminationsdiäten im Durchschnitt nur geringe, potentiell klinisch wenig relevante Verbesserungen bewirken und den Risiken gegenüberstehen [1, 3].
Pathophysiologisch wird darüber hinaus diskutiert, dass ballaststoffreiche, pflanzenbetonte Ernährungsmuster über kurzkettige Fettsäuren, verbesserte Barrierefunktionen und reduzierte systemische Entzündung günstig wirken könnten. Diese Modelle sind schlüssig, für die konkrete Therapie der manifesten atopischen Dermatitis aber bislang schwächer belegt als gezielte Supplement-Studien. Hypothetisch bleiben auch pauschale Aussagen zu glutenfreier oder milchfreier Kost, sofern keine individuelle Indikation besteht [2, 4].
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Die Ernährungstherapie kommt für Patienten mit diagnostizierter atopischer Dermatitis in Betracht, insbesondere wenn zusätzlich ernährungsmedizinisch relevante Faktoren vorliegen.
Geeignete Zielgruppen
- Patienten mit Verdacht auf reproduzierbare nahrungsabhängige Verschlechterungen der Hautsymptome
- Patienten mit bestätigter Nahrungsmittelallergie
- Patienten mit Mangelernährungsrisiko
- Patienten mit einseitiger oder stark eingeschränkter Ernährung
- Patienten mit nachgewiesenem Vitamin-D-Mangel
Eingeschränkte Eignung bzw. besondere Vorsicht
- Patienten mit starker Fixierung auf Ernährung als alleinige Therapie
- Patienten mit Essstörungstendenz
- Patienten mit multiplen, nicht medizinisch begründeten Eliminationsdiäten
Indikationsbezogene Eignung
- Atopischer Dermatitis mit gesicherter Nahrungsmittelallergie
- Verdacht auf Mikronährstoffmangel
- Wiederkehrenden, plausibel nahrungsabhängigen Krankheitsschüben
Besondere Aufmerksamkeit erfordern außerdem bestimmte Patientengruppen:
- Kinder: besonders sorgfältige Indikationsstellung, da restriktive Diäten Wachstum, Nährstoffversorgung und die Entwicklung der oralen Toleranz beeinflussen können
- Schwangere und Stillende: keine pauschalen Eliminationsdiäten ohne klare medizinische Indikation; Sicherstellung einer ausreichenden Nährstoffversorgung hat Priorität
- Geriatrische (ältere) Patienten: Ernährungstherapie ist vor allem im Kontext von Mangelernährung, Appetitmangel, Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) und Polypharmazie (gleichzeitige Einnahme mehrerer Medikamente) relevant
Häufige Komorbiditäten
Die atopische Dermatitis tritt häufig zusammen mit weiteren atopischen oder ernährungsrelevanten Erkrankungen auf, beispielsweise:
- Asthma bronchiale
- Allergische Rhinitis (Heuschnupfen)
- Gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden)
- Gedeihstörungen bei Kindern
- Adipositas
- Untergewicht
Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie
Am Beginn steht eine strukturierte Anamnese. Erfasst werden Krankheitsverlauf, Schubmuster, bisherige Verdachtslebensmittel, Sofortreaktionen, gastrointestinale Begleitbeschwerden, Essverhalten, Gewichtsverlauf, Wachstum bei Kindern, bisherige Diäten und Nahrungsergänzungsmittel. Ebenso wichtig ist die Einordnung der dermatologischen Basistherapie, weil eine unzureichend behandelte atopische Dermatitis häufig fälschlich als ernährungsgetriggert interpretiert wird [1, 2].
Ein typischer Fehler zu Beginn besteht darin, mehrere Lebensmittelgruppen gleichzeitig wegzulassen. Dadurch wird weder diagnostische Klarheit erreicht noch die Versorgung gesichert. Sinnvoller ist zunächst eine Stabilisierung der Basisernährung über 2-4 Wochen mit Symptomtagebuch, gegebenenfalls ergänzt um eine standardisierte Verlaufsbeurteilung von Juckreiz, Schlaf und Ekzemschwere. Erst wenn ein klarer Verdacht besteht, folgt eine eng begrenzte diagnostische oder therapeutische Eliminationsphase [1, 3].
