Untergewicht – Differentialdiagnosen
Untergewicht ist kein eigenständiges Krankheitsbild (Erkrankung), sondern ein anthropometrischer Befund (Körpermessbefund). Differentialdiagnostisch (zur Unterscheidung möglicher Ursachen) relevant sind vor allem verminderte Nahrungsaufnahme, Malassimilation (gestörte Nährstoffverwertung)/Malabsorption (gestörte Nährstoffaufnahme), erhöhter Energieverbrauch, chronische Inflammation (Entzündung), Kachexie (krankhafte Auszehrung), endokrine Erkrankungen (Hormonkrankheiten), Tumorerkrankungen (Krebserkrankungen), chronische Infektionen (Ansteckungen), neurologisch-psychiatrische Erkrankungen (Erkrankungen von Nervensystem und Psyche), Medikamente und soziale Ursachen.
Atmungssystem (J00-J99)
- Bronchiektasen (krankhafte Erweiterungen der Bronchien) – chronisch-entzündliche Lungenerkrankung mit rezidivierenden Infektionen (wiederkehrenden Ansteckungen), erhöhter Krankheitslast und möglichem Gewichtsverlust
- Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) – fortgeschrittene Erkrankung mit systemischer Inflammation, erhöhter Atemarbeit, Appetitminderung, Sarkopenie (Muskelschwund) und pulmonaler Kachexie
- Lungenemphysem (Lungenüberblähung) – fortgeschrittene Form der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung mit erhöhtem Atemarbeitsaufwand und möglichem Gewichtsverlust
- Pulmonale Fibrose (Lungenvernarbung)/interstitielle Lungenerkrankungen (Erkrankungen des Lungenzwischengewebes) – chronische Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut), Belastungsdyspnoe (Atemnot bei Belastung), systemische Krankheitslast und erhöhter Energieverbrauch als Ursachen von Gewichtsverlust
Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)
- Perniziöse Anämie (besondere Form der Blutarmut) – autoimmune Gastritis (autoimmunbedingte Magenschleimhautentzündung) mit Vitamin-B12-Mangel; Appetitminderung, gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden) und Gewichtsverlust möglich
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Dekompensierter Diabetes mellitus (entgleiste Zuckerkrankheit) – Gewichtsverlust durch Glukosurie (Zucker im Urin), osmotische Diurese (vermehrte Harnausscheidung durch gelöste Stoffe), Katabolismus (abbauender Stoffwechsel) und Insulinmangel; besonders bei Typ-1-Diabetes oder schlecht kontrolliertem Typ-2-Diabetes
- Fehlernährung – qualitative oder quantitative unzureichende Nährstoffzufuhr
- Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) – Gewichtsverlust trotz normaler oder gesteigerter Nahrungsaufnahme durch erhöhten Grundumsatz
- Hypophyseninsuffizienz (Unterfunktion der Hirnanhangsdrüse) – Appetitminderung, sekundäre Nebennierenrindeninsuffizienz (Unterfunktion der Nebennierenrinde) und katabole Stoffwechsellage möglich
- Kwashiorkor (schwere Eiweißmangelernährung) – schwere Protein-Mangelernährung, vor allem bei Kindern in Regionen mit Nahrungsmangel
- Mangelernährung – krankheitsassoziiert, altersassoziiert oder durch inadäquate Nahrungszufuhr bedingt
- Marasmus (schwerer Hungerzustand) – generalisierte Energie- und Proteinunterversorgung mit Verlust von Fett- und Muskelmasse
- Nahrungsmittelallergie (Lebensmittelallergie) – restriktive Ernährung oder chronische gastrointestinale Beschwerden mit unzureichender Energiezufuhr möglich
- Nahrungsmittelintoleranzen (Lebensmittelunverträglichkeiten) – z. B. Fructoseintoleranz (Fruchtzuckerunverträglichkeit) oder Lactoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit) mit Meidung relevanter Nahrungsmittel und reduzierter Energiezufuhr
