Transvestitismus

Transvestitismus, auch als Crossdressing bezeichnet, bezieht sich auf das Tragen von Kleidung, die typischerweise dem anderen Geschlecht zugeordnet wird, also gegengeschlechtlicher Kleidung.

So können Männer Kleider, Röcke oder Schmuck tragen, die normalerweise nur Frauen tragen. Andererseits können Frauen Kleidung tragen, die normalerweise nur Männer tragen, z. B. Anzüge oder Krawatten. Der Begriff Transvestitismus (Transvestit) gilt heute zum Teil als veraltet, weil diffamierend, oder als medizinischer Begriff. Diffamierend, da noch immer viele Mitmenschen glauben, dass Transvestiten zugleich schwul, pervers, im Rotlichtmilieu aktiv oder schrille Vögel sind. Bevorzugt wird der Begriff Crossdressing (Crossdresser): Die Personen kleiden sich quer (= cross) [1].

Transvestitismus ist in den allermeisten Fällen keine Krankheit. Es ist eine Form der selbst ausgedrückten Identität, die viele Menschen, meist Männer, aus verschiedenen Gründen praktizieren wollen, z. B. aus persönlicher Vorliebe, aus künstlerischen oder theatralischen Gründen, als Ausdruck der Genderidentität (Gender-Fluidität), oder als Wunsch, durch die Kleidung eine zeitweilige Erfahrung der Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht zu erleben [1, 2]. Mehrheitlich wird das Crossdressing heute als soziokulturelle Normvariante interpretiert.

Weil nicht selten Trans-Begriffe (Transgender, transsexuell, Transvestit) in die falsche Schublade geschoben werden und Verwirrung bzw. Missverständnisse entstehen, werden nachfolgend die wichtigsten Trans-Begriffe definiert [1, 2, 3]:

Transgender: Personen, die ihr Geschlecht bzw. ihre Geschlechtsidentität anders empfinden als das angeborene Geschlecht. Transgender-Personen können sich als männlich (Transmann), weiblich (Transfrau), nicht-binär (weder noch) oder einfach als "anders" identifizieren.

Transsexuell beschreibt eine Person, die ihr biologisches Geschlecht nicht als zutreffend empfindet und oft eine Geschlechtsangleichung anstrebt, um ihre körperlichen Geschlechtsmerkmale an ihre Geschlechtsidentität anzupassen. Dies kann Hormontherapie, chirurgische Eingriffe oder beides beinhalten. Der Begriff transsexuell wird zunehmend seltener gebraucht und durch den Begriff Transgender ersetzt [1].

Auch unter medizinischen Gesichtspunkten hat der Transvestitismus nur sehr selten „echten“ Krankheitswert. Das ist nicht unbestritten, weil im eigentlichen Sinne keine Pathologie vorliegt. Es gibt Forderungen, Transvestitismus nicht mehr als Krankheit im ICD* zu führen. Aktuell wird er das noch und gehört in die Kategorie der Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen mit dem ICD-10-GM-Code F64.1: Transvestitismus unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen: Tragen gegengeschlechtlicher Kleidung, um die zeitweilige Erfahrung der Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht zu erleben. Der Wunsch nach dauerhafter Geschlechtsumwandlung oder chirurgischer Korrektur besteht nicht; der Kleiderwechsel ist nicht von sexueller Erregung begleitet.

Eine wichtige Abgrenzung des Bedürfnisses des Crossdressings ist der Transvestitische Fetischismus. Hier handelt es sich um eine Sonderform des Transvestitismus, eine krankhafte Persönlichkeits- und Verhaltensstörung. Krankhaft deswegen, weil das Crossdressing mit einer starken sexuellen Erregung und einem starken Leidensdruck gekoppelt ist [1, 2]. Der Übergang in die eine oder andere Richtung kann fließend sein. Gelegentlich ist es auch eine Übergangsphase, in der die Betroffenen auf dem Weg in Richtung der Transsexualität sind und sich dafür dann entscheiden.

Ursachen

Die Ursachen für Transvestitismus sind unbekannt. Erstaunlicherweise gibt es in den letzten 20 bis 30 Jahren keine wissenschaftliche Literatur dazu, sodass weder über die Häufigkeit noch über Gründe oder mögliche Therapieversuche präzise Aussagen möglich sind. Transvestiten (Crossdresser) leben meist in einer heterosexuellen Beziehung, sind verheiratet und gute Familienväter. Nur selten scheint es Partnerprobleme zu geben, die eventuell psychotherapeutische Maßnahmen benötigen. Mehrheitlich wird Crossdressing als soziokulturelle Normvariante gesellschaftlich akzeptiert. Unklar ist, warum hauptsächlich Männer Crossdresser sind. Vermutet wird, dass Frauen in Männerkleidung in der Öffentlichkeit zur Normalität gehören (Ausnahmen sind Drag Kings (s. u.)).

