Gerstenkorn (Hordeolum) – Medikamentöse Therapie
Therapieziel
- Verbesserung der Symptomatik: Linderung von Schmerzen, Schwellung und Entzündung sowie Förderung der spontanen Drainage und Abheilung.
- Vermeidung von Komplikationen: Verhinderung einer Ausbreitung der Infektion auf die präseptalen beziehungsweise orbitalen Weichteile.
Therapieempfehlungen
- Unkompliziertes Hordeolum (Gerstenkorn): Das Hordeolum heilt in der Mehrzahl der Fälle spontan ab. Therapie der ersten Wahl sind warme Kompressen für etwa 5 bis 10 Minuten mehrmals täglich; anschließend kann eine vorsichtige Lidrandpflege erfolgen. Manipulation, Ausdrücken oder eigenständige Inzision sind zu vermeiden [1, 3, 5].
- Evidenzlage: Für konservative nichtoperative Maßnahmen einschließlich warmer Kompressen, Lidrandhygiene und topischer Antibiotika fehlen hochwertige randomisierte kontrollierte Studien. Ein Cochrane-Review fand keine geeigneten randomisierten Studien zur Behandlung des akuten inneren Hordeolums [1].
- Topische Antibiotikatherapie: Eine routinemäßige antibiotische Behandlung eines unkomplizierten Hordeolums ist nicht erforderlich. In einer retrospektiven Kohorte mit 2.712 Patienten verbesserte die zusätzliche Antibiotikatherapie die Erfolgsrate bei Hordeola nicht [2]. Eine lokale antibiotische Therapie kann bei klinischen Zeichen einer zusätzlichen bakteriellen Oberflächeninfektion, purulenter Sekretion (eitrigem Ausfluss), begleitender bakterieller Blepharitis (Lidrandentzündung)/Blepharokonjunktivitis (Entzündung von Lidrand und Bindehaut) oder bei erhöhtem Komplikationsrisiko erwogen werden.
- Gentamicin: Gentamicin-Augensalbe beziehungsweise -Augentropfen sind in Deutschland unter anderem für durch Gentamicin-empfindliche Erreger verursachte Infektionen der Augenliddrüsen einschließlich Hordeolum zugelassen [FI1]. Aufgrund der begrenzten Evidenz sollte die Anwendung dennoch indikationsbezogen und nicht routinemäßig erfolgen [1, 2].
- Azithromycin: Für topisches Azithromycin liegen neuere, jedoch nur sehr kleine retrospektive Daten zum inneren Hordeolum vor; daraus lässt sich keine Empfehlung für eine routinemäßige Anwendung ableiten [4].
- Persistierendes oder großes Hordeolum: Bei fehlender spontaner Drainage beziehungsweise Persistenz trotz konservativer Therapie ist eine ophthalmologische Vorstellung zur Inzision und Drainage beziehungsweise Kürettage angezeigt [3, 5].
- Ausbreitung auf die Lidweichteile: Bei Lidphlegmone (flächenhafter bakterieller Entzündung des Augenlids) beziehungsweise präseptaler Zellulitis (bakterieller Entzündung des Augenlids vor der Augenhöhle) ist eine systemische Antibiotikatherapie erforderlich. Bei Infektionen unmittelbar am Auge sollte eine fachärztliche Beurteilung erfolgen [LL2].
- Schwere oder progrediente Infektion: Bei Fieber, ausgeprägter Allgemeinsymptomatik, rascher Progression oder fehlender Besserung innerhalb von etwa 24 bis 48 Stunden unter adäquater Therapie ist eine erneute Beurteilung erforderlich. Proptosis (Hervortreten des Augapfels), Visusminderung (Sehverschlechterung), Diplopie (Doppelbilder), Schmerzen oder Einschränkung der Bulbusmotilität (Augenbeweglichkeit) beziehungsweise andere Hinweise auf eine orbitale Beteiligung erfordern eine unverzügliche stationäre ophthalmologische Abklärung und intravenöse Antibiotikatherapie.
- Rezidivierende Hordeola: Bei wiederholtem Auftreten sollten insbesondere Blepharitis, Meibom-Drüsen-Dysfunktion (Funktionsstörung der Talgdrüsen am Lidrand) und Rosazea (chronisch-entzündliche Hauterkrankung) behandelt beziehungsweise ausgeschlossen werden [LL1]. Abhängig von Anamnese und Risikoprofil ist eine Abklärung auf Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder Immunsuppression (geschwächte Immunabwehr) sinnvoll; ein einzelnes Hordeolum stellt hierfür keine generelle Screeningindikation dar.
- Siehe auch unter „Weitere Therapie“.
Wirkstoffe (Hauptindikation)
Topische Antibiotika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Gentamicin (Augensalbe) | Für Infektionen der Augenliddrüsen einschließlich Hordeolum zugelassen; nicht routinemäßig bei unkompliziertem Hordeolum einsetzen [1, 2, FI1] |
- Wirkweise: Aminoglykosid-Antibiotikum; bakterizid durch Bindung an die 30S-Untereinheit bakterieller Ribosomen und Störung der Proteinsynthese.
- Indikationen: Durch Gentamicin-empfindliche Erreger verursachte Infektionen des vorderen Augenabschnitts einschließlich Blepharitis und Hordeolum; beim Hordeolum insbesondere bei zusätzlicher bakterieller Oberflächeninfektion beziehungsweise entsprechender klinischer Indikation [FI1].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Gentamicin oder sonstige Bestandteile des Arzneimittels; Kontaktlinsen sollen während der Behandlung nicht getragen werden [FI1].