- Nebennierenrindeninsuffizienz, primäre – Gewichtsverlust, Appetitminderung, Übelkeit, abdominelle Beschwerden (Bauchbeschwerden), Hypotonie (niedriger Blutdruck) und Hyperpigmentierung (verstärkte Hautfärbung) möglich
- Unterernährung – unzureichende Energiezufuhr als unmittelbare Ursache von Untergewicht
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Chronische Herzinsuffizienz (Herzschwäche) – kardiale Kachexie bei fortgeschrittener Erkrankung durch neurohormonelle Aktivierung, Inflammation, Appetitminderung, intestinale Stauung (Stauung im Darmbereich) und Sarkopenie
- Chronische mesenteriale Ischämie (chronische Durchblutungsstörung des Darms) – postprandiale Schmerzen (Schmerzen nach dem Essen) mit konsekutiver Nahrungsvermeidung und Gewichtsverlust
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Chronische parasitäre Infektionen – z. B. Giardiasis (Lamblieninfektion) oder intestinale Helminthosen (Wurmerkrankungen des Darms) mit Diarrhoe (Durchfall), Malabsorption und Gewichtsverlust
- Chronische Virushepatitis (virusbedingte Leberentzündung) – Gewichtsverlust bei chronischer Entzündung, Appetitminderung oder fortgeschrittener Lebererkrankung möglich
- HIV-Infektion – Gewichtsverlust bei unbehandelter oder fortgeschrittener Infektion, opportunistischen Infektionen (Infektionen bei geschwächter Abwehr) oder HIV-assoziiertem Wasting (HIV-bedingter Auszehrung)
- Subakute bakterielle Endokarditis (bakterielle Herzinnenhautentzündung) – länger anhaltende systemische Entzündung mit Fieber, Nachtschweiß und Gewichtsverlust
- Tuberkulose (Schwindsucht) – klassischerweise Gewichtsverlust, Nachtschweiß, Fieber und chronischer Husten bei pulmonaler Erkrankung
- Wasting-Syndrom bei HIV-Infektion – Verlust von Körpergewicht und Muskelmasse bei fortgeschrittener HIV-Erkrankung
Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)
- Chronische Hepatitis (Leberentzündung) – Appetitminderung, chronische Entzündung und Gewichtsverlust möglich
- Chronische Lebererkrankung/Leberzirrhose (Leberschrumpfung) – Sarkopenie und Mangelernährung durch verminderte Aufnahme, Malabsorption, Hypermetabolismus (gesteigerter Stoffwechsel) und Inflammation
- Chronische Pankreatitis (chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung) – Maldigestion (gestörte Verdauung), Steatorrhoe (Fettstuhl), Schmerzen und verminderte Nahrungsaufnahme
- Exokrine Pankreasinsuffizienz (Verdauungsschwäche der Bauchspeicheldrüse) – Fettmaldigestion (gestörte Fettverdauung), Steatorrhoe, Mikronährstoffmangel und Gewichtsverlust
- Pankreaskarzinom (Bauchspeicheldrüsenkrebs) – Gewichtsverlust durch Tumorkachexie (tumorbedingte Auszehrung), Appetitminderung, Schmerzen und exokrine Pankreasinsuffizienz
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Achalasie (Speiseröhrenentleerungsstörung) – Dysphagie (Schluckstörung), Regurgitation (Zurückfließen von Nahrung) und Gewichtsverlust
- Chronische Diarrhoe – unspezifisches Leitsymptom mit Risiko für Energie-, Flüssigkeits- und Nährstoffdefizit
- Colitis ulcerosa (chronische Dickdarmentzündung) – Gewichtsverlust bei aktiver Entzündung, Diarrhoe, Blutverlust und reduzierter Nahrungsaufnahme
- Dünndarmfehlbesiedlung (falsche Bakterienbesiedlung des Dünndarms) – Malabsorption, Meteorismus (Blähbauch), Diarrhoe und Gewichtsverlust möglich
- Erkrankungen des Mundes, der Zähne oder des Kiefers – reduzierte Nahrungsaufnahme durch Schmerzen, Kaustörung oder Prothesenprobleme
- Gastroparese (Magenentleerungsstörung) – frühes Sättigungsgefühl, Übelkeit, Erbrechen und reduzierte Energiezufuhr
- Kurzdarmsyndrom (verkürzter Darm) – Malabsorption nach ausgedehnter Dünndarmresektion (Entfernung von Dünndarmanteilen)
