Erfrierungen – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung inklusive Blutdruck, Puls, Atemfrequenz, pulsoxymetrischer Sauerstoffsättigung (Sauerstoffsättigung des Blutes) (SpO2) und Körperkerntemperatur; des Weiteren:
    • Allgemeinzustand und Bewusstseinslage
    • Beurteilung auf eine begleitende Hypothermie (Unterkühlung) sowie auf gleichzeitig bestehende Verletzungen
    • Untersuchung sämtlicher kälteexponierter Körperregionen, insbesondere Finger, Hände, Zehen, Füße, Ohren, Nase und Wangen
  • Inspektion (Betrachtung) und Palpation (Abtasten) der betroffenen Körperregion
    • Dokumentation von Lokalisation, Ausdehnung und anatomischer Höhe der Erfrierung sowie Seitenvergleich
    • Befund vor Wiedererwärmung [blasse bis weiße bzw. bläuliche, wachsartig imponierende, kalte, feste bis harte und gefühllose Haut bzw. Weichteile]
    • Palpation der Gewebekonsistenz und Beurteilung der Verschieblichkeit bzw. Verformbarkeit des Gewebes
    • Befund nach vollständiger Wiedererwärmung [Rot- bis livide (bläulich-rötliche) Verfärbung, Gewebeerweichung, Ödem (Schwellung durch Flüssigkeitseinlagerung) und häufig ausgeprägte Schmerzen bzw. Dysästhesien (Missempfindungen)]
    • Beurteilung von Blasen hinsichtlich Ausdehnung und Inhalt [klare bzw. milchig gefüllte Blasen bei oberflächlicher Erfrierung; hämorrhagische (blutgefüllte) Blasen als Hinweis auf eine tiefe Erfrierung]
    • Beurteilung auf Demarkation (Abgrenzung geschädigten Gewebes) und Gewebsnekrose (Absterben von Gewebe) [dunkelviolette bis schwarze Verfärbung, trockene Nekrose bzw. Gangrän (Gewebsuntergang) bei fortgeschrittener tiefer Erfrierung]
  • Klinische Beurteilung der Erfrierungstiefe nach Wiedererwärmung die zuverlässige klinische Graduierung (Einteilung nach Schweregrad) ist am noch gefrorenen Gewebe nur eingeschränkt möglich:
    • Erfrierung 1. Grades [Taubheitsgefühl, Erythem (Hautrötung), weißliche bis gelbliche feste und leicht erhabene Plaque, geringes Ödem, keine Blasenbildung]
    • Erfrierung 2. Grades [oberflächliche Blasen mit klarem bzw. milchigem Inhalt, umgeben von Erythem und Ödem]
    • Erfrierung 3. Grades [tiefe hämorrhagische Blasen als Ausdruck einer Schädigung bis unter den dermalen Gefäßplexus (Gefäßgeflecht der Haut)]
    • Erfrierung 4. Grades [Vollschichtnekrose (Absterben sämtlicher Hautschichten) der Haut mit Beteiligung des subkutanen Gewebes (Unterhautgewebes) und gegebenenfalls von Muskulatur bzw. Knochen]
    • Praktische Einteilung nach Wiedererwärmung: oberflächliche Erfrierung entsprechend Grad 1-2 bzw. tiefe Erfrierung entsprechend Grad 3-4
  • Peripherer Gefäßstatus (Durchblutungszustand der äußeren Körperregionen)
    • Palpation der peripheren Pulse proximal (körpernah) und distal (körperfern) der betroffenen Region im Seitenvergleich
    • Beurteilung von Hauttemperatur und Rekapillarisierungszeit (Wiederauffüllungszeit der kleinsten Blutgefäße)
    • Serielle Kontrolle der Perfusion (Durchblutung) während und nach der Wiedererwärmung [persistierend fehlende bzw. deutlich verzögerte Rekapillarisierung und fehlende distale Pulse bei schwerer tiefer Gewebeschädigung]
  • Neurologische Untersuchung (Untersuchung des Nervensystems)
    • Prüfung von Berührungs-, Schmerz- und Temperaturempfinden sowie gegebenenfalls Zwei-Punkt-Diskrimination (Unterscheidung zweier gleichzeitig gesetzter Berührungsreize)
    • Prüfung der aktiven Motorik (Bewegungsfähigkeit) distal der betroffenen Region
    • [Hypästhesie (vermindertes Berührungsempfinden) bis Anästhesie (fehlendes Empfindungsvermögen) des betroffenen Gewebes; persistierende Anästhesie nach Wiedererwärmung als Hinweis auf eine tiefe Erfrierung]
  • Untersuchung des Bewegungsapparates
    • Prüfung der aktiven und passiven Beweglichkeit angrenzender Gelenke
    • Beurteilung von Weichteilschwellung und Gewebespannung
    • [Ausgeprägtes Ödem mit schmerzhafter Bewegungseinschränkung bei tiefer Erfrierung]
  • Gesundheitscheck
    • Vollständige Inspektion weiterer exponierter Akren (Körperenden wie Finger, Zehen, Nase und Ohren) und Hautareale auf zusätzliche Erfrierungsläsionen
    • Verlaufskontrolle der lokalen Befunde nach Wiedererwärmung, da Ausdehnung und Tiefe der Gewebeschädigung initial unterschätzt werden können

Red Flags (Warnzeichen) bei Erfrierungen

  • Tiefe Erfrierung [hämorrhagische Blasen, persistierende Anästhesie, ausgeprägte livide Verfärbung bzw. Nekrose]
  • Proximale Ausdehnung [Erfrierungszeichen über die distalen Finger- bzw. Zehenglieder hinaus mit Beteiligung von Hand oder Fuß]
  • Kritisch eingeschränkte Perfusion [fehlende Rekapillarisierung bzw. fehlende distale Pulse nach vollständiger Wiedererwärmung]
  • Ausgedehnte Gewebsnekrose [schwarze Nekrose bzw. Gangrän]
  • Ausgeprägte Weichteilschwellung [pralle Schwellung mit starken Schmerzen und zunehmender funktioneller Einschränkung]
  • Begleitende schwere Hypothermie oder Bewusstseinsstörung

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.