- Nebenwirkungen: Lokale Augenreizung mit Brennen, Fremdkörpergefühl oder Rötung, Überempfindlichkeitsreaktionen; Wundheilungsstörungen insbesondere bei Hornhautverletzungen möglich [FI1].
Systemische Antibiotikatherapie bei präseptaler Ausbreitung/Lidphlegmone
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Amoxicillin/Clavulansäure | Option bei präseptaler Zellulitis beziehungsweise ausgeprägter Lidphlegmone; nicht zur routinemäßigen Behandlung eines lokal begrenzten Hordeolums. Bei schwerer Erkrankung, orbitalem Verdacht oder fehlendem Ansprechen stationäre Behandlung und intravenöse Antibiotikatherapie [LL2] |
- Wirkweise: Amoxicillin hemmt als Betalaktam-Antibiotikum die bakterielle Zellwandsynthese; Clavulansäure hemmt zahlreiche Betalaktamasen und erweitert dadurch das Wirkspektrum.
- Indikationen: Systemische bakterielle Haut- und Weichteilinfektionen; beim Hordeolum nur bei Ausbreitung auf die Lidweichteile beziehungsweise präseptaler Zellulitis [LL2, FI2].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Penicilline beziehungsweise schwere Sofortreaktion gegen andere Betalaktam-Antibiotika; vorausgegangene durch Amoxicillin/Clavulansäure verursachte Gelbsucht oder Leberfunktionsstörung [FI2].
- Nebenwirkungen: Insbesondere Diarrhoe, Übelkeit und Erbrechen; außerdem allergische Reaktionen, Exantheme (Hautausschläge), Candidosen (Pilzinfektionen durch Candida) und selten relevante hepatische Reaktionen beziehungsweise Antibiotika-assoziierte Kolitis (Dickdarmentzündung) [FI2].
Beachte
- Antibiotic Stewardship: Die häufige empirische Verordnung topischer oder systemischer Antibiotika bei einem unkomplizierten Hordeolum ist aufgrund des typischerweise selbstlimitierenden Verlaufs und fehlenden Nachweises eines zusätzlichen Behandlungserfolgs nicht gerechtfertigt [1, 2].
- Keine routinemäßige Glucocorticoidtherapie: Antibiotika-Glucocorticoid-Kombinationen gehören nicht zur Standardtherapie des unkomplizierten Hordeolums und sollten nur bei spezieller ophthalmologischer Indikation eingesetzt werden.
- Persistierende oder rezidivierende Läsion: Bei atypischem Verlauf, fehlender Abheilung oder wiederholtem Auftreten an identischer Stelle muss differentialdiagnostisch insbesondere ein Chalazion (Hagelkorn) beziehungsweise eine andere Lidtumorerkrankung (Tumorerkrankung des Augenlids) berücksichtigt und gegebenenfalls histologisch abgeklärt werden.
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
- Weitere Vitalstoffe (probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungsverzeichnis
- DHA: Docosahexaensäure
- EPA: Eicosapentaensäure
- FI: Fachinformation
- LL: Leitlinie
- NICE: National Institute for Health and Care Excellence
Literatur
- Lindsley K, Nichols JJ, Dickersin K. Non-surgical interventions for acute internal hordeolum. Cochrane Database Syst Rev. 2017;1(1):CD007742. doi: 10.1002/14651858.CD007742.pub4
- Alsoudi AF, Ton L, Ashraf DC et al.: Efficacy of Care and Antibiotic Use for Chalazia and Hordeola. Eye Contact Lens. 2022;48(4):162-168. doi: 10.1097/ICL.0000000000000859
- Gordon AA, Danek DJ, Phelps PO. Common inflammatory and infectious conditions of the eyelid. Dis Mon. 2020;66(10):101042. doi: 10.1016/j.disamonth.2020.101042
- Shimizu Y, Shinji K, Mitoma K et al.: Efficacy of azithromycin hydrate ophthalmic solution for treatment of internal hordeolum and meibomitis with or without phlyctenular keratitis. Jpn J Ophthalmol. 2023;67(5):565-569. doi: 10.1007/s10384-023-01010-w
- McAlinden C, González-Andrades M, Skiadaresi E. Hordeolum: Acute abscess within an eyelid sebaceous gland. Cleve Clin J Med. 2016;83(5):332-334. doi: 10.3949/ccjm.83a.15012
Leitlinien
- American Academy of Ophthalmology Preferred Practice Pattern Cornea/External Disease Panel: Blepharitis Preferred Practice Pattern®. Ophthalmology. 2024;131(4):P50-P86. doi: 10.1016/j.ophtha.2023.12.036 [LL1]
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Cellulitis and erysipelas: antimicrobial prescribing. NICE Guideline NG141, veröffentlicht 27. September 2019. NICE Guideline [LL2]
Fachinformation
- Gentamicin-POS® 5,0 mg/g Augensalbe/5,0 mg/ml Augentropfen. Fachinformation. URSAPHARM Arzneimittel GmbH; Stand Januar 2020. Fachinformation [FI1]
- Amoxicillin-ratiopharm® comp. 500 mg/125 mg Filmtabletten. Fachinformation. ratiopharm GmbH; Stand April 2025, Version 12. Fachinformation [FI2]