Milzriss (Milzruptur) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine Milzruptur (Milzriss) bzw. deren operative oder interventionelle Behandlung mitbedingt sein können:
Atmungssystem (J00-J99)
- Pleuraerguss (Flüssigkeitsansammlung zwischen Lunge und Brustwand) – mögliche Komplikation insbesondere nach splenischer Arterienembolisation (gezielter Verschluss der Milzarterie) (SAE); in einer systematischen Übersicht wurde ein Pleuraerguss als Minor-Komplikation bei 13,1 % der embolisierten Patienten beschrieben [3]
Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)
- Akute posthämorrhagische Anämie (Blutarmut nach akutem Blutverlust) – bei relevantem intraabdominalem Blutverlust (Blutverlust in die Bauchhöhle); das Ausmaß ist von Blutungsintensität, Blutungsdauer und begleitenden Verletzungen abhängig [LL1, LL2]
- Anatomische Asplenie (Fehlen der Milz) – nach totaler Splenektomie (operativer Entfernung der Milz) mit dauerhaftem Verlust wesentlicher immunologischer Filter- und Phagozytosefunktionen der Milz und erhöhtem Risiko schwerer invasiver Infektionen (schwerer, in den Körper eindringender Infektionen) [5]
- Reaktive Thrombozytose (vorübergehende Erhöhung der Blutplättchenzahl) – insbesondere nach Splenektomie häufige postoperative hämatologische Veränderung; ihre Bedeutung als alleiniger kausaler Faktor thrombotischer Ereignisse (durch Blutgerinnsel verursachter Ereignisse) ist nicht abschließend geklärt [4]
- Milzabszess (Eiteransammlung in der Milz) – mögliche Major-Komplikation nach SAE; in einer systematischen Übersicht bei etwa 4,0 % der embolisierten Patienten beschrieben [3]
- Milzinfarkt (Absterben von Milzgewebe durch eine Durchblutungsstörung) – insbesondere nach SAE durch partielle oder ausgedehnte Devaskularisation (Unterbrechung der Blutversorgung); in einer systematischen Übersicht bei etwa 4,6 % der embolisierten Patienten beschrieben [3]
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Pseudoaneurysma (unechte Gefäßaussackung) der Milzarterie bzw. intraparenchymaler Milzgefäße – klinisch relevante posttraumatische Gefäßkomplikation mit dem Risiko einer verzögerten Ruptur (Einreißens) und intraabdominalen Blutung (Blutung in die Bauchhöhle); in einer systematischen Übersicht mit protokollierter Nachuntersuchung mittels Computertomographie (Röntgenschichtuntersuchung) (CT) wurde bei Erwachsenen unter nichtoperativem Management (Behandlung ohne Operation) eine gepoolte Inzidenz verzögerter Pseudoaneurysmen von 14 % beschrieben; die ermittelte Häufigkeit ist vom Patientenkollektiv und bildgebenden Nachsorgeprotokoll abhängig [2]
- Venöse Thromboembolie (venöser Gefäßverschluss durch ein Blutgerinnsel) – erhöhtes Risiko für tiefe Venenthrombose (Blutgerinnsel in einer tiefen Vene) und Lungenembolie (Verschluss einer Lungenarterie durch ein Blutgerinnsel) nach Splenektomie; neben der Splenektomie tragen Traumafolge, Immobilisation (Bewegungsmangel), operative Belastung und weitere individuelle Risikofaktoren bei [4]
- Splanchnische Venenthrombose (Blutgerinnsel in einer Vene der Bauchorgane) – Pfortader-, Milzvenen- oder Mesenterialvenenthrombose (Blutgerinnsel in einer Darmvene) als charakteristische thrombotische Komplikation nach Splenektomie; das Risiko ist von Grunderkrankung, Operationsindikation und zusätzlichen prothrombotischen Faktoren (die Blutgerinnselbildung begünstigenden Faktoren) abhängig [4]
