Ursachen
Nesselsucht (Urtikaria)

Pathogenese (Krankheitsentstehung)

Die Urtikaria ist durch ein Ödem (Wassereinlagerung) der Dermis (Haut) gekennzeichnet, die Ausdruck einer Erhöhung der Gefäßpermeabilität (Gefäßdurchlässigkeit) ist.
Die Mediatoren (Botenstoffe) werden vorwiegend aus Mastzellen (Zellen der körpereigenen Abwehr, die bestimmte Botenstoffe, unter anderem Histamin und Heparin gespeichert haben) freigesetzt.
Man kann einen immunologischen von dem nicht-immunologischen Pathomechanismus unterscheiden. 

Der immunologische Pathomechanismus der Urtikaria ist im Regelfall gekennzeichnet durch die Typ-I-Allergie (Sofort-Typ). Innerhalb von Sekunden bis wenigen Minuten vermitteln zellständige IgE-Antikörper die Freisetzung diverser Mediatoren. Es werden dabei Histamin, Prostaglandine und Leukotriene aus den Mastzellen und basophilen Granulozyten (gehören zur Gruppe der weißen Blutkörperchen) freigesetzt.
Der Erstkontakt mit dem Allergen verläuft symptomfrei. Der Zweitkontakt führt dazu, dass sich das Allergen an das auf den Mastzellen vorhandene IgE bindet, Histamin wird ausgeschüttet und die Sofortreaktion tritt ein.

Die Serumkrankheit bzw. die Urtikariavaskulitis (s. u.) ist gekennzeichnet durch die Allergie vom Typ III (Synonyme: Typ-III-Allergie, Allergie vom Immunkomplex-Typ, Typ-III-Überempfindlichkeitsreaktion, Immunkomplex-Typ, Arthus-Typ). Dieses zeichnet sich aus durch die Bildung von Immunkomplexen (Allergen + Antikörper), die sowohl zellständig sein als auch frei im Blut flotieren ("schwimmen") können. Die Immunkomplexe bilden sich innerhalb von Stunden nach dem Allergenkontakt.
Die allergische Immunkomplex-Reaktion wird durch Antikörper (IgG, IgA, IgM) vermittelt.Die Immunkomplexe aktivieren das Komplementsystem  und stoßen eine Phagozytose ("Fressen der Zelle") der Komplexe durch Leukozyten (weiße Blutkörperchen) an, welche wiederum zytotoxische Enzyme freisetzt. Folgende Beschwerden können auftreten: Urtikaria (Nesselsucht), Vaskulitis (Gefäßentzündung), Nephritis (Nierenentzündung), Arthritis (Gelenkentzündung) etc.

Ätiologie (Ursachen)

Akute und chronische Verlaufsform der Urtikaria und deren Ursachen:

  • Die akute Verlaufsform ist häufiger.
    • akute spontane Urtikaria (ASU; Symptomdauer von < 6 Wochen): auslösende Faktoren sind Infekte, Nahrungsmittel, Allergien, oft auch idiopathisch (Krankheit, die ohne eine fassbare Ursache auftritt) sowie Arzneimittel.
  • Die chronische Verlaufsform (Symptomdauer von ≥ 6 Wochen) wird wie folgt unterteilt
    • chronische induzierbare Urtikaria (CINDU): Ursachen sind:
      • ca. 15-20 % durch physikalische Reize (= physikalische Urtikaria; z. B. Kälteurtikaria, Druckurtikaria/Kontakturtikaria, Lichturtikaria) ausgelöst 
      • ca. 5-10 % durch allergische Reaktionen (z. B. Nahrungsmittelallergien); 
      • aquagene Urtikaria (ausgelöst durch Kontakt mit Wasser);
      • bei mehr als der Hälfte der Fälle ist die Ursache idiopathisch
    • chronische spontane Urtikaria (CSU); Ursachen sind:
      • Unverträglichkeit von körpereigenen Stoffen (= autoreaktive Urtikaria)
      • Reaktion auf einen Infektions- oder Entzündungsherd (= Infekt-Urtikaria)
      • Überempfindlichkeit gegen Nahrungsmittelbestandteile (= Intoleranz-Urtikaria)
      • bei ca. einem Drittel der Fälle ist die Ursache idiopathisch

Biographische Ursachen

  • Frühjahr-Geborene (möglicherweise wg. frühen Kontakts mit inhalativen Allergenen (vor allem Pollen)) [1]
  • Beruf – Arbeit, die mit Vibrationen belastet ist (z. B. Presslufthammer)

Verhaltensbedingte Ursachen

  • Ernährung
    • Nahrungsmittel/-zusätze, z. B. Milch, Eier, Fisch (Nahrungsmittelallergene)
    • Scharfe Speisen
    • Nahrungsmittelkonservierungsstoffe und/oder Nahrungsmittelfarbstoffe
  • Körperliche Aktivität
    • Starke Anstrengung
  • Mechanische Reizung/Druck

Krankheitsbedingte Ursachen

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Akute Urtikaria
  • Allergische Urtikaria
  • Aquagene Urtikaria – Nesselsucht nach Wasserkontakt
  • Cholinergische Urtikaria – Nesselsucht, die durch Schwitzen oder starke Anstrengung bedingt ist
  • Chronische Urtikaria – z. B. auf Grundlage einer allergische Kontaktdermatitis bei Verwendung von Nagelkosmetik auf Acrylat- oder Methacrylatbasis 
  • Idiopathische Urtikaria – Nesselsucht, deren Ursache unklar ist
  • Kontakturtikaria
  • Periodische/rezidivierende Urtikaria
  • Urtikaria durch Kälte/Wärme
  • Urticaria bullosa – mit Blasenbildung einhergehende Nesselsucht
  • Urticaria circinata – polyzyklisch begrenzte Herde
  • Urticaria cum pigmentatione – Nesselsucht, nach deren Abklingen es zur Hyperpigmentierung kommt
  • Urticaria e calore (Wärme-Urtikaria)
  • Urticaria factitia – Nesselsucht durch mechanische Irritation
  • Urticaria gigantea
  • Urticaria haemorrhagica – mit Einblutungen einhergehend
  • Urticaria mechanica (Druckurtikaria)
  • Urticaria pigmentosa – gutartige generalisierte Vermehrung von Gewebsmastzellen
  • Urticaria porcellanea – weißlich-ödematöse Quaddeln
  • Urticaria profunda – mit tiefer Ödembildung einhergehend
  • Urticaria rubra – hellrote Verfärbung der Quaddeln
  • Urticaria solaris – durch Sonneneinstrahlung ausgelöste Urtikaria
  • Urtikaria vaskulitis – systemische Form der Nesselsucht, die mit einer Gefäßentzündung einhergeht

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Hepatitis B-Infektion
  • Hepatitis C-Infektion
  • Infektionen, nicht näher bezeichnet:
    • Bakterien (u. a. Helicobacter pylori oder seltener eine Yersinien-Besiedlung)
    • Parasiten (u. a. Anisakis simplex (Fadenwürmer, überwiegend in Fischen vorkommend); Toxocara canis (Hundespulwurm)) → chronisch-spontane Urtikaria
    • Protozoen (u.a. Leishmanien, Plasmodien, Toxoplasmen und Trypanosomen) → chronisch-spontane Urtikaria
    • Viren

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Systemischer Lupus erythematodes (SLE) – Autoimmunerkrankung mit Bildung von Autoantikörpern v.a. gegen Antigene der Zellkerne (sog. antinukleäre Antikörper, ANA), unter Umständen auch gegen Blutzellen und andere Körpergewebe

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Angioödem – flüchtige Schwellung der Unterhaut der Lippen-/Lidregion
  • IgE-vermittelte Weizenallergie mit dem klinischen Bild einer chronischen Urtikaria – ggf. Führen eines Symptom- und Nahrungsmitteltagebuchs
  • Insektenstiche [Typ-I-Allergie (Sofort-Typ)]
  • Intoleranzreaktionen auf Konservierungs- und/oder Farbstoffe (Pseudoallergien)
  • Nahrungsmittelallergien [Typ-I-Allergie (Sofort-Typ)] – ggf. Führen eines Symptom- und Nahrungsmitteltagebuchs
  • Orales Allergiesyndrom (OAS) – Kontakturtikaria der oropharyngealen Schleimhaut (Os = Mund, Pharynx = Rachen) – bei älteren Kindern und Jugendlichen die häufigste klinische Manifestation einer Nahrungsmittelallergie; klinisches Bild: Juckreiz oder Brennen von Lippen, Gaumen, Zunge, Pharynx und ggf. der Ohren; Auftreten: sofort nach Kontakt mit dem auslösenden Allergen (Latenz bis zu 2 h nach Aufnahme des Nahrungsmittels möglich)
  • Serumkrankheit – Überempfindlichkeitsreaktion des Immunsystems vom Typ III (Immunkomplexkrankheit) auf ein artfremdes, nicht menschliches Eiweiß, welches z. B. bei Impfseren oder Serumtherapie angewandt wird. Zudem können verschiedene Medikamente, z. B. Sulfonamide und Penicilline und andere Antigene eine Serumkrankheit hervorrufen

Medikamente

  • ACE-Hemmer (Benazepril, Captopril, Cilazapril, Enalapril, Fosinopril, Lisinopril, Moexipril, Peridopril, Quinapril, Ramipril, Spirapril)
  • Anästhetika
  • Anthelminthika (Praziquantel)
  • Antibiotika wie Penicillin
  • Antivertiginosa (Betahistin)
  • AT1-Antagonisten (Sartane) – gehören zu den Anithypertensiva
  • Chelatbildner (Deferoxamin, Deferasirox)
  • Histaminliberatoren (z. B. Röntgenkontrastmittel, Muskelrelaxantien)
  • Monoklonale Antikörper (Nataliztumab)
  • Muskelrelaxantien, nicht näher bezeichnet
  • Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) – Acetylsalicylsäure (ASS)
  • Opiate bzw. Opioide (Alfentanil, Apomorphin, Buprenorphin, Codein, Dihydrocodein, Fentanyl, Hydromorphon, Loperamid, Morphin, Methadon, Nalbuphin, Naloxon, Naltrexon, Oxycodon, Pentazocin, Pethidin, Piritramid, Remifentanil, Sufentanil, Tapentadol, Tilidin, Tramadol)
  • Röntgenkontrastmittel (als Sofortreaktion)
  • Sterine (Sterole) – Ursodeoxycholsäure

Umweltbelastung – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Sonneneinstrahlung
  • Starke Kälte/Wärme

Literatur

  1. Cervellin G et al. Spring season birth is associated with higher emergency department admission for acute allergic reactions. Eur J Intern Med 2016;28:97-101 doi: 10.1016/j.ejim.2015.11.004.
     
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