Hodenhochstand (Maldeszensus testis) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch einen Maldescensus testis (Hodenhochstand) mitbedingt sein können:
Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)
- Maligne testikuläre Keimzelltumoren (bösartige Keimzelltumoren des Hodens) – das Erkrankungsrisiko bleibt bei Männern mit einem kongenitalen Maldescensus testis auch nach einer Orchidopexie (operative Verlagerung und Fixierung des Hodens im Hodensack) gegenüber Männern ohne Maldescensus testis erhöht:
- Eine aktualisierte Metaanalyse von Beobachtungsstudien ergab eine gepoolte Odds-Ratio von 3,99 (95%-Konfidenzintervall: 2,80-5,71) [1].
- Eine präpubertäre Orchidopexie vermindert das spätere Hodentumorrisiko, beseitigt es jedoch nicht. In einer schwedischen Kohortenstudie betrug das relative Risiko nach einer Orchidopexie vor dem 13. Lebensjahr 2,2 und nach einer Orchidopexie ab dem 13. Lebensjahr 5,4 gegenüber der Allgemeinbevölkerung [2, LL1].
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Fertilitätsstörung (Fruchtbarkeitsstörung) durch eine beeinträchtigte Spermatogenese (Spermienbildung) mit erhöhtem Risiko für Oligozoospermie (zu geringe Anzahl an Spermien im Ejakulat) bzw. Azoospermie (Fehlen von Spermien im Ejakulat):
- Nach einem unilateralen Maldescensus testis können Spermatogenese und Fertilitätspotenzial vermindert sein; die Vaterschaftsrate unterscheidet sich in den verfügbaren Kohorten jedoch meist nicht wesentlich von derjenigen der Allgemeinbevölkerung [3, LL1].
- Nach einem bilateralen Maldescensus testis sind Spermatogenese, Fertilität und Vaterschaftsrate deutlich stärker beeinträchtigt; zudem besteht häufiger ein Bedarf an assistierter Reproduktion (medizinisch unterstützter Fortpflanzung) [3, LL1].
- Eine frühe Orchidopexie ist mit einem größeren Hodenvolumen und einer höheren Zahl von Spermatogonien (Vorläuferzellen der Spermien) pro Tubulus (Samenkanälchen) als Surrogatparameter eines günstigeren Fertilitätspotenzials assoziiert. Ein sicherer Nachweis einer Normalisierung der späteren Fertilität oder Vaterschaft durch die frühe Operation liegt jedoch nicht vor [4, LL1].
- Testikuläre Hypotrophie (Unterentwicklung des Hodens) bzw. Hodenatrophie (Schrumpfung des Hodens) – ein persistierender Maldescensus testis ist mit einem verminderten Hodenvolumen, einer fortschreitenden Abnahme von Keim- und Leydig-Zellen (hormonbildenden Zellen des Hodens) sowie einer beeinträchtigten Keimzellreifung (Reifung der Fortpflanzungszellen) assoziiert [4, 7, LL1].
- Hodentorsion (Hodenverdrehung) des nicht descendierten Hodens (nicht in den Hodensack abgestiegenen Hodens) – seltene, zeitkritische Komplikation mit dem Risiko einer testikulären Ischämie (Durchblutungsstörung des Hodens) und eines Hodenverlustes; die atypische Präsentation mit Leisten- oder Abdominalschmerzen kann die Diagnose und operative Versorgung verzögern [6, LL2].
- Postoperative Hodenatrophie nach Orchidopexie:
- Nach einer primären Standardorchidopexie ist eine postoperative Hodenatrophie selten. Das Risiko hängt wesentlich von der ursprünglichen Hodenlage, der Gefäßsituation und dem erforderlichen Operationsverfahren ab; pauschale Häufigkeitsangaben sind daher nicht auf sämtliche Formen des Maldescensus testis übertragbar [7, LL1].
- Bei einem hohen intraabdominalen Hoden (im Bauchraum gelegenen Hoden) ergab eine Metaanalyse von 17 Studien mit 499 operierten Hoden nach einer einzeitigen laparoskopischen Fowler-Stephens-Orchidopexie eine Atrophierate von 17,3 % und nach einem zweizeitigen Vorgehen eine Atrophierate von 11,0 % [5].
- Reaszensus (erneuter Hodenhochstand) bzw. Rezidiv (Wiederauftreten) des Hodenhochstandes nach Orchidopexie – seltene postoperative Komplikation; das Risiko ist verfahrens- und lageabhängig und bei hohen intraabdominalen Hoden bzw. komplexen Operationsverfahren höher als bei tief gelegenen, palpablen Hoden [5, 7, LL1].
Prognosefaktoren
- Bilateraler Maldescensus testis – wichtigster ungünstiger klinischer Prognosefaktor für eine spätere Beeinträchtigung der Spermatogenese, Fertilität und Vaterschaft [3, LL1].
- Hohe bzw. intraabdominale Hodenlage – mit einem ausgeprägteren Keimzellverlust sowie einem höheren Risiko einer postoperativen Hodenatrophie und eines Reaszensus assoziiert [5, 7, LL1].
- Später Behandlungszeitpunkt – mit ungünstigeren histologischen und endokrinen Surrogatparametern des Fertilitätspotenzials sowie einem höheren späteren Hodentumorrisiko assoziiert. Die Orchidopexie soll zwischen dem 6. und 12. Lebensmonat und spätestens bis zum Alter von 18 Monaten abgeschlossen sein [1, 2, 4, 7, LL1, LL2].
- Operationsverfahren bei einem hohen intraabdominalen Hoden – die zweizeitige laparoskopische Fowler-Stephens-Orchidopexie weist gegenüber dem einzeitigen Vorgehen eine höhere Erfolgsrate und eine niedrigere postoperative Atrophierate auf [5].
- Erfolgreiche frühe Orchidopexie – verbessert die Voraussetzungen für die spätere Hodenfunktion und vermindert das Hodentumorrisiko, kann die durch eine zugrunde liegende testikuläre Dysgenesie (Fehlentwicklung des Hodengewebes) oder bereits eingetretene Keimzellschädigung bedingten Langzeitrisiken jedoch nicht vollständig beseitigen [1, 3, 4, LL1].
Literatur
- Florou M, Tsilidis KK, Siomou E et al.: Orchidopexy for congenital cryptorchidism in childhood and adolescence and testicular cancer in adults: an updated systematic review and meta-analysis of observational studies. Eur J Pediatr 2023;182(6):2499-2507. doi: 10.1007/s00431-023-04947-9.
- Pettersson A, Richiardi L, Nordenskjold A et al.: Age at Surgery for Undescended Testis and Risk of Testicular Cancer. N Engl J Med 2007;356(18):1835-1841. doi: 10.1056/NEJMoa067588.
- Henriksen AL, Poulsen IM, Sørensen F, Fedder J: Paternity After Treatment of Cryptorchidism: A Systematic Review. J Clin Med 2025;14(13):4768. doi: 10.3390/jcm14134768.
- Allin BSR, Dumann E, Fawkner-Corbett D et al.: Systematic review and meta-analysis comparing outcomes following orchidopexy for cryptorchidism before or after 1 year of age. BJS Open 2018;2(1):1-12. doi: 10.1002/bjs5.36.
- Fung ACH, Tsang JTW, Leung L et al.: Comparative Outcomes of Single-Stage versus Two-Stage Laparoscopic Fowler-Stephens Orchidopexy: A Systematic Review snd Meta-Analysis. Eur J Pediatr Surg 2025;35(1):28-35. doi: 10.1055/a-2375-9784.
- Dupond-Athénor A, Peycelon M, Abbo O et al.: A multicenter review of undescended testis torsion: A plea for early management. J Pediatr Urol 2021;17(2):191.e1-191.e6. doi: 10.1016/j.jpurol.2020.12.004.
- Gates RL, Shelton J, Diefenbach KA et al.: Management of the undescended testis in children: An American Pediatric Surgical Association Outcomes and Evidence Based Practice Committee Systematic Review. J Pediatr Surg 2022;57(7):1293-1308. doi: 10.1016/j.jpedsurg.2022.01.003.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- European Association of Urology (EAU): EAU Guidelines on Paediatric Urology. Limited Update March 2026. Leitlinie Langfassung. [LL1]
- American Urological Association (AUA): Evaluation and Treatment of Cryptorchidism. 2025. Leitlinie. [LL2]