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Schwere invasive Infektionen durch bekapselte Bakterien – insbesondere durch Streptococcus pneumoniae, Neisseria meningitidis und Haemophilus influenzae Typ b nach Splenektomie bzw. bei anatomischer oder funktioneller Asplenie (eingeschränkter Milzfunktion); das erhöhte Risiko schwerer Infektionen besteht lebenslang [5, LL4]
- Overwhelming postsplenectomy infection (OPSI; Postsplenektomie-Syndrom (schwere Infektion nach Milzentfernung)) – seltenes, jedoch potenziell letales Krankheitsbild mit rascher Progression von zunächst unspezifischen Infektionssymptomen zu fulminanter Sepsis (lebensbedrohlicher Blutstrominfektion), septischem Schock (Kreislaufversagen infolge einer schweren Infektion) und Multiorganversagen (gleichzeitigem Versagen mehrerer Organe); das Risiko besteht lebenslang und ist insbesondere in den ersten Jahren nach Splenektomie sowie bei zusätzlicher Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems) erhöht [5, LL4]
Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (K70-K77; K80-K87)
- Postoperative Pankreasfistel (krankhafte Verbindung mit Austritt von Bauchspeicheldrüsensaft nach einer Operation) – infolge einer direkten oder indirekten Verletzung des Pankreasschwanzes (Endabschnitts der Bauchspeicheldrüse) bei traumabedingter Splenektomie; in einer retrospektiven Multicenter-Kohorte trat eine klinisch relevante postoperative Pankreasfistel bei 5,0 % der ausgewerteten Patienten auf und war mit erheblicher Morbidität (Krankheitsbelastung) verbunden [6]
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Hämoperitoneum (Blutansammlung in der Bauchhöhle) bzw. intraabdominale Blutung – zentrale akute Komplikation der Milzruptur; eine persistierende oder rezidivierende Blutung (erneut auftretende Blutung) kann zur hämodynamischen Dekompensation (Kreislaufentgleisung) führen [LL1, LL2]
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Hämorrhagischer Schock (Kreislaufschock durch starken Blutverlust) – hypovolämischer Schock (Kreislaufschock durch Volumenmangel) infolge eines relevanten akuten Blutverlustes; bei fortbestehender Blutung besteht das Risiko von Gewebehypoperfusion (unzureichender Gewebedurchblutung), Gerinnungsstörung (Störung der Blutgerinnung), Organversagen und Tod [LL1, LL2]
Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)
- Verzögerte bzw. sekundäre Milzblutung (später erneut auftretende Blutung aus der Milz) – erneute Blutung nach initial erfolgreichem nichtoperativem Management (NOM) oder nach SAE, unter anderem infolge persistierender Gefäßläsionen (fortbestehender Gefäßverletzungen) oder eines verzögert manifesten Pseudoaneurysmas; Reblutungen wurden nach SAE in einer systematischen Übersicht bei 4,8 % der Patienten beschrieben [1-3]
- Verzögerte Milzruptur (später auftretender Milzriss) – sekundäre Ruptur nach zunächst klinisch stabilem Verlauf, insbesondere im Zusammenhang mit subkapsulären Hämatomen (Blutergüssen unter der Milzkapsel) oder verzögert auftretenden vaskulären Läsionen; mögliche Folge ist eine plötzlich einsetzende intraabdominale Blutung mit hämodynamischer Instabilität (Kreislaufinstabilität) [1, LL3]
- Arteriovenöse Fistel (krankhafte Verbindung zwischen Arterie und Vene) der Milzgefäße – mögliche posttraumatische Gefäßkomplikation mit Risiko einer persistierenden oder sekundären Blutung; sie gehört neben Pseudoaneurysmen zu den klinisch relevanten vaskulären Läsionen nach Milztrauma [LL1, LL3]