Die Übergangsphase sollte bewusst niedrigschwellig gestaltet werden: feste Mahlzeiten, einfache Rezepte, klare Einkaufsliste, Vermeidung hochverarbeiteter Triggervermutungen nur dann, wenn sie tatsächlich individuell relevant erscheinen, und gegebenenfalls gezielte Supplementierung nach Befund. Mental ist wichtig, dass Ernährung als unterstützender Baustein verstanden wird und nicht als alleiniger Schlüssel zur Krankheitskontrolle [2, 4, 5].
Schritt-für-Schritt-Ablauf
- Erhebung von Anamnese, Symptomverlauf und Ernährungsstatus
- Optimierung der allgemeinen Basisernährung
- Symptomtagebuch über 2-4 Wochen
- Nur bei plausibler Indikation: gezielte diagnostische Abklärung bzw. befristete Eliminationsstrategie
- Re-Evaluation nach kurzer Frist, bei Kindern besonders engmaschig
- Re-Exposition bzw. Aufhebung unnötiger Restriktionen, sobald keine klare Wirksamkeit nachweisbar ist
- Langfristig: Rückkehr zu einer möglichst vielfältigen, bedarfsdeckenden Ernährung
Empfohlene Lebensmittel
- Gemüse: bunt, täglich, frisch oder tiefgekühlt
- Obst: regelmäßig in verträglichen Mengen
- Vollkornprodukte: sofern individuell gut verträglich
- Hülsenfrüchte: als Ballaststoff- und Proteinquelle
- Kartoffeln: gut sättigend und vielseitig
- Nüsse und Samen: sofern keine Allergie vorliegt
- Pflanzliche Öle: vor allem Rapsöl und Olivenöl
- Milchprodukte oder geeignete Alternativen: nur ersetzen, wenn medizinisch begründet
- Fisch: im Rahmen allgemeiner Ernährungsempfehlungen, sofern verträglich
- Fermentierte Lebensmittel: individuell sinnvoll, insbesondere als Teil einer insgesamt vielfältigen Kost
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
- Nicht empfohlen: pauschale Eliminationsdiäten ohne klare Indikation
- Nicht empfohlen: routinemäßiger Verzicht auf Kuhmilch, Ei, Weizen oder Gluten ohne gesicherte Relevanz
- Eingeschränkt sinnvoll: stark hochverarbeitete, sehr zuckerreiche oder sehr fettreiche Convenience-Produkte im Rahmen einer insgesamt ungünstigen Ernährung
- Eingeschränkt sinnvoll: selbst initiierte Mehrfachkarenzen aus Internet- oder Forenempfehlungen
- Nur individuell relevant: Lebensmittel, die reproduzierbar und nachvollziehbar Beschwerden auslösen
- Nur nach Diagnostik: langfristige Meidung allergologisch relevanter Lebensmittel
Genussmittelkonsum
Tabak (Rauchen)
- Tabakrauch als zusätzlicher Barrierestressor möglichst konsequent meiden.
- Auch passiv sollte reduziert werden.
- Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz.
Alkohol
- Bei individueller Verschlechterung: Reduktion oder Verzicht
- Niedrigrisikokonsum (Erwachsene, ohne relevante Vorerkrankungen/Interaktionen):
- Frauen: maximal 10-12 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
- Männer: maximal 20-24 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Eine erfolgreiche Ernährungstherapie sollte möglichst einfach in den Alltag integrierbar sein. Ziel ist keine komplizierte Spezialdiät, sondern eine strukturierte, abwechslungsreiche und langfristig umsetzbare Ernährung.
- Wochenplanung: Ein einfacher Wochenplan mit 5-7 gut bewährten Standardmahlzeiten erleichtert Einkauf und Zubereitung und verhindert spontane, oft ungünstige Entscheidungen.
- Fokus auf Grundnahrungsmittel: Der Einkauf sollte sich überwiegend auf nährstoffreiche Basislebensmittel konzentrieren, beispielsweise Gemüse, Obst, Haferflocken, Kartoffeln, Reis, Hülsenfrüchte, Joghurt, Eier sowie hochwertige pflanzliche Öle.
