Hepatitis A (Hepatitis epidemica) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Symptomkontrolle: Linderung der Beschwerden und Sicherung einer ausreichenden Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme bis zur spontanen Ausheilung.
  • Komplikationsprävention: Frühzeitige Erkennung eines schweren Verlaufs beziehungsweise eines akuten Leberversagens (plötzliches Versagen der Leberfunktion).
  • Transmissionsprävention: Verhinderung von Sekundärfällen durch eine zeitgerechte Postexpositionsprophylaxe (vorbeugende Maßnahme nach möglichem Erregerkontakt) bei empfänglichen Kontaktpersonen.

Therapieempfehlungen

Die akute Hepatitis A (akute Leberentzündung durch das Hepatitis-A-Virus) ist in der Regel selbstlimitierend und chronifiziert nicht. Eine spezifische antivirale Pharmakotherapie steht nicht zur Verfügung [1, LL2, LL5].

  • Supportive Therapie: Ausreichende Flüssigkeits- und Energiezufuhr; bei ausgeprägter Übelkeit oder Erbrechen symptomatische antiemetische Behandlung sowie gegebenenfalls intravenöse Flüssigkeits- und Elektrolytsubstitution.
  • Körperliche Schonung: Belastungsanpassung entsprechend dem Allgemeinzustand. Eine generelle Bettruhe oder spezielle „Leberdiät“ ist nicht erforderlich.
  • Alkoholkarenz: Konsequenter Verzicht auf Alkohol bis zur klinischen und biochemischen Ausheilung.
  • Medikamentenmanagement: Kritische Prüfung der gesamten Medikation einschließlich Selbstmedikation und pflanzlicher Präparate. Nicht notwendige potenziell hepatotoxische Arzneimittel sollten pausiert werden; eine medizinisch erforderliche Dauertherapie darf jedoch nicht unkritisch abgesetzt werden. Insbesondere ist eine unkontrollierte Einnahme von Paracetamol zu vermeiden [LL5].
  • Cholestatischer Verlauf: Bei ausgeprägtem Pruritus (Juckreiz) kann eine symptomatische Therapie entsprechend den Empfehlungen zur Behandlung des cholestatischen Pruritus erwogen werden. Für Ursodeoxycholsäure oder systemische Glucocorticoide besteht bei Hepatitis A keine ausreichende Evidenz für eine routinemäßige Anwendung [1].
  • Akutes Leberversagen: Bei Koagulopathie (Blutgerinnungsstörung) und/oder hepatischer Enzephalopathie (Hirnfunktionsstörung durch eine schwere Lebererkrankung) ist die sofortige intensivmedizinische Behandlung (Behandlung auf einer Intensivstation) in beziehungsweise nach Rücksprache mit einem Lebertransplantationszentrum erforderlich. N-Acetylcystein kann im spezialisierten Zentrum bei frühem nicht durch Paracetamol verursachtem akuten Leberversagen erwogen werden; die Evidenz ist heterogen und nicht spezifisch für Hepatitis A. Die Transplantationsevaluation (Prüfung der Eignung für eine Lebertransplantation) darf dadurch nicht verzögert werden [4, 5, LL4].
  • Nicht indiziert: Antibiotika, antivirale Arzneimittel, Interferone und Immunglobuline sind zur Behandlung einer bereits manifesten unkomplizierten Hepatitis A nicht indiziert.

Postexpositionsprophylaxe (PEP)

Eine zeitgerecht durchgeführte Postexpositionsprophylaxe kann die Erkrankung nach einer HAV-Exposition verhindern oder ihren Verlauf abschwächen. Sie ist keine Therapie einer bereits klinisch manifesten Hepatitis A [2, 3, LL1–LL3].

Indikationen

  • Enge Kontaktpersonen: Nicht immune Haushaltskontakte, Sexualpartner und andere Personen mit relevantem fäkal-oralem Kontakt zu einem Erkrankten.
  • Gemeinschaftseinrichtungen: Exponierte Personen insbesondere in Kindertagesstätten, Schulen, Pflegeeinrichtungen oder vergleichbaren Einrichtungen nach individueller Risikobewertung beziehungsweise Empfehlung des Gesundheitsamtes.
  • Lebensmittelbedingter Ausbruch: Personen nach Verzehr nachweislich oder wahrscheinlich HAV-kontaminierter Lebensmittel, sofern die zuständige Gesundheitsbehörde eine PEP empfiehlt.
  • Besonderes Risiko für einen schweren Verlauf: Insbesondere Patienten mit chronischer Lebererkrankung, chronischer HBV- oder HCV-Infektion oder relevanter Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems).

