Schüttelfrost – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung
    • Beurteilung des Allgemeinzustandes und Ernährungszustandes
    • Beurteilung der Vigilanz (Wachheitsgrad), Orientierung und psychomotorischen Situation [Somnolenz (krankhafte Schläfrigkeit), Verwirrtheit/Delir (akuter Verwirrtheitszustand), Agitation (starke Unruhe)]
    • Erfassung der Vitalparameter (lebenswichtige Messwerte)
      • Körpertemperatur [Fieber; bei schwerer Infektion ggf. Hypothermie (Unterkühlung) < 36,0 °C]
      • Blutdruck [Hypotonie (niedriger Blutdruck); systolischer Blutdruck ≤ 90 mmHg bzw. Abfall um > 40 mmHg gegenüber dem individuellen Ausgangswert als Warnzeichen]
      • Puls/Herzfrequenz [Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Bradykardie (verlangsamter Herzschlag), Arrhythmie (Herzrhythmusstörung)]
      • Atemfrequenz [Tachypnoe (beschleunigte Atmung)]
      • Sauerstoffsättigung (SpO2) [Hypoxämie (verminderter Sauerstoffgehalt im Blut)]
    • Beurteilung der peripheren Perfusion (Durchblutung)
      • Hauttemperatur der Akren (Körperenden) [kalte Extremitäten]
      • Hautkolorit (Hautfarbe) [Blässe, grau-aschfahles Hautkolorit, Zyanose (bläuliche Hautverfärbung), Marmorierung]
      • Rekapillarisierungszeit (Zeit bis zur Wiederfüllung kleinster Blutgefäße) [verlängerte Rekapillarisierungszeit als Hinweis auf eine beeinträchtigte Gewebeperfusion (Gewebedurchblutung)]
      • Periphere Pulse [schwach tastbar]
    • Beurteilung des Hydratationszustandes (Flüssigkeitshaushaltes) [Exsikkose (Austrocknung), trockene Schleimhäute, verminderter Hautturgor (Hautspannung)]
    • Bei liegendem Blasenkatheter Beurteilung der aktuellen Diurese (Urinausscheidung) [Oligurie (verminderte Urinausscheidung)/Anurie (fehlende Urinausscheidung) als möglicher Hinweis auf eine Organdysfunktion (Funktionsstörung eines Organs)]
  • Beobachtung während einer Schüttelfrostepisode
    • Ausgeprägtes generalisiertes (den ganzen Körper betreffendes), unwillkürliches Muskelzittern mit ggf. Zähneklappern
    • Subjektives starkes Kältegefühl trotz häufig ansteigender Körpertemperatur
    • Periphere Vasokonstriktion (Verengung der äußeren Blutgefäße) [blasse, kühle Haut bzw. Akren]
    • Piloerektion (Aufrichten der Körperhaare)
    • Begleitende vegetative Reaktionen (unwillkürliche Körperreaktionen) [Tachykardie, Tachypnoe]
    • Beurteilung der Dauer und Ausprägung der Episode sowie des klinischen Zustandes unmittelbar danach
  • Inspektion (Betrachtung) der Haut und Weichteile
    • Ganzkörperinspektion einschließlich schwer einsehbarer Areale, Hautfalten und Interdigitalräume (Finger- und Zehenzwischenräume)
    • Hautveränderungen [Erythem (Hautrötung), Überwärmung, Schwellung, Druckschmerz, Erysipel (Wundrose), Cellulitis (bakterielle Entzündung des Unterhautgewebes), Abszess (Eiteransammlung)]
    • Wunden, Ulzerationen (Geschwüre), Dekubitalulzera (Druckgeschwüre), Operationswunden und Verbrennungen [Rötung, Sekretion, Wunddehiszenz (Auseinanderweichen der Wundränder), Nekrose (Gewebeuntergang)]
    • Nicht wegdrückbare Petechien (punktförmige Hautblutungen) bzw. Purpura (flächenhafte Hautblutungen) [Verdacht auf invasive bakterielle Infektion, insbesondere Meningokokkenerkrankung]
    • Hämorrhagische (blutige) oder nekrotische (abgestorbene) Hautläsionen [schwere systemische Infektion, Vaskulopathie (Gefäßerkrankung) bzw. nekrotisierende Weichteilinfektion]