- Iatrogene Verletzung (durch eine medizinische Maßnahme verursachte Verletzung) des Pankreasschwanzes – mögliche intraoperative Komplikation der Splenektomie aufgrund der engen anatomischen Beziehung zwischen Milzhilus (Eintritts- und Austrittsstelle der Milzgefäße) und Pankreasschwanz; mögliche Folge ist insbesondere eine klinisch relevante postoperative Pankreasfistel [6]
Prognosefaktoren
- Hämodynamische Instabilität – persistierende Hypotonie (anhaltend niedriger Blutdruck) bzw. fehlende hämodynamische Stabilisierung trotz adäquater Reanimation (Wiederbelebungs- und Kreislaufmaßnahmen) kennzeichnet eine unmittelbar lebensbedrohliche Blutung und erfordert eine unverzügliche Blutungskontrolle; die Hämodynamik (Kreislaufverhältnisse) ist ein entscheidender Faktor für die Wahl zwischen NOM und operativer Versorgung [LL1, LL2]
- Hoher Verletzungsgrad der Milz – höhere Schweregrade nach der Klassifikation der American Association for the Surgery of Trauma (AAST), insbesondere Grad IV-V, sind mit einem erhöhten Risiko des Versagens eines NOM assoziiert [7, LL1, LL2]
- Hoher Injury Severity Score (ISS) – eine zunehmende Gesamtverletzungsschwere ist mit einer höheren Wahrscheinlichkeit des Versagens eines NOM und ungünstigeren klinischen Ergebnissen assoziiert [7, LL2]
- Aktive arterielle Blutung (Blutung aus einer Schlagader) im kontrastmittelverstärkten CT – Kontrastmittelextravasation (Austritt von Kontrastmittel aus einem verletzten Gefäß) sowie vaskuläre Läsionen wie Pseudoaneurysma oder arteriovenöse Fistel kennzeichnen ein erhöhtes Risiko für persistierende bzw. sekundäre Blutungen und sind bei hämodynamisch stabilisierbaren Patienten wesentliche Kriterien für angiographische Diagnostik (Gefäßdarstellung mittels Bildgebung) und gegebenenfalls SAE [LL1-LL3]
- Ausgedehntes Hämoperitoneum – ein moderates bis großes Hämoperitoneum ist in der Metaanalyse mit einer erhöhten Rate des Versagens eines NOM assoziiert, stellt isoliert bei hämodynamisch stabilen Patienten jedoch keine absolute Kontraindikation (Gegenanzeige) gegen ein NOM dar [7, LL2]
- Transfusionsbedarf (Bedarf an Blutübertragungen) – ein relevanter bzw. anhaltender Erythrozytentransfusionsbedarf (Bedarf an Übertragung roter Blutkörperchen) weist auf eine klinisch bedeutsame Blutung hin und wird bei der Beurteilung eines erhöhten Risikos für ein Versagen des NOM berücksichtigt [LL2, LL3]
- Höheres Lebensalter – zunehmendes Alter ist mit einem erhöhten Risiko des NOM-Versagens assoziiert; ein Alter über 55 Jahre wird in den Empfehlungen der World Society of Emergency Surgery als Risikofaktor berücksichtigt, ist bei hämodynamisch stabilen Patienten jedoch keine alleinige Kontraindikation gegen ein NOM [7, LL2, LL3]
- Antikoagulation (Behandlung zur Hemmung der Blutgerinnung) und relevante Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) – vorbestehende Antikoagulation sowie bestimmte Komorbiditäten, unter anderem Leberzirrhose (narbiger Umbau der Leber), werden bei höhergradigen Milzverletzungen als Faktoren für ein erhöhtes Risiko des NOM-Versagens berücksichtigt und können die Schwelle zur SAE beeinflussen [LL3]
- Begleitende intraabdominale Verletzungen (zusätzliche Verletzungen von Organen in der Bauchhöhle) – zusätzliche operationspflichtige Organverletzungen können ein NOM ausschließen; zugleich erhöht eine zunehmende Gesamtverletzungsschwere das Risiko eines ungünstigen Verlaufs [LL1, LL2]