- Magenulzera (Magengeschwüre)/duodenale Ulzera (Zwölffingerdarmgeschwüre) – Schmerzen, Appetitminderung und Nahrungsvermeidung möglich
- Morbus Crohn (chronische Darmentzündung) – chronisch-entzündliche Darmerkrankung mit Malabsorption, Diarrhoe, erhöhtem Energieverbrauch und reduzierter Nahrungsaufnahme
- Morbus Whipple (seltene bakterielle Systemerkrankung) – systemische bakterielle Erkrankung mit Diarrhoe, Arthralgien (Gelenkschmerzen), Fieber und Gewichtsverlust
- Ösophagusstenose (Speiseröhrenverengung) – mechanische Passagestörung (Durchgangsstörung) mit Dysphagie und Gewichtsverlust
- Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) – immunvermittelte Enteropathie (Darmschleimhauterkrankung) mit Malabsorption, Diarrhoe, Eisenmangel und Gewichtsverlust möglich
- Zustand nach bariatrischer Operation (Operation zur Gewichtsreduktion) – Untergewicht bei übermäßiger Restriktion (Einschränkung), Malabsorption oder Komplikationen möglich
- Zustand nach Gastrektomie (Magenentfernung)/Magenteilresektion (Teil-Magenentfernung) – reduzierte Nahrungsaufnahme, Dumping-Syndrom (Sturzentleerung des Magens) und Malabsorption möglich
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Chronisch-entzündliche rheumatische Erkrankungen (entzündliche Gelenk- und Bindegewebserkrankungen) – Gewichtsverlust bei hoher Entzündungsaktivität, Schmerzen, Fatigue (Erschöpfung) und reduzierter Nahrungsaufnahme möglich
- Sarkopenie – Verlust von Muskelmasse und Muskelkraft; häufig mit Mangelernährung, Frailty (Gebrechlichkeit) und chronischer Erkrankung assoziiert
- Systemische Vaskulitiden (Gefäßentzündungen) – systemische Entzündung mit B-Symptomatik (Allgemeinsymptomen), Appetitminderung und Gewichtsverlust möglich
Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)
- Bronchialkarzinom (Lungenkrebs) – Gewichtsverlust durch Tumorkachexie, Inflammation und verminderte Nahrungsaufnahme
- Gastrointestinale Malignome (bösartige Tumoren des Magen-Darm-Trakts) – insbesondere Ösophaguskarzinom (Speiseröhrenkrebs), Magenkarzinom (Magenkrebs), Kolorektalkarzinom (Darmkrebs) und Pankreaskarzinom
- Hämatologische Neoplasien (bösartige Erkrankungen des Blutes und blutbildenden Systems) – z. B. Lymphome (Lymphdrüsenkrebs), Leukämien (Blutkrebs) und multiples Myelom (Knochenmarkkrebs) mit B-Symptomatik, Inflammation und Gewichtsverlust
- Maligne Neubildungen aller Art – Tumorkachexie, Appetitminderung, systemische Inflammation und therapieassoziierte Nebenwirkungen als zentrale Mechanismen
- Neuroendokrine Tumoren (hormonbildende Tumoren) – Gewichtsverlust bei hormoneller Aktivität, Diarrhoe oder Tumorlast möglich
- Phäochromozytom (Katecholamin-produzierender Tumor) – Katecholaminexzess (Stresshormonüberschuss) mit Hypermetabolismus, Schwitzen, Palpitationen (Herzklopfen) und Gewichtsverlust möglich
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Alkoholabhängigkeit – Fehlernährung, reduzierte Nahrungsaufnahme, Lebererkrankung und soziale Desintegration (sozialer Abbau) möglich
- Anorexia nervosa (Magersucht) – absichtlich herbeigeführtes oder aufrechterhaltenes Untergewicht mit Körperschemastörung (gestörter Körperwahrnehmung)
- Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht) – Gewicht kann normal sein; Untergewicht bei schwerem Verlauf, restriktiven Phasen oder komorbider Anorexia nervosa möglich
- Demenz (geistiger Abbau) – Untergewicht durch Appetitminderung, Vergessen des Essens, Dysphagie, Unruhe, Depression (Niedergeschlagenheit) oder Pflegeabhängigkeit
- Depression – Appetitminderung, Antriebsminderung und Gewichtsverlust möglich
- Morbus Alzheimer (Alzheimer-Krankheit) und andere Demenzen – chronische Gewichtsabnahme bei fortgeschrittener Erkrankung häufig