Durchführung

  • Zeitfenster: Die PEP muss möglichst früh und spätestens innerhalb von 14 Tagen nach der Exposition erfolgen. Für eine Gabe nach mehr als 14 Tagen ist die Wirksamkeit als PEP nicht belegt [LL1–LL3].
  • Standardmaßnahme: Einmalige altersentsprechende Impfung mit einem monovalenten inaktivierten Hepatitis-A-Impfstoff.
  • Langzeitschutz: Nach der postexpositionellen Erstimpfung sollte die Impfserie gemäß Fachinformation vervollständigt werden.
  • Risikopatienten: Bei Personen, für die eine Hepatitis A eine besonders große Gefahr darstellt, empfiehlt die STIKO zusätzlich zur ersten Impfstoffdosis die simultane Gabe eines geeigneten Immunglobulinpräparats [LL1].
  • Simultangabe: Impfstoff und Immunglobulin sind gleichzeitig, jedoch an unterschiedlichen Injektionsstellen zu verabreichen.
  • Kombinationsimpfstoff: Der kombinierte HAV/HBV-Impfstoff soll wegen des geringeren HAV-Antigengehalts der ersten Einzeldosis nicht zur PEP verwendet werden [LL1, LL3].
  • Bereits immune Personen: Bei dokumentierter vollständiger Hepatitis-A-Impfung oder gesicherter früherer HAV-Infektion ist grundsätzlich keine PEP erforderlich.
  • Serologische Untersuchung: Eine gegebenenfalls sinnvolle Anti-HAV-IgG-Bestimmung darf die zeitgerechte Impfung nicht verzögern.
Wirkstoff Besonderheiten
Monovalenter inaktivierter Hepatitis-A-Impfstoff Standard-PEP für empfängliche Kontaktpersonen ab dem jeweils zugelassenen Alter; ausschließlich monovalenter HAV-Impfstoff; bei zusätzlicher Immunglobulingabe getrennte Injektionsstellen
Humanes normales Immunglobulin mit ausreichendem Anti-HAV-Antikörpertiter Zusätzlich zum Impfstoff bei besonderem Risiko für einen schweren Verlauf oder wenn eine wirksame aktive Immunisierung nicht zu erwarten beziehungsweise kontraindiziert ist; Verfügbarkeit vor Anwendung verbindlich klären
  • Wirkweise: Der inaktivierte Impfstoff induziert eine aktive Immunantwort mit längerfristigem Schutz. Humanes Immunglobulin vermittelt durch vorhandene Anti-HAV-Antikörper einen sofortigen, zeitlich begrenzten passiven Schutz.
  • Indikationen: Postexpositionelle Impfung bei empfänglichen Kontaktpersonen innerhalb von 14 Tagen; zusätzliche Immunglobulingabe bei besonderem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf beziehungsweise unzureichend zu erwartender Impfantwort.
  • Kontraindikationen: Beim Impfstoff schwere Überempfindlichkeit gegen Bestandteile oder nach einer vorausgegangenen Dosis; beim Immunglobulin präparatspezifische Gegenanzeigen und Warnhinweise, insbesondere bekannte schwere Überempfindlichkeit gegen humane Immunglobuline.
  • Nebenwirkungen: Beim Impfstoff vor allem lokale Reaktionen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Unwohlsein und gelegentlich Fieber; sehr selten anaphylaktische Reaktionen (schwere allergische Reaktionen). Beim Immunglobulin lokale Schmerzen und Allgemeinreaktionen sowie selten schwere Überempfindlichkeitsreaktionen und weitere präparatspezifische Komplikationen.

