Harnröhrenentzündung (Urethritis) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Verbesserung der Symptomatik (Beschwerden)
  • Eradikation (vollständige Beseitigung) des Erregers und Vermeidung von Komplikationen (Folgeproblemen)
  • Unterbrechung von Infektionsketten (Übertragungswegen) und Vermeidung von Reinfektionen (erneuten Ansteckungen) durch Partnerinformation, -diagnostik und ggf. -therapie

Therapieempfehlungen

Beachte: Die folgenden Empfehlungen zur bakteriellen Urethritis (durch Bakterien verursachten Harnröhrenentzündung) beziehen sich vorrangig auf männliche Jugendliche und Erwachsene. Vor Beginn einer antibiotischen Therapie (Behandlung mit Antibiotika) sollen Proben für die Erregerdiagnostik (Untersuchung auf Krankheitserreger) entnommen werden. Bei Verdacht auf Neisseria gonorrhoeae (Gonokokken; Erreger der Gonorrhoe) soll zusätzlich zur Nukleinsäureamplifikation eine Kultur zur Resistenztestung angelegt werden. Eine rein klinische Unterscheidung der Erreger und der sichere Ausschluss von Koinfektionen (gleichzeitigen Infektionen mit weiteren Erregern) sind nicht möglich [LL1].

  • Empirische antibiotische Therapie: Sie ist bei gesicherter klinischer Urethritis indiziert, wenn eine zeitnahe Wiedervorstellung nicht gewährleistet ist, Komplikationen drohen oder die Beschwerden stark sind. Bei gering ausgeprägter Symptomatik und gesicherter Wiedervorstellung kann das Ergebnis der Erregerdiagnostik abgewartet und anschließend gezielt behandelt werden [LL1].
    • Verdacht auf gonorrhoische Urethritis (GU): Ceftriaxon 1.000-2.000 mg i.v. oder i.m. einmalig. Wegen möglicher Koinfektion mit Chlamydia trachomatis (Chlamydien) zusätzlich Doxycyclin 100 mg p.o. zweimal täglich für 7 Tage, sofern eine Wiedervorstellung zur gezielten Behandlung nicht gesichert ist. Bei Kontraindikation (Gegenanzeige) gegen Doxycyclin kann in dieser Konstellation Ceftriaxon mit Azithromycin p.o. nach dem 4-Tage-Schema kombiniert werden (Tag 1: 1.000 mg, Tage 2-4: je 500 mg; Off-label-Anwendung) [LL1].
    • Verdacht auf nichtgonorrhoische Urethritis (NGU): Doxycyclin 100 mg p.o. zweimal täglich für 7 Tage. Nur bei Kontraindikation gegen Doxycyclin und nicht gesicherter Wiedervorstellung: Azithromycin p.o. nach dem 4-Tage-Schema (Tag 1: 1.000 mg, Tage 2-4: je 500 mg; Off-Label-Anwendung) [LL1].