- Restriktionen gut vorbereiten: Neue Lebensmittelrestriktionen sollten nur eingeführt werden, wenn gleichzeitig geeignete Ersatzlebensmittel eingeplant werden, damit Energie- und Nährstoffversorgung erhalten bleiben.
- Kinder früh einbeziehen: Bei Kindern sollten Zwischenmahlzeiten sowie die Verpflegung in Kita, Schule oder Freizeit frühzeitig berücksichtigt werden, um unnötige Einschränkungen im Alltag zu vermeiden.
- Symptomtagebuch gezielt einsetzen: Ein Ernährungssymptomtagebuch kann kurzfristig hilfreich sein, sollte jedoch nur zeitlich begrenzt genutzt werden, um eine übermäßige Fixierung auf einzelne Lebensmittel zu vermeiden.
- Abwechslung sichern: Eine regelmäßige Rotation von Rezepten und Lebensmitteln trägt zu einer ausgewogenen Nährstoffversorgung bei und verhindert monotone Essgewohnheiten.
- Sozialverträglichkeit beachten: Solange keine gesicherte Nahrungsmittelallergie vorliegt, sollten im sozialen Umfeld möglichst keine unnötigen Verbote kommuniziert werden.
Ernährungsphysiologische Bewertung
Ernährungsphysiologisch ist eine ausgewogene, vielfältige Ernährung bei atopischer Dermatitis grundsätzlich gut geeignet und langfristig tragfähig. Problematisch wird es vor allem dann, wenn mehrere Lebensmittelgruppen gleichzeitig ausgeschlossen werden. Dann sinkt die Zufuhr von Energie, Proteinen (Eiweiß), Calcium, Vitamin D, Eisen, Zink, Jod, Vitamin B12 oder essentiellen Fettsäuren, je nachdem, welche Lebensmittel gemieden werden [3-5].
Die Makronährstoffverteilung (Verteilung der Hauptnährstoffe Kohlenhydrate, Fette, Proteine) muss nicht verändert werden. Wichtig sind eine bedarfsgerechte Energiezufuhr, ausreichend Proteine, hochwertige Fette und eine ballaststoffreiche Grundernährung. Ballaststoffe können über mikrobielle Metabolite theoretisch günstig wirken, die klinische Evidenz ist aber begrenzt.
Kritische Mikronährstoffe hängen vom Einzelfall ab. Vitamin D ist der derzeit am besten untersuchte Kandidat unter den Supplementen, wobei eher ein gezieltes als ein pauschales Vorgehen überzeugt. Bei milchfreier Kost ist besonders auf Calcium und gegebenenfalls Jod zu achten, bei stark eingeschränkter tierischer Kost auf Vitamin B12, Eisen und Zink.
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Die wichtigsten medizinischen Risiken der Ernährungstherapie bei atopischer Dermatitis entstehen nicht durch eine ausgewogene Basisernährung, sondern durch überzogene oder ungezielte Restriktionen. Dazu gehören Nährstoffmängel, Wachstumsbeeinträchtigungen, Untergewicht, psychosoziale Belastung, Essensängste und die Fehlannahme, die Hauterkrankung lasse sich primär über Diät kontrollieren [1, 3, 4].
Kurzfristig können Eliminationsdiäten zu reduzierter Energiezufuhr, geringer Proteinzufuhr und einer stark eingeschränkten Lebensmittelauswahl führen. Langfristig besteht besonders bei Kindern das Risiko für Defizite an Calcium, Vitamin D, Eisen, Zink, essentiellen Fettsäuren und weiteren Mikronährstoffen. Hinzu kommt, dass die Leitlinie und die zugrunde liegende systematische Übersichtsarbeit auf indirekte Hinweise verweisen, wonach unnötige Meidung von Nahrungsmitteln die Entwicklung IgE-vermittelter Nahrungsmittelallergien begünstigen kann [1, 3].
Stoffwechselkomplikationen im engeren Sinne sind selten, sofern keine extreme Diätform durchgeführt wird. Relevanter sind Fehlsteuerungen im klinischen Management: verzögerte Eskalation wirksamer dermatologischer Therapie, falsche Attribution von Schüben auf Nahrungsmittel und die Verstärkung krankheitsbezogener Vermeidungsverhalten. Wechselwirkungen mit Medikamenten sind meist gering, sollten aber bei Supplementen mitbedacht werden; dies betrifft insbesondere hoch dosiertes Vitamin D oder frei kombinierte Präparate aus dem Selbstmedikationsbereich [1, 2, 5].