Aktuelle Versorgungssituation bei Immunglobulinen

  • Nichtverfügbarkeit: Beriglobin wurde im April 2025 vollständig abverkauft; der Vertrieb wurde in allen EU-/EWR-Märkten eingestellt.
  • Fehlende zugelassene Alternative: Nach der Herstellerinformation vom 19. Dezember 2025 steht in der EU beziehungsweise im EWR derzeit kein anderes Immunglobulin-Arzneimittel mit Zulassung zur prä- oder postexpositionellen Hepatitis-A-Prophylaxe zur Verfügung [FI2, FI3].
  • Praktisches Vorgehen: Besteht nach STIKO eine Indikation zur zusätzlichen passiven Immunisierung (vorübergehender Schutz durch fertige Antikörper), sind die Verfügbarkeit eines geeigneten Importpräparats, dessen Anti-HAV-Antikörpergehalt und die präparatspezifische Dosierung unverzüglich mit der Apotheke, dem Gesundheitsamt und gegebenenfalls einem infektiologischen Zentrum abzustimmen. Historische Dosierungsangaben von Beriglobin dürfen nicht ungeprüft auf andere Präparate übertragen werden.
  • Sondergruppen: Bei exponierten Säuglingen unter zwölf Monaten, absoluten Impfkontraindikationen oder ausgeprägter Immunsuppression ist aufgrund der eingeschränkten Präparateverfügbarkeit eine sofortige individualisierte infektiologische beziehungsweise pädiatrische Abstimmung erforderlich.

Kontaktmanagement

  • Kontaktermittlung: Enge Haushalts- und Sexualkontakte sowie weitere relevant exponierte Personen sind unverzüglich zu identifizieren, über das Infektionsrisiko zu informieren und hinsichtlich einer PEP zu beurteilen [LL2, LL6].
  • Rückverfolgungszeitraum: Zu berücksichtigen ist der wahrscheinliche infektiöse Zeitraum, in der Regel etwa zwei Wochen vor bis eine Woche nach Beginn des Ikterus (Gelbsucht) beziehungsweise der ersten klinischen Symptome.
  • Keine Partnerbehandlung: Kontaktpersonen werden nicht empirisch „behandelt“, sondern abhängig von Immunstatus, Expositionszeitpunkt und individuellem Risiko postexpositionell geimpft beziehungsweise zusätzlich passiv immunisiert.
  • Gesundheitsamt: Maßnahmen in Gemeinschaftseinrichtungen oder bei lebensmittelbedingten Ausbrüchen sind mit der zuständigen Gesundheitsbehörde abzustimmen.

Beachte

  • Keine spezifische Therapie: Die Hepatitis-A-Impfung und das Immunglobulin dienen ausschließlich der Prävention und haben keinen therapeutischen Nutzen bei einer bereits manifesten Hepatitis A.
  • Impfstoffauswahl: Zur PEP ausschließlich einen monovalenten inaktivierten Hepatitis-A-Impfstoff verwenden.
  • Zeitkritische Maßnahme: Weder eine serologische Untersuchung noch die Klärung einer möglichen zusätzlichen Immunglobulingabe darf die sofortige postexpositionelle Impfung verzögern.
  • Schwerer Verlauf: Patienten mit chronischer Lebererkrankung, HBV-/HCV-Koinfektion, Immunsuppression oder höherem Lebensalter haben ein erhöhtes Risiko für eine schwere beziehungsweise fulminante Erkrankung.

Red Flags (Warnzeichen) bei Hepatitis A

  • Hepatische Enzephalopathie: Neu auftretende Verwirrtheit, Desorientierung, Somnolenz (ungewöhnliche Schläfrigkeit), Wesensveränderung oder Asterixis (flatterndes Zittern der Hände).
  • Koagulopathie: INR ≥ 1,5, rascher Abfall des Quick-Wertes, spontane Blutungen oder ausgeprägte Hämatomneigung.
  • Progrediente Leberfunktionsstörung: Rasch zunehmender Ikterus, ansteigendes Bilirubin oder klinische Verschlechterung trotz rückläufiger Transaminasen.
  • Metabolische Dekompensation: Hypoglykämie (Unterzuckerung), Lactatazidose (Übersäuerung durch erhöhte Milchsäure) oder therapierefraktäre Elektrolytstörungen (Störungen des Salzhaushalts).
  • Unzureichende Flüssigkeitsaufnahme: Anhaltendes Erbrechen, Exsikkose (Austrocknung), Kreislaufinstabilität oder Oligurie (verminderte Urinausscheidung).
  • Extrahepatische beziehungsweise systemische Komplikationen: Akute Nierenfunktionsstörung, respiratorische Beeinträchtigung (Beeinträchtigung der Atmung), schwere abdominale Schmerzen (Bauchschmerzen) oder Zeichen einer Sepsis (Blutvergiftung).
  • Konsequenz: Bei Verdacht auf ein akutes Leberversagen sofortige stationäre beziehungsweise intensivmedizinische Einweisung und frühzeitige Kontaktaufnahme mit einem Lebertransplantationszentrum [LL4].

