Schwitzen (Hyperhidrose) – Differentialdiagnosen

Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Q00-Q99)

  • Angeborene Herzfehler – nur bei hämodynamisch relevanter Herzinsuffizienz (Herzschwäche), Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut) oder Belastungsintoleranz (verminderte Belastbarkeit) als Ursache von vermehrtem Schwitzen relevant

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Adipositas (Fettsucht)* – meist verstärktes physiologisches Schwitzen durch erhöhte Wärmeproduktion, reduzierte Wärmeabgabe und Belastungsintoleranz; keine Hyperhidrose im engeren Sinn
  • Akromegalie (Vergrößerung von Händen, Füßen und Gesichtszügen)* – sekundäre Hyperhidrose durch gesteigerte Schweißdrüsenaktivität
  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)* – Schwitzen bei Hypoglykämie (Unterzuckerung), autonomer Neuropathie (Schädigung unwillkürlicher Nerven) oder Infektion (Ansteckung)
  • Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion)* – klassische Ursache einer sekundären generalisierten Hyperhidrose
  • Hypoglykämie* – adrenerg (stresshormonvermittelt) vermittelte Schweißattacken
  • Menopause/Klimakterium (Wechseljahre)* – vasomotorische Symptome (gefäßbedingte Beschwerden) mit Hitzewallungen und Schwitzen
  • Phäochromozytom/Paragangliom (hormonbildender Nervengewebstumor)* – episodisches Schwitzen mit Hypertonie (Bluthochdruck), Palpitationen (Herzklopfen) und Kopfschmerz

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Frey-Syndrom (gustatorisches Schwitzen)** – gustatorisches Schwitzen nach Parotisoperation (Operation der Ohrspeicheldrüse), Trauma (Verletzung) oder aurikulotemporaler Nervenschädigung (Schädigung des Ohr-Schläfen-Nervs)
  • Primäre fokale Hyperhidrose** – axillär (in der Achsel), palmar (an den Handflächen), plantar (an den Fußsohlen) oder kraniofazial (an Kopf und Gesicht); meist bilateral (beidseitig) und symmetrisch (seitengleich)
  • Ross-Syndrom (Störung der Schweißregulation)** – fokale oder segmentale Hyperhidrose durch kompensatorisches Schwitzen bei Hypo-/Anhidrose (verminderter/fehlender Schweißbildung)

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Akutes Koronarsyndrom (akute Durchblutungsstörung des Herzens)* – vegetative Symptomatik (Beschwerden des unwillkürlichen Nervensystems) mit Kaltschweißigkeit
  • Endokarditis (Herzinnenhautentzündung)* – Fieber und Nachtschweiß, insbesondere bei prolongiertem Verlauf (verlängertem Verlauf)
  • Herzinsuffizienz* – Schwitzen bei Belastungsdyspnoe (Atemnot bei Belastung), Dekompensation (Entgleisung) oder Hypoperfusion (Minderdurchblutung)
  • Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit)/präsynkopale Zustände (Vorstufen der Bewusstlosigkeit) – vegetatives Schwitzen

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Brucellose (bakterielle Infektionskrankheit)* – Fieber und Nachtschweiß
  • Humanes Immundefizienz-Virus (HIV)/AIDS* – Fieber, Nachtschweiß und opportunistische Infektionen (Infektionen bei Abwehrschwäche)
  • Influenza (Grippe) und andere systemische Virusinfektionen (den ganzen Körper betreffende Virusinfektionen) – fieberassoziiertes Schwitzen
  • Malaria (Wechselfieber)* – Fieberschübe mit Schweißphase
  • Mononukleosis infectiosa (Pfeiffersches Drüsenfieber) – fieberassoziiertes Schwitzen
  • Osteomyelitis (Knochenmarkentzündung) – prolongiertes Fieber und Nachtschweiß möglich
  • Sepsis (Blutvergiftung)* – vegetative Dysregulation (Fehlregulation des unwillkürlichen Nervensystems) mit Fieber, Hypothermie (Untertemperatur) oder Schweißausbrüchen
  • Tuberkulose (Schwindsucht)* – klassische Ursache von Nachtschweiß

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Rheumatoide Arthritis (entzündliches Gelenkrheuma) – nur bei hoher entzündlicher Aktivität oder systemischer Symptomatik
  • Riesenzellarteriitis (Entzündung großer Schlagadern) – systemische Entzündung mit Fieber, Nachtschweiß und Gewichtsverlust möglich
  • Systemischer Lupus erythematodes (Schmetterlingsflechte) – nur bei systemischer Aktivität oder Fieber
  • Vaskulitiden (Gefäßentzündungen) – nur bei systemischer Entzündung, Fieber oder B-Symptomatik (Fieber, Nachtschweiß und Gewichtsverlust)