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Absolute Kontraindikationen
- Keine
Relative Kontraindikationen (ggf. mit Monitoringbedarf)
- Gedeihstörung, Untergewicht oder drohende Mangelernährung
- Essstörung oder ausgeprägtes zwanghaftes Ernährungsverhalten
- Mehrfachallergien oder komplexe Eliminationspläne
- Schwangerschaft und Stillzeit bei geplanter restriktiver Kost
- Chronische Komorbiditäten mit speziellem Ernährungsbedarf
- Bereits stark eingeschränkte Lebensmittelauswahl im Alltag
Vorteile
- Moderate Verbesserung von Schweregrad, Juckreiz und Schlaf bei ausgewählten Interventionen
- Strukturierte Ernährung kann das Krankheitsmanagement verbessern
- Kurzfristiger Nutzen: mehr Klarheit über tatsächliche Trigger statt diffuser Verdachtsdiagnosen
Der größte Vorteil liegt in der präzisen, rationalen Auswahl dessen, was sinnvoll ist, und im Weglassen unnötiger Restriktionen [3-6].
Grenzen
- Keine kausale Therapie
- Heterogene Evidenz: nicht jede Intervention wirkt konsistent
- Starke Altersabhängigkeit: viele Daten stammen aus pädiatrischen Kollektiven
- Ergebnisse zu Probiotika sind nicht beliebig auf andere Stämme übertragbar
- Langfristige Umsetzbarkeit: Restriktionen scheitern oft an Alltag, Familie und sozialem Kontext
Wissenschaftliche Einordnung
Die Studienlage zur Ernährung bei atopischer Dermatitis ist inzwischen deutlich besser als noch vor einigen Jahren, bleibt aber methodisch heterogen. Am besten untersucht sind Eliminationsdiäten, Probiotika und Vitamin D. Dabei zeigt sich ein typisches Muster [3-6]:
- Für pauschale Eliminationsdiäten ist der Nutzen klein und potentiell klinisch wenig relevant, während die Risiken relevant bleiben.
- Für Probiotika gibt es vor allem in pädiatrischen Kollektiven Hinweise auf Besserungen der SCORAD-Werte, allerdings nicht als generelle Klasseneffekt-Empfehlung für alle Produkte.
- Für Vitamin D ergibt sich aus der aktuellen Metaanalyse ein günstiges Signal, ohne dass daraus bereits eine universelle Supplementierung für alle Patienten folgt
Plausibel und teilweise belegt ist eine Ernährungstherapie als ergänzende Maßnahme (Add-on), nicht jedoch als Ersatz für eine konsequente Hautpflege und eine antientzündliche Standardtherapie. Wissenslücken bestehen weiterhin insbesondere bei klar definierten Ernährungsmustern im Erwachsenenalter, bei langfristigen Studien sowie bei direkten Vergleichsstudien zwischen verschiedenen ernährungsmedizinischen Strategien [2, 4].
Fazit
Die Ernährungstherapie ist bei atopischer Dermatitis eine unterstützende, selektiv indizierte Zusatzmaßnahme, keine eigenständige Haupttherapie. Im Vergleich zu anderen chronisch-entzündlichen Erkrankungen ist die Evidenz für ganze Ernährungsmuster noch begrenzt; am überzeugendsten sind derzeit einzelne gezielte Interventionen und der Verzicht auf unkritische Eliminationsdiäten. Das Fazit muss deshalb deutlich ausfallen: Bei atopischer Dermatitis ist weniger pauschale Karenz und mehr präzise Indikationsstellung der bessere Weg [1-6].
Literatur
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- De Benedetto A, Boguniewicz M, Ong PY, Chu DK, Schneider LC: Atopic Dermatitis (Eczema) Guidelines 2023: Highlights. J Allergy Clin Immunol Pract. 2024 Nov;12(11):2955-2965. doi: 10.1016/j.jaip.2024.08.052.
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