- Morbus Parkinson (Parkinson-Krankheit) – Gewichtsverlust durch Dysphagie, Tremor (Zittern), Dyskinesien (Bewegungsstörungen), Obstipation (Verstopfung), Depression und erhöhten Energieverbrauch möglich
- Neuromuskuläre Erkrankungen (Erkrankungen von Nerven und Muskeln) – Dysphagie, respiratorische Belastung (Atembelastung) und reduzierte orale Aufnahme möglich
- Orthorexia nervosa (krankhafte Fixierung auf gesundes Essen) – restriktive Ernährung durch zwanghafte Fixierung auf vermeintlich gesunde Ernährung; Fehl- und Mangelernährung möglich
- Stimulanzienabhängigkeit – z. B. Amphetamine oder Kokain mit Appetitminderung und Gewichtsverlust
Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)
- Hyperemesis gravidarum (schweres Schwangerschaftserbrechen) – relevante Gewichtsabnahme durch persistierendes Erbrechen in der Schwangerschaft
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Anorexie (Appetitlosigkeit) – Appetitlosigkeit als Symptom zahlreicher somatischer (körperlicher) und psychischer Erkrankungen
- Dysgeusie (Geschmacksstörung)/Ageusie (Geschmacksverlust) – Geschmacksstörung mit reduzierter Nahrungsaufnahme, z. B. nach Infekten, Medikamenten oder onkologischer Therapie
- Dysphagie – Schluckstörung bei neurologischen, strukturellen oder entzündlichen Ursachen
- Erbrechen, chronisch – Flüssigkeits-, Elektrolyt- und Energieverlust mit Untergewicht möglich
- Fieber unklarer Genese (Fieber unklarer Ursache) – chronische Entzündung, Infektion, Autoimmunerkrankung (Erkrankung durch fehlgeleitete Abwehrreaktion) oder Tumorerkrankung als Ursache des Gewichtsverlusts abklären
- Kachexie – komplexes metabolisches Syndrom (Stoffwechselsyndrom) bei chronischer Erkrankung mit Muskelverlust, Appetitminderung und Inflammation
- Schmerzen, chronisch – reduzierte Nahrungsaufnahme und katabole Belastung möglich
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Chronische Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) – Appetitminderung, Urämie (Harnvergiftung), Inflammation und Protein-Energie-Mangelernährung möglich
- Chronische Pyelonephritis (Nierenbeckenentzündung) – chronische Infektlast, Inflammation und Gewichtsverlust möglich
- Urämie – Übelkeit, Appetitlosigkeit, Erbrechen und Gewichtsverlust bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz
Medikamente
- Chemotherapeutika – Übelkeit, Mukositis (Schleimhautentzündung), Geschmacksstörung, Diarrhoe und Appetitminderung möglich
- Glucagon-like-peptide-1-Rezeptoragonisten – pharmakologisch intendierte Appetitminderung und Gewichtsreduktion
- Levothyroxin-Überdosierung – iatrogene Hyperthyreose (durch medizinische Behandlung verursachte Schilddrüsenüberfunktion) mit Gewichtsverlust
- Methylphenidat/Amphetamine – Appetitminderung und Gewichtsverlust
- Sodium-Glucose-Cotransporter-2-Inhibitoren – mögliche Gewichtsreduktion durch vermehrte Glucoseausscheidung über die Niere mit kalorischem Energieverlust
- Topiramat – Appetitminderung und Gewichtsverlust
Weiteres
- Armut/Nahrungsmittelunsicherheit – unzureichende Energie- und Nährstoffzufuhr ohne primär organische Ursache
- Hochleistungssport/ästhetik- oder gewichtsklassenorientierter Sport – niedrige Energieverfügbarkeit und Untergewicht möglich
- Konstitutionelle Schlankheit – dauerhaft niedriger Body-Mass-Index ohne Essstörung, Malabsorption, systemische Erkrankung oder relevante Laborpathologie
- Soziale Isolation/Pflegeabhängigkeit – fehlende Essenszubereitung, Einsamkeit, kognitive Einschränkung oder eingeschränkter Zugang zu Nahrung
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