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für die Lebergesundheit sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (D3, E)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
  • Sekundäre Pflanzenstoffe (Mariendistelfrucht-Extrakt (Silymarin))
  • Weitere Vitalstoffe (Cholin, Probiotika)

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungsverzeichnis

  • Anti-HAV: Antikörper gegen das Hepatitis-A-Virus
  • DHA: Docosahexaensäure
  • EASL: European Association for the Study of the Liver
  • EPA: Eicosapentaensäure
  • EU: Europäische Union
  • EWR: Europäischer Wirtschaftsraum
  • FI: Fachinformation
  • HAV: Hepatitis-A-Virus
  • HBV: Hepatitis-B-Virus
  • HCV: Hepatitis-C-Virus
  • IgG: Immunglobulin G
  • INR: International Normalized Ratio
  • LL: Leitlinie
  • PEP: Postexpositionsprophylaxe
  • RKI: Robert Koch-Institut
  • STIKO: Ständige Impfkommission
  • WHO: World Health Organization

Literatur

  1. Gabrielli F et al.: Treatment Options for Hepatitis A and E: A Non-Systematic Review. Viruses 2023;15(5):1080. doi: 10.3390/v15051080
  2. Victor JC et al.: Hepatitis A Vaccine versus Immune Globulin for Postexposure Prophylaxis. N Engl J Med 2007;357(17):1685-1694. doi: 10.1056/NEJMoa070546
  3. Parrón I et al.: Effectiveness of Hepatitis A Vaccination as Post-exposure Prophylaxis. Hum Vaccin Immunother 2017;13(2):423-427. doi: 10.1080/21645515.2017.1264798
  4. Lee WM et al.: Intravenous N-Acetylcysteine Improves Transplant-Free Survival in Early Stage Non-Acetaminophen Acute Liver Failure. Gastroenterology 2009;137(3):856-864.e1. doi: 10.1053/j.gastro.2009.06.006
  5. Siu JTP et al.: N-Acetylcysteine for Non-Paracetamol (Acetaminophen)-Related Acute Liver Failure. Cochrane Database Syst Rev 2020;12(12):CD012123. doi: 10.1002/14651858.CD012123.pub2

Leitlinien

  1. Ständige Impfkommission: Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut 2026. Epid Bull 2026;4:1-79. doi: 10.25646/13636
  2. Robert Koch-Institut: RKI-Ratgeber Hepatitis A. Aktualisierte Fassung 2023.
  3. Nelson NP et al.: Prevention of Hepatitis A Virus Infection in the United States: Recommendations of the Advisory Committee on Immunization Practices, 2020. MMWR Recomm Rep 2020;69(5):1-38. doi: 10.15585/mmwr.rr6905a1
  4. European Association for the Study of the Liver: EASL Clinical Practical Guidelines on the Management of Acute (Fulminant) Liver Failure. J Hepatol 2017;66(5):1047-1081. doi: 10.1016/j.jhep.2016.12.003
  5. World Health Organization: Hepatitis A. Fact Sheet. Aktualisiert Juli 2026.
  6. Tiplica GS et al.: 2015 European Guidelines for the Management of Partners of Persons with Sexually Transmitted Infections. J Eur Acad Dermatol Venereol 2015;29(7):1251-1257. doi: 10.1111/jdv.13181

Fachinformation

  1. Fachinformationen der in Deutschland zugelassenen monovalenten Hepatitis-A-Impfstoffe AVAXIM, Havrix 720 Kinder, Havrix 1440, VAQTA Kinder und VAQTA; jeweils aktuelle Fassung.
  2. CSL Behring GmbH: Fachinformation Beriglobin P, humanes normales Immunglobulin; letzte verfügbare Fassung.
  3. CSL Behring GmbH: Informationsschreiben zur Nichtverfügbarkeit von Beriglobin aufgrund der Einstellung des Vertriebs in den EU-/EWR-Märkten. 19. Dezember 2025.