    • Blasenbildung, livide (bläulich-violette) Hautverfärbung oder unverhältnismäßig starke Schmerzen [Verdacht auf nekrotisierende Weichteilinfektion (gewebezerstörende Infektion der Weichteile)]
    • Inspektion von Venenverweilkanülen, zentralvenösen Kathetern, Portsystemen, Dialysekathetern, Drainagen und sonstigen Fremdkörperzugängen [Rötung, Schwellung, Sekretion, Druckschmerz]
    • Suche nach möglichen Eintrittspforten [Insekten-/Zeckenstich, Bissverletzung, Injektionsstelle]
  • Kopf-, Hals- und Mund-Rachen-Untersuchung
    • Inspektion von Mundhöhle, Zähnen, Gingiva (Zahnfleisch) und Pharynx (Rachen) [Tonsillitis (Mandelentzündung), Pharyngitis (Rachenentzündung), odontogener Fokus (von den Zähnen ausgehender Infektionsherd), Abszess]
    • Palpation (Abtasten) der Nasennebenhöhlen [Druck- bzw. Klopfschmerz]
    • Otoskopische Untersuchung (Ohrspiegelung) bei entsprechender Symptomatik [Otitis media (Mittelohrentzündung), Mastoiditis (Entzündung des Warzenfortsatzes)]
    • Palpation der zervikalen Lymphknoten (Halslymphknoten) [Lymphadenopathie (vergrößerte Lymphknoten), Druckschmerz]
    • Inspektion und Palpation des Halses [Schwellung, Rötung, Druckschmerz]
    • Prüfung auf Meningismus (Nackensteifigkeit) [Nackensteifigkeit]
  • Untersuchung des Thorax (Brustkorbes) und der Lunge
    • Inspektion
      • Atemarbeit [Dyspnoe (Atemnot), Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, thorakale Einziehungen (Einziehungen des Brustkorbes)]
      • Atemmuster [Tachypnoe, flache oder erschwerte Atmung]
      • Zyanose
    • Palpation [seitendifferente Thoraxexkursion (ungleiche Atembewegung des Brustkorbes), lokaler Druckschmerz]
    • Perkussion (Abklopfen) [Dämpfung bei Pleuraerguss (Flüssigkeitsansammlung zwischen Lunge und Brustwand) bzw. pulmonaler Konsolidierung (Verdichtung des Lungengewebes), hypersonorer Klopfschall (übermäßig heller Klopfschall)]
    • Auskultation (Abhören)
      • Feuchte Rasselgeräusche [Pneumonie (Lungenentzündung), pulmonale Stauung (Flüssigkeitsstauung in der Lunge)]
      • Bronchiales Atemgeräusch [pulmonale Konsolidierung]
      • Abgeschwächtes Atemgeräusch [Pleuraerguss, Pneumothorax (Luftansammlung zwischen Lunge und Brustwand)]
      • Pleurareiben (reibendes Atemgeräusch) [Pleuritis (Rippenfellentzündung)]
  • Untersuchung des Herzens und Kreislaufs
    • Auskultation des Herzens [Tachykardie, Arrhythmie]
    • Herzgeräusch, insbesondere neu aufgetretenes bzw. verändertes Herzgeräusch [Verdacht auf infektiöse Endokarditis (Entzündung der Herzinnenhaut bzw. Herzklappen)]
    • Beurteilung auf Zeichen einer Herzinsuffizienz (Herzschwäche) [Halsvenenstauung, periphere Ödeme (Wassereinlagerungen), pulmonale Stauungszeichen]
    • Bei Verdacht auf infektiöse Endokarditis Suche nach peripheren Manifestationen (äußeren Krankheitszeichen) [Petechien, Splinter-Hämorrhagien (splitterförmige Blutungen unter den Nägeln), Osler-Knötchen (schmerzhafte Knötchen an Fingern oder Zehen), Janeway-Läsionen (schmerzlose Hautflecken an Handflächen oder Fußsohlen)]
  • Untersuchung des Abdomens (Bauchraumes)
    • Inspektion [Meteorismus (Blähbauch), Narben, Operationswunden, Hernien (Brüche)]
    • Auskultation der Darmgeräusche [fehlende bzw. hochgestellte Darmgeräusche]
    • Palpation aller vier Quadranten (Bauchabschnitte) [lokaler bzw. diffuser Druckschmerz, Abwehrspannung, Resistenzen (tastbare Verhärtungen)]