Erregerspezifische Therapie nach Erregernachweis

Erreger Therapie der ersten Wahl Alternative/Besonderheiten
Neisseria gonorrhoeae Ceftriaxon 1.000-2.000 mg i.v. oder i.m. einmalig (Dosierung > 1.000 mg Off-label) Bei Cephalosporin-Kontraindikation nur resistenzgerecht: Azithromycin bei kulturell bestätigter Sensitivität (Empfindlichkeit) (1.000 mg p.o. einmalig, wenn M. genitalium ausgeschlossen; andernfalls 4-Tage-Schema) oder Ciprofloxacin 500 mg p.o. einmalig bei bestätigter Sensitivität und unter Beachtung des Rote-Hand-Briefs zu Fluorchinolonen (Antibiotikagruppe). Bei Therapieversagen oder fehlender Behandlungsoption: STI-Expertise bzw. Konsiliarlabor für Gonokokken am RKI einbeziehen [LL1].
Chlamydia trachomatis (Serovare D-K) Doxycyclin 100 mg p.o. zweimal täglich für 7 Tage Bei Kontraindikation: Azithromycin 1.000 mg p.o. einmalig, wenn M. genitalium ausgeschlossen ist; andernfalls 4-Tage-Schema (Tag 1: 1.000 mg, Tage 2-4: je 500 mg; Off-label). Bei LGV-Serovaren (Untertypen, die ein Lymphogranuloma venereum verursachen) L1-L3 ist eine längere Behandlung erforderlich [LL1].
Mycoplasma genitalium (Bakterium, das sexuell übertragen werden kann) Ohne Resistenztestung oder ohne Nachweis makrolidresistenzassoziierter Mutationen: Azithromycin nach dem 4-Tage-Schema (Tag 1: 1.000 mg, Tage 2-4: je 500 mg; Off-label) Bei Makrolidresistenz (Unempfindlichkeit gegen bestimmte Antibiotika), hoher Resistenzwahrscheinlichkeit, Kontraindikation oder fehlendem Ansprechen auf Azithromycin: Moxifloxacin 400 mg p.o. einmal täglich für 7 Tage (Off-Label; strenge Nutzen-Risiko-Abwägung, Rote-Hand-Brief beachten; nicht für Personen unter 18 Jahren zugelassen). Bei Therapieversagen: STI-Expertise einholen. Eine Azithromycin-Einmalgabe von 1 g soll bei M. genitalium wegen Resistenzselektion (Begünstigung unempfindlicher Erreger) nicht eingesetzt werden [LL1, LL3].
Trichomonas vaginalis (sexuell übertragbarer einzelliger Parasit) Metronidazol 1.500-2.000 mg p.o. einmalig Bei Kontraindikation kann Tinidazol 2.000 mg p.o. einmalig erwogen werden; derzeit in Deutschland/Europa nicht regulär verfügbar [LL1].
Andere Mykoplasmen/Ureaplasmen (bestimmte sehr kleine Bakterien) Keine pauschale Therapie allein aufgrund eines Erregernachweises Ureaplasma parvum und Mycoplasma hominis sind in der Regel nicht klinisch relevant. Bei hoher Erregerlast von U. urealyticum und nach Ausschluss anderer Ursachen kann Doxycyclin 100 mg p.o. zweimal täglich für 7 Tage erwogen werden [LL1].
Herpes-simplex-Virus (Herpesvirus) Bei klinisch manifester genitaler HSV-Infektion (Herpesinfektion im Genitalbereich), z. B. Aciclovir 400 mg p.o. dreimal täglich für 5-10 Tage oder 200 mg p.o. fünfmal täglich für 5-10 Tage Alternativ Valaciclovir 500 mg p.o. zweimal täglich für 5-10 Tage. Dauer und Regime richten sich danach, ob es sich um eine Erstmanifestation (erstmaliges Auftreten) oder ein Rezidiv (Wiederauftreten) handelt; Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion) [LL4].

Persistierende (anhaltende) oder rezidivierende (wiederkehrende) Urethritis

  • Vor erneuter Antibiotikagabe sollen objektive Entzündungszeichen bestätigt sowie Therapieadhärenz (zuverlässige Einhaltung der Behandlung), Reexposition (erneuter Kontakt mit dem Erreger)/Reinfektion und eine unzureichend behandelte Koinfektion geprüft werden.
  • Erneute bzw. erweiterte Erregerdiagnostik, insbesondere auf M. genitalium und abhängig von Sexualanamnese (Erhebung der sexuellen Vorgeschichte) und Prävalenz (Häufigkeit) auf T. vaginalis; weitere Therapie erregerspezifisch und möglichst resistenzgeleitet [LL1, LL3].
  • Eine pauschale Kombination aus Metronidazol und einem Makrolid ist nicht indiziert. Bei fehlendem Erreger- oder Entzündungsnachweis soll keine wiederholte empirische Antibiotikatherapie erfolgen.

Nichtinfektiöse Ursachen

  • Irritative (durch Reizung bedingte), traumatische (durch Verletzung bedingte), dermatologische (die Haut betreffende) und andere nichtinfektiöse Ursachen sind differenzialdiagnostisch zu behandeln; Antibiotika sind nicht indiziert.
  • Beim urogenitalen Menopausensyndrom (Beschwerden im Harn- und Genitalbereich nach den Wechseljahren) kann eine lokale vaginale Estrogentherapie (Behandlung mit weiblichen Geschlechtshormonen in der Scheide) nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen (siehe „Urogenitales Menopausensyndrom/Pharmakotherapie“). Dies ist von einer infektiösen Urethritis abzugrenzen.
  • Eine Candida-Urethritis (durch Hefepilze verursachte Harnröhrenentzündung) ist selten. Eine antimykotische Behandlung (Behandlung gegen Pilze) soll nicht allein aufgrund von Dysurie (Schmerzen oder Brennen beim Wasserlassen) oder eines Candida-Nachweises ohne klinische Einordnung erfolgen; bei gesicherter invasiver (in tieferes Gewebe eindringender) bzw. komplizierter Candida-Infektion ist eine spezialisierte, befundgerechte Therapie erforderlich.

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Wirkstoffgruppe Wirkstoff Wichtige Hinweise
Cephalosporin (Antibiotikagruppe) Ceftriaxon Erste Wahl bei Gonorrhoe (Tripper); Kultur und Resistenztestung anstreben. Bei schwerer Soforttypallergie (unmittelbar auftretender allergischer Reaktion) individuelle Alternativtherapie.
Tetracyclin (Antibiotikagruppe) Doxycyclin Erste Wahl bei NGU bzw. C. trachomatis. Kontraindikation insbesondere in Schwangerschaft; Einnahmehinweise und Interaktionen (Wechselwirkungen) mit polyvalenten Kationen beachten.
Makrolid (Antibiotikagruppe) Azithromycin Empirisch nur bei Doxycyclin-Kontraindikation. Vier-Tage-Schema Off-Label; QT-Verlängerung und Interaktionen beachten. Keine 1-g-Einmalgabe bei M. genitalium.
Fluorchinolon Moxifloxacin Nur in definierten Situationen bei M. genitalium; Off-Label. Schwerwiegende, potenziell anhaltende Nebenwirkungen und QT-Verlängerung beachten; unter 18 Jahren nicht zugelassen.
Nitroimidazol (Arzneimittelgruppe gegen bestimmte Bakterien und Parasiten) Metronidazol Nur bei nachgewiesener T. vaginalis-Infektion bzw. gezielter Indikation; relevante Interaktionen und Fachinformation beachten.
Virostatikum (virushemmendes Arzneimittel) Aciclovir Bei manifester genitaler HSV-Infektion; ausreichende Hydrierung (Flüssigkeitszufuhr) und Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz.

Weitere Hinweise

  • Sexuelle Karenz (Verzicht auf Geschlechtsverkehr): mindestens bis eine Woche nach Abschluss der antibiotischen Therapie, bei fortbestehenden Symptomen länger [LL1].
  • Partnermanagement: Sexualpartnerinnen und -partner der letzten Wochen vor Symptombeginn sollen über Diagnose sowie notwendige Diagnostik und ggf. Therapie informiert werden. Bei Chlamydieninfektion oder asymptomatischer Gonorrhoe (Gonorrhoe ohne Beschwerden) können nach erregerspezifischen Leitlinien die Kontakte der letzten sechs Monate einzubeziehen sein [LL1, LL5].
  • Weitere STI: risikoadaptiertes Testangebot auf HIV, Syphilis, Hepatitis B/C sowie extragenitale Infektionen (Infektionen außerhalb des Genitalbereichs) mit C. trachomatis und N. gonorrhoeae; ggf. M. genitalium [LL1].
  • Kontrolle: Bei Symptompersistenz (Fortbestehen der Beschwerden) über zwei Wochen nach Therapieende oder Wiederauftreten der Beschwerden erneute ärztliche Vorstellung. Nach initialem Nachweis von N. gonorrhoeae, C. trachomatis oder M. genitalium sollte ein Test of Cure (Kontrolltest auf Heilung) sechs bis zwölf Wochen nach Therapieende geplant werden [LL1].

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
  • Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
  • Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
  • Weitere Vitalstoffe (probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungsverzeichnis

  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • CDC: Centers for Disease Control and Prevention
  • DHA: Docosahexaensäure
  • EPA: Eicosapentaensäure
  • GU: gonorrhoische Urethritis
  • HIV: Humanes Immundefizienz-Virus
  • HSV: Herpes-simplex-Virus
  • i.m.: intramuskulär
  • i.v.: intravenös
  • IUSTI: International Union against Sexually Transmitted Infections
  • LGV: Lymphogranuloma venereum
  • LL: Leitlinie
  • NGU: nichtgonorrhoische Urethritis
  • p.o.: per os, Einnahme durch den Mund
  • QT: Abschnitt der elektrischen Herzaktion im Elektrokardiogramm
  • RKI: Robert Koch-Institut
  • STI: sexuell übertragbare Infektion

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Management der Urethritis bei männlichen Jugendlichen und Erwachsenen (AWMF-Registernummer: 013-099), Oktober 2024 Kurzfassung Langfassung [LL1]
  2. Werner RN et al. Evidenz- und konsensbasierte (S3) Leitlinie: Management der Urethritis bei männlichen Jugendlichen und Erwachsenen. J Dtsch Dermatol Ges. 2025. doi:10.1111/ddg.15617_g [LL2]
  3. Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Mycoplasma genitalium – STI Treatment Guidelines, 2021 (zuletzt geprüft 2026). Leitlinie [LL3]
  4. 2024 European guidelines for the management of genital herpes. IUSTI-Leitlinie [LL4]
  5. 2015 European guidelines for the management of partners of persons with sexually transmitted infections. doi:10.1111/jdv.13181 [LL5]