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Karzinoidsyndrom (Beschwerdebild bei hormonaktivem Tumor) – Flush (anfallsartige Hautrötung), Diarrhoe (Durchfall) und Schwitzen möglich
  • Leukämien (Blutkrebs)* – B-Symptomatik mit Nachtschweiß möglich
  • Lymphome (Lymphdrüsenkrebs)* – Nachtschweiß, Fieber, Gewichtsverlust und Lymphadenopathie (Lymphknotenschwellung)
  • Myeloproliferative Neoplasien (krankhafte Vermehrung blutbildender Zellen)* – Nachtschweiß, vasomotorische Symptome oder Pruritus (Juckreiz) möglich
  • Solide Tumoren (feste Geschwülste) – nur bei Tumorfieber, B-Symptomatik oder endokriner (hormoneller)/paraneoplastischer Aktivität (tumorbegleitender Aktivität)

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Alkoholentzug* – autonome Hyperaktivität (Überaktivität des unwillkürlichen Nervensystems) mit Schwitzen
  • Angststörungen/Panikattacken* – episodisches vegetatives Schwitzen
  • Autonome Dysreflexie (Fehlreaktion des unwillkürlichen Nervensystems) bei Rückenmarkläsion (Rückenmarkschädigung)** – anfallsartiges Schwitzen oberhalb der Läsion (Schädigung)
  • Diabetische autonome Neuropathie** – gustatorisches oder asymmetrisches Schwitzen
  • Drogenentzug* – vegetative Entzugssymptomatik
  • Epileptische Anfälle (Krampfanfälle) – periiktales (während des Anfalls auftretendes) oder postiktales (nach dem Anfall auftretendes) Schwitzen möglich
  • Morbus Parkinson (Schüttellähmung)* – autonome Dysfunktion (Funktionsstörung des unwillkürlichen Nervensystems) mit Hyperhidrose
  • Periphere/autonome Neuropathien (Nervenschädigungen)** – fokale oder kompensatorische Hyperhidrose
  • Schlafapnoe-Syndrom (Atemaussetzer im Schlaf)* – nächtliches Schwitzen möglich
  • Stressreaktion – situatives emotionales Schwitzen

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)

  • Schwangerschaft und Wochenbett – hormonell und thermoregulatorisch (wärmeregulierend) bedingtes Schwitzen; nur bei ausgeprägter Symptomatik differentialdiagnostisch relevant

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Fieber unklarer Genese (unklarer Ursache) – Nachtschweiß als Leitsymptom
  • Schmerz, akut/stark – sympathoadrenerge Aktivierung (Aktivierung des Stressnervensystems) mit Schwitzen
  • Überwärmung/Hitzeexposition (Hitzeeinwirkung) – physiologisches Schwitzen, keine Hyperhidrose im engeren Sinn

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Rückenmarktrauma (Rückenmarkverletzung)** – autonome Dysreflexie oder segmentale Schweißstörung
  • Sympathikusschädigung (Schädigung des Stressnervensystems)** – fokale Hyperhidrose, Hypohidrose (verminderte Schweißbildung) oder kompensatorisches Schwitzen

Medikamente

  • Acetylcholinesterase-Hemmer* – Donepezil, Galantamin, Rivastigmin, Neostigmin, Pyridostigmin
  • Antidepressiva (Mittel gegen Depressionen)* – selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, trizyklische Antidepressiva; besonders Fluoxetin, Paroxetin, Sertralin, Venlafaxin, Duloxetin und Amitriptylin
  • Antipsychotika (Mittel gegen psychotische Beschwerden) – substanzabhängig möglich
  • Betablocker – z. B. Propranolol; selten, aber beschrieben
  • GnRH-Analoga* – Goserelin, Leuprorelin, Triptorelin, Nafarelin; Hitzewallungen und Schwitzen durch Hypogonadismus (Unterfunktion der Keimdrüsen)
  • Hormontherapie/Antiöstrogene* – Tamoxifen, Aromatasehemmer; Hitzewallungen und Schwitzen
  • Opioide* – z. B. Morphin, Oxycodon, Tramadol
  • Parasympathomimetika* – Pilocarpin, Bethanechol
  • Serotonerge Arzneimittelkombinationen* – insbesondere bei Serotoninsyndrom-Risiko (Risiko einer Serotoninvergiftung), z. B. Tramadol plus selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer oder trizyklische Antidepressiva
  • Sympathomimetika/Stimulanzien* – Amphetamine, Methylphenidat, Kokain

Umweltbelastungen – Intoxikationen

  • Alkoholintoxikation (Alkoholvergiftung)/Alkoholentzug* – vegetative Dysregulation mit Schwitzen
  • Kokain, Amphetamine und Opioidentzug* – sympathoadrenerge beziehungsweise vegetative Aktivierung
  • Nikotin – vegetative Stimulation möglich
  • Organophosphate/Cholinesterase-Hemmer* – cholinerge Krise (Überaktivierung des parasympathischen Nervensystems) mit Schwitzen

Weiteres

  • Hohe Umgebungstemperatur, Sauna oder körperliche Belastung – physiologisches Schwitzen, keine Hyperhidrose im engeren Sinn
  • Scharfe Gewürze – gustatorisches Schwitzen

*Wichtige Ursachen der sekundären generalisierten Hyperhidrose

**Wichtige Ursachen der sekundären regionalen und fokalen Hyperhidrose