    • Prüfung auf Peritonismus (Zeichen einer Bauchfellreizung) [Abwehrspannung, Loslassschmerz]
    • Rechter Oberbauch [Druckschmerz, positives Murphy-Zeichen (Schmerz bei Einatmung unter Druck auf den rechten Oberbauch) bei Verdacht auf akute Cholezystitis (Gallenblasenentzündung)]
    • Leber- und Milzgröße [Hepatomegalie (Lebervergrößerung), Splenomegalie (Milzvergrößerung)]
    • Beurteilung auf Ikterus (Gelbsucht) [biliärer Fokus (Infektionsherd der Gallenwege), Hepatopathie (Lebererkrankung), Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen)]
  • Untersuchung von Nieren und Harnwegen
    • Palpation des Unterbauches [suprapubischer Druckschmerz (Druckschmerz oberhalb des Schambeins), gefüllte Harnblase]
    • Prüfung der Nierenlager [Klopfschmerz bei Pyelonephritis (Nierenbeckenentzündung)]
    • Beurteilung der Urinmenge, soweit klinisch erfassbar [Oligurie, Anurie]
    • Inspektion vorhandener transurethraler (durch die Harnröhre verlaufender) bzw. suprapubischer (oberhalb des Schambeins angelegter) Katheterzugänge [Entzündungszeichen, Sekretion]
  • Genitale bzw. gynäkologische Untersuchung bei klinischem Verdacht
    • Inspektion des äußeren Genitales [Entzündung, Abszess, Weichteilinfektion]
    • Beim Mann Palpation von Hoden und Nebenhoden [Orchitis (Hodenentzündung), Epididymitis (Nebenhodenentzündung)]
    • Digitale rektale Untersuchung (Austastung über den Enddarm) der Prostata bei Verdacht auf akute Prostatitis (Prostataentzündung) [druckschmerzhafte, geschwollene Prostata]; keine Prostatamassage bei akuter bakterieller Prostatitis
    • Bei Frauen gynäkologische Untersuchung bei Verdacht auf einen genitalen bzw. pelvinen (das Becken betreffenden) Infektionsfokus [Fluor (Scheidenausfluss), Portio-/Zervixbefund (Befund am Gebärmutterhals), Unterbauch- bzw. Adnexdruckschmerz (Druckschmerz im Bereich von Eierstöcken und Eileitern)]
    • Bei Schwangeren bzw. Wöchnerinnen gezielte Untersuchung auf geburtshilfliche Infektionsquellen
  • Untersuchung des Bewegungsapparates
    • Inspektion und Palpation der Gelenke [Rötung, Überwärmung, Erguss (Flüssigkeitsansammlung im Gelenk), Schwellung, Bewegungsschmerz bei Verdacht auf septische Arthritis (bakterielle Gelenkentzündung)]
    • Palpation und Perkussion der Wirbelsäule [lokaler Klopf- bzw. Druckschmerz bei Spondylodiszitis (Entzündung von Bandscheibe und angrenzenden Wirbelkörpern)]
    • Untersuchung von Knochen und Weichteilen [lokalisierter Schmerz, Schwellung bei Osteomyelitis (Knochenentzündung) bzw. tiefem Weichteilinfekt]
    • Aktive und passive Bewegungsprüfung auffälliger Gelenke
  • Neurologische Untersuchung
    • Bewusstseinslage bzw. Glasgow Coma Scale (GCS) bei eingeschränkter Vigilanz
    • Orientierung zu Person, Ort, Zeit und Situation [akute Desorientierung (Orientierungsstörung)/Delir]
    • Pupillenstatus und Lichtreaktion
    • Orientierende Untersuchung der Hirnnerven
    • Motorik (Bewegungsfunktion) und Sensibilität (Empfindungsfähigkeit) der Extremitäten [fokal-neurologisches Defizit (umschriebener neurologischer Ausfall)]
    • Prüfung auf Meningismus [Nackensteifigkeit]
    • Bei klinischem Verdacht zusätzliche Prüfung auf weitere meningeale Reizzeichen (Zeichen einer Hirnhautreizung)
    • Beurteilung auf Krampfaktivität bzw. postiktalen Zustand (Zustand nach einem Krampfanfall)