Untergruppen/Variationen

Mangels einer wissenschaftlich klaren Definition des Transvestitismus gibt es viele Begriffe, die, wie oben schon erwähnt, dem Transgender-Bereich zugerechnet werden können oder unscharf benützt werden [1, 2, 4-6].

  • Private Transvestiten:
    Sie tragen Kleidung des anderen Geschlechts nur zu Hause oder in privaten Situationen. Sie tun dies, um Stress abzubauen, sich zu entspannen oder einfach nur aus persönlicher Vorliebe.
  • Öffentliche Transvestiten:
    Sie tragen Kleidung des anderen Geschlechts in der Öffentlichkeit. Sie tun dies z. B. aus künstlerischen, theatralischen, politischen, sozialen Gründen oder einfach nur aus Freude am Verkleiden.
  • Fetizistische Transvestiten:
    Sie tragen Kleidung des anderen Geschlechts, um eine sexuelle Erregung zu erfahren. In einigen Fällen kann dies zu einer Paraphilie oder Transvestitenstörung führen.
  • Transgender Transvestiten:
    Sie tragen Kleidung des anderen Geschlechts, um ihre Geschlechtsidentität auszudrücken. Für diese Personen kann Cross-Dressing eine der Möglichkeit sein, ihr Geschlecht darzustellen, bevor sie eine Geschlechtsangleichung durchführen oder während sie darauf warten.
  • Damenwäscheträger (DWT):
    Das sind Männer, die versteckt unter der normalen Kleidung Damenwäsche (Slips, Strumpfhosen, Hüfthalter, Korsetts, Büstenhalter) zur sexuellen Stimulierung tragen. Deshalb wird es häufig dem Fetischismus zugerechnet. Außerdem kann es in der BDSM-Szene Teil eines Feminisierung-Rollenspiels sein.
  • Drag Queens / Drag Kings:
    Drag (Drag: dressed as a guy or girl) bedeutet bzw. beinhaltet das Tragen von Kleidung des anderen Geschlechts für Performance-Kunst oder Unterhaltungszwecke, z. B. in Szene Partys, schwul-lesbischen Umzügen oder als Künstler auf der Bühne.
    Drag Queens sind schwule oder bisexuelle Männer, die durch Schminken, Perücken, BHS, hohe Stöckelschuhe die Weiblichkeit öffentlich besonders akzentuieren.
    Drag Kings sind meist lesbische oder bisexuelle Frauen, die durch übertriebene Attribute der Sinnlichkeit (z. B. Nadelstreifenanzüge, Schnurbärte, Socken in den Unterhosen) den Macho öffentlich parodieren.
  • Travestie:
    Travestie ist die Darstellung einer Rolle auf der Bühne durch eine Person des anderen Geschlechts. Der Ursprung reicht bis in die Antike, als nur Männer auf der Bühne als Schauspieler akzeptiert waren.
  • Burrnesha/Virgjinesha (Schwurjungfrauen):
    Dabei handelt es sich um Frauen, die unter dem Verzicht auf Sexualität, Ehe und Kinder mittels eines Schwures in ihrer Familie die Rolle des Familienoberhauptes, des Mannes, übernehmen. Sie tragen Männerkleidung, werden wie Männer behandelt und besitzen alle männlichen Privilegien (z. B. Alkoholgenuss, Tragen von Waffen, Jagen u. a.). Es handelt sich um eine alte Tradition in den Bergen im Norden Albaniens. Ursache ist meist das Fehlen eines männlichen Oberhauptes oder die Vermeidung einer nicht gewollten Ehe. In Europa ist dies die einzig gesetzlich fixierte Form des Crossdressings.
  • Hosenrolle:
    Dabei handelt es sich um das Auftreten von Frauen in Hosen im Theater oder der Oper, bei der die Rolle männlich ist, aber von einer Frau gespielt wird.

*Der ICD-10-GM dient der internationalen statistischen Klassifikation von Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (GM = German Modifikation).

Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring

Literatur

  1. Transvestic Disorder. https://www.psychologytoday.com/us/conditions/transvestic-disorder
  2. Brown GR: Transvestitismus (Transvestitische Störung). MSD Manual, April 2021
  3. LSBTIQ-Lexikon: Geschlechtliche Vielfalt – Transvestitismus / Transvestit
  4. Köpf G: Männer in Frauenkleidern. NeuroTransmitter 27:9/2016, 50-53.
  5. Haas G: Transvestiten: Die Lust am Kleidertausch. Stern.de 24. September 2017
  6. Wikepedia: Transvestitismus.