- Verzögerte vaskuläre Komplikationen (später auftretende Gefäßkomplikationen) – vaskuläre Läsionen wurden in einer systematischen Übersicht bei 4,5 % der Patienten nach NOM festgestellt; die meisten Pseudoaneurysmen wurden zwischen Tag 2 und 6 nach dem Trauma diagnostiziert. Bei höhergradigen Milzverletzungen ist daher eine strukturierte bildgebende Verlaufskontrolle (wiederholte Untersuchung mit bildgebenden Verfahren) von besonderer Bedeutung [1, LL3]
- Verfügbarkeit interventioneller Radiologie (minimalinvasiver bildgesteuerter Gefäßbehandlung) und chirurgischer Rescue-Therapie – ein NOM höhergradiger Milzverletzungen setzt engmaschiges klinisches Monitoring (Überwachung) sowie die zeitnahe Verfügbarkeit von Angiographie (Gefäßdarstellung), Blutprodukten und operativer Blutungskontrolle voraus; diese strukturellen Voraussetzungen beeinflussen die Sicherheit einer milzerhaltenden Strategie [LL1-LL3]
- Erforderliche Splenektomie – beseitigt die verletzte Milz als Blutungsquelle, führt jedoch zur dauerhaften anatomischen Asplenie mit lebenslang erhöhtem Risiko schwerer invasiver Infektionen und ist mit einem erhöhten Risiko systemischer sowie splanchnischer venöser Thromboembolien assoziiert [4, 5, LL4]
Literatur
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- Aoki M, Utsumi S, Terayama T et al.: Incidence of pseudoaneurysm after follow-up computed tomography for nonoperatively managed splenic injury: Systematic review. World J Surg. 2024;48(8):1840-1847. doi: 10.1002/wjs.12238
- Alomar Z, Alomar Y, Mahmood I et al.: Complications and failure rate of splenic artery angioembolization following blunt splenic trauma: A systematic review. Injury. 2024;55(10):111753. doi: 10.1016/j.injury.2024.111753
- Gurumurthy G, Swan D, Roberts L et al.: Thrombosis after surgical splenectomy - why, in whom and can we prevent it? Thromb Res. 2026;261:109677. doi: 10.1016/j.thromres.2026.109677
- Lee GM: Preventing infections in children and adults with asplenia. Hematology Am Soc Hematol Educ Program. 2020;2020(1):328-335. doi: 10.1182/hematology.2020000117
- Arnold P, Belchos J, Meagher A et al.: Postoperative Pancreatic Fistula Following Traumatic Splenectomy: A Morbid and Costly Complication. J Surg Res. 2022;280:35-43. doi: 10.1016/j.jss.2022.07.005
- Bhangu A, Nepogodiev D, Lal N et al.: Meta-analysis of predictive factors and outcomes for failure of non-operative management of blunt splenic trauma. Injury. 2012;43(9):1337-1346. doi: 10.1016/j.injury.2011.09.010
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- S3-Leitlinie: Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung [12/2022-12/2027]. (AWMF-Registernummer 187-023). Version 4.1, Überarbeitung Dezember 2022 Langfassung. [LL1]
- Coccolini F, Montori G, Catena F et al.: Splenic trauma: WSES classification and guidelines for adult and pediatric patients. World J Emerg Surg. 2017;12:40. doi: 10.1186/s13017-017-0151-4. [LL2]
- Podda M, De Simone B, Ceresoli M et al.: Follow-up strategies for patients with splenic trauma managed non-operatively: the 2022 World Society of Emergency Surgery consensus document. World J Emerg Surg. 2022;17(1):52. doi: 10.1186/s13017-022-00457-5. [LL3]
- Ständige Impfkommission (STIKO): Empfehlungen der Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut 2026. Epidemiologisches Bulletin 4/2026, 22. Januar 2026. Gesamtausgabe. [LL4]