Fokussierte körperliche Untersuchung zur Infektionsherdsuche

Bei Schüttelfrost ist insbesondere bei ausgeprägtem Krankheitsgefühl, Fieber bzw. Hypothermie oder Kreislaufbeeinträchtigung unverzüglich nach einem möglichen Infektionsfokus (Infektionsherd) zu suchen. Häufig relevante Fokusregionen sind:

  • Atemwege/Lunge Pneumonie, Pleuraempyem (Eiteransammlung zwischen Lunge und Brustwand)
  • Harnwege/Nieren Pyelonephritis, komplizierte Harnwegsinfektion, Urosepsis (Sepsis durch eine Harnwegsinfektion)
  • Abdomen/Gallenwege Cholezystitis, Cholangitis (Gallenwegsentzündung), intraabdomineller Abszess (Abszess im Bauchraum), Peritonitis (Bauchfellentzündung)
  • Haut/Weichteile Erysipel, Cellulitis, Abszess, nekrotisierende Weichteilinfektion
  • Gefäßzugänge/Fremdmaterial katheterassoziierte Infektion (durch einen Katheter verursachte Infektion)
  • Herz infektiöse Endokarditis
  • Zentralnervensystem (Gehirn und Rückenmark) Meningitis (Hirnhautentzündung), Enzephalitis (Gehirnentzündung)
  • Knochen/Gelenke Osteomyelitis, Spondylodiszitis, septische Arthritis
  • Mund-/Rachenraum und Zähne odontogener bzw. HNO-ärztlicher Infektionsfokus
  • Genitaltrakt/Becken Prostatitis, Epididymitis, pelvine Infektion bzw. geburtshilflicher Infektionsfokus

Red Flags (Warnzeichen) bei Schüttelfrost

  • Schüttelfrost mit deutlich reduziertem Allgemeinzustand bzw. rascher klinischer Verschlechterung
  • Neue Vigilanzstörung (Störung des Wachheitsgrades), Verwirrtheit oder Delir
  • Systolischer Blutdruck ≤ 90 mmHg bzw. Abfall um > 40 mmHg gegenüber dem individuellen Ausgangswert
  • Ausgeprägte Tachykardie, insbesondere Herzfrequenz > 130/min, bzw. neu aufgetretene relevante Arrhythmie
  • Tachypnoe, insbesondere Atemfrequenz ≥ 25/min, Dyspnoe oder zunehmende Atemarbeit
  • Hypoxämie bzw. neu aufgetretener Sauerstoffbedarf
  • Hypothermie < 36,0 °C bei möglicher Infektion
  • Grau-aschfahles Hautkolorit, ausgeprägte Marmorierung, Zyanose oder verlängerte Rekapillarisierungszeit
  • Nicht wegdrückbare Petechien bzw. Purpura
  • Oligurie bzw. Anurie
  • Meningismus, Krampfanfall oder neu aufgetretenes fokal-neurologisches Defizit
  • Starke lokalisierte Schmerzen mit Abwehrspannung bzw. Peritonismus
  • Extrem schmerzhafte Weichteilveränderung, rasch fortschreitende Schwellung, livide Verfärbung, Blasen oder Nekrosen [Verdacht auf nekrotisierende Weichteilinfektion]
  • Schüttelfrost bei schwerer Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems), Neutropenie (Mangel an bestimmten weißen Blutkörperchen), nach größerem operativem Eingriff oder bei intravasalen Fremdkörpern (Fremdmaterial in Blutgefäßen) bzw. Gefäßkathetern

Cave: Schüttelfrost kann Ausdruck einer Bakteriämie (Bakterien im Blut) bzw. einer schweren systemischen Infektion sein. Das Fehlen von Fieber schließt insbesondere bei älteren, immunsupprimierten oder schwer erkrankten Patienten eine Sepsis (lebensbedrohliche Organdysfunktion durch eine Infektion) nicht aus. Bei klinischem Sepsisverdacht sind strukturierte Vitalparametererfassung, Beurteilung der Organfunktion und unverzügliche Infektionsherdsuche erforderlich; ein einzelner klinischer Score darf die ärztliche Gesamtbeurteilung nicht